The Project Gutenberg EBook of Charles Fourier, by August Bebel

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Title: Charles Fourier
       Sein Leben und seine Theorien.

Author: August Bebel

Release Date: October 21, 2006 [EBook #19596]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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Charles Fourier


Sein Leben und seine Theorien.


Von

A. Bebel.




Stuttgart
Verlag von J. H. W. Diek
1890




Vorrede.

Das achtzehnte Jahrhundert zhlt in der Geschichte der Entwicklung
der Menschheit zu jenen Perioden, auf denen der Blick des
Kulturforschers und Fortschrittsfreundes mit besonderem Interesse
ruht. Nach den religisen, politischen und sozialen Kmpfen des
Reformationszeitalters war, wie das stets nach groen Volks- und
Massenbewegungen zu geschehen pflegt, eine Art Stillstand und
Rckschlag fr die Fortentwicklung eingetreten. Die durch die
Reformationsbewegungen zur Geltung gekommenen Stnde und Interessen
suchten sich zu konsolidiren und die daraus hervorgehenden
Reibungen fhrten wieder zu gewaltsamen Kmpfen und Erschtterungen
von mehr oder weniger langer Dauer, die alle brigen Interessen
absorbirten, den materiellen wie den geistigen Fortschritt der
Massen fr lange Zeit hemmten.

In Deutschland hatte die Reformation dem Landesfrstenthum
Oberwasser verschafft. Die Landesfrsten hatten die Reformation
benutzt, um unter dem Deckmantel der Religion die eigene Hausmacht
nach Mglichkeit zu strken dadurch, da sie den kleinen Adel
sich unterthnig und von sich abhngig machten, die Macht der
Geistlichkeit brachen, sich selbst die bischfliche Gewalt
beilegten, Kloster und Kirchengut konfiszirten und die gewonnene
Macht benutzten, sich immer mehr von der Kaisergewalt zu emanzipiren,
diese zum bloen Schatten zu degradiren. Aus diesem Interessenkampf
der Frsten entstanden die sogenannten Religionskriege, der
schmalkaldische und der dreiigjhrige Krieg, die Deutschlands
politische Ohnmacht und Zerrissenheit auf Jahrhunderte besiegelten,
seine konomische Schwchung -- die schon durch die Umgestaltung
der Weltmarktsbeziehungen in Folge der Entdeckung von Amerika und
des Seewegs nach Ostindien veranlat war -- noch vergrerten und
allgemeine Armuth, schweren geistigen und geistlichen Druck ber
Lnder und Vlker verbreiteten.

In Frankreich erzeugte die Reformation die Kmpfe der Hugenotten,
d.h. des hugenottisch gesinnten Brgerthums und die des
frondirenden Adels gegen das frhzeitig sich entwickelnde, alles
zentralisirende absolute Knigthum. Nach lngeren Kmpfen siegte
das letztere und fand in Ludwig XIV. seinen glnzendsten, aber auch
seinen bedrckendsten und gewaltthtigsten Vertreter. Die inneren
und ueren Kmpfe Frankreichs im 16. und 17. Jahrhundert hemmten
die freie Entwicklung des materiellen wie geistigen Fortschritts.
Brgerthum und Adel gegenseitig feindlich, das Land nach auen,
namentlich unter dem erwhnten Ludwig, von einem Krieg in den
anderen gestrzt, war schlielich erschpft und verarmt. Solche
Zeitalter sind nicht geeignet, groe Ideen zu gebren, fr geistige
Kmpfe die Bahn frei zu machen. Dagegen zeigte das achtzehnte
Jahrhundert in Frankreich ein ganz anderes Bild. Frankreich bildete
fr dieses Zeitalter die Wiege des menschlichen Fortschritts auf
allen Gebieten; hier entwickelte sich allmlig eine Flle von
geistigem Glanz und Leben, wie sie bis dahin kein Volk und kein
Zeitalter in gleichem Mae erlebte. Die Menschen wuchsen sozusagen
ber sich selbst hinaus und setzten alle Geister und Herzen in der
ganzen Kulturwelt in Bewegung. Frankreich mag viel gesndigt haben,
die Dienste, die es whrend des achtzehnten Jahrhunderts der
Menschheit leistete, werden ihm, so lange Menschen leben,
unvergessen bleiben.

Die Fortschritte begannen unmittelbar nach dem Tode Ludwig's XIV.,
dessen Gewalt mit eisernem Drucke auf dem Lande gelastet, alle
freie brgerliche Regung erdrckt, alle freie geistige Bewegung
erstickt hatte. Das Land stand nach seinem Tode am Rande des
materiellen und geistigen Bankerotts. Allmlig erholte sich das
Volk und arbeitete sich, wenigstens in den Stdten, wo die feudale
Macht des Adels und der Geistlichkeit am wenigsten sich fhlbar
machen konnte, empor. Die Mnner von Bildung und Geist, die nach
der Entwicklung und Entfaltung der Krfte des Landes strebten,
eilten nach jenseits des Kanals, nach England, um dort, an den
Quellen des ffentlichen Lebens, die Studien zu machen, zu denen
ihnen im eigenen Lande die Gelegenheit und die Mglichkeit fehlte.
Zurckgekehrt nach der Heimath, begannen sie die Arbeit, die
langsam aber sicher den stolzen Bau des absoluten Staats und der
feudalen Gesellschaft untergrub und unterhhlte, bis zu Ende des
Jahrhunderts in einem Riesenzusammenbruch Beides, Staat und
Gesellschaft, zusammenstrzten, und durch ihren Fall ganz Europa
aus den Fugen trieben.

Das Knigthum gerieth nach Ludwig XIV. in die Hnde von
Schwchlingen, die Geistlichkeit und der Adel waren verlottert und
verweichlicht; eine Minoritt unter den beiden Stnden war geneigt,
angeekelt von dem Treiben der eigenen Klasse und den Zustnden um
sich, neuen Ideen sich zugnglich zu erweisen und spielte mit dem
Feuer, dessen Gefhrlichkeit sie nicht kannte. So erklrt sich, da
die Mnner der neuen Zeit mit ihren alles Alte angreifenden und
erschtternden Ideen vielfach gerade dort einen bereiten Boden
fanden, wo man ihn am wenigsten htte erwarten sollen. Aber es
hatte sich auch des Brgerthums ein Drang nach Wissen und Bildung,
nach politischen Rechten, ein Geist der Unzufriedenheit ber das
Bestehende bemchtigt, wodurch die Bewegung schlielich zum Alles
niederreienden Strom anschwoll.

Das Brgerthum, politisch so gut wie rechtlos und machtlos, die
Vertretung seiner Magistrate in den alten stndischen Parlamenten
miachtet, mit Abgaben unangenehmster Art beschwert, durch Zunft-,
Bann- und Hferechte in seiner materiellen Entwicklung behindert,
von Adel und Geistlichkeit geringschtzig und verchtlich
behandelt, aller persnlichen Rechte und der Garantien persnlicher
Freiheit beraubt, sehend, wie die ungerecht vertheilten und
gewaltsam beigetriebenen Steuern und Abgaben von einem in der
Liederlichkeit verfaulenden Hof verschlemmt und verprat wurden,
erfate mit Gier die neuen Ideen, welche die Rechtmigkeit der
feudalen Vorrechte angriffen, die religisen Vorurtheile, unter
deren Druck es litt, in Zweifel zogen, die allgemeine Freiheit und
Rechtsgleichheit lehrten. Der neue Staat und die neue Gesellschaft
wurden in den verfhrerischsten Farben dargestellt, politische
Macht, Reichthum, geistige Freiheit und Gleichheit Allen in
Aussicht gestellt.

Wenn in einem Gesellschaftszustand die Dinge sich einmal so weit
entwickelten, da ein groer Theil der Betheiligten und
Interessirten von Unzufriedenheit und Mistimmung gegen das
Bestehende und von Sehnsucht nach besseren Zustnden erfllt ist,
so wird der alte Zustand sich auf die Dauer nicht halten knnen,
was immer fr Mittel und Praktiken in Anwendung kommen, ihn zu
erhalten und zu sttzen. Mag die Sehnsucht der Masse nach
Vernderung des Bestehenden, nach Umgestaltung ihrer Lage zunchst
nur eine Sache des Gefhls sein, das aber in dem thatschlichen
Zustand der Verhltnisse seine Begrndung und seine Berechtigung
findet. Mag diese Masse sich ber den Weg wie ber die Mittel,
durch die ihr geholfen werden knnte, noch so unklar sein, der
Moment kommt, wo sie mit elementarer Macht, _instinktiv stets
richtig_, nach dem bestimmten Ziele drngt und die bewuten und
wissenden Geister zwingt, sich zu ihrem Organ, zu ihrem Mundstck
und zu ihren Werkzeugen aufzuwerfen, um die Bewegung zum richtigen
und nach Lage der Verhltnisse mglichen Ziele zu leiten. Die
Fhrer sind unter solchen Umstnden stets Werkzeuge, nicht Macher,
und sie werden bei Seite geworfen, sobald sie sich zu Machern
aufwerfen, die Bewegung fr sich und nach eigenem Gutdnken, statt
im Interesse der Betheiligten zu benutzen suchen. Die rasche
Abwirthschaftung der Fhrer in akut gewordenen Volksbewegungen hat
in diesem Geheimni ihren Grund, sie wollen Allesmacher sein, wo
sie nur Werkzeuge sein sollen und knnen. Da man sich hben wie
drben dieses Verhltnisses selten bewut ist, schreien die Einen
ber Verrath, die Andern ber Undankbarkeit der Masse; das Erstere
ist selten wahr, das Letztere zu behaupten stets eine Narrheit, ein
Verlangen, das nur Diejenigen stellen knnen, die sich ber die
Natur ihrer Stellung nie klar waren, Schieber zu sein glaubten, wo
sie nur Geschobene sein konnten.

Jeder groen Umgestaltung in der Gesellschaft geht zunchst eine
Periode der Ghrung voraus, eine Periode, die, je nach dem Stande
der allgemeinen Bildung und Kultur, nach dem Gewicht der
betheiligten Klassen und nach der Kraft und der Macht der
widerstrebenden Gewalten, bald lngere, bald krzere Zeit dauert,
ehe die Bewegung zum offenen Ausbruch kommt und ihr Ziel in irgend
einer Form, das wieder von dem mathematischen Kraftverhltni der
gegeneinander wirkenden Faktoren abhngt, erreicht. Geht eine
Bewegung ber ihr Ziel hinaus, d.h. erreicht sie mehr, als sie, in
sich selbst zur Ruhe gekommen, im Interesse der nun in der Macht
befindlichen Gewalten, die nunmehr den Schwerpunkt bilden, um den
Alles gravitirt, erreichen _soll_ und, setzen wir hinzu, erreichen
_darf_, so folgen die Rckschlge. Mit andern Worten, eine ihrem
inneren Wesen nach selbst wieder auf Klassenherrschaft abzielende
Bewegung darf nicht weiter gehen, als sie die Untersttzung der
magebenden Interessirten findet.

Scheinbar ist bis jetzt jeder Revolution eine Reaktion gefolgt, in
Wahrheit wurde die Bewegung stets auf ihren _natrlichen_ Schwer-
und Ruhepunkt zurckgefhrt, weil sie darber hinaus ging. Dieser
Zustand ist aber stets, auch wenn er durch eine gegen die weiter
vorwrts drngenden Elemente gerichtete gewaltsame Reaktion
herbeigefhrt wurde, dem Zustande, der _vor_ der Bewegung bestand,
weit voraus. Man hrt z.B. so hufig die Bemerkung machen, da die
brgerliche Revolution der Jahre 1848 und 1849 in Deutschland an
der Macht der Reaktion gescheitert sei. Das ist einfach nicht wahr.
Die Bewegung hat erreicht, was sie nach ihrem _wahren innern
Gehalt_ erreichen konnte. Revolution und Reaktion rangen so lange
mit einander, bis sie auf dem Punkt ankamen, auf dem sie sich zu
verstndigen vermochten. Die Grenze war, wo die Lebensfhigkeit des
Alten aufhrte und die Lebensmacht des Neuen begann. Von vornherein
war ein groer Theil der anfangs revolutionren Krfte, die das
behbige Brgerthum umfaten, entschlossen, ber eine gewisse
Grenze nicht hinaus zu gehen. An diesem Punkt angekommen, trennten
sich diese Krfte von den weiter drngenden Elementen. Dadurch
verlor die Bewegung einen Theil ihrer Kraft, sie war ohnmchtig,
weiter zu gehen. Und wie immer nach 1849 die Reaktion in
Deutschland hauste, das, was thatschlich jetzt bestand, ging weit
ber das hinaus, was vor 1848 bestanden hatte. Die neuen Ideen
hatten trotz alledem gesiegt und Alles, was seitdem in Deutschland
geschah, ist nur durch diesen Sieg im tollen Jahr mglich
geworden.

Rckschlge werden nun nothwendig in jeder Bewegung kommen, die
selbst wieder auf Klassenherrschaft, wenn auch sich selbst
unbewut, hinausluft. Ein solcher Rckschlag kann erst dann
unterbleiben, wenn eine Bewegung siegt, die in ihrem Wesen und
Prinzip die Aufhebung _aller_ Klassenherrschaft _bedingt_ und daher
_alle_ Formen sozialer und politischer Herrschaft _aufheben mu_.

Bisher waren alle Bewegungen, die ihr Ziel erreichten, Bewegungen der
ersteren Art, und so begreift sich von vornherein, da auch _die_
Bewegung, die gegen die Mitte des vorigen Jahrhunderts in Frankreich
begann und im letzten Jahrzehnt des Jahrhunderts zur Entscheidung
kam, diesem Schicksal aller bisherigen groen Volksbewegungen nicht
entgehen konnte. Ihr Charakter als Klassenbewegung des Brgerthums,
ihr Ziel, die Herrschaft desselben zu begrnden, zwang sie
schlielich, sich gegen die revolutionreren Elemente in ihrer
eignen Mitte zu richten, und, da man innerhalb der Bewegungselemente
und nachdem die Bewegung absolut gesiegt hatte, weder hben noch
drben diesen inneren Widerspruch, in dem man sich zu einander
befand, begriff, mute man sich gegenseitig bis zur Vernichtung
bekmpfen und im Blute ersticken. Die Interessen des Grobrgerthums
muten, weil sie die entscheidenden waren, die Oberhand behalten,
aber aus Furcht vor neuen inneren Gegenstzen und Kmpfen warf sich
dieses der Militrdiktatur des Konsulats und des Kaiserreichs in
die Arme, um sich, d.h. _die neue Gesellschaft_, zur Ruhe und zum
Genu des Errungenen kommen zu lassen.

Der Kampf gegen das alte System richtete sich in Frankreich gegen
alle bisherigen Grundlagen der alten Gesellschaft, gegen die Kirche,
den Adel, die absolute Staatsgewalt, gegen die Besteuerungs-, die
Eigenthumsformen, das Erziehungssystem, die sozialen Einrichtungen.
Nichts blieb im Laufe der Jahrzehnte, die dieser zunchst rein
literarische Kampf whrte, unangetastet. Die Angriffe wurden immer
khner. Ganz neue Staats- und Gesellschaftssysteme (Condorcet,
Morelli, Mably, Rousseau) tauchten auf und erklrten dem
Bestehenden den Krieg; ebenso wurden fast alle Zweige der
Naturwissenschaften und insbesondere auch die Philosophie in der
radikalsten Weise behandelt. Die Verfolgungen, welche die
Staatsgewalt und die Kirche gegen diese Feinde der alten Ordnung
in Szene setzten, hatten so gut wie keine Wirkung, sie gossen nur
Oel in's Feuer. Jahrelange Gefngnistrafen, Verbannungen,
Degradirungen, Ausweisungen gegen die Verfasser, Verbrennung
ihrer Bcher und Schriften, Verbote gegen ihre Verbreitung,
gesellschaftliche Aechtung der Autoren, Alles half nichts. Die
Bewegung schwoll von Jahrzehnt zu Jahrzehnt immer mehr an, sie
ergriff Alles, was Kenntnisse und Intelligenz besa, sie erfate
sogar die Frauen und wuchs so, da die Gewaltmittel des Staates
versiegten und dieser wie die Kirche von einer Position in die
andere zurck gedrngt wurden. Im vorletzten Jahrzehnt vor der
Revolution gab es in Frankreich keinen Schriftsteller von einiger
Bedeutung, der nicht im Gefngni gesessen oder Verbannung
erlitten, oder dessen Werke nicht verboten oder ffentlicht
verbrannt worden, oder der nicht in irgend sonst einer Weise
verfolgt, drangsalirt und geschdigt worden war. Voltaire,
Montesquieu, Rousseau, Beaumarchais, Diderot, d'Alembert, La
Mettrie, La Harpe, Marmontel, Morellet, Buffon, Linguet und viele,
viele Andere verfielen der Verfolgung. Wenn Holbach und Helvetius,
Turgot, Quesnay, Necker, Condillac, Laylain, Cuvier, Lavoisiers,
Bichot, Mirabeau der Aeltere solchen Verfolgungen entgingen,
geschah es, da sie, wie die beiden Erstgenannten, anonym
schrieben, oder da sie zu einer Zeit schrieben, wo das System, von
der Nutzlosigkeit der Verfolgungen betroffen, ermdet war, oder da
sie wissenschaftliche Thematas behandelten, die dasselbe nicht
direkt berhrten. Und auch in letzterer Beziehung ging das
Mitrauen sehr weit; so mute Buffon, als er 1751 seine
Naturgeschichte verffentlichte, der Pariser theologischen Fakultt
ausdrcklich versprechen, da Alles, was er in seinem Buche lehre,
mit der biblischen Schpfungsgeschichte nicht in Widerspruch stehe.
Die Enzyklopdie der d'Alembert, Diderot und Genossen aber wurde
mit der Motivirung verboten, da sie Grundstze enthalte, welche
darauf hinzielten, den Geist der Unabhngigkeit und Emprung zu
wecken und unter dunkeln und zweideutigen Ausdrcken den Grund zum
Irrthum, zur Sittenverderbni und zum Unglauben zu legen. Doch
alle diese Manahmen retteten das System nicht.

Die Bewegung hatte endlich ihren Hhepunkt erreicht, die
Gesellschaft wollte statt der Theorien Thaten sehen. Der Hof suchte
durch halbe Konzessionen und kleinliche Maregeln, die das
Gegentheil erzeugten von dem, was sie bezweckten, dem Drngen
nachzugeben. Der Sturm brach endlich los. Wir beschreiben nicht die
franzsische Revolution, wir skizziren sie nur kurz, weil dies fr
unsern Zweck gengt. Die Nationalversammlung, anfangs den Bestand
des Knigthums als selbstverstndlich ansehend, wurde im Laufe der
Ereignisse ber sich selbst hinaus getrieben. War die Konstituante
noch kniglich, der Konvent wurde republikanisch. Die zunehmende
Noth der Massen, Mangel an Lebensmitteln, Mangel an Arbeit, Wucher,
Mitrauen gegen Oben schrten den Brand. Die royalistischen und
pfffischen Intriguen im In- und Ausland, die Alles beunruhigten,
weil sie alles Gewonnene in Frage zu stellen schienen, verstrkten
die schon vorhandene heftige Aufregung. Der Fluchtversuch des
Knigs, seine ganze zweideutige Haltung steigerten das Mitrauen
und den Ha gegen ihn und die alten Stnde. Der Zustand der
Staatsmaschinerie, die durch die Ereignisse in Unordnung gebracht,
durch die Aufhebung der alten drckenden Steuerlasten und Abgaben
der Mittel zur Funktionirung beraubt war, zwang zur Ausgabe von
Massen Papiergeld (Assignaten), die als Zahlungsanweisungen auf die
konfiszirten Kirchengter und spter auch auf die konfiszirten
Gter der emigrirten Adeligen ausgegeben wurden. Aber da in dem
allgemeinen Tohuwabohu der Verkauf dieser Gter sehr langsam vor
sich ging und die Staatsbedrfnisse in's Riesenmige stiegen, als
das Land gezwungen wurde, nach dem Sturz des Knigthums und der
Enthauptung des Trgers der Krone, gegen das ganze zivilisirte
monarchische Europa Krieg zu fhren, fielen die Assignaten sehr
bedeutend im Werth. Ende 1790 schon 1200 Millionen betragend,
stiegen sie im Laufe der Jahre auf 8, dann auf 12, endlich auf 24
Milliarden. Ihre Vermehrung steigerte ihre Werthlosigkeit, die
schlielich nur noch ein Hundertstel und weniger ihres Nennwerthes
betrug, und dies erzeugte eine vollstndige Revolution aller
Preise. Zu den Kmpfen nach Auen kamen gewaltige Kmpfe im Innern.
Adel und Geistlichkeit intriguirten und konspirirten in
hunderterlei Formen, um wieder zur Herrschaft zu kommen. England,
das unter dem Ministerium Pitt die inneren Kmpfe Frankreichs
vortrefflich ausnutzte, um seine See- und Kolonialmacht auf Kosten
Frankreichs zur allbeherrschenden zu machen, das jetzt Rache nahm
fr die Hlfe, die Frankreich anderthalb Jahrzehnte zuvor der
Unabhngigkeitsmachung der Vereinigten Staaten von England
geliehen, dieses England sandte geheime Agenten ber geheime
Agenten, die mit Geld reichlich ausgestattet den inneren Kampf
schren muten. Im Westen des Reiches erhob sich, ebenfalls von
England untersttzt, die streng konservativ und kirchlich
gebliebene Bevlkerung der Vendee und Bretagne, im Sden erhoben
sich die theils royalistisch, theils girondistisch gesinnten
Stdte, vor allem Lyon, dessen Luxusindustrie unter all diesen
Ereignissen auerordentlich litt. Im Konvent brach nach dem Sturz
des Knigthums der Kampf der verschiedenen brgerlichen Parteien
unter sich aus. Die kleinbrgerlichen Massen, hauptschlich in den
Klubs und speziell in dem Jakobinerklub organisirt, nahmen
thatschlich die Leitung der Ereignisse in die Hand und drngten
den Konvent von Handlung zu Handlung. Vergebens suchten die
Vertreter der eigentlichen Bourgeoisie, die Girondisten, zu
widerstehen, sie unterlagen und endeten durch Ausstoung oder auf
dem Schaffot.

Die Schreckensherrschaft begann. Das in seinen tiefsten Tiefen
aufgeregte Volk, im Inneren von den royalistischen Verschwrungen
bedroht, an den Landesgrenzen die europischen Heere erblickend,
welche drohten als Hersteller des Alten das ganze Land zu
berziehen, von Arbeits- und Verdienstlosigkeit heimgesucht, vom
Hunger gepeinigt, rapide Entwerthung des Geldes, rapide Verteuerung
der Lebensmittel sehend, ohne sich all dies gengend erklren zu
knnen, gerieth in Raserei. Die Gewaltszenen huften sich und das
Blut der Feinde der Republik und Derer, die man als Feinde des
Volks ansah, flo in Strmen. Um der zunehmenden Verzweiflung der
Massen zu steuern, war der Konvent gezwungen, das sog. Maximum
einzufhren, d.h. den Preis festzustellen, zu dem die nothwendigsten
Lebensmittel abgegeben werden muten; und als 1794 abermals eine
Hungersnoth drohte, weil die Verkufer der Lebensmittel allerorts
mit ihren Waaren zurckhielten, mute er sogar die Rationirung des
Brotes fr die pariser Bevlkerung einfhren. Aber da alle diese
Maregeln den ersehnten Zustand nicht herbeifhren wollten,
Arbeitslosigkeit, Wucher, Geldentwerthung, Beunruhigung fortdauerten,
die schnste Verfassung, welche die Welt gesehen, mit all ihren
Freiheiten und Rechten, weder die Freiheit, noch die Gleichheit,
noch die Brderlichkeit begrndete, der ganze Zustand immer wirrer
aber auch unfabarer wurde und Keiner die Lsung des Rthsels fand,
_was war natrlicher, als da man die Personen verantwortlich_
machte _fr die Dinge, deren Natur man nicht begreifen konnte_!
Eine Partei klagte die andere an, suchte sie als die Ursache des
allgemeinen Unglcks zu vernichten. Die Royalisten waren in
Schaaren geopfert, proskribirt, eingekerkert, flchtig, die
Girondisten waren vernichtet. Jetzt traf die Reihe die Dantonisten,
ihnen folgten die Hebertisten, schlielich kamen die, welche alle
Andern geopfert, die Terroristen, die Robespierrianer selbst an die
Reihe. Diese Tugendhaften hatten die Republik und das allgemeine
Wohl nicht retten knnen; die ihnen jetzt in der Herrschaft
folgten, die Mnner der richtigen Mitte, des ehemaligen Sumpfes im
Konvent, die Schlauberger, die es mit allen Parteien gehalten, um
es mit keiner zu verderben, die keine Ideale und keine Leidenschaften
besaen, retteten auch weder die Republik, noch begrndeten sie das
allgemeine Wohl. An Beiden lag ihnen herzlich wenig, aber sie
thaten etwas Besseres, sie retteten sich und das Wohl ihrer Klasse,
und dies war schlielich das allgemeine Wohl.

In allen Kmpfen und Wirrnissen der Revolution, als die
Leidenschaften den hchsten Grad erreichten, andererseits die
Begeisterung erglhte, die glnzendsten Gedanken, die bis dahin nur
menschliche Hirne erfassen konnten, in Worte und Thaten sich
umsetzten, gab es ein geheimnivolles Etwas, das wie der Geist ber
den Wassern schwebte, mit dmonischer Kaltbltigkeit in alle Plne
und Projekte eingriff, sie frderte oder zerstrte, wie es seinem
Interesse entsprach, dabei Allen sichtbar und doch unfabar war,
diese Macht war -- _das Kapital_. Das Kapital hatte unter all den
Ruinen und Zerstrungen, welche die Revolution geschaffen, allein
die Beute eingeheimst und schlielich den Sieg davon getragen. Das
Kapital hatte aus allen inneren und ueren Verlegenheiten des
Knigthums und der Republik den alleinigen Nutzen gezogen; es hatte
die Gterkonfiskationen, die Assignatenwirthschaft, das Maximum,
die Rationirungen, die Feldzge mit ihren Waffen-, Bekleidungs- und
Lebensmittellieferungen, die Waareneinfuhrsperre gegen England,
kurz alle und jede Maregel, welche die Konstituante, dann der
Konvent, dann der Wohlfahrtsausschu, jetzt das Direktorium im
Interesse des Landes vollzogen, in seinem Nutzen auszubeuten und
auszuschlachten gewut. Mitten unter den Blutszenen der Revolution
sa es bei der Ernte und berechnete kaltbltig die Profite, die ihm
diese oder jene Maregel der Gewalthaber abwerfen werde. Ueberall
seine Agenten habend, in den Klubs, im Konvent, im Wohlfahrts- und
im Sicherheitsausschu, unter den Konventsdelegationen in den
Provinzen, in der Leitung und Verwaltung der Armeen, in den
Zivilverwaltungen der eroberten Staaten, Stdte und Provinzen,
machte es ungeheuere Gewinne. Es feierte Orgien wie nie zuvor und
kaum je nachher. Die groen Vermgen wuchsen wie Pilze aus dem
Boden, der Spekulations- und der Handelsgeist griff immer weiter um
sich und beherrschte das ganze ffentliche und private Leben, alle
Beziehungen der Menschen. Die Lehren eines Adam Smith fanden ganz
spontan, aus der Natur der Dinge heraus, ihre Anerkennung und ihre
Verwirklichung, und es kamen die Lobredner der neuen Ordnung, wie
sie immer sich finden, sobald eine neue Macht im Besitz der Gewalt
und dadurch im Recht ist, und streuten den Weihrauch und priesen
die neue Welt als die beste aller Welten.

Und da man whrend der Revolution, wie es die tugendhaften Lehren
eines Rousseau vorschrieben, uerlich sehr einfach, sehr sparsam
und sehr tugendhaft gelebt hatte, so brach jetzt die lange
knstlich zurckgehaltene Genusucht mit aller Gewalt hervor und
berschritt alle Schranken. Man prate und schwelgte und frhnte
exzentrisch der Liebe, wie es das ancien regime unter Ludwig XV,
dem Vielgeliebten, und der Hof von Versailles kaum toller getrieben
hatten. Die Masse aber war wieder in's alte Joch gespannt, ihre
Shne schlugen mit Begeisterung in aller Herren Lnder die
Schlachten und der freie Bauer und Brger des beginnenden 19.
Jahrhunderts sorgten neben der Blut- fr die Geldsteuer, welche die
neue brgerlich-zsarische Herrlichkeit unter dem glorreichen
Szepter Napoleon's I. ihnen auferlegte.

       *       *       *       *       *

Unsere Vorrede ist etwas lang geworden, aber sie war nicht
berflssig zum Verstndni der Aussprche und Theorien des Mannes,
dessen Leben und Lehren diese Abhandlung gewidmet ist. Das Streben
und der Ideengang eines Menschen von Bedeutung wird ja nur dann
verstndlich, wenn man die Zeitverhltnisse kennt, unter denen er
geboren, und die auf seine Entwicklung, also auch auf seinen
Ideengang eingewirkt haben. Wie weit ein Mensch auch ber seine
Zeit hinaus denken mag, loszulsen von ihr vermag er sich nicht, er
wird von ihr beeinflut und beherrscht, und so werden seine
weitgehendsten Gedanken stets den Stempel des Zeitalters tragen, in
dem er lebte und wirkte. Das ist schon oft gesagt worden, es kann
aber nicht oft genug wiederholt werden, weil jeden Tag noch in der
Beurtheilung des Wirkens von Persnlichkeiten gegen diese
Auffassung gesndigt wird.

Franois Marie Charles _Fourier_ wurde den 7. Februar 1772 zu
Besanon als Sohn eines wohlhabenden Grohndlers geboren. Der
Vater geno in seiner Heimath eines ziemlichen Ansehens, er wurde
1776 zum Handelsrichter gewhlt. Charles (Karl) war das vierte
Kind seiner Eltern, die drei lteren Geschwister waren Mdchen.
Der Vater, der 1781 starb, hinterlie ein Vermgen von
zweihunderttausend Livres, wovon laut Testament der Sohn zwei
Fnftel, also 80.000 Livres, erbte.

Fourier liebte es nie, ber seine persnlichen Verhltnisse zu
sprechen; geschah es dennoch, so nur, um eine seiner Theorien in
dieser oder jener Weise damit zu untersttzen. Seine Schler und
selbst seine intimsten Freunde erfuhren erst nach seinem Tode, da
er in der Belagerung von Lyon, 1793, durch die Konventstruppen das
ziemlich betrchtliche vterliche Vermgen vollstndig eingebt
hatte.

Stoiker ohne Ziererei und Knstelei, sprach er nie von der ersten
Ursache, die ihm ein Leben voll Entbehrungen und Einschrnkungen
auferlegte.

Fourier zeigte von frhester Jugend einen entschiedenen Willen,
eine unerschtterliche Rechtschaffenheit. Als einziger Sohn vom
Vater fr den Handel bestimmt, erzhlt er selbst in einem seiner
Werke, wie er frhzeitig gegen denselben eingenommen wurde. Da
diese Stelle fr den ganzen Mann charakteristisch ist, geben wir
sie ihrem Hauptinhalt nach wieder. Er sagt: Man mu den Handel als
ein grau gewordener Praktiker, der vom sechsten Jahre ab im
kommerziellen Schafstall erzogen wurde, kennen. Er habe in diesem
Alter den Unterschied zwischen dem Handel und der Wahrheit kennen
gelernt. Im Katechismus und in der Schule habe man ihm gelehrt, nie
zu lgen, dann fhrte man ihn in den Laden, um ihn frhzeitig in
dem edlen Handwerk der Lge oder der Kunst, wie man verkauft, zu
ben. Betroffen ber die Betrgereien und Schwindeleien, habe er
Kufer, die betrogen werden sollten, bei Seite genommen und ihnen
den Betrug entdeckt. Einer von diesen sei unanstndig genug
gewesen, ihn zu verrathen, was ihm eine Tracht Prgel einbrachte,
und im Tone des Vorwurfs htten seine Eltern erklrt: der Junge
wird nie fr den Handel taugen. In der That, er habe eine tiefe
Abneigung gegen ihn empfunden, und, sieben Jahre alt, habe er einen
Eid gegen den Handel geschworen, wie ihn hnlich Hannibal, neun
Jahre alt, gegen Rom schwur: Ich schwre ewigen Ha dem Handel.

Fourier's Ha gegen Ungerechtigkeit veranlate, da er schon als
Knabe sich stets der schwachen unter seinen Gespielen gegen die
strkeren annahm, und obgleich er mehr schwchlich als robust war,
frchteten ihn die strkeren und lteren seiner Gespielen. Dabei
war er ein harter Kopf, aber ein vortrefflicher Kamerad und voll
Zuneigung. Auch lernte er mit auerordentlicher Leichtigkeit und
gewann mehrfach die ersten Preise, namentlich in lateinischer
Poesie. Aelter geworden, wollte er nach Paris, um dort namentlich
Logik und Physik zu studiren, aber ein Freund der Mutter, der um
Rath gefragt wurde, rieth ab, ihn den Gefahren der Grostadt
auszusetzen, auch seien die erwhnten Wissenschaften einem Kaufmann
nicht vonnthen; er setzte allerdings hinzu, er glaube, da ihr
Sohn am Handel keinen Geschmack habe und rieth, ihn nicht wider
seinen Willen zu zwingen. Das Letztere geschah aber dennoch.
Fourier sollte zunchst nach Lyon zu einem Bankier kommen, aber an
dessen Thre desertirte er, erklrend, da er niemals Kaufmann
werden wolle. Darauf kam er nach Rouen, wo er ein zweites Mal
auskniff. Schlielich beugte er sich unter das Joch und trat in
Lyon in die Lehre, und so habe er, wie er selbst sagt, die
schnsten Jahre seines Lebens in den Werksttten der Lge
zugebracht, berall und stets die Wahrsagung hrend: Ein
rechtschaffener junger Mann, aber er taugt nicht fr den Handel.

Besondere Neigung besa Fourier fr die Geographie, und so
verwandte er sein Taschengeld hauptschlich fr die Anschaffung von
Karten und Atlanten; nchstdem liebte er auerordentlich die
Blumenzucht und kultivirte solche in vielen Arten und Abarten;
ferner hatte er groen Hang zur Musik und lernte mehrere
Instrumente, und zwar ohne Lehrer, spielen.

Ein hbscher Zug ist aus seinen Schuljahren bekannt geworden.
Obgleich er kein starker Esser war, nahm er tglich ein tchtiges
Stck Brot mit kaltem Fleisch belegt, zur Schule mit. Als er sich
eines Tages auf einer kleinen Reise befand, stellt sich ein armer
Knabe im Laden ein, und frug, ob der kleine Herr krank sei. Als man
dies verneinte und ihm mittheilte, er sei verreist, brach der
Kleine in Weinen aus. Nach der Ursache befragt, antwortete er: da
er nunmehr sein Frhstck verloren habe, das ihm der junge Herr
tglich gebracht habe. Er wurde getrstet und wurde ihm fr Ersatz
gesorgt.

Fourier machte, bevor er sich dem Wunsche seiner Mutter, Kaufmann
zu werden, fgte, noch einen Versuch, in die Militair-Ingenieurschule
zu Mzieres aufgenommen zu werden, aber wegen seiner brgerlichen
Abkunft wurde er zurckgewiesen, worber er sich in spteren Jahren
selbst beglckwnschte, weil er sonst von seinen Studien ber den
sozialen Mechanismus wrde abgezogen worden sein. So entscheidet
das sptere Schicksal der Menschen meist der Zufall, und da spricht
man bestndig von den persnlichen Verdiensten. Wie viel bedeutende
Mnner hatten, als sie eine gewnschte Laufbahn verfehlten, eine
Ahnung, da gerade in diesem _Verfehlen_ die erste Ursache zu ihrer
knftigen Berhmtheit lag? --

Nachdem Fourier seine Lehrzeit in Lyon absolvirt hatte, kam er,
1790 auf einer Reise nach Rouen begriffen, um dort eine Stellung
als Reisender anzunehmen, ein Posten, der zu jener Zeit ein ganz
besonderes Vertrauen voraussetzte, zum ersten Mal auf einige Zeit
nach Paris, das ihm sehr gefiel. Mit Hlfe der Zuschsse, die er
aus seinem Vermgen besa, besuchte er allmlig die meisten Stdte
Frankreichs, bereiste Deutschland, Holland und Belgien, berall
sorgfltig beobachtend und studirend. Von den Deutschen empfing er
eine sehr gnstige Meinung, er nannte sie das unterrichtetste und
vernnftigste Volk. Besonders imponirten ihm die vielen deutschen
Stdte, die Sitze von Kunstanstalten, Universitten und hheren
Bildungsanstalten waren -- die gute Seite und Wirkung der deutschen
Kleinstaaterei. Er beklagte spter tief, da fr Frankreich Alles
in Paris konzentrirt wre, und in Folge dessen alle brigen Stdte
Frankreichs langweilige, monotone und versimpelte Orte seien, in
denen jeder hhere geistige Flug fehle. Auf allen diesen Reisen
studirte Fourier das Klima der verschiedenen Gegenden, ihre
Bodenbeschaffenheit, die Gewerbe, die Bauart der Stdte und Straen
und nicht zuletzt den Charakter der Bewohner. Es gab in keiner
greren Stadt, die er besucht hatte, ein hervorragendes Gebude,
dessen Architektur und Dimensionen er nicht genau kannte. Nur fr
die Sprachen hatte er wenig Sinn, daher auch sein Verlangen in
seinem Hauptwerk, das schon im Titel seine Auffassung ausdrckt.
Theorie der universellen Einheit, da die Vielsprachigkeit eine
der schlimmsten Fehler des Menschengeschlechts sei, und die
Schaffung einer Weltsprache, wofr er die franzsische am
geeignetsten hielt, eine der ersten Aufgaben einer neuen sozialen
Ordnung der Dinge sein msse. Den Deutschen machte er zum Vorwurf,
da sie mit Hartnckigkeit an ihrer besonderen Schriftsprache
festhielten, die doch andere germanische Vlker, wie die Englnder
und die Hollnder, lngst aufgegeben htten. Bekanntlich ist heute,
nach mehr als siebenzig Jahren, diese Frage in Deutschland noch
kontrovers, wenn auch fr wissenschaftliche Werke im Sinne
Fourier's entschieden.

Da Fourier durch sein Geschft ber Tag stets vollstndig in
Anspruch genommen war, bentzte er, und namentlich dann, nachdem er
sein Vermgen verloren und auf das Einkommen aus seiner
kaufmnnischen Stellung allein angewiesen war, die Nchte, um sich
weiter zu bilden. Er befate sich hauptschlich mit Anatomie,
Physik, Chemie, Astronomie und Naturgeschichte. Sein Ha gegen den
Handel steigerte sich mit den Jahren, je genauer er das Treiben in
demselben kennen lernte, immer mehr und spornte ihn zu seinen
sozialen Studien an. Namentlich machte es einen tiefen Eindruck auf
ihn, als er 1799 in einer Stellung in Marseille seitens seines
Chefs den Befehl erhielt, eine Schiffsladung Reis in's Meer zu
versenken, damit die Waare im Preise steige.

Mit dem Gang der Revolution konnte er sich nicht befreunden.

Nach seiner Meinung hatte die Masse des Volks sehr wenig dadurch
gewonnen, dahingegen hatte die Klasse, die er auf's Tiefste hate.
die handeltreibende Klasse, am meisten profitirt. Und da die
Schriftsteller und Verherrlicher der neuen Ordnung der Dinge das
Lob des Handels in allen Tonarten priesen, die Handelsfreiheit als
das Ei des Columbus rhmten, als die Einrichtung, aus welcher die
allgemeine Wohlfahrt und das allgemeine Glck ersprieen werde,
erbitterte ihn noch mehr. Auch war seine Abneigung gegen jede
Gewaltthtigkeit, mochte sie von welcher Seite immer kommen, so
ausgeprgt, da er sich nie mit den Gewaltakten der Revolution,
deren Nothwendigkeit er nicht einsehen konnte, zu befreunden
vermochte, und namentlich hate er die Jakobiner, als die Vertreter
des Schreckensregiments und der Rousseau'schen Philosophie. Nichts
konnte ihn spter mehr in Aufregung und Zorn bringen, als wenn die
Gegner ihm vorwarfen, da seine sozialen Theorien nur auf dem
von den Jakobinern eingeschlagenen Wege verwirklicht werden
knnten; dann brach er heftig los. Nein und tausendmal nein, meine
Theorie hat nichts zu thun mit der jener Leute, noch mit ihren
Umsturzprojekten. Er hatte mit seinem kritischen Blick erkannt,
da in der Revolution trotz allem Heroismus und aller Aufopferung
des Volkes, trotz einer idealen Verfassung, trotzdem Alles die
Freiheit, die Gleichheit und die Brderlichkeit im Munde fhrte,
die Ausbeutung, die Unterdrckung, die Demthigung der Masse, Lug,
Trug und Heuchelei nicht nur geblieben waren, sondern sich wo
mglich noch gesteigert hatten. Er hatte gesehen, da, whrend die
Revolutionre sich bemhten, mit grter Rcksichtslosigkeit Alles
mit blutiger Gewalt niederzuschlagen, was ihren Begriffen von
gesellschaftlichem Glck entgegenstand, das Kapital im schreiendsten
Widerspruch mit den gepredigten Grundstzen agirte. Er sah, wie der
Gterschacher, der Lebensmittelwucher, die Lieferungsschwindeleien
blhten und die neu emporgekommenen und pltzlich reich gewordenen
Besitzer ihre Orgien feierten. Ihm war auch der Hunger und das
Elend der Massen, ihre Begeisterung und ihre Opferwilligkeit bei
der Verteidigung des Vaterlandes nicht entgangen, und alle diese
Wahrnehmungen, verbunden mit denen, die er tagtglich im kleineren
Kreise um sich und im Geschftsleben machte, waren es, die ihn auf
den Gedanken brachten, da die Gesellschaft unmglich richtig
organisirt sein knne, und es eine Ordnung der Dinge geben msse,
die alle diese Auswchse und Uebel unmglich mache. Ihm erschien es
eine Ungeheuerlichkeit, da die Revolutionre und nach ihnen die
Ordnungsmnner mit Menschenkpfen wie mit Kegelkugeln spielten; da
man in der gewaltsamen Vernichtung der Parteien das menschliche
Glck zu begrnden glauben knne. Er begriff nicht, da alle diese
Kmpfe nur stattfanden, weil man der wahren treibenden Kraft, jener
geheimnivollen unfabaren Macht, dem unpersnlichen Kapital, nicht
auf die Spur kommen und seinen Einflu nicht beseitigen konnte,
noch viel weniger wollte, jenes Dinges, ber dessen Definirung die
brgerlichen Ideologen sich bis heute die Kpfe zerbrachen, dessen
Rthsel erst der moderne wissenschaftliche Sozialismus lste, der
endlich auch diese moderne Sphinx in den Abgrund strzen wird.

Fourier, der von Natur fr die politischen Kmpfe nicht inklinirte,
der durch die vor seinen Augen sich abspielenden Ereignisse in
dieser Abneigung noch bestrkt wurde, kam in Folge davon zu der
vorgefaten Meinung, da die politische Verfassung der Gesellschaft
berhaupt eine gleichgltige Sache sei, da diese mit dem sozialen
Zustand nichts zu schaffen habe, und da es sich darum handele, den
letzteren zu verbessern und die politischen Fragen ganz bei Seite
zu lassen. Er verfiel also in den entgegengesetzten Fehler der
brgerlichen Ideologen. Diese glaubten durch die Beseitigung des
Adels, der Priesterschaft und des Knigthums, durch die Begrndung
der Republik, die Verkndigung der Menschenrechte, die Anstellung
idealer Grundstze Alles geleistet zu haben, was zu leisten mglich
sei. Blieben dennoch die Zustnde mangelhaft, so lag das nur an der
Niedertrchtigkeit der sogenannten Volksfeinde, der Aristokraten,
der Pfaffen, der heimlichen Anhnger des Knigthums, deren man
trotz aller Gewaltmaregeln nicht Herr werden konnte. Man mute das
Volk zur Tugend erziehen, zur Vaterlandsliebe, zur Opferwilligkeit,
zur Arbeitsamkeit, zur Enthaltsamkeit. Wenn das geschah und Alle
tugendhaft waren, so konnte der glckliche Zustand nicht fehlen.
Die brgerliche Welt ist am Ende des 19. Jahrhunderts den groen
Begrndern ihrer Herrlichkeit am Ende des 18. Jahrhunderts noch
nicht um Vieles in der Erkenntni der gesellschaftlichen
Entwicklungsgesetze voraus gekommen, sie dreht sich noch immer in
demselben Ideengang und sie wird darin stecken bleiben. Darber
hinauszugehen wre ihr Tod.

Nach Fourier besteht also kein wesentlicher Zusammenhang zwischen
dem politischen und sozialen Zustand der Gesellschaft, der erstere
ist willkrlich, wie auch der letztere mehr oder weniger
willkrlich ist. Er hat zwar mit groem Scharfsinn verschiedene
Stufen der menschlichen Entwicklung gekennzeichnet, die er als
Edenismus, oder Zustand des primitiven Glcks, als Zustand der
Wildheit, des Patriarchats oder der Halbbarbarei, der Barbarei und
der Zivilisation charakterisirt; aber es unterliegt nach ihm keinem
Zweifel, da die Zivilisation, die er mit den Griechen beginnen
lt, schon lngst in den nchst hheren Zustand der Entwicklung,
den des Garantismus bergegangen wre, wenn der richtige Mann sich
fand, der den Ausgang aus der Zivilisation entdeckte. Dieser Mann
fehlte bisher. Newton war durch die Entdeckung der Gesetze der
Attraktion der Weltkrper hart an dem rechten Weg vorbeigestreift,
aber er hatte das Bewegungsgesetz nur fr die materielle Welt
gefunden. Diese Entdeckung war also, so wichtig sie auch sein
mochte, fr das Glck der Menschheit die minder werthvolle. Die
Gesetze der sozialen Attraktion zu entdecken und darauf die
universelle Einheit des gesammten Weltalls, die Beziehungen
zwischen den verschiedenen Naturreichen und dem Menschen, zwischen
dem Menschen, der Entwicklung des Erdballs und des ganzen Planeten-
und Weltsystems, und namentlich auch seine wahren Beziehungen zu
dem Weltenschpfer zu entdecken, dessen ermangelte Newton. Diese
Gesetze zu entdecken und damit die wahre Bestimmung des Menschen,
die Wege zu seinem Glck, das blieb ihm, Fourier, vorbehalten. Er
hat das Mittel entdeckt, das die Menschheit aus Noth, Elend,
Unterdrckung, Verkmmerung, Langeweile erlst, den Menschen mit
Gott und dem All in Harmonie setzt. Dieses Mittel ist die
Entdeckung der Gesetze der Attraktion der menschlichen Triebe,
angewandt auf alle menschlichen Arbeiten und Beschftigungen, und
ihre Bethtigung in der Assoziation durch die Bildung der Serien
(Reihen) und Gruppen von Harmonisirenden.

Da er, Fourier, dieses Mittel fr das Glck der Menschheit
entdeckte, ist nach ihm reiner Zufall. Es htte jeder Andere vor
ihm und namentlich die Philosophen, die sich seit mehr als 2500
Jahren bemhten, das Weltrthsel zu lsen und das menschliche Glck
zu suchen, es auch entdecken knnen. Sie haben aber immer nur damit
sich begngt, das Bestehende zu loben und haben jede Neuerung, wenn
sie ihren Lehren gefhrlich oder bedenklich schien, bekmpft und
verfolgt. Darum sind auch die 400.000 Bnde, die sie ihm zufolge im
Laufe der Zeiten in den Bibliotheken, vollgepfropft mit ihren
Theorien, aufgestapelt haben, von sehr zweifelhaftem Werth. Um so
heftiger bekmpfen sie aber jede Neuerung, die, wie die seine, alle
diese Werke ber den Haufen wirft und sie nahezu werthlos macht.
Diese Philosophen, unter welchen er, wie er wiederholt hervorhebt,
die Moralisten, die Metaphysiker, die Politiker und die
Oekonomisten _ausschlielich_ verstanden wissen will, weil sie ihm
als Vertreter der unsicheren Wissenschaften (sciences
incertaines) gelten, haben sich deshalb auch gegen ihn
verschworen, seine Lehren nicht zur Geltung kommen zu lassen; sie
treten ihm berall in den Weg und suchen die Besprechung, selbst
die bloe Erwhnung seiner Schriften zu hintertreiben. Gegen sie
richtet sich daher sein ganz besonderer Zorn, und er berschttet
sie mit seinem Witz, seiner Satyre und seinem Ha.

Da, einmal ganz abgesehen von der Frage der Ausfhrbarkeit seines
Systems, seine Theorien, wie sich zeigen wird, im letzten Grunde
darauf hinaus laufen, die bestehende Gesellschaft aufzuheben, und
da also das Klasseninteresse der Besitzenden und Herrschenden
diese zwingt, seinen Ideen naturgem feindlich zu sein, sieht er
trotz des auerordentlichen Scharfsinns, der ihm bei der
Entwicklung seiner Ideen eigen ist, nicht ein. Er giebt sich
allerdings die grte Mhe, die verschiedenen Klassen und
Interessen auszushnen. Nicht nur sollen alle Regierungen, ohne
Rcksicht auf das ihnen zu Grunde liegende politische System,
bestehen bleiben, er lt sogar noch eine groe Zahl neuer Staaten
und Reiche in den bis jetzt von den Wilden und Barbaren bewohnten
Lndern und Erdtheilen sich bilden, wenn erst der ganze Erdball
sein System angenommen haben wird, was nach Grndung der ersten
Versuchsphalanx -- die Phalanx ist die Genossenschaft, in der sich
sein System vollzieht[1] -- nur wenige Jahre dauern wird. Denn die
Vortheile, die sein phalansteres System der Menschheit bietet, sind
so in die Augen springende, so zur Nachahmung hinreiende, da,
nachdem die Neugierigen von allen Enden des Erdballs sich von den
groartigen Vortheilen und Annehmlichkeiten dieses Systems durch
den Besuch der Versuchsphalanx berzeugten, sie die grte Eile
haben werden, desselben Glckes theilhaftig zu werden.

[Funote 1: Phalanx ist der Name einer von Philipp II. von
Macedonien in seinem Heere eingefhrten Schlachtordnung; die
Phalanx war ein dichtgeschlossener, keilfrmig geformter, mit
Speeren bewaffneter Truppenkrper, der mit seiner Spitze in den
Feind eindrang und ihn auseinander sprengte. Der Name fr sein
System ist also von Fourier nicht bel gewhlt.]

Inde waren um das Jahr 1793, wo Fourier in Lyon lebte, diese Ideen
bei ihm noch nicht zur Reife gekommen, obgleich die Keime dazu
bereits bei ihm vorhanden waren und seine Denk- und Handlungsweise
bestimmten. Es war in diesem Jahr, da der Konvent das ihm
oppositionell gesinnte Lyon belagern und nach der Eroberung in
einem erheblichen Theil zerstren lie, wobei auch Fourier sein
Vermgen einbte. Fourier mute zur Verteidigung der Stadt die
Waffen ergreifen und entging bei einem Ausfall nur mit genauer Noth
dem Tode. Nach Eroberung der Stadt wurde er gefangen genommen und
sollte fsilirt werden; er wute sich durch die Flucht zu retten.
Man kann sich vorstellen, da diese Vorgnge auf ihn einen tiefen
Eindruck machten und sein spteres Denken und Urtheilen wesentlich
beeinfluten. Kurze Zeit darnach mute er sich in Folge der vom
Konvent beorderten leve en masse (des Massenaufgebots) zur
Vertheidigung der Grenzen stellen, und zwar war er als
Unverheiratheter unter der ersten Portion der Ausgehobenen, die
nach der nothdrftigsten Einbung zur Armee abgehen sollten. Er
wurde unter die Jger zu Pferde der Rhein- und Moselarmee rangirt,
doch wurde er nach einigen Monaten auf ein Untauglichkeitszeugni
hin -- F. war klein und schwchlich von Krper -- vom Dienst
befreit. Ein whrend seiner Dienstzeit an das Kriegsdepartement
gerichteter Brief, in dem er der obersten militrischen Leitung
Vorschlge bezglich der Ueberschreitung des Rheins und der Alpen
machte, verschaffte ihm seitens der genannten Behrde ein
Dankschreiben, unterzeichnet von Carnot.

In den nchsten Jahren beschftigte sich Fourier -- neben seinem
Beruf -- mit allerlei sozial-reformatorischen Vorschlgen, die er
bald der Regierungsgewalt, bald einzelnen Deputaten unterbreitete,
aber ohne Anklang damit zu finden. Zu Anfang dieses Jahrhunderts
hatte er sich, um eine grere Freiheit und Selbstndigkeit zu
genieen, als Winkelmakler, wie er sich selbst nannte, etablirt,
ein Beruf, den er mit seiner gewohnten Offenheit also
charakterisirt. Ein Makler ist ein Mensch, der mit den Lgen
Anderer hausirt und diesen Lgen seine eignen hinzufgt. Nebenbei
verffentlichte er ab und zu politische Artikel im Bulletin de
Lyon. In einem solchen Artikel vom 25. Frimaire des Jahres XII.
(17. Dezember 1803), betitelt. Das kontinentale Triumvirat und ein
dreiig Jahre dauernder Friede, behandelte er die Frage der
Theilung Europas. Bekanntlich hatte damals bereits der Ruhm
Napoleon's eine auerordentliche Hhe erlangt, man stand kurz vor
seiner Krnung zum Kaiser und alle Welt beschftigte sich mit der
Frage, ob endlich dauernd Frieden einkehren, oder welcher Staat das
nchste Angriffsobjekt bilden werde. Fourier setzte auseinander,
da zunchst noch kein Friede kommen drfe, da unter den vier
Staaten, die als selbststndige Reiche in Frage kmen. Frankreich,
Ruland, Oesterreich, Preuen, letzteres, als das schwchste,
zuerst an die Reihe kommen und verschwinden werde. Mit einer
einzigen Schlacht sei es niedergeworfen -- was bekanntlich
thatschlich geschah -- und dann werde es das Schicksal Polens
finden und unter die anderen drei getheilt werden. Jetzt sei das
Triumvirat und ein lngerer Friede mglich; einige man sich nicht,
so komme Oesterreich an die Reihe, zuletzt entbrenne der Kampf
zwischen Ruland und Frankreich um die Herrschaft der Welt. England
lie er auer Betracht, weil es als insularer Staat und einzige
Alles beherrschende Seemacht zunchst unangreifbar war. Aber wer in
Europa Sieger bleibe, werde Indien nehmen, die Hfen Asiens und
Europas schlieen und so England zu Grunde richten. Gegen England,
in dem er die Sttze des Handelssystems und den Reprsentanten
aller Niedertrchtigkeiten des Handelsgutes sah, empfand er einen
besonderen Ha, der hufig aus seinen Schriften hervorbricht. Der
erwhnte Artikel erregte die Aufmerksamkeit Napoleon's und fhrte
zu Untersuchungen ber den Verfasser; dem Verleger wurde bedeutet,
knftig hnliche Artikel nicht wieder aufzunehmen.

Im Jahre 1808 verffentlichte Fourier sein erstes und grundlegendes
Werk unter dem Titel: La Theorie des quatre Mouvements et des
destines generales (Die Lehre von den vier Bewegungen und den
allgemeinen Bestimmungen). In diesem Werke sind seine Ideen
bereits vollkommen enthalten, obgleich es noch vielfach der
Klarheit und namentlich der logischen Entwicklung entbehrt; dafr
ist es aber mit dem ganzen Feuer der ersten Begeisterung eines
Mannes geschrieben, der an seine Mission und die Unfehlbarkeit
seiner Theorien glaubt. Fourier lie das genannte Werk allerdings
zunchst nur als Prospekt seiner Entdeckung erscheinen, dem spter
noch acht lange Abhandlungen ber die Gesammtheit seiner Theorien
folgen sollten. Diese erschienen nun zwar nicht, aber was erschien,
enthielt im Grunde doch nur umfnglichere Erluterungen und grere
Detailschilderungen seines Systems, untermischt mit
philosophisch-polemischen Abhandlungen gegen seine Gegner, worin er
sich gegen die auf ihn und gegen seine Theorien gerichteten
Angriffe wandte, dabei immer dem Grundsatze folgend: die beste
Taktik zur Abwehr ist der Angriff. Auch liebte er es, in seinen
Werken immer wieder seine positiven Hauptgedanken, wie seine
Hauptanklagen gegen die bestehenden Zustnde zu wiederholen,
nachdrcklich hervorhebend, da dies nthig sei, einestheils, um
seine Ideen, die dem Leser neu und fremd seien, besser und sicherer
in dessen Kpfe haften zu lassen, anderntheils, um die in den
Kpfen tief eingewurzelten Vorurtheile um so grndlicher zu
beseitigen. Eine unzweifelhaft sehr richtige Taktik, die auch die
Gegner alles Neuen bisher stets angewandt haben, wodurch sie es
fertig brachten, selbst die absurdesten Vorurtheile lange Zeit
aufrecht zu erhalten.

Die groe Masse in allen Kreisen denkt nur gewohnheitsmig, die
einmal bernommenen Ideen bewegen sich in gewissermaen
ausgefahrenen Hirngeleisen, und es bedarf erst starker und
wiederholter, durch greifbare Thatsachen und fhlbare Uebel
untersttzter Argumente, um sie aus der gewohnten Denkbahn zu
reien. Und ist das Interesse nicht mit den neuen Ideen verknpft,
so ist alle Arbeit vergebens, vereinzelte Idealisten ausgenommen,
die schlielich doch auch nur aus Interesse geleitet werden, weil
sie weiter blicken und das Neue als das Zuknftige, als
unabnderliche Nothwendigkeit und Verbesserung fr Alle ansehen und
darum fr erstrebenswerth halten.

Der Gedankengang, den Fourier in seinem ersten Werk entwickelt, ist
kurz folgender: die Welt besteht aus drei ewigen, unerschaffenen
und unzerstrbaren Prinzipien:

-- Gott, oder dem Geist, aktives und bewegendes Prinzip;
-- der Materie, passives und bewegtes Prinzip;
-- der Gerechtigkeit oder den mathematischen Gesetzen, regulirendes
Prinzip.

Analog dem Weltall besteht auch der Mensch aus drei Prinzipien:

-- den Trieben (passions), aktives und bewegendes Prinzip;
-- dem Krper, passives und bewegtes Prinzip;
-- der Intelligenz, neutrales und regulirendes Prinizp.

Gott, welcher der Leiter und Lenker des Weltalls ist, kann nur die
Einheit und Harmonie desselben wollen, weil sonst er mit sich
selbst in Widerspruch stnde. Daher existirt eine ununterbrochene
Kette von Beziehungen zwischen Allem, was vorhanden ist. Zwischen
den drei Reichen der Natur -- Thieren, Pflanzen, Mineralien -- und
dem Menschen, zwischen dem Menschen und Gott, wie zwischen dem
Menschen und dem Erdball, und dem ganzen Planeten- und
Weltsystem.[2] Indem Gott den Menschen schuf, ihn mit Trieben und
Leidenschaften ausstattete, wollte er, da der Mensch damit
glcklich sei. Es ist also nicht anzunehmen, da diese Triebe
schdliche sind, da der eine oder der andere unterdrckt werde
oder unbefriedigt bleibe. Die Befriedigung seiner Triebe schafft
vielmehr die Harmonie des Menschen mit sich selbst und mit Gott.
Wenn wir trotzdem hufig sehen, da diese Triebe des Menschen sich
oft nur in schdlicher Richtung oder gar nicht uern und nicht
befriedigt werden knnen, so beweist dies nichts gegen _die Triebe
und die Ordnung Gottes, sondern spricht gegen die soziale
Organisation der Gesellschaft_, welche diese Triebe sich falsch zu
bethtigen zwingt oder sie gar unterdrckt.

[Funote 2: Fourier spricht hier denselben Gedanken aus, dem
Robinet in seinem 1766 in Amsterdam erschienenen Werke Ueber die
Natur (De la nature) Ausdruck giebt: Alles in der Natur steht
miteinander in Verbindung, und ebenso spricht R. einen Gedanken
aus, den Fourier hnlich wiederholt: Da die Natur mit mglichst
sparsamer Ausnutzung der vorhandenen Stoffe arbeite. Holbach sagt
im Systeme de la nature: In der ganzen Schpfung herrscht
Wesenseinheit. Die Ideenassoziation ist augenfllig.]

Es sind nun vier Bewegungen, oder wie er spter aufstellte, fnf,
welche die ganze Welt in Thtigkeit setzen und sie den Bestimmungen
entgegenfhren.

1. Die normale Bewegung; Gesetze der Anziehung fr die imponderablen
(unwgbaren) Elemente, Elektrizitt, Magnetismus, Gerche.

2. Die thierische oder instinktuelle Bewegung; Gesetze der Anziehung
fr die Triebe und Instinkte aller erschaffenen Wesen, wann und wo
immer sie waren, sind und sein werden.

3. Die organische Bewegung. Gesetze der Anziehung fr die
Eigenschaften der Krper: Form, Farbe, Geschmack, Geruch etc.

4. Die materielle Bewegung -- bereits durch die Mathematiker
(Newton) entdeckt -- Gesetze der Anziehung und Gravitation der
Weltkrper (Planeten Fixsterne). Die Kometen sind nach Fourier
irregulre Weltraumbummler.

5. Die soziale Bewegung -- der eigentliche Angelpunkt (Pivot) des
Ganzen -- die Gesetze, welche die Ordnung und Aufeinanderfolge der
verschiedenen sozialen Gestaltungen auf allen Weltkrpern regeln.

Der Mittelpunkt dieser sozialen Gesetze ist der Mensch, der im
Grunde damit zum Mittelpunkt des Ganzen wird um den sich Alles
dreht.

Was hat die Welt berhaupt fr einen Zweck, wenn sie nicht fr den
Menschen geschaffen ist? Das ist der Hauptgedanke, der seiner
Weltauffassung zu Grunde liegt.

Die Bestimmung des Menschen ist das Glck, das in der Entwicklung
aller seiner Anlagen, der Befriedigung aller seiner Triebe liegt.
Der Mensch soll genieen und abermals genieen Alles, wonach sein
Herz ihn drngt, das ist das Fourier'sche Evangelium und nach ihm
die Bestimmung des Menschen durch Gott. Man sieht, dieser
Fourier'sche Gott ist ein sehr materialistischer Gott, der sich in
starkem Gegensatz zu dem Gott des Christenthums befindet, der die
Enthaltsamkeit, die Demuth, die Kreuzigung des Fleisches predigt.

Seiner Bestimmung gem strebt also der Mensch nach dem Glck, und
Reichthum und Gesundheit bilden sein Glck. Er will Reichthum, um
sich Genu verschaffen zu knnen, und er will Gesundheit, um sie
genieen zu knnen. Den Reichthum genieen nur Wenige, und meist
Jene, die ihn am wenigsten verdienen; die Gesundheit mangelt fast
Allen. Den Einen in Folge von Noth, Elend, Trbsal, Entbehrungen,
den Anderen in Folge von Ueberppigkeit, Schwelgerei, Ueberma der
Gensse. Das Eine wie das Andere ist Folge unserer sozialen
Einrichtungen, die keinem Theil der Gesellschaft, weder dem Reichen
noch dem Armen, die vernnftige und gesunde Entwicklung aller
seiner Krfte und Fhigkeiten, die Abwechslung und befriedigende
Anwendung seiner Triebe gestatten. Zwar will die Gesellschaft, und
namentlich die Zivilisation, das allgemeine Glck, aber was sie
erstrebt, schlgt stets in das Gegentheil um. Wir behaupten, die
Wahrheit zu wollen, und berall herrscht Lge, Heuchelei,
Unterdrckung; wir wollen die Moral und es herrscht Diebstahl,
Betrug, Verfhrung, Ehebruch, Prostitution, kurz allgemeine
Sittenlosigkeit; wir erstreben das allgemeine Glck und sieben
Achtel bis acht Neuntel der Menschen sind unglcklich, weil sie von
Uebeln umgeben sind, die zu beseitigen nicht in ihrer Macht liegt.
So herrscht statt der Einheitlichkeit die Zweideutigkeit in allen
Beziehungen. Jede gute Seite hat ihre schlimme, und zwar ist die
schlimme die berwiegende.

Fourier nennt das Streben nach Glck streben nach innerem und
uerem Luxus. Der innere Luxus ist die Gesundheit, der uere der
Reichthum. Den inneren Luxus bilden die Triebe, _die um so gesnder
sind, je lebhafter sie sind_, und deren es fnf sensuelle oder
Sinne des Krpers giebt: Geruch, Gesicht, Gehr, Geschmack und
Gefhl, und vier Triebe der Seele: Liebe, Freundschaft, Ehrgeiz,[3]
Familiensinn, die smmtlich alle neun von drei sie steuernden
Trieben beherrscht werden. Diese drei sind: Die Kabalist, Trieb der
Intrigue, d.h. der Trieb, der thtig ist, um die Neigungen zu
theilen, die Willen zu bestimmen, sich zu gemeinsamen Handlungen zu
vereinigen; die Alternant oder Papillone, Trieb, der nach
bestndiger Abwechslung, nach Kontrasten, nach Vernderungen in der
Handlung strebt; die Komposit, Trieb, der die Begeisterung, den
Enthusiasmus erregt, nach dem Guten und Schnen strebt, alle
Hindernisse berwindet. Diese letzten drei Triebe wirken ihm
zufolge auf die vier affektiven und diese auf die fnf sensitiven.

[Funote 3: Herm. Greulich bezeichnet in seiner Schrift: Karl
Fourier, ein Vielverkannter (Hottingen-Zrich, Volksbuchhandlung
1881), den Ehrgeiz als Auszeichnungstrieb, weil das Wort Ehrgeiz
einen hlichen Beigeschmack habe. Der von Gr. gewhlte Ausdruck
ist unzweifelhaft korrekt, aber wir wollen doch nochmals
ausdrcklich konstatiren, da nach Fourier's Theorie _alle Triebe
gut sind_ und der Ausdruck Ehrgeiz ebensowenig anstig sein darf,
als die nach unserer landlufigen Auffassung von Fourier
gebrauchten Ausdrcke Kabalist und Intrigue. Der Ehrgeiz ist auch
in der brgerlichen Gesellschaft an sich eine ganz lbliche
Eigenschaft, der nur unangenehm und schdlich wird, wenn er auf
Kosten Anderer oder der Allgemeinheit sich Geltung verschaffen
will. Im Uebrigen scheint uns, hat Greulich in seiner Schrift, in
dem Streben, Fourier zur verdienten Anerkennung zu bringen, ihn ein
wenig zu sehr modernisirt und in der Sprache unserer Zeit reden
lassen, ohne seiner Einseitigkeit und Schrullen gengend Erwhnung
zu thun. Ein solches Zugnstigfrben erklrt sich aus dem
Bestreben, Fourier gegen die ungerechten und unqualifizirbaren
Angriffe eines Dhring, Most und Bernhard Becker in Schutz zu
nehmen. Alle drei bezeichnen Fourier -- und Dhring und Most
offenbar, ohne sich nher mit seinen Werken vertraut gemacht zu
haben -- einfach als Narren, womit sie glauben, ihn abgethan zu
haben. Ob dieser, Fourier schon zu Lebzeiten von Seiten seiner
Gegner entgegengeschleuderte Vorwurf eine Berechtigung hat, mag der
Leser am Schlusse obiger Abhandlung entscheiden. Wir mchten aber
schon jetzt konstatiren, da Joh. Most, der sich heute als
Anarchistenchef aufspielt, gar keine Ahnung gehabt zu haben
scheint, da er Fourier als _Vater des Anarchismus_ anzusehen hat
-- das Wort hier in seinem wahren Sinne, der Regierungs- und
Staatlosigkeit genommen, und nicht im Sinne der blinden
Gewaltstheorie, wie sie Most als anarchistisches Prinzip predigt.
Die Fourier'sche Theorie in die Praxis umgesetzt, d.h. der Erdball
mit Phalanstren bedeckt, machte jede Staatsorganisation
berflssig, es wre die Fderation der Phalanxen, also
produzirender und konsumirender Kommunen. Da Fourier trotzdem
nicht blos alle bestehenden Staaten als weiter bestehend
voraussetzt, sondern auch noch so viele neue dazu zu grnden in
Aussicht stellte, ist einer der Widersprche seines Systems, die
ihm nicht zum Bewutsein kamen. Aber es ist ein Widerspruch, der
das System selbst nicht besser und nicht schlechter macht, es in
seinem Wesen unberhrt lt.]

Will aber der Mensch alle seine Triebe bethtigen und befriedigen
und den dazu nthigen Reichthum erlangen, ein Streben, das seiner
Natur inhrent ist, so kann er dies nicht als isolirtes Einzelwesen,
er bedarf hierzu einer Organisation mit Seinesgleichen. Diese
Organisation, die Fourier entdeckte und als Heilmittel bietet, ist
-- die lndliche und hauswirthschaftliche Assoziation, die mit der
industriellen zu verbinden und auf die Anwendung der Serien
(Reihen) und Gruppen der Triebe organisirt sein soll.

Fourier legt auf die Ackerbaugenossenschaft oder die agrikole
Assoziation das Hauptgewicht, er sieht sie als die eigentliche
Grundlage fr die menschliche Existenz, als diejenige Thtigkeit
an, welche die meiste und angenehmste Abwechslung der Verrichtungen
bietet. Aber auch die ganze husliche Thtigkeit, die
Hauswirthschaft im weitesten Umfang, Handel und Gewerbe, die
Erziehung, die Knste, die Wissenschaften sollen sozietr betrieben
werden. Die eigentliche Groindustrie hatte im Zeitalter Fourier's
noch wenig Bedeutung in Frankreich, sie war hauptschlich in der
sog. Manufaktur organisirt, jener hher entwickelten Theilung der
Handarbeit, vereinigt in groen Werksttten, oder vertheilt in
Hausbetrieben, die fr einen gemeinsamen Unternehmer arbeiten. Der
groe Fabrikbetrieb entstand erst in einiger Bedeutung gegen das
Lebensende Fourier's. Der manufakturmige Grobetrieb wurde zu
Anfang dieses Jahrhunderts in Frankreich treibhausmig durch die
Zoll- und Gewerbepolitik Napoleon's begnstigt, dessen Ha und
Eifersucht, sowie Rachsucht gegen England ihn zur Kontinentalsperre
trieben und ihn die grten Anstrengungen machen lieen, neben der
Sperrung der seiner Machtsphre unterworfenen Hfen fr englische
Waaren, die inlndische Industrie vermittelst enormer Schutzzlle,
Staatsuntersttzungen und Prmien knstlich grozuziehen und
dadurch England zu strzen. Immerhin wrde sich auch unsere heutige
Groindustrie in die Fourier'sche phalanstere Organisation
einreihen lassen.

Die Arbeit ist nach Fourier eine Nothwendigkeit fr _Alle_ ohne
Unterschied des Lebensalters und des Geschlechts, aber sie darf
keine Last, sondern sie mu eine Lust sein, mit anderen Worten: sie
mu anziehend sein. Das kann sie nur sein, wenn Jeder das treibt,
wozu seine Triebe ihn drngen, was ihm also Vergngen macht; dabei
mu die Beschftigung hufig abwechseln und drfen zu diesem Zwecke
die einzelnen Arbeitssitzungen nur kurze sein. Jede Beschftigung
wie jedes Vergngen darf nicht ber ein und eine halbe bis zwei
Stunden whren, weil man sonst ermdet. Um aber das rivalisirende
Element in die Beschftigung zu bringen, mu sie von einer Anzahl
Gleichstrebenden zugleich gebt werden. Es bilden sich also Gruppen
von Gleichgesinnten fr eine bestimmte Thtigkeit. Jede dieser
Gruppen mu der lebhafteren Rivalitt und der Ausgleichung halber
mindestens sieben, gewhnlich neun Personen umfassen. Es bilden
sich eben so viel Gruppen, als Unterarten von Beschftigungen bei
einem bestimmten Produktionszweig vorhanden sind; diese
verschiedenen Gruppen bilden eine Serie (Reihe). Es giebt z.B. eine
Serie der Birnen- und eine solche der Aepfelzchter, aber fr die
Varietten jeder Obstart bestehen Gruppen. Es rivalisiren also die
Serien, um die beste Obstart, die Gruppen, um die besten Sorten
(Varietten) zu zchten. Da ferner zwei Menschen nie in Allem den
gleichen Geschmack und die gleichen Triebe haben, so werden
dieselben Personen, die soeben in einer Gruppe zusammen wirkten,
sich in den nachfolgenden Arbeitssitzungen in rivalisirenden
Gruppen oder Serien in anderen Produktionszweigen gegenberstehen.
Es wechselt also nicht blos die Beschftigung, es wechselt auch
bestndig der gesellschaftliche Umgang bei der Arbeit. Dieser
immerwhrende Wechsel der Beschftigung und der beschftigten
Personen, und die daraus hervorgehenden, sich bald anziehenden,
bald abstoenden Wechselbeziehungen bilden nach Fourier die hchste
Befriedigung, weil alle Triebe dabei in's Spiel kommen. Aber die
Befriedigung wrde keine vollkommene sein, wenn nicht der uere
Erfolg, also die Reichthumserzeugung, durch diese Thtigkeitsweise
auch erzielt wrde. Diese planmig organisirte, assoziirte
Thtigkeit von Hunderten von Familien in einer Phalanx wird, so
behauptet Fourier, im Gegensatz zur einzelnen Privatwirthschaft und
Privatunternehmerschaft eine groe Menge von Ersparungen an Kraft,
Zeit, Mittel, Werkzeugen etc. einerseits, und durch die geschickt
kombinirte und rivalisirende Thtigkeit Aller andererseits eine
Reichthumsvermehrung zur Folge haben, die sich im Vergleich zu
jetzt verzehn-, verzwanzig-, selbst vervierzigfacht und dem
Aermsten eine Bedrfnibefriedigung ermglicht, wie sie heute kaum
ein reicher Mann sich verschaffen kann.

In der Fourier'schen Phalanx besteht der Unterschied des Besitzes
fort. Da der Genu des Lebens auf Kontrastwirkungen beruht, ist
auch der Unterschied des Besitzes nothwendig. Je grer die
Verschiedenheiten an Besitz, Charaktereigenschaften, Trieben, also
je lebhafter die Kontraste sind, um so besser fr die Phalanx.

Man sieht, Fourier ist der Begriff des _Klassengegensatzes_ und die
Entwicklung der verschiedenen Gesellschaftsformationen aus
_Klassenkmpfen_, eine Grundanschauung des modernen Sozialismus,
fremd. Sein Sozialismus ist auf die Vershnung, die Harmonie der
heute feindlichen Gegenstze, die nach seiner Meinung nur aus
Miverstand oder mangelhafter Kenntni der wahren Bestimmung der
menschlichen Gesellschaft feindliche wurden, gerichtet. Sein
Sozialismus pat sich, wie er nicht mde wird, immer wiederholt zu
versichern, allen Regierungsformen und allen Religionssystemen an,
er hat weder mit politischen noch religisen Streitfragen das
Geringste zu thun. Daher wendet er sich in seinen Schriften nicht
an die Arbeiter und die Masse der Geringen, von denen die erstern
zu seiner Zeit als Klasse noch wenig entwickelt waren und
ffentlich gar keine Rolle spielten, sondern er wendet sich an die
Einsicht der Groen und Reichen. Letztere allein konnten ihm
helfen, weil sie allein die Mittel zur Grndung einer Versuchsphalanx
besaen, von deren Zustandekommen nach ihm die Einfhrung seines
Systems abhing. War diese begrndet, dann zog sie durch ihren Glanz
und ihre Vortheile nicht nur die Zivilisirten, sondern auch die
noch im Zustande der Barbarei und der Wildheit befindlichen Vlker
-- die von der Zivilisation nichts wissen wollen -- an, eiligst
in die neue Gesellschaftsorganisation einzutreten. Die Phalanx ist
das Zaubermittel, das die Entwicklungsperiode der Zivilisation, wie
der Barbarei und der Wildheit abkrzt, Barbaren und Wilden das
Durchgangsstadium durch die Zivilisation erspart und den Aufschwung
zu immer hherer Vollendung herbeifhrt.

So wandte sich denn Fourier nacheinander bald direkt, bald indirekt
an alle ihm jeweilig zugngig erscheinenden Kreise und Personen, um
diese fr sein System zu interessiren und von ihnen die Mittel zur
Begrndung der Versuchsphalanx zu erlangen. Er schilderte ihnen den
eigenen materiellen Vortheil, wie die Ehren und den Ruhm, den sie
dadurch bei Mit- und Nachwelt erlangten, in den glnzendsten,
glhendsten Farben. So suchte er abwechselnd und nacheinander
Napoleon, franzsische Volksvertreter, den Adel und Klerus der
Restauration, die Bourbonen, die englischen Groen, die sich fr
das gleichzeitig auftauchende Robert Owen'sche Assoziationsprojekt
in New-Lamark interessirten, die Liberalen, ferner seine wthendsten
Gegner, die Philosophen, Rothschild, dem er ein Knigreich Jerusalem
in Aussicht stellte, Lord Byron, George Sand und nach der
Julirevolution die Herren von Lafitte und Thiers, die emigrirten
Polen etc. zu gewinnen. Er versuchte schlielich selbst mit den
Saint Simonisten, insbesondere mit Enfantin, Fhlung zu bekommen.
Die Saint Simonisten benutzten zwar theilweise seine Theorien,
indem sie dieselben mit ihren Lehren vermischten, aber auf Weiteres
lieen sie sich nicht ein.

Alles war also vergeblich. Die Einen fanden sich unter der
bestehenden Ordnung so wohl, da sie keine Sehnsucht nach einer
anderen hatten, Andere, die Wohlwollenden, hielten seine Ideen fr
unausfhrbar, sahen in denselben eine schne Illusion oder Vision,
die Dritten zuckten die Achsel und lachten ber ihn als einen
Trumer und Narren. Dieser Widerstand, diese Unglubigkeit, die
Fourier unbegreiflich fand und auf bsen Willen oder Vorurtheil
zurckfhrte, denn er selbst glaubte an sich und sein System wie je
ein Neuerer daran geglaubt hat, wird unser Zeitalter sehr natrlich
finden. Wir wissen Alle, da Entwicklungsperioden, die Bestehendes
von Grund aus umgestalten sollen, nie durch noch so scharfsinnig
und detaillirt ausgedachte, fertige Plne von einer Idealgesellschaft
herbeigefhrt werden, auch nicht, wenn die grten finanziellen
Mittel und das grte Wohlwollen mchtiger Persnlichkeiten
dahinter steht, sondern da die Umgestaltung aus dem
Entwicklungsproze der ganzen Gesellschaft sich vollzieht und, wenn
die Bedingungen einer neuen Gesellschaftsformation vorhanden sind,
diese sich mit elementarer Gewalt auch Bahn bricht. Sie wird nicht
gemacht, sie vollzieht sich, und stets unter der Form von
Klassenkmpfen, _gegen_ den Willen der alten
Gesellschaftsschichten.

Fourier will in seiner Phalanx Kapital, Arbeit und Talent
bercksichtigen und zwar in der Weise, da die Arbeit Fnfzwlftel,
das Kapital Vierzwlftel, das Talent Dreizwlftel des Ertrags
zugewiesen erhlt. Die beiden Geschlechter sind vollkommen
gleichberechtigt, sie arbeiten, vergngen und lieben sich
miteinander, wie die Neigung sie zu einander fhrt. Wie alle
Thtigkeit und die Vergngen gemeinsam sind, so ist auch die
Kindererziehung eine gemeinsame. Die Kinder sind das dritte
neutrale Geschlecht, ihrer Erziehung widmet er in seinen Werken
einen breiten und hochinteressanten Raum. Es existiren nicht viele
Menschen, die, wie Fourier, die menschliche Gesellschaft in allen
Lebensaltern und Lebensstellungen beobachteten und studirten, und
so hat er auch den Kindescharakter mit wunderbarer Grndlichkeit
und Tiefe erfat und darauf sein Erziehungssystem begrndet. Es
wird keinen Pdagogen geben, der nicht heute noch die bezglichen
Kapitel mit groem Vergngen und mit Nutzen liest.

Die Kinder werden vom ersten Tage der Geburt ab gemeinsam in
groen, fr diesen Zweck auf's Bequemste und Opulenteste
eingerichteten Slen gepflegt und erzogen. Ihre Pflege bernehmen
Pflegerinnen von verschiedenem Lebensalter, die sich freiwillig und
aus Trieb, wie bei Allem, was in der Phalanx geschieht, diesem
Dienste widmen. Sobald sich der Charakter der Kinder entwickelt,
werden sie darnach in die verschiedenen Sle vertheilt. Die
Pflegerinnen sind in Serien und Gruppen organisirt, sie sind Tag
und Nacht zugegen und werden in den blichen Zwischenrumen
abgelst. Die Mtter knnen nach Neigung unter den Pflegerinnen
leben. Fourier meint aber, die Mehrzahl werde es vorziehen, ihren
gewohnten Beschftigungen und Unterhaltungen nachzugehen und nur in
den Stunden der Nahrung sich einfinden, berzeugt, da ihren
Kleinen Nichts fehlt und Nichts abgeht. Fr Spielen und
Unterhaltungen der Kleinen ist reichlich gesorgt. Vom dritten
Lebensjahre ab werden sie nach ihrem Alter klassifizirt und
spielend in die verschiedenen leichten Beschftigungen des
Haushalts eingefhrt und zu Handarbeiten angehalten. _Jeder Zwang
ist ausgeschlossen_. Zweckdienlich eingerichtete Spielsle, Kchen,
kleine Werksttten, mit kleinen Werkzeugen und Maschinen versehen,
geben ihnen Gelegenheit, ihre Triebe und Fhigkeiten zu bethtigen.
Der eigentliche geistige Unterricht beginnt erst mit dem neunten
Jahr, nachdem inzwischen die krperliche Erziehung, die unter dem
Namen der Oper Gesnge, Tnze, Musik, krperliche Uebungen aller
Art umfat, um die Kinder gewandt zu machen, zu richtigem Ma und
Ausdruck im Sprechen, in Geberden und Bewegungen zu erziehen, eine
feste Grundlage erlangt hat. Die Erziehung whrt in
verschiedenalterigen Abstufungen bis zur vollstndigen krperlichen
Reife der Geschlechter, also bis zum 16., 18. und selbst 20.
Lebensjahr. Wir kommen bei der spteren Darlegung der Fourier'schen
Theorien auf diese Dinge ausfhrlicher zurck.

Das Verhltni der beiden Geschlechter zueinander ist im
Fourier'schen System das denkbar freieste. Die Kritik, die Fourier
an die Beziehungen der Geschlechter in unserer Gesellschaft, an die
Form der heutigen Ehe mit ihren Auswchsen, ihrer Kuflichkeit,
ihrer Heuchelei, ihrem Zwange gegen den einen oder anderen, oder
gegen beide Theile, bt, gehrt zu dem Schrfsten, was hierber
geschrieben wurde.

Die Kritik der Beziehungen der Geschlechter zu einander, wie die
Kritik des Handels, den er wie kein Zweiter kannte, zogen ihm
hauptschlich die Entrstung und den Zorn der Gegner zu, verletzten
Diejenigen am meisten, die in dem einmal Ueberlieferten die beste
der Welten sahen. Mit seiner Theorie der freien Liebe, seiner
Darstellung der sechsunddreiig Arten der Hahnreischaft und des
Ehebruchs, die nach ihm existiren und die er noch zu
vervollstndigen sich anheischig machte; mit seiner Blolegung der
lgnerischen und gaunerhaften Praktiken des Handels, des Geld- und
Lebensmittelwuchers, des Schachers mit Grundstcken und Effekten,
der Brsenmanver, hatte er in verschiedene und sehr gefhrliche
Wespennester gestochen. Er rief einen solchen Sturm gegen sich
wach, da er selbst spter fr angemessen fand, zu erklren, Alles,
was er ber die Beziehungen der Geschlechter in seinen Schriften
ausgefhrt habe, knne erst von der dritten Generation ab, nach
Grndung seines Systems, zur Durchfhrung kommen. Die jetzt noch
bermig herrschenden Vorurtheile, wie die physischen Uebel und
Gebrechen, die das gegenwrtige System erzeugt habe, mten erst
allmlig ausgerottet werden. Dagegen fuhr er fort, durch
historische Darlegung und Kritik der geschlechtlichen und der
Eheverhltnisse bei den alten Vlkern, besonders an der Hand der
Bibel, ihrer Erzhlungen ber die Nachkommen der ersten Menschen,
die Lebensweise der Erzvter, dann David's, Salomo's u.s.w.
nachzuweisen, welche Phasen die Geschlechtsverhltnisse der
Menschen durchgemacht und wie wenig Ansto selbst Gott daran
genommen habe, indem er allen diesen aus dem alten Testament
angefhrten Personen fortgesetzt sein Wohlwollen und seine Gnade
erhalten habe.

Unter den neuen Lebensverhltnissen, die Fourier erstrebt, genieen
die Menschen nicht nur das volle Glck, sie werden auch bei ihrer
gesunden und naturgemen Lebensweise ein sehr viel hheres
Lebensalter erreichen, als heute. 144 Jahre werden das
Durchschnittsalter sein. Sie knnten also wenigstens volle achtzig
Jahre die Liebe genieen, was doch wohl, wie er meint, eine zu
lange Zeit sei, um mit einem Mann oder einer Frau ausschlielich
leben zu sollen, tglich von derselben Platte zu essen. Da ferner
mit dieser lngeren Lebensdauer auch die Vermehrung der Menschen
entsprechend wachse, sei Urbarmachung neuen Bodens, Ansiedelung in
bisher wenig bevlkerten Lndern und Erdtheilen geboten. Aber auch
dieses Hlfsmittel werde bald der Vermehrung ein Ziel setzen, wenn
nicht gleichzeitig mit der Entwicklung des Menschengeschlechts
durch die neue soziale Organisation unser Erdball in klimatischer
Beziehung bis zum hchsten Nord- und Sdpol eine vollstndige
klimatische Umwandlung durchmache, die auch auf den anderen
Planeten und Fixsternen hnlich sich vollziehen soll.

Hier entwickelt nun Fourier ein kosmogenetisches System, das zu dem
Phantastischsten gehrt, das ein Mensch erdenken kann. Es ist
namentlich dieser Theil seiner Abhandlungen, der ihm den meisten
Spott, ihm hauptschlich den Titel des Visionrs, des Narren
eingetragen hat. Das ganze Universum ist nach Fourier, und hier
beruft er sich auf Schelling, das Spiegelbild der menschlichen
Seele.

Die Welt ist dem Menschen zu Liebe geschaffen; nach seinem Tode
wandert er von Planet zu Planet zu immer hherer Vollkommenheit,
eine Idee, die freilich auch in anderen Kpfen, selbst heute noch,
spukt und nicht blos in den untern Schichten. -- Die Kanaille will
ewig leben.

Jeder Planet wird geboren; er hat, wie der Mensch, sein Alter der
Kindheit, der auf- und absteigenden Entwicklung und des Todes. Auch
die Menschheit stirbt, und zwar nach einer Gesammtlebensdauer von
80.000 Jahren, die sich in vier Phasen abwickeln. Die Phase der
Kindheit, in deren letzter Periode wir uns befinden, dauert 5000
Jahre; die Phase der aufsteigenden Entwicklung whrt 35.000 Jahre;
die Phase des allmligen Niedergangs ebenfalls 35.000 Jahre. Dann
folgt die Phase der Altersschwche wieder mit 5000 Jahren, worauf
der Tod der Menschheit und der Erde eintritt. Innerhalb des
Zeitraums von 80.000 Jahren erlebt die Menschheit 32
Entwicklungsperioden -- wir befinden uns in der fnften, der
Zivilisation --, und innerhalb der verschiedenen Perioden giebt es
verschiedene Neuschpfungen, durch welche auch die Thier- und
Pflanzenwelt und das Klima, entsprechend der hheren Entwicklung
des Menschen, sich in hherer Vollkommenheit entfalten werden. Mit
der achten Periode, der Harmonie, beginnt die Aurora des Glcks. Es
wird die Nordpolkrone (Couronne borale) geboren, die dann,
gleich der Sonne, nicht blos Licht, sondern auch Wrme verbreitet
und damit eine Reihe neuer Schpfungen einleitet. Die Wirkung der
Nordpolkrone wird sein, da Petersburg und Ochotsk ein hnliches
Klima bekommen, wie Kadix und Konstantinopel, da das Klima der
sibirischen Eisksten dem von Marseille und dem Golf von Genua
gleicht, und da eine Fruchtbarkeit dieser nrdlichen Erdtheile
beginnt, die mit jener der tropischen Lnder wetteifert.
Gleichzeitig wird durch die Einwirkung des Fluidums der
Nordpolkrone und durch die Vernderung des Klimas das Meer sich
umbilden und einen limonadeartigen Geschmack annehmen. Die
jetzigen, den Menschen feindlichen und schdlichen Meerungeheuer,
wie der Hai etc., werden zu Grunde gehen und durch neue
Schpfungen, wie Anti-Hai, Anti-Walfisch, ersetzt werden, Thiere,
die dem Menschen freundlich sind und ihm ihre Dienste zum Ziehen
der Schiffe etc. leihen werden. Alle _ntzlichen_ Fische und
Seethiere, wie der Hering, der Kabeljau, die Auster u.s.w., werden
trotz der Vernderung des Meeres erhalten bleiben und sich
wesentlich vermehren. Ganz hnlich vollzieht sich die Umgestaltung
auf dem Lande. Alle wilden Thiere (Lwe, Tiger, Leopard, Wolf etc.)
und alle giftigen Reptile oder widerlichen Insekten, ebenso die
giftigen und schdlichen Pflanzen verschwinden und werden durch fr
den Menschen ntzliche Neuschpfungen ersetzt. So entsteht z.B. der
Anti-Lwe, der zahm ist und sich freiwillig dem Menschen als
Reitthier anbietet.

Sobald der ganze Erdball mit Phalanxen bedeckt ist, wird er zwei
Millionen derselben mit vier Milliarden Menschen aufweisen. Alsdann
wird Konstantinopel Hauptstadt der Welt und wird der von allen
Phalanxen ernannte Omniarch, als Herrscher der Welt, seinen Sitz
dort nehmen. Worin aber das Herrscheramt dieses Omniarchen besteht,
ist schwer zu sagen, darber giebt Fourier keine Auskunft. Mit der
Zahl von vier Milliarden ist das Maximum der Bevlkerungsziffer
erreicht; denn wenn die Menschen sich anfangs stark vermehrten, so
lt die Fruchtbarkeit des Geschlechts allmlig und namentlich in
dem Mae nach, wie neben den Mnnern insbesondere auch die Frauen
grer und strker werden, ihre geistige und krperliche
Entwicklung und die opulente Lebensweise zunimmt. Fourier glaubt,
schon jetzt in unserer Gesellschaft die Beobachtung gemacht zu
haben, da Frauen von groer Krperkraft und Krperflle und
hherer geistiger Entwicklung und in gnstigen materiellen
Verhltnissen lebend, weniger Kinder gebren, als solche von
schwchlicher, magerer Konstitution, so da Erstere hufig sogar
unfruchtbar seien.

Aehnliche Umgestaltungen und Vernderungen, wie auf unserm Globus,
vollziehen sich auf allen brigen Planeten und geben dem Menschen
die Gewhr, da er auch nach seinem Tode auf der Erde in
ungemessenen Zeitrumen von einem zum andern Planeten wandert, von
denen immer einer vollkommener als der andere ist und immer hhere
Gensse dem Menschen in Aussicht stellt. Ganze Planetensysteme
werden sich noch bilden, um in der Sternenwelt dieselbe Harmonie,
das obere Klavier (clavier majeur) herzustellen, wie diese
Harmonie auf der Erde in dem Klavier der menschlichen Seele, das
810 Charaktereigenschaften aufweist, sich hergestellt hat. Das
Charakteristische in allen diesen Auseinandersetzungen Fourier's
sind die bestimmten mathematischen Verhltnisse und die Analogien,
mit denen er rechnet. Alles drckt sich bei ihm in bestimmten
Zahlen aus. Alle Lebensuerungen und Erscheinungen in der Welt
lassen sich in bestimmten mathematischen Zahlenverhltnissen zum
Ausdruck bringen. Fourier steht hier ganz auf dem Boden des
Pythagoras (540-500 vor unserer Zeitrechnung), der bekanntlich eine
Philosophie der Zahlenlehre fr alle Erscheinungen begrndete.

Ebenso sieht Fourier berall Analogien; jede unserer Pflanzen,
jedes Thier entspricht irgend einem Menschencharakter, dabei kommt
er zu ergtzlichen Vergleichen. Ferner entsprechen die 32 Zhne des
Menschen den 32 Entwicklungsperioden der Menschheit und den 32
Planeten unseres Planetensystems, die nach ihm dieses zhlen mu.

Die phantastischen Spekulationen Fourier's ber die Entwicklung von
Menschen und Welt waren es, die ihm im spottschtigen Frankreich am
meisten schadeten. Spter gab er auch diesen Theil seiner Ansichten
ausdrcklich preis, sich damit entschuldigend, da im Jahre 1808
seine Kenntnisse und Entdeckungen noch sehr mangelhaft gewesen
seien, da er fr das Studium auf die Nchte angewiesen gewesen sei
und er manche ihm nthige Wissenschaft habe vernachlssigen mssen.
Im Uebrigen aber htten, meinte er, diese seine kosmogenetischen
Ansichten mit seinem eigentlichen sozialen System nichts zu thun
und schdigten und berhrten dieses eben so wenig, als die
Trumereien Newton's ber die Auslegung der Apokalypse dessen
Entdeckung ber die Attraktion und Gravitation der Weltkrper
geschdigt und berhrt habe. Ueberdies erlebte Fourier die
Erfindung und Anwendung des Dampfschiffs und der Eisenbahnen, und
damit war fr ihn handgreiflich der Beweis geliefert, da die
Menschheit nunmehr mit einer Schnelligkeit Meere zu durchschneiden
und Lnder zu durcheilen vermochte, da sie den Anti-Hai des Meeres
und den Anti-Lwen des Landes sehr wohl entbehren konnte. Wer hatte
berhaupt zu Anfang dieses Jahrhunderts von bedeutenden Mnnern
keine Trumereien? Schiller in seinen Rubern, Gthe in seinen
Wilhelm Meister's Lehr- und Wanderjahren, Fichte in seinem
geschlossenen Handelsstaat malten die Welt auch ganz anders, als
sie der groen Mehrzahl der gleichzeitig mit ihnen lebenden
vernnftigen Leute sich darstellte. Geniale Menschen haben das
Recht, zu trumen, sie helfen mit ihren Trumen der Menschheit
mehr, als der groe Tro des Philisterthums mit seinen
vernnftigen Gedanken.

Wir wiederholen, man darf nie einen Mann und seine Geistesprodukte
mit dem Mastab einer _spteren_ Zeit messen. Wie jeder Mensch, der
bedeutendste wie der geringste, das Kind seiner Zeit ist, so wird
er auch ber seine Zeit nicht hinaus knnen; er kann der
Vorgeschrittenste in ihr sein, auer ihr steht er nicht. Eine
bewute Arbeiterklasse gab es zu Anfang dieses Jahrhunderts nicht,
konnte es nicht geben; die moderne, industrielle Arbeiterklasse war
erst im Entstehen, und so weit die Arbeiter am ffentlichen Leben
sich betheiligten und sich dafr interessirten, bildeten sie die
Gefolgschaft der Bourgeoisie, wie sie dies in Deutschland im Anfang
der sechziger Jahre noch waren. In Frankreich lagen damals die
Verhltnisse noch ganz anders. Die Ideen der groen Revolution
besaen noch einen Glanz und hatten einen Enthusiasmus in den
Massen verbreitet, der lange und tief nachwirkte.

Warum jene glnzenden Ideen der brgerlichen Ideologen in der
Revolution sich nicht verwirklicht hatten, nicht verwirklichen
konnten, erwhnten wir schon. Dazu kam, da die napoleonischen
Kriege Frankreich unausgesetzt in Athem hielten und die ffentliche
Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen. Ueberdies hatten zu jener
Periode die Arbeiter in Frankreich ihre goldene Zeit. Durch das
bereits erwhnte gegen England gerichtete vollstndige
Abschlieungssystem und die damit treibhausartig gezchtete
Groindustrie -- Zuckerfabrikation, Baumwollenfabrikation,
Seidenindustrie etc. -- in Verbindung mit der fortgesetzten
Hinopferung von Hunderttausenden der besten Krfte im Mannesalter,
in den ununterbrochenen Kriegen, war die Nachfrage nach Arbeitern
gro, die Lhne standen hoch und die Arbeiter lernten erst jetzt
eine Menge Bedrfnisse kennen und befriedigen, von denen sie frher
keine Ahnung hatten. Da bekmmerten sie sich nicht um neue soziale
Theorien, namentlich wenn diese ihnen in so fremder, schwer
verbindlicher und unverdaulicher Form geboten wurden, wie sie
Fourier's erstes Hauptwerk enthielt. Fourier ist berhaupt schwer
verstndlich, es mangelt ihm die logische Zusammenfassung und die
klare Ausdrucksweise. Daneben hat er sich eine Nomenklatur gebildet
und wendet diese mit Vorliebe an, die eine Verdeutlichung sehr
schwer, manchmal fast unmglich macht.

Als nach Beendigung der napoleonischen Kriege und nach der
Beseitigung Napoleon's Frankreich anfing, sich wieder mit sich
selbst zu beschftigen, traten andere Erscheinungen in den
Vordergrund, die das allgemeine Interesse in Anspruch nahmen.
Gleichzeitig mit den Bourbonen und unter dem Schutz der Bayonette
der heiligen Allianz war ein ganzes Heer ehemals emigrirter Pfaffen
und Adeliger mit ihrer Nachkommenschaft eingerckt, die jetzt wie
ein Schwarm Heuschrecken sich ber das Land ergossen, Ersatz fr
das einst Verlorene, Belohnung und Vergeltung fr das meist sehr
zweifelhaft Geleistete aus ffentlichen Mitteln verlangten, und
nach mglichster Wiederherstellung der Zustnde des ancien regime
sich sehnten und dazu drngten. Zwar hatte schon Napoleon versucht,
seinen Frieden mit den alten Stnden zu machen; er hatte neben dem
alten einen neuen Adel kreirt, weil er einsah, da er seinen neu
gezimmerten Thron nicht ohne solche Sttzen auf die Lnge zu halten
vermochte, und mit dem Papst hatte er sich auch verstndigt. Aber
es war doch nur ein kleiner Theil des Adels, der von Napoleon
befriedigt war, und der Herr und Meister zwang diesen Adel zur
Bescheidenheit. Das wurde nach 1815 anders. Jetzt brach der alte
Adel in Schaaren in das Land, er hielt den Tag der Ernte nach so
langer Entbehrung fr gekommen. Die reaktionren Strebungen kamen
berall zum Vorschein. Eine Reihe von Jahren lie sich das
niedergetretene Frankreich diesen Zustand gefallen, dann aber
ermannte es sich allmlig. Die Bourgeoisie, die sich in erster
Stelle zurckgedrngt und beunruhigt sah, wurde oppositionell, und
Alles, was von den Ideen der groen Revolution erfllt war, noch
voll Begeisterung und Enthusiasmus glhte, erhob sich zum Kampf,
der schlielich in dem Sturz der Bourbonen in der Julirevolution
zunchst sein Ende fand. Aber spter dauerten die Kmpfe fort und
fhrten namentlich zur Grndung der geheimen revolutionren
Gesellschaften, an denen auch die Arbeiter in strkerem Mae sich
betheiligten. Das war keine Strmung, die den auf Ausshnung und
Ausgleichung der Gegenstze gerichteten Bestrebungen Fourier's
gnstig war. Dazu kam noch eine gewisse Zurckhaltung seinerseits,
er blieb den politischen Kmpfen vollstndig fern, seine Natur war
nicht fr die ffentliche Propaganda und die Agitation gemacht.

Die Aufnahme, die Fourier's erstes Werk: Die Theorie der vier
Bewegungen, gefunden hatte, war nicht sehr ermunternd. Das Buch
fand geringen Absatz und Fourier's Mittel waren erschpft. Eine
kleine Hlse, die ihn vor dem Mangel schtzte, erhielt er durch ein
Legat seiner Mutter, die 1812 starb, ein Legat, das ihm jhrlich
900 Franken einbrachte. Bis zum Jahre 1816 arbeitete er in
verschiedenen kaufmnnischen Stellungen, dann zog er sich auf's
Land zurck und widmete sich fnf Jahre gnzlich seinen Studien und
Berechnungen. Endlich, im Jahre 1822, erschien sein umfnglichstes
Werk: Die Theorie der universellen Einheit, zwei starke Bnde
umfassend, bei dessen Herausgabe ihn namentlich sein Freund und
Anhnger Just Muiron, der als stdtischer Beamter in Besanon lebte
und in leidlichen materiellen Verhltnissen war, untersttzte. Bei
der zweiten Herausgabe (1842) wurde dem Werke die ein Jahr nach
seiner ersten Herausgabe geschriebene Abhandlung: Summarisches
eingefgt und das Ganze unter dem ersterwhnten Titel in vier
Bnden herausgegeben. Bei der ersten Ausgabe fhrte das Werk den
Titel: Abhandlung ber die hauswirthschaftlich-landwirthschaftliche
Assoziation, obgleich Fourier ihm den spteren Titel von vornherein
zugedacht, ihn aber durch den zweiten ersetzt hatte, weil damals
die erschreckte ffentliche Meinung gegen die allgemeinen Systeme
eingenommen gewesen sei. In diesem Werk begrndet Fourier in der
ausfhrlichsten Weise alle die in seinem ersten Werk aufgestellten
Postulate, sie hier und da in Folge genauerer Studien und
Berechnungen richtig stellend. Einen erheblichen Theil des Werkes
bilden philosophische Abhandlungen scharf polemischer Natur -- in
der Polemik war er berhaupt Meister -- in denen er die Systeme der
Gegner angriff und die gegen ihn gerichteten Angriffe mit viel Witz
und Satyre zurckwies.

Im Jahre 1829 erschien eine weitere Arbeit Fourier's unter dem
Titel: Die industrielle und sozietre Neue Welt. (Le Nouveau
Monde industriel et socitaire.) Dieses Werk umfat einen Band und
ist von allen Schriften Fourier's das prziseste und am klarsten
geschriebene; es vermeidet mglichst die spekulativen und
kosmogenetischen Trumereien, befat sich dagegen um so mehr mit
allen praktischen Fragen seines Systems; es kann als die
eigentliche Quintessenz seiner Theorien angesehen werden. Wer sich
ber Fourier's Ideen gengend orientiren will, ohne die fnf ersten
Bnde zu studiren, wird in Der industriellen und sozietren Neuen
Welt alles Wnschbare finden. Sieben Jahre spter erschien
abermals eine grere Arbeit von ihm unter dem Titeln Falsche
Industrie. Aber dieses Buch enthlt keine irgendwie neuen Ideen,
noch weniger zeichnet es sich durch Uebersichtlichkeit aus, es ist
die letzte, aber auch geringwerthigste seiner greren
Abhandlungen. Neben diesen greren Schriften erschienen von ihm
eine Menge Aufstze ber die verschiedensten Fragen, die spter
ebenfalls gesammelt und von seinen Anhngern herausgegeben wurden.

Allmlig hatte sich eine kleine Anhngerzahl um Fourier geschaart.
Neben dem bereits erwhnten, ihm sehr ergebenen Muiron war es
Victor Considrant, der als junger Mann und als Zgling der
Ingenieurschule zu Metz mit Feuereifer sich seinen Ideen hingab,
unter seinen militrischen Genossen fr dieselben Propaganda machte
und auch spter Fourier treu blieb, als er in der militrischen
Karrire bis zum Hauptmann des Geniekorps emporstieg, noch spter
Mitglied des Generalraths der Seine und Volksvertreter wurde.
Considrant wurde das eigentliche Haupt der Schule, der Paulus des
Fourierismus, der in Wort und Schrift unermdlich fr ihn wirkte.
Doch da wir die ausschlieliche Aufgabe haben, uns mit dem Wirken
Fourier's zu beschftigen, knnen wir nicht ausfhrlicher auf die
Thtigkeit der Schule eingehen. Die Zahl ihrer schriftstellerischen
Krfte, und dem entsprechend auch die Zahl ihrer Schriften, wurde
im Laufe der Jahre eine sehr bedeutende, doch hat sie nie einen
groen Massenanhang gewonnen; sie hatte, wie die meisten der
sozialistischen Schulen in Frankreich, ihre Hauptsttzen in den
jugendlichen Kreisen der Gebildeten. Schriftsteller, Advokaten,
Offiziere, Aerzte, Knstler bildeten den Kern. Im Jahre 1832 gelang
es Kurier und seinen Schlern, eine Zeitschrift fr die Verbreitung
ihrer Lehren zu grnden, die unter dem Titel: La Reforme
industrielle ou le Phalanstre (Die industrielle Reform oder das
Phalansterium) bis zum Jahre 1833 in zwei Bnden gro Oktav
erschien, dann aber einging. Eine neue Zeitschrift erschien 1836
unter dem Titel: La Phalange, journal de la science social (Die
Phalanx, Zeitschrift fr die soziale Wissenschaft), welche in den
Jahren 1836-1840 zwei bis drei Mal im Monat herauskam. Von
1840-1843 erschien sie wchentlich drei Mal und ging 1843 in ein
Tageblatt ber unter dem Titel: Democratie pacifique (Friedliche
Demokratie).

Fourier betheiligte sich bei diesen Zeitschriften
schriftstellerisch sehr eifrig und leistete zahlreiche Beitrge.
Auerdem fhrte er auch den Kampf in der brigen Presse, so weit
diese seine Arbeiten aufnahm. Gegen Ende der zwanziger Jahre war er
dauernd nach Paris bergesiedelt. Er hatte eingesehen, da wenn er
fr seine Theorien mit Erfolg wirken wollte, er mitten in dem
Zentralpunkt des ffentlichen Lebens von Frankreich sein mute. Er
hatte den durch die Zentralisation des Landes begrndeten mchtigen
Einflu von Paris auf Frankreich fr dessen ganzes ffentliches,
wissenschaftliches, knstlerisches Leben entschieden bekmpft, ein
Einflu, der dazu fhre, da die grten Stdte Frankreichs, wie
Lyon, Bordeaux, Rouen u.s.w., in Bezug auf geistiges und
knstlerisches Leben reine Landgemeinden seien und bei der in
Deutschland herrschenden Dezentralisation von weit kleineren
Stdten, wie Weimar, Stuttgart, Gotha oder jeder beliebigen
deutschen Universittsstadt, berflgelt wrden. Fourier
beurtheilte berhaupt Paris, Frankreich und den Charakter seiner
Landsleute im guten wie im schlimmen Sinne wie wenige seiner
Zeitgenossen. Das war die Frucht seiner auerordentlichen scharfen
Beobachtungsgabe. Aber der zentralisirenden Wirkung und dem Einflu
von Paris konnte er sich natrlich als Einzelner und als Mann, der
auf seine Zeitgenossen wirken wollte, nicht entziehen, und so
whlte er es zum Schauplatz seiner Thtigkeit. Da ist es denn fr
den Mann und den festen Glauben an sein System charakteristisch,
da whrend der letzten zehn Jahre, die er bis zu seinem am 9.
Oktober 1837 in Paris erfolgten Tode verlebte, er Tag fr Tag in
der Mittagsstunde in seiner Wohnung den Kandidaten[4] erwartete,
der ihm die Mittel fr die Grndung einer Versuchsphalanx zur
Verfgung stellen sollte. Vergeblich! Dagegen wurde im Jahre 1832
aus der Mitte seiner Anhnger heraus der Versuch, eine Phalanx zu
grnden, gemacht, indem Einer derselben in der Nhe von Rambouillet
500 Hektaren Land fr diesen Zweck zur Verfgung stellte. Aber man
kam ber die ersten Versuche nicht hinaus, weil die Mittel sehr
bald ausgingen, ein Resultat, das Fourier bis an sein Lebensende
mit begreiflicher Bitterkeit erfllte.

[Funote 4: Fourier bezeichnete Diejenigen, die nach seiner
Meinung die Mittel fr die Versuchsphalanx besen, als Kandidaten
und berechnete, da es solcher 4000 in Europa gbe.]

       *       *       *       *       *

Hiermit haben wir in der Hauptsache den Lebenslauf des Begrnders
des Phalanstren-Systems dargelegt, wie in einigen Hauptpunkten
seine Grundgedanken entwickelt, und die Zeitverhltnisse kurz
geschildert, unter welchen er sich Geltung zu verschaffen suchte.
Es handelt sich nunmehr darum, sein System und seine Auffassungen
nach seinen eigenen Ausfhrungen, wenn auch nur in knappster Form,
zum Ausdruck zu bringen.

Seine Schler haben im Jahre 1848 ein zweibndiges Sammelwerk
herausgegeben, in dem sie unter dem Titel: Die universelle
Harmonie und das Phalansterium (L'harmonie Universelle et le
Phalanstre) eine Uebersicht der Theorien Fourier's gaben, worin
ausschlielich er selbst zum Wort kommt. Dieses Werk haben wir
theilweise fr Nachstehendes mit zu Grunde gelegt. Fourier beginnt:

Ich dachte an nichts weniger, als an Untersuchungen ber die
Bestimmung von Mensch und Welt, ich theilte die allgemeine Ansicht,
welche sie als undurchdringlich ansah und ihre Berechnung unter die
Visionen der Astrologen und Magiker reihte ... Seitdem die
Philosophen[5] in ihrem ersten Versuch (in der franzsischen
Revolution) den Beweis ihrer Unerfahrenheit geliefert haben,
betrachtet Jeder ihre Wissenschaft als fr immer abgethan. Die
Strme von politischer und moralischer Aufklrung erscheinen nur
mehr als Illusionen. Nachdem diese Gelehrten seit fnfundzwanzig
Jahrhunderten ihre Theorien vervollkommnet, alles alte und neue
Wissen zusammengetragen haben, zeigt sich, da sie uns statt der
versprochenen Wohlthaten eben so viel Kalamitten verschafften und
da die Zivilisation zur Barbarei neigt. Nach der Katastrophe von
1793 gab es keinerlei Glck von den erworbenen Aufklrungen mehr zu
hoffen, man mute das soziale Wohl durch eine neue Wissenschaft zu
verwirklichen suchen. Solcher Art war die erste Betrachtung, welche
mich die Existenz einer bisher noch unbekannten sozialen
Wissenschaft vermuthen lie und mich anregte, ihre Entdeckung zu
versuchen. Ich ward dazu ermuthigt durch zahlreiche Merkmale, die
Verirrungen der Vernunft und hauptschlich durch den Anblick der
schweren Geiseln, von denen unsere sozialen Zustnde betroffen
sind: Mangel, Entbehrungen, berall herrschender Betrug,
Seeruberei, Handelsmonopol, Sklavenhandel und viele andere Uebel.
Ich gab dem Zweifel statt, ob dieser soziale Zustand nicht eine von
Gott erfundene Kalamitt sei, um das Menschengeschlecht zu
zchtigen. Ich schlo, da in diesem sozialen Zustand eine
Umkehrung der natrlichen Ordnung vorhanden sei. Endlich dachte
ich, wenn die menschliche Gesellschaft nach der Ansicht
Montesquieu's 'von einer Krankheit der Entkrftung, einem inneren
Uebel, einem geheimen versteckten Gift' behaftet sei, man ein
Heilmittel finden knne, wenn man die von unseren Philosophen
bisher innegehaltenen Wege vermeide. So machte ich zur Regel meiner
Untersuchungen: _den absoluten Zweifel und die absolute Vermeidung
bisher beschrittener Wege_ ... Da ich bisher keinerlei Beziehungen
zu irgend einer wissenschaftlichen Partei hatte, so war es mir um
so leichter, den Zweifel unterschiedslos anzuwenden und Ansichten
mit Mitrauen zu begegnen, die bisher universelle Zustimmung
gefunden hatten. Was konnte es Unvollkommeneres geben, als diese
Zivilisation mit allen ihren Uebeln? Was war _zweifelhafter, als
ihre Nothwendigkeit und knftige Dauer_? Wenn vor ihr schon drei
andere Gesellschaften bestanden, die Wildheit, das Patriarchat und
die Barbarei, folgte daraus, da sie die letzte sei, weil sie die
vierte ist? Kann nicht noch eine fnfte, sechste, siebente soziale
Ordnung entstehen, die weniger verhngnivoll sind, als die
Zivilisation, die aber noch unbekannt sind, weil Niemand sich die
Mhe gab, sie zu entdecken? Man mu also die Nothwendigkeit,
Vortrefflichkeit und stetige Dauer der Zivilisation in Zweifel
stellen. Das haben die Philosophen nicht gewagt, weil sonst die
Nichtigkeit ihrer bisherigen Theorien, die alle die Zivilisation
verherrlichen, an den Tag kommen wrde.

[Funote 5: Unter den Philosophen begreife ich, sagt Fourier an
einer Stelle, nur die Autoren der unsicheren Wissenschaften
(sciences incertaines), die Politiker, Moralisten, Oekonomisten
und Methaphysiker, deren Theorien nicht auf der Erfahrung beruhen,
sondern nur die Phantasie ihrer Urheber zur Basis haben. Wenn ich
also von Philosophen spreche, spreche ich nur von dieser
zweifelhaften Klasse, nicht von den Vertretern der bestimmten
Wissenschaften (sciences fixes). Fourier ging von der Ansicht
aus, da die franzsische Revolution nur ein Werk der Philosophen
sei.]

In diesen wenigen Stzen steckt bereits die Utopie, von der er und
alle Seinesgleichen ausgingen. Der bestehende Zustand ist schlecht,
kein Zweifel, aber er wird nur festgehalten, weil man keinen
besseren kennt. Machen wir uns also an die Arbeit, erfinden wir
einen besseren und dem Uebel ist geholfen. Doch sollte nach Fourier
diese neue Gesellschaft keine willkrlich erfundene sein, sie
sollte auf bestimmten mathematischen Berechnungen beruhen, und
stimmten diese Rechnungen, und das entschied natrlich er selbst,
so war der neue Zustand gegeben, und es hing nur von dem eignen
Entschlu der Gesellschaft ab, ihren sozialen Zustand wie ein Paar
Handschuhe zu wechseln, ruhig, friedlich, ohne Kampf und ohne
Reibung. Denn wo Allen das Glck blht, wie kann da Jemand zaudern?

Er entschlo sich also, Alles zu bezweifeln, doch dachte er noch
nicht an die Bestimmungen. Er verfiel zunchst, wie er sagt, auf
zwei sehr gewhnliche Probleme, deren beide Prinzipien waren die
Ackerbaugesellschaft (association agricole) und die indirecte
Unterdrckung des Handelsmonopols der Insularen, der Englnder.

England sah bekanntlich in dem Aufschwung Frankreichs nach der
franzsischen Revolution einen gefhrlichen Konkurrenten entstehen,
dazu kam die Befrchtung wegen der Rckwirkung der revolutionren
Ideen auf die eigene Bevlkerung und, wie schon bemerkt, der Ha,
da Frankreich die Unabhngigkeitsmachung seiner nordamerikanischen
Kolonien, der spteren Vereinigten Staaten, untersttzt hatte. Mit
seiner Seemacht beherrschte England alle Meere und den ganzen
Handel, und bei dem Widerwillen, den Fourier in der eignen Praxis
gegen den Handel eingesogen hatte, mute sich dieser Widerwille
auch auf die grte Handelsmacht, die, wie er behauptete, alle
diese perfiden Handelsdoktrinen nicht blos vertrat, sondern auch
erzeugt hatte, wenden. Zunchst beschftigte er sich mit der
lndlichen Assoziation, und ber dem Nachdenken ber ihre
Organisation kam er auf die Theorie der Bestimmungen. Die Lsung
dieses Problems fhrt, nach ihm, zur Lsung aller politischen
Probleme. Die Philosophen hielten die Ackerbaugenossenschaft fr
ebenso unmglich, wie die Abschaffung der Sklaverei, weil die
Genossenschaft bisher nie existirte. Sehend, da bei dem
Dorfbewohner jede Haushaltung auf eigene Faust arbeitet, kannten
sie keine Mittel, sie zu vereinigen, und doch wrden unzhlige
Verbesserungen daraus entstehen, wenn man die Bewohner jedes
Fleckens zu gemeinsamer Thtigkeit vereinigen knne, proportional
ihrem Kapital und ihrer Thtigkeit. Also 2-300 Familien, ungleich
an Vermgen, die einen Bezirk (canton) kultivirten. Das Hinderni
schien enorm. Man kann kaum 20, 30, 40 Individuen zu gemeinsamer
Thtigkeit verbinden, wie hunderte? Und doch wren mindestens
achthundert nthig fr eine natrliche und ihre Mitglieder
anziehende Assoziation.

Ich verstehe darunter, sagt er, eine Gesellschaft, deren
Mitglieder durch Wetteifer und Eigenliebe und andere Mittel, die
mit dem Interesse vertrglich, an die Arbeit gefesselt sind. Die
Ordnung, um die es sich handelt, mu fr die, welche sie ben,
anziehend sein, whrend heute die Beschftigung mit der
Landwirthschaft widerwrtig erscheint und nur ausgebt wird aus
Furcht, Hungers zu sterben. Eine solche Organisation erscheint
lcherlich, und doch ist sie mglich. Die landwirthschaftliche
Assoziation, die, wie ich unterstelle, an tausend Personen umfat,
liefert so enorme Vortheile, da sie im Vergleich zum heutigen
Zustand als Zustand der Sorglosigkeit erscheint. Das hat selbst ein
Theil der Oekonomen zugestanden, nur haben sie sich nicht die Mhe
gegeben, die Ausfhrungsweise zu entdecken. Sie erkennen selbst an,
da z.B. dreihundert Dorffamilien nur einen einzigen, sorgfltig
erbauten und eingerichteten Kornboden wrden nthig haben, anstatt
300 meist sehr schlechter; eine einzige Kellerei (fr den Wein)
anstatt 300 derselben, die meist mit vollstndiger Unkenntni
behandelt werden. Statt da hundert Boten mit Milch nach der Stadt
gehen und hundert halbe Tage versumen, wrde ein einziger gengen,
der mit einem Wagen fhrt. Das sind nur einige von den zunchst in
die Augen fallenden Ersparnissen, und sie wrden sich
verzwanzigfachen lassen. Aber wie eine Gesellschaft verschmelzen,
in der die eine Familie 10.000 Franken, die andere keinen Obolus
besitzt? Wie alle die Eiferschteleien vermeiden und zu _einem_
Plan die Interessen verbinden? Wie ausshnen so viel
widerstreitende Interessen und so viel entgegenstrebende Willen
vershnen? Darauf antworte ich: durch die Lockung von Reichthum und
Vermgen. Der strkste Trieb fr den Landmann wie fr den Stdter
ist der Gewinn. Wenn die Betheiligten sehen, da die sozietr
organisirte Arbeit ihnen drei-, fnf-, sechsmal mehr Vortheile
einbringt, als in der isolirten Privatwirthschaft, da allen
Assoziirten die verschiedensten Gensse gesichert sind, so werden
sie alle ihre Eiferschteleien vergessen und sich beeilen, der
Assoziation beizutreten; sie wird sich rasch ber alle Regionen
ausbreiten, denn berall haben die Menschen den Trieb nach
Reichthum und Genssen.

Wenn die Gtter allen Sterblichen drei Wnsche auszusprechen
gestatteten, welches wrden die einstimmigsten Wnsche sein, die
der Gelehrten eingeschlossen: Reichthum, Gesundheit und Langlebigkeit;
und damit wre der vierte Wunsch eingeschlossen: gengend Klugheit,
um diese Gter entsprechend zu benutzen, so definirt er an einer
andern Stelle das Streben der Menschen.

Die landwirthschaftliche Assoziation wird also das Schicksal des
Menschengeschlechts ndern, weil sie den Allen gemeinsamen Trieben
Rechnung trgt. Wilde und Barbaren werden sich ihr anschlieen, da
die Triebe berall die gleichen sind. Dieser neuen Organisation
gebe ich drei Namen: progressive Serien (Reihen) oder Serien von
Gruppen, Serien der Triebe. Ich verstehe unter der Bezeichnung
Serie einen Zusammenhang mehrerer assoziirter Gruppen, welche sich
den verschiedenen Zweigen ein und derselben Industrie -- das Wort
Industrie bedeutet bei Fourier jede ntzliche, menschliche
Bethtigung -- oder ein und desselben Triebes sich widmen.

Die Theorie von den Serien der Triebe ist nicht willkrlich
eingebildet, wie unsere sozialen Theorien. Die Ordnung der Serien
ist in allen Stcken analog den geometrischen Serien aller unserer
Eigenschaften, wie das Gleichgewicht der Rivalitten zwischen den
extremen und den mittleren Gruppen vorhanden ist. Die Triebe
harmonisiren sich, je mehr sie sich in den Serien der Gruppen
regelmig entwickeln; auerhalb dieses Mechanismus sind sie
entfesselte Tiger, unbegreifliche Rthsel, darum verlangen die
Philosophen, da man die Triebe (das Wort Triebe ist auch stets im
Sinne von Leidenschaften, passions, zu verstehen. Anmerk. des
Verf.) unterdrcken msse. Das ist eine doppelte Absurditt. Man
kann die Triebe nicht anders als durch Gewalt unterdrcken, oder
dadurch, da sie sich gegenseitig aufzehren. Unterdrckt man sie
aber, so mu der zivilisirte Zustand rasch in Verfall gerathen und
in das Nomadenthum zurckfallen. Ich glaube weder an die Tugend der
Hirten, noch an diejenige ihrer Apologeten.[6]

[Funote 6: Ein Hieb gegen Jean Jacques Rousseau und seine
Verehrer, die den Naturzustand als den glcklichsten,
tugendhaftesten Zustand priesen und im Hirtenleben eine Art Ideal
sahen. Jahrzehnte vorher schon spielte die feudale Gesellschaft in
ganz Europa, der franzsischen Hofgesellschaft nachffend, ihre
idyllischen Schferspiele, wobei aber regelmig die Wolfsnaturen
zum Vorschein kamen. Der Verfasser.]

Die sozietre Ordnung wird der Zivilisation folgen, aber sie lt
weder Migung noch Gleichheit, noch andere Gesichtspunkte der
Philosophen zu; je glhender und geluterter die Triebe, je
lebhafter und zahlreicher sie sind, um so leichter wird die
Assoziation sich bilden. Man soll nicht die Natur der Triebe, die
Gott dem Menschen gegeben hat, ndern, man soll ihnen nur die
rechte Richtung geben. Meine Theorie beschrnkt sich auf die
ntzliche Anwendung der Triebe, wie die Natur sie giebt und ohne
sie zu ndern. Darin besteht das ganze Geheimni von der Berechnung
ber die Attraktionen der Triebe. Man streitet nicht, ob Gott Recht
oder Unrecht hatte, da er dem Menschen so oder so die Triebe
schenkte, die sozietre Ordnung wendet sie an, wie Gott sie gab,
ohne etwas daran zu ndern.

Wenn also in der sozietren Ordnung die Geschmcker sich ndern,
so z.B., da die Menschen das Landleben der Stadt vorziehen, so
ndert sich _nur_ der Geschmack, nicht die Triebe. Die Liebe zum
Reichthum und fr die Vergngungen bleibt immer. Die Zivilisirten
werden ber den neuen Sozialzustand ganz anders urtheilen, sobald
sie sehen, da z.B. die Kinder, die heute nur schreien und sich
zanken, Alles zerbrechen und sich zu beschftigen weigern, in der
Serie von Gruppen sich nur mit ntzlichen Arbeiten aller Art
beschftigen, unter sich in Wetteifer gerathen, ohne da man sie
dazu anreizt; da sie sich gegenseitig aus freiem Willen ber die
Kulturen, die industriellen Beschftigungen, die Knste und
Wissenschaften belehren, also da sie erzeugen und Vortheile
schaffen, indem sie sich zu ergtzen glauben. Wenn ferner die
Zivilisirten sehen, da man in einer Phalanx fr ein Drittheil der
Kosten ein viel besseres Mahl erhlt, als in der Privatwirthschaft;
da man in der Serie dreimal angenehmer, reichlicher bedient ist;
da man dreimal besser sich nhrt und dreimal weniger ausgiebt, als
in der alten Ordnung und dabei all' die Unannehmlichkeiten und
Verlegenheiten fr die Vorbereitungen und Anschaffungen erspart;
wenn ferner bewiesen wird, da die Beziehungen in der Serie
keinerlei Tuschungen zulassen; da bei dem Volk, heute so
ungeschliffen und falsch, die Wahrheit und Gesittung einkehren
wird; wenn das Alles die Zivilisirten sehen, so werden sie einen
Abscheu vor ihrem jetzigen Zustand bekommen, sie werden sich
beeilen, in die Assoziation einzutreten und ihr Gebude zu
errichten.

Fourier geht nun dazu ber, darzulegen, wie er zu der neuen
Wissenschaft gekommen sei. Das Erste, was ich entdeckte, war die
Anziehung der Triebe. Ich erkannte, da die fortschreitenden Serien
den Trieben der beiden Geschlechter, den verschiedenen Lebensaltern
und Klassen die volle Entwicklung sichern, da in der neuen Ordnung
man um so mehr Kraft und Vermgen erlangen werde, je mehr Triebe
man habe und schlo, da, _wenn Gott so viel Einflu_ der
_Anziehung der Triebe gegeben_ und _so wenig Einflu der Vernunft,
ihrem Feinde_, dieses geschehen sei, um uns zur Organisation der
fortschreitenden Serien zu fhren, welche in jedem Sinne die
Anziehung befriedigen ... Die Sophisten glauben das Problem, das
daraus entsteht, da unsere Triebe scheinbar mit unserer Vernunft
im Widerspruch stehen, dadurch zu erklren, da sie sagen: Gott gab
die Vernunft, damit wir den Trieben widerstehen. Es ist aber
sicher, da er sie dazu _nicht_ gab. Will man die Vernunft der
Anziehung der Triebe gegenberstellen, so ist dies selbst von
Seiten der Verherrlicher der Vernunft ein ohnmchtiges Beginnen;
die Vernunft hat _nie_ Bedeutung, sobald es sich darum handelt,
unsere Neigungen zu unterdrcken. Die Kinder werden nur durch
Furcht, junge Leuten nur durch Mangel an Geld zurckgehalten, ihren
Neigungen zu frhnen. Das Volk wird durch die Zurstungen fr
Strafen, das Alter durch verschlagene Berechnungen, welche die
wilden Leidenschaften des Jugendalters aufsaugen, zurckgehalten,
aber Niemand durch die Vernunft, die ohne Zwangsmittel nichts gegen
die Leidenschaften vermag.

Die Vernunft ist also ohne irgend welchen Einflu, und je mehr man
den Menschen beobachtet, um so mehr gewahrt man, da Alles in ihm
auf Attraktion beruht. Der Mensch hrt nur insofern auf seine
Vernunft, als sie ihn lehrt, die Gensse zu raffiniren und damit
die Attraktion um so mehr zu befriedigen. Gott hat also die
Vernunft dem Menschen nur gegeben, damit sie ihm hilft, seine
Triebe zu verntzlichen, ihnen erst den rechten Aufschwung zu
verleihen.

Die Theorie der Anziehung und des Rckstoes der Triebe ist fixirt
und voll anwendbar auf die Theoreme der Geometrie und mu groer
Entwicklungen fhig sein. Ich erkannte bald, da die Gesetze der
Attraktion der Triebe in jedem Punkt den durch Newton und Leibnitz
angewandten Gesetzen der materiellen Anziehung konform seien und
_da es eine Einheit des Systems der Bewegung fr die materielle
und geistige Welt gebe_. Ich kam dann durch Untersuchungen zu der
Ueberzeugung, da die Analogie der allgemeinen Gesetze sich auf die
besonderen Gesetze ausdehne, da die Attraktion und die
Eigenschaften der Thiere, Pflanzen, Mineralien koordinirt seien
nach demselben Plan, wie diejenigen der Menschen und Gestirne. So
kam ich zu der neuen Wissenschaft: _der Analogie der vier
Bewegungen_, der materiellen, organischen, thierischen und
sozialen, oder zur Analogie der Modifikation der Materie mit der
mathematischen Theorie der Triebe des Menschen und der Thiere.[7]

[Funote 7: Spter nderte Fourier die Bezeichnung der Bewegungen
und erhhte sie, wie schon erwhnt wurde, auf fnf: 1. Die
materielle, welcher die Erde, 2. die organische, welcher das
Wasser, 3. die normale, welcher die Arome (Elektrizitt,
Magnetismus), 4. die instinktuellen, welcher die Luft, 5. die
soziale oder passionelle, welcher das Feuer entspricht. Die
eigentliche praktische Bedeutung dieser fnf Bewegungen oder
Antriebe wurde bereits weiter oben auseinandergesetzt.]

Das ist also das Gesetz, aus welchem Fourier sowohl die
Vernderungen in den sozialen Beziehungen der Menschen und der
Thiere, als auch die materiellen Vernderungen in der Natur des
Erdballs und der brigen Gestirne ableitete. So kam er zu seiner
Kosmogonie. Man sieht, sein Lehrgebude ist logisch, wenn es auch
auf falschem Grunde gebaut wurde. Jetzt, wo er die Theorie der
Anziehungen und die Einheit der vier Bewegungen entdeckt zu haben
glaubte, war ihm Alles klar; er begann im Zauberbuch der Natur zu
lesen. Er gelangte nunmehr auch, wie er ausfhrt, zur Berechnung
der Bestimmungen, d.h. er kannte nunmehr das fundamentale System,
durch das alle vergangenen, gegenwrtigen und zuknftigen Gesetze
geregelt werden. Jetzt sah er alle Fehler und Schnitzer, die der
bisherige Entwicklungsgang der Menschheit gemacht, und nun kannte
er auch die Heilmittel, die alle sozialen und physischen Uebel
beseitigten. Unter anderm auch die Pest, die Gicht, die Cholera,
das gelbe Fieber etc. Nun sind auch die Philosophen, die Plato, die
Seneka, die Rousseau, die Voltaire, diese Hauptvertreter der
zweifelhaften Wissenschaften, in ihrer ganzen Unzulnglichkeit
blosgestellt. Hat Voltaire nicht selbst in einem Augenblick der
Selbsterkenntni ausgerufen: O! welch' dicke Finsterni
verschleiert noch die Natur! Die Bibliotheken der Philosophen
sollen die erhabensten Wissenschaften bergen, und sie sind nur ein
demthigender Aufbewahrungsort fr Widersprche und Irrthmer. Die
neue sozietre Ordnung wird also um so glnzender sein, je lnger
sie bisher verzgert wurde, denn eigentlich htten sie schon die
Griechen im Zeitalter des Solon (639-559 vor unserer Zeitrechnung)
begrnden knnen, da ihr Luxus -- Fourier versteht hierunter die
gesammte materielle Entwicklung eines Zeitalters -- schon gengend
weit dazu vorgeschritten war; heute sei unser Luxus mindestens
doppelt so gro, als zur Zeit der Athener. Man trete jetzt mit um
so mehr Glanz in die neue Ordnung, als nunmehr erst die Frchte von
den Fortschritten in den physikalischen Wissenschaften, die das
achtzehnte Jahrhundert gebracht habe, und die bis in diese Tage
sehr unfruchtbar geblieben seien, gepflckt werden wrden.
Freilich, jetzt weise man noch seine Entdeckung zurck, aber sei es
nicht immer so gewesen? Ist nicht Columbus mit seiner Behauptung,
da es jenseits des Ozeans noch einen Erdtheil geben msse,
verlacht, verspottet, mit seiner Lehre selbst vom Papste verflucht
worden, obgleich dieser am meisten dabei interessirt war, weil er
neue Glubige unter seine Herrschaft bekam? Man sei im neunzehnten
Jahrhundert noch ebenso feindlich jeder neuen groen Entdeckung als
im fnfzehnten. Die Philosophen behaupteten, weil sie selbst nicht
den Schleier zu lpfen vermochten, die Natur sei ein mit einem
ehernen Schleier bedecktes Schreckbild, ein undurchdringliches
Heiligthum; warum habe denn Newton wenigstens eine Ecke dieses
Schleiers zu lpfen vermocht? Man sage auch, Gott sei nicht zu
erkennen. Der gesunde Sinn sage das Gegentheil, weil nichts
leichter sei. Das Alterthum habe den Schpfer travestirt, indem es
ihn unter einer Horde von 35.000 Gttern vermengte und verdeckte;
da sei es schwierig gewesen, seine Meinung zu studiren, ihn aus
dieser himmlischen Maskerade zu entwirren. Sokrates und Cicero
trennten sich von den Sottisen ihrer Zeit, sie bewunderten den
unbekannten Gott; Sokrates wurde ein Opfer seiner Ueberzeugung.
Heute sei dieser frhere Aberglaube berwunden, das Christenthum
fhrte uns zu gesunden Ideen zurck, es brachte den Glauben an
einen Gott. Wir haben jetzt einen Kompa, der uns den Weg zum
Studium der Natur zeigt.

Es sei nun wichtig, eine kleine Zahl von Charaktereigenschaften
Gottes zu kennen, deren Studium uns zu weiteren Schlssen fhre.
Dahin gehren: 1. die vollstndige Leitung der Bewegung; 2. die
Oekonomie der Spannkrfte; 3. die vertheilende Gerechtigkeit; 4.
die Universalitt der Vorsehung; 5. die Einheit des Systems.

Man sieht, Fourier macht sich allerdings die Arbeit leichter als
die Philosophen; die Existenz Gottes ist fr ihn unbestritten, er
setzt das Descartes'sche: Ich denke, also bin ich, einfach um in
den Satz: Die Welt ist da, also besteht Gott. Und ist einmal
dieser Gott als Weltschpfer anerkannt, so mu er natrlich auch
die ihm zugeschriebenen Eigenschaften haben, denn ohne diese
Eigenschaften wre er nicht Gott. Er fhrt nun weiter fort:

Wenn Gott der Leiter der Bewegung ist, der einzige Herr des
Weltalls und sein Schpfer, so hat er auch alle Theile des Weltalls
zu lenken, also auch die edelsten, die sozialen Beziehungen:
folglich ist die Regelung der menschlichen Gesellschaften das Werk
Gottes und nicht das der Menschen; und um nun unsere Gesellschaft
dem Glck zuzufhren, mssen wir das soziale Gesetz studiren, das
er fr sie gebildet hat. Mit andern Worten heit das: Gott ist
zwar der oberste Leiter der Geschicke und hat die Grundgesetze der
Bewegung fr die menschliche Gesellschaft zurechtgerichtet, aber da
er sich bei seinen vielen Geschften um die Details und ihre
Ausfhrung nicht kmmern kann, mu der Mensch sie entdecken und
ausfhren. Die Logik hinkt zwar etwas, aber Gott wird auf diese
Weise vollstndig deplazirt und es sind schlielich die Menschen,
die Alles allein besorgen; er hat die Allmacht Gottes und den
freien Willen des Menschen innerhalb der ihm von Gott berlassenen
Grenzen gerettet. Fourier kommt schlielich auf dasselbe hinaus,
was er den Philosophen vorwirft, sie htten die menschliche
Vernunft auf den ersten Rang und Gott auf den zweiten gesetzt.
Genau so schliet er ber den zweiten Punkt. Ist Gott der hchste
Verwalter der vorhandenen Spannkrfte, so kann er doch nur mit den
grten gesellschaftlichen Vereinigungen sich beschftigen, die
kleinsten, die Frage, wie die Familie, die Ehe zu organisiren sei,
ist Sache des Menschen. Das sind also wiederum sehr willkrliche,
ketzerische und im Grunde materialistische Gedanken.

Zum dritten Punkt bemerkt er: Im Schatten der vorhandenen sozialen
Gesetzgebung sieht man nicht, _da das Elend der Vlker mit dem
sozialen Fortschritt wchst_. Wir sehen die gefhrliche Wirkung in
dem Einflu des Handelsgutes, der dahin fhrt, die heie Zone mit
schwarzen Sklaven zu bedecken, die man ihrem Heimathlande entreit,
und die gemigte Zone mit weien Sklaven, die man in die
industriellen Bagnos treibt, wie dies heute in England sich
offenbart und in allen Lndern Nachahmung finden wird. Kann man
irgend welche Gerechtigkeit in einem Zustand der Dinge erblicken,
_wo der Fortschritt der Industrie selbst nicht einmal den Armen die
Arbeit garantirt_?

Die Universalitt der Vorsehung mu viertens sich nach ihm auf alle
Vlker, wilde wie zivilisirte, erstrecken. Das ganze zivilisirte
System, das die Wilden anzunehmen als wirklich Freie sich weigern,
widerspricht den Wnschen Gottes. Den Zustand, den wir ihnen
bieten, die agrikole Zerstckelung und die Einzelwirthschaft,
befriedige nicht Menschen, die der Natur am nchsten stehen. Unsere
ganze Ordnung beruhe auf der Gewalt und daher msse ein anderer
Zustand begrndet werden, der alle Kasten, alle Vlker befriedige,
wenn die Vorsehung universell sein solle. Die Einheit des Systems
endlich implizire fnftens die Anwendung der Attraktion der
Spannkrfte der sozialen Harmonien des Weltalls, die sich von den
Gestirnen bis zu den Insekten erstreckten. Man msse also im
Studium der Attraktion das soziale Gesetz zu entdecken suchen ...
Unsere Einrichtungen sind unsern eigenen Vlkern so verhat, da
sie in allen Lndern sich erheben und sich davon zu befreien suchen
wrden, wenn nicht die Furcht vor der Gewalt sie zurckschreckte.
Wir sind nicht im Stande, das Menschengeschlecht zu vereinigen,
weil die Barbaren fr unsere Einrichtungen nur eine tiefe
Verachtung besitzen und unsere Gewohnheiten nur die Ironie
derselben erregen. Es ist die strkste Verwnschung, die sie einem
Feind entgegenschleudern: Mgest du gezwungen sein, ein Feld zu
bebauen. Ja, die zivilisirte Industrie wird von der Natur wie von
allen freien Vlkern verabscheut, die sich in dem Augenblick zu ihr
drngen werden, wo sie mit den Trieben der Menschen sich in
Uebereinstimmung setzt.

Fourier meint also, da keine soziale Organisation die rechte sein
knne, die nicht von allen Menschen, ohne Rcksicht auf ihre
Kulturstufe, freudig begrt wrde, so gro mten ihre Vortheile
und ihre Annehmlichkeiten sein. Es gilt also eine soziale Ordnung
zu finden, welche dem geringsten Arbeiter ein gengendes Wohlsein
sichert. Die Arbeiter mssen den neuen Zustand dem Zustand der
Trgheit und der Straenruberei (brigandage), nach dem sie heute
Sehnsucht empfinden, vorziehen. So lange dieses Problem nicht
gelst ist, werden die Reiche _bestndigen Strmen ausgesetzt sein,
werden sie von einer Revolution in die andere strzen_; die
wissenschaftlichen Wunderkuren laufen immer nur auf die Drftigkeit
der Masse und folglich auf den Umsturz hinaus; die Helden, die
Gesetzgeber sttzen sich nur auf den Sbel; aber alle Voraussicht
eines Friedrich kann nicht verhindern, da schwache Nachfolger den
Degen auf seinem Sarge rauben lassen.[8] Die zivilisirte Ordnung
ist mehr und mehr im Wanken, der _vulkanische Ausbruch von 1793 ist
nur ihre erste Eruption, andere werden folgen_; ein schwaches
Regiment wird sie begnstigen. Der Krieg der Armen gegen die
Reichen hat so glcklich begonnen, da Rnkeschmiede in allen
Lndern darnach streben, ihn zu erneuern. Vergebens sucht man das
zu verhten; die Natur der Gesellschaft spielt mit unserer
Aufklrung, unserer Vorsicht, sie wird immer neue Revolutionen in
dem Mae gebren, wie wir die Ruhe gesichert zu haben glauben. Und
wenn die Zivilisation sich noch um ein halbes Jahrhundert
verlngert, wie viel Kinder werden, veranlat durch ihre Vter, vor
den Thren der Reichen betteln? (In Folge von Klassenelend.) Ich
wrde nicht wagen, diese schreckliche Perspektive darzustellen,
wenn ich nicht die Berechnungen brchte, welche die Politik in dem
Labyrinth der Triebe zurecht weisen und die Zivilisation von ihrem
Alp erlsen werden, diese Zivilisation, die immer revolutionrer
und verhngnivoller wird.

[Funote 8: Anspielung auf die Wegnahme des Degens Friedrich's des
Groen von seinem Sarge in der Militrkirche zu Potsdam durch
Napoleon I. 1806.]

Diese Voraussagungen machen Fourier's Scharfsinn und Einsicht alle
Ehre, sie sind berraschend. Man halte fest, da Fourier diese
Warnungen und Mahnrufe im Jahre 1808 verffentlichte, wo auer ihm
nur sehr Wenige an eine soziale Frage berhaupt dachten, und man
wird den Weitblick und die Richtigkeit seiner Voraussagungen
bewundern mssen. Er fhrt nun weiter aus, wie viele Reiche bereits
an innerer Zerrttung zu Grunde gingen, weil sie die sozialen Uebel
nicht zu lsen vermochten. Welche Monumente diese Reiche immer
berlebten, sie stehen da, eine Schande ihrer Politik. Rom und
Byzanz (Konstantinopel), ehemals die Hauptstdte der grten
Reiche, sind heute zwei lcherlich gewordene Metropolen. Auf dem
Kapitol sind die Tempel Zsar's durch obskure Gtter aus Juda
verdrngt, am Bosporus werden die christlichen Basiliken durch die
Gtter der Unwissenheit beschmutzt. Hier wird Jesus auf das
Piedestal von Jupiter erhoben, dort setzt sich Mahomed auf den
Altar von Jesu. Rom und Byzanz, die Natur bewahrte euch vor der
Verachtung der Nationen, die ihr gefesselt hattet; ihr wurdet zwei
Arenas politischer Maskeraden, zwei Pandorabchsen, die im Orient
den Vandalismus und die Pest, im Occident den Aberglauben und seine
Raserei verbreiteten; ihr seid zwei konservirte Mumien, um den
Triumphwagen zu schmcken und den modernen Hauptstdten einen
Vorgeschmack von dem Schicksal zu geben, das den Denkmlern und den
Arbeiten der Zivilisation bereitet wird. Zivilisirte! studirt die
sozialen Uebel des Menschengeschlechts und schafft Wandel! --

Drei Gesellschaftsbildungen theilen sich in die Erde: Die
Zivilisation, die Barbarei und die Wildheit. Die eine ist
nothwendig besser als die beiden andern, und die beiden
unvollkommneren, die sich nicht zur besseren erheben, sind von
jener Krankheit der Entkrftung erfat, von der nach Montesquieu
das Menschengeschlecht betroffen ist. Die dritte, die beste, welche
die andern nicht zu sich zu erheben vermag, ist offenbar
unzureichend fr das Wohl des Menschengeschlechts; sie hat den
greren Theil desselben in einem tieferen Zustand ermatten lassen.
Die beiden ersten Gesellschaftsbildungen sind von der Lhmung
betroffen, die dritte, die Zivilisation, von der politischen
Ohnmacht; sie mssen also alle drei aus einem krankhaften Zustand
heraus, der den ganzen Erdball in seinem sozialen Mechanismus
beunruhigt. Vlker! eure sehnlichsten Wnsche verwirklichen sich,
die glnzendste Mission ist dem grten der Helden aufbewahrt. Der
soziale Kompa ist entdeckt, der euch auf den Ruinen der Barbarei
und der Zivilisation zur universellen Harmonie fhren wird.

Die modernen Sophisten haben, namentlich in Frankreich, immer
behauptet, die Einheit des Systems der Natur zu erklren, sie haben
aber nie ernste Studien ber diesen Gegenstand gemacht und man hat
nie das Geringste ber die allgemeine Einheit erfahren. Sie bildet
sich aus folgenden drei Zweigen: Einheit des Menschen mit sich, mit
Gott und mit dem Weltall. Der innere Widerspruch des Menschen mit
sich selbst (Fourier meint hier den Widerspruch im Menschen, seine
Triebe befriedigen zu wollen, aber nicht befriedigen zu knnen,
oder nicht befriedigen zu drfen. Der Verf.) hat die Wissenschaft
der Moral geboren, welche die Doppelseitigkeit (duplicit) der
Handlung als wesentlichen Zustand und unwandelbare Bestimmung des
Menschen betrachtet. Sie lehrt: man msse seinen Trieben
widerstehen, im Krieg mit ihnen leben, also im Krieg mit sich
selbst sein; ein Prinzip, wodurch der Mensch auch in den
Kriegszustand mit Gott gerth, denn die Triebe und Instinkte kommen
von Gott, der sie dem Menschen und allen Kreaturen zum Fhrer gab.

Man antwortet zwar: Gott habe uns die Vernunft zum Fhrer und
Miger der Triebe gegeben, woraus also resultirte: 1. da Gott uns
zwei unvershnlichen und sich antipathischen Fhrern, den Trieben
und der Vernunft, berliefert hat; 2. da Gott gegen neunundneunzig
Prozent der Menschen sehr ungerecht handelte, weil er ihrer
Vernunft nicht die Strke gewhrte, ihre Triebe bekmpfen zu
knnen; 3. da Gott, indem er uns zum Gegengewicht die Vernunft
gab, mit einem untauglichen Mechanismus handelte, denn es ist
unzweifelhaft, da diese Schwerkraft selbst bei dem hundertsten
Menschen, der allein nur damit versehen ist, ohnmchtig ist, _wie
ja die Distributeure der Vernunft, z.B. ein Voltaire, am meisten
von ihren Trieben unterjocht wurden_.

Alle drei Hypothesen sind nichtig. Die Darlegung der Attraktion
der Triebe wird beweisen, da im sozietren Zustand Vernunft und
Triebe sich ausgleichen und ausshnen und da sie nur im heutigen
sozialen Zustand sich im Diskord befinden. Man sagt: der Mensch sei
fr die Gesellschaft geboren, man vergit aber, da es nur zwei
Gesellschaftsordnungen giebt, die der Privatwirthschaft und der
Gemeinwirthschaft; der isolirte Zustand und der sozietre Zustand.
Der gegenwrtige Zustand setzt die isolirte Familie voraus, der
sozietre die Arbeit und die Lebensweise in zahlreichen
Vereinigungen, welche nach einer bestimmten Regel fr Jeden sich
theilen und ausgleichen, nach den drei Eigenschaften: Arbeit,
Kapital und Talent. Gott, als hchster konomischer Leiter, mu
nothwendig die Assoziation als den besseren Zustand wollen.

Es giebt nunmehr viererlei Wissenschaften zu beachten: ber die
Assoziation, den aromalen Mechanismus, die Attraktion der Triebe
und die universelle Analogie.

Die vier Hauptbewegungen und die fnfte, die soziale als pivotale
oder Angelpunkt, sind bereits hervorgehoben worden. Gehen wir also
ber zum Studium der Assoziation.

Das Band ist die Basis jeder Oekonomie; wir finden die Keime in
dem ganzen sozialen Mechanismus zerstreut, von der mchtigen
Ostindischen Kompagnie bis zu den armen Gesellschaften der fr eine
bestimmte Industrie vereinigten Dorfbewohner. So sieht man die
Bergbewohner des Jura sich zur Ksefabrikation vereinigen; 20-30
Haushaltungen bringen tglich ihre Milch zum Fabrikanten und am
Ende der Saison erhlt jede ihren Theil an Kse, entsprechend der
Quantitt Milch, die sie lieferte. Wir haben berall im Kleinen wie
im Groen diese Keime fr das Wohlsein bei der Hand, es sind rohe
Diamanten, welche die Wissenschaft schleifen mu. Das Problem ist,
diese Fetzen einer Assoziation, die in allen Zweigen der
menschlichen Arbeit zerstreut sind, zu einem Mechanismus, einer
allgemeinen Einheit zu verbinden, wo sie bisher nur mit Hlfe des
Instinktes entstanden. Bisher hat die Wissenschaft diese Studie
vermieden, die allein wahrhaft dringlich war. Ein Jahrhundert, das
sich so vieler Vernachlssigungen in wissenschaftlicher Ordnung und
Erforschung schuldig machte, mute des Ueberblicks ber das Ganze
ermangeln; es hat weder die Eintheilung des ganzen Systems der
Bewegung, noch die drei Einheiten wahrgenommen, woraus es htte
schlieen mssen, da die soziale und die materielle Welt im
Widerspruch miteinander, also im Widerspruch mit der Einheit
organisirt sind.[9]

[Funote 9: Wir brauchen hier nicht auf die Einseitigkeit des
Urtheils Fourier's ber das achtzehnte Jahrhundert hinzuweisen; das
achtzehnte Jahrhundert hat mehr geleistet, als vor ihm viele
Jahrhunderte zusammengenommen.]

_Was die soziale Bewegung betrifft, so sieht man jede interessirte
Klasse der anderen das Bse wnschen, berall setzt sich das
persnliche Interesse in Gegensatz zu dem Allgemeininteresse_. Der
Arzt wnscht, da seine Mitbrger recht viel Krankheiten bekommen,
denn er wrde zu Grunde gerichtet sein, wenn alle Welt ohne
Krankheit strbe; dasselbe geschhe den Advokaten, wenn jeder
Streit schiedsrichterlich auszugleichen wre. Der Geistliche ist
interessirt, da es viel Todte giebt und zwar viele reiche Todte,
Beerdigungen  1000 Franks. Der Richter ersehnt jhrlich wenigstens
45.000 Verbrechen, damit die Gerichtshfe stets beschftigt, also
nothwendig sind. Der Wucherer wnscht Hungersnoth; der Weinhndler
Hagel; Architekten und Baumeister ersehnen Feuersbrnste. So
handeln in diesem lcherlichen Mechanismus der Zivilisation die
Theile gegen das Ganze und jeder Einzelne gegen Alle. Die ganze
Ungeheuerlichkeit eines solchen Zustandes wird man erst begreifen,
wenn man die sozietre Organisation kennen lernt, wo die Interessen
eine ganz entgegengesetzte Richtung nehmen; wo Jeder das
Gesammtwohl wnscht, weil dieses seinem persnlichen Wohl am
meisten entspricht. So zeigt sich berall statt der Einheitlichkeit
der Handlung, welche die moralischen und politischen Wissenschaften
rhmen, die allgemeine Doppelseitigkeit. Wenn je die Zivilisation
ber sich errthen und das Bedrfni nach einem anderen Zustande
empfinden mu, so heute, wo alle ihre Illusionen zerstrt sind; wo
ihre Freiheit _als der Weg zur Anarchie_ erkannt ist, ihre
Zerwrfnisse zum Despotismus fhren und ihre Handelsmaximen den
Wucher, den Betrug, den Bankerott begnstigen, _die Nationen
schlielich unter das Joch des Monopols beugen_ und zur Drftigkeit
und Verarmung der Masse fhren. So lsen sich alle Chimren von der
Vollkommenheit dieser Gesellschaft auf, wodurch man uns in ihren
Schafstall fhrte.

Will die Wissenschaft zum Ziele kommen, so mu sie folgende
Grundstze zur Richtschnur ihrer Bethtigung nehmen:

Sie mu 1. das ganze Gebiet des Wissens erforschen und mu
festhalten, da nichts gethan ist, so lange noch etwas zu thun
brig bleibt; 2. die Erfahrung zu Rathe ziehen und sie zum Fhrer
nehmen; 3. vom Bekannten zum Unbekannten vermittelst der Analogie
vorschreiten; 4. von der Analyse zur Synthese bergehen; 5. nicht
glauben, da die Natur auf die uns bekannten Mittel beschrnkt ist;
6. die Spannkrfte im ganzen sozialen und materiellen Mechanismus
vereinfachen; 7. sich nur an die durch das Experiment festgestellte
Wahrheit halten; 8. sich an die Natur schlieen; 9. beachten, da
aus Irrthmern entstandene Vorurtheile keine Prinzipien sind; 10.
die Thatsachen beobachten, die wir kennen lernen wollen und sich
solche nicht vorstellen; 11. vermeiden, da zum Schlieen Worte
mibraucht werden, die man nicht versteht; 12. vergessen, was wir
gelernt haben! Man mu die Ideen wieder an ihrer Quelle aufnehmen
und die menschliche Einsicht wieder herstellen. Alsdann wird man zu
der Einsicht kommen, da Alles im System der Natur verbunden ist,
und da es zwischen ihren Theilen eine Einheit giebt. Der Mensch,
als einer ihrer edelsten Theile, mu in Uebereinstimmung sein mit
den Harmonien des Weltalls, also mit der mathematischen oder
rationellen Harmonie, der planetren oder sozialen, der
musikalischen oder sprechenden. (Einheit der Sprache, Weltsprache.)
Ist der Mensch also bestimmt, sich den Harmonien zu assimiliren, so
mu er das Band suchen, das ihn mit Allem vereinigt, dieses Band
ist die Synthese von der Attraktion der Triebe.

Fourier fhrt dann fort: Er wolle an der Hand von Prinzipien,
welche nicht er, sondern die Philosophen feststellten, die
Erforschung der sozialen Bewegung vornehmen. Man werde sehen, wie
die Sophisten, trotz solcher vortrefflichen Fhrer, wie ihre
Prinzipien, auf alle Klippen geworfen wurden und der Menschheit nur
sieben Geieln brachten: Drftigkeit, Betrug, Unterdrckung,
Menschenschlchterei, klimatische Exzesse (Folge von
Waldverwstungen etc.), Krankheiten erzeugende Gifte, dogmatische
Finsterni. Es sei in der Natur begrndet, da jede soziale Periode
ihre Aufmerksamkeit auf Fragen richte, die sie zu einer hheren
Stufe der Entwicklung fhrten; so beschftige man sich unter den
Zivilisirten mit zwei Wegen, dem Handelssystem und der Freiheit.
Das seien die beiden Paradepferde der Philosophen, die sie mit
Vorliebe ritten. Man wolle die freie Zirkulation im Handel und
komme zum Seehandelsmonopol; man wolle die Meinungsfreiheit und
komme zur Herrschaft der Denunzianten und des Schaffots.[10]

[Funote 10: Anspielung auf die Zustnde in der franzsischen
Revolution whrend der Herrschaft des rothen und des weien
Schreckens.]

Nach der Gesundheit und dem Reichthum sei nichts werthvoller, als
die Freiheit, diese msse man in krperliche und soziale Freiheit
scheiden. Der Gewohnheit entsprechend, Alles nur einseitig
anzusehen, habe man nicht erkannt, da die Freiheit zwei- und
mehrseitig sein knne. Tausend Jahre vergingen, ehe man nur an die
krperliche Freiheit (die Beseitigung der Sklaverei) dachte. Plato
und Aristoteles hielten die Sklaverei fr nothwendig. Letzterer
erklrte sogar, der Sklave sei der Tugend nicht fhig. Unter dem
Christenthum wurde die krperliche Freiheit allmlig durchgesetzt,
aber noch existirte die Sklaverei vielfach.

Aber was ist diese krperliche Freiheit werth ohne die soziale?
Der Bettler hat ein Einkommen, das kaum zum Leben gengt, trotzdem
geniet er grere Freiheit als der Arbeiter, der, um leben zu
knnen, an die Arbeit gefesselt ist. Doch seine Triebe bleiben
unbefriedigt. Er will in's Theater gehen, aber er hat kaum genug,
um sich zu nhren, er mchte Volksvertreter werden, aber dazu
gehrt ein groes Vermgen.[11] Mit dem stolzen Titel, ein freier
Mensch zu sein, hat er nur den Dunst statt der Wirklichkeit der
sozialen Freiheit; er ist nur ein passives Mitglied der
Gesellschaft. Streng genommen hat der Arbeiter nur einen Tag in der
Woche, den Sonntag, wo er krperlich frei ist, alle anderen Tage
ist er gebunden. So sehen wir die Freiheit nur sehr einfach, rein
krperlich. Doppelt ist die Freiheit, wo sie krperlich und sozial
aktiv ist; sie geniet der Wilde. Der Wilde berathschlagt ber
Krieg und Frieden, wie bei uns ein Minister; er hat, soweit dies
berhaupt in seiner Horde mglich ist, den freien Aufschwung der
Triebe seiner Seele, er geniet eine Sorglosigkeit, die der
Zivilisirte nicht kennt. Er mu zwar jagen und fischen, um sich zu
ernhren, aber das sind anziehende Beschftigungen, die ihm die
krperliche aktive Freiheit nicht nehmen. Eine Arbeit, die Freude
macht, wird nicht als drckende Verpflichtung empfunden. So geht's
auch dem Kaufmann; wenn er Stoffe ausbreitet, flott Lgen verzapft
und dabei seine Waaren verkauft, so ist ihm das ein Vergngen; er
wrde sehr mrrisch und grmlich sein, wenn kein Kufer kme und er
weder lgen noch verkaufen knnte.

[Funote 11: In der ersten Hlfte des Jahrhunderts und zwar bis
1848 herrschte in Frankreich ein sehr hohes Zensussystem, das nur
die Wahl der Reichsten ermglichte.]

Die Freiheit des Wilden ist also zweifach, aber diese zweifache
Freiheit weicht noch ab von der Bestimmung, die produktive Arbeit
verlangt; es ist also die anziehende, produktive Arbeit nthig.
Diese unterstellt eine Einheitlichkeit der Verbindung, die
persnliche Zustimmung jedes Betheiligten, ob Mann, Frau, Kind, die
Verbindung aus Trieb fr die Ausbung der Arbeit und die
Aufrechterhaltung der begrndeten Ordnung. Diese vollstndig freie
Wahl der Arbeit, bestimmt durch die Triebe, ist die Bestimmung des
Menschen. Von der Masse der Zivilisirten mag ein Achtel mit ihrer
Lage zufrieden sein, aber sieben Achtel sind unzufrieden. Die groe
Menge ist nur auf die krperliche Arbeit beschrnkt, ihre
Beschftigung ist indirekte Sklaverei, eine Qual, von der sie sich
zu befreien wnscht.

Die kleine zufriedene Minderheit besteht aus Migen, oder
Solchen, die privilegirte Stellungen einnehmen, und doch hat kaum
Einer, Monarch und Minister nicht ausgenommen, seine volle Freiheit
erreicht. Kann man also behaupten, da die soziale Freiheit
besteht? Sie ist wie die Gleichheit und die Brderlichkeit nur
Chimre. Die Brderlichkeit sandte Einen nach dem Andern ihrer
Koryphen zur Guillotine, die Gleichheit dekorirte das Volk mit dem
Titel Souvern, schaffte ihm aber weder Arbeit noch Brot; es
verkauft sein Leben um 5 Sous pro Tag[12] und man schleift es, die
Kette am Hals, zur Schlachtbank. So sind Freiheit, Gleichheit,
Brderlichkeit nur Phantome.

[Funote 12: Der Sold des franzsischen Soldaten jener Zeit.]

Die Freiheit ist illusorisch, wenn sie nicht allgemein ist. Wo der
freie Aufschwung der Triebe auf eine sehr kleine Minderheit
beschrnkt ist, da giebt es nur Unterdrckung. Um aber der Menge
die Entfaltung und die Befriedigung der Triebe zu sichern, ist eine
soziale Organisation nthig, die drei Bedingungen erfllt. Man mu
1. ein Regime der industriellen Attraktion suchen, entdecken und
organisiren; 2. Jedem das Aequivalent der sieben natrlichen Rechte
des Wilden garantiren;[13] 3. die Interessen des Volks mit
denjenigen der Groen verbinden, denn das Volk wird auf sie
eiferschtig sein und sie hassen, so lange es nicht an ihrem
Wohlsein gradweise Antheil hat. Nur unter diesen drei Bedingungen
kann man dem Volk ein Minimum an Nahrungsmitteln, Bekleidung,
Wohnung und hauptschlich auch an Vergngungen sichern, denn ohne
das Angenehme wrde dem Menschen auch der neue Zustand nicht
gengen.

[Funote 13: Als die sieben natrlichen Rechte des Wilden
betrachtet Fourier: 1. Sammelfreiheit der Frchte; 2.
Weidefreiheit; 3. freien Fischfang; 4. freie Jagd; 5. innere
Verbindung der Horde; 6. Sorglosigkeit; 7. auswrtigen Raub (vol
exterieur). Unter diesem etwas seltsam scheinenden Recht versteht
Fourier das Recht des Wilden, Alles, was er auerhalb des
gemeinsamen Eigenthums der Horde oder des Stammes der Aneignung
werth findet, nehmen zu drfen. In der Zivilisation findet der Raub
innerhalb der eigenen Gesellschaft, an Gliedern derselben statt,
diesen Raub an der eigenen Genossenschaft kennt der Wilde nicht,
der innerhalb der Horde, des Stammes Gemeineigenthum besitzt und
dieses respektirt. In der Regel lebt der Wilde mit den benachbarten
Stmmen in Feindschaft und so wird dieses Recht des auswrtigen
Raubs einfaches Kriegsrecht. Bei uns Zivilisirten sind noch die
Rudimente ganz hnlicher Auffassung vorhanden, die Kontribution der
Lebensmittel im Kriege ist in unsern Augen kein Raub, und die
Annexion fremder Lnder und Provinzen wird auch nicht als solcher
angesehen. Fourier will mit seiner ganzen Auseinandersetzung sagen:
der Wilde hat einestheils mehr Freiheit und Wohlsein, als der arme
Zivilisirte, andererseits weit mehr _Solidarittsgefhl_, als die
Zivilisirten berhaupt. Um das Solidarittsgefhl, das der Wilde in
der Horde, im Stamm hat, in unserer Gesellschaft zu begrnden,
brauchen wir eine ganz neue soziale Organisation.]

Prfen wir also, wie die sozietre Ordnung dem Individuum die
freie Ausbung der erwhnten sieben Rechte, die mit dem Mechanismus
der Barbarei und der Zivilisation so unvertrglich sind, in
entsprechender Form gewhren kann.

Schreiten wir zunchst dazu, sie wie ihre Angelpunkte (pivots)
zu erklren.

Fourier giebt nun nachfolgendes Tableau, begleitet von drei
Analogien, um Diejenigen zu enttuschen, die es als ein von ihm
systematisch angewandtes Vorurtheil ansehen, da er gewhnlich den
Zahlen 7 und 12 (also wie Pythagoras es that) den Vorzug gebe. Er
will beweisen, da diese Zahlenverhltnisse in der Natur der Dinge
liegen, also gegebene sind, nicht willkrlich erfundene.

   | Rechte            | Triebe          | Farben     | geometrische
   |                   |                 |            | Linien
---+-------------------+-----------------+------------+--------------
   | kardinale oder    | Haupt-          |            |
   | industrielle      | Triebe          |            |
   |                   |                 |            |
1. | Sammelfreiheit    | Freundschaft    | Violet     | Kreis
2. | Weide             | Liebe           | Azur       | Elipse
3. | Fischfang         | Familiensinn    | Gelb       | Parabel
4. | Jagd              | Ehrgeiz         | Roth       | Hyperbel
---+-------------------+-----------------+------------+--------------
   | Distributive      | Distributive    |            |
   |                   | Triebe          |            |
   |                   |                 |            |
1. | Innere Verbindung | Kabaliste       | Indigoblau | Spirale
2. | Sorglosigkeit     | Papillone       | Grn       | Muschellinie
3. | Auswrtiger Raub  | Komposite       | Orangegelb | Logarithmus
---+-------------------+-----------------+------------+--------------
   |  Minimum          | Einheitlichkeit | Wei       |
X. |                   |                 |            |
   |  Freiheit         | Gunst           | Schwarz    | Nebenkreis

Die Freiheit kommt nur als Folge der sieben andern Rechte, sie ist
das Resultat ihrer Verbindung, so wie Wei oder Schwarz die
Verbindung oder Aufsaugung der sieben Farbenstrahlen ist.

Fourier fhrt dann weiter aus, da aber die Freiheit nur einfach
oder falsch sei, wenn sie nicht von der Hauptsache, dem Prinzipalen
aller Rechte, dem _Minimum_ begleitet sei, was die Periode der
Wildheit nicht biete. Auch genieen die Freiheit in der Wildheit
nur die Mnner, die Frauen sind ausgeschlossen und ist ihre Lage
schlimmer, als in der Zivilisation. Es gengt weder die Freiheit,
wie sie die Zivilisation bietet, noch gengen die sieben
Naturrechte, die der Wilde besitzt, um einen befriedigenden Zustand
herzustellen. Der neue sozietre Zustand msse also alle drei
Geschlechter gleichmig bercksichtigen und ihren Trieben
Befriedigung gewhren.

Die bezgliche Auffassung Fourier's von der Lage der Wilden und der
Zivilisirten lassen wir, da sie charakteristisch ist, hier
ausfhrlicher folgen.

Die Sorglosigkeit, dieses Glck der Thiere, dieses Recht des
Wilden, geniet man in der Zivilisation nur im Besitz groer
Schtze. Aber neun Zehntel der Zivilisirten, weit entfernt, dem
nchsten Tag ohne Sorgen entgegensehen zu knnen, sind mit
tglichen Sorgen berladen und mssen eine widerwrtige und
aufgezwungene Arbeit erledigen. Den Sonntag eilen sie dann in die
Schenken und an die Vergngungsorte, um wenigstens fr einige
Augenblicke eine Sorglosigkeit zu genieen, die so viele Reiche,
von der Unruhe verfolgt, vergebens suchen.

Die Rechthaber (ergoteurs) werden sagen, die Sorglosigkeit sei
eine Charaktereigenschaft und kein Recht; aber sie wird ein Recht,
indem sie im Zustand der Zivilisation gechtet ist, wo man die
Leichtlebigkeit als entehrend betrachtet und laut verurtheilt.
Versucht ein mit wenig Glcksgtern bedachter Familienvater sich
mit den Seinen einem Vergngen zu berlassen und verlt er seine
Werkstatt, ohne fr Steuern, Miethe und die knftigen Bedrfnisse
gesorgt zu haben, so belehrt ihn die ffentliche Meinung durch ihre
Kritiken und der Steuereinnehmer durch seine Exekutoren, da er
kein Recht zur Sorglosigkeit habe, und er mu, trotz seines Hangs
dazu, sich derselben entschlagen. Ueberdies ist schon die
zivilisirte Erziehung systematisch darauf bedacht, den Geschmack an
der Sorglosigkeit zu bekmpfen, ein Vergngen, dessen freie
Entfaltung in der Harmonie durch nichts beeintrchtigt wird.

Der Wilde geniet diese Sorglosigkeit und beunruhigt sich nicht
ber die Zukunft. Wre es anders, frchtete er da seine Kinder,
seine Horde Hunger litte, er wrde die Anerbietungen an
Ackerbaugerthen und den notwendigen Gegenstnden fr die Kultur
des Bodens, welche die Regierungen der Zivilisirten ihm machen,
annehmen. Aber er will keins seiner Rechte einben. Gbe er seine
Sorglosigkeit auf, er wrde allmlig seine ganze Freiheit, alle
seine Rechte verlieren. Er macht freilich diese Berechnung nicht,
aber die Natur macht sie fr ihn. Die Attraktion leitet ihn auf den
rechten Weg, wie man spter sehen wird.

Den einzigen plausiblen Einwand, den man gegen dieses Glck des
Wilden machen kann, ist, da die Frauen es nicht genieen: die
Frauen bilden die Hlfte des Menschengeschlechts und sie haben bei
den Wilden eine sehr tiefe und unglckliche Stellung.

Nichts wahrer als das. Aber wenn ich diese Thatsache nicht
anfhrte, die Philosophen wrden keine Notiz davon nehmen, denn sie
selbst haben die Gewohnheit, die Frauen fr Nichts anzusehen. Von
den drei Geschlechtern, aus denen das Menschengeschlecht sich
zusammensetzt, dem oberen, den Mnnern, dem niederen, den Frauen,
und dem gemachten oder neutralen Geschlecht, den Kindern, sehen sie
nur _ein_ Geschlecht und arbeiten nur fr dieses, fr das obere
oder mnnliche. Aber welches Glck verschafften diesem die
Philosophen? Statt der sieben Rechte, aus welchen die Freiheit sich
zusammensetzt, nur die sieben Geieln.

Ich bin einem vorauszusehenden Einwand bereits begegnet, indem ich
die Freiheit des Wilden als divergirend zusammengesetzt
bezeichnete; sie ist in doppelter Weise divergirend; sozial, durch
die Unvertrglichkeit des sozialen Krpers, Horde genannt, mit der
industriellen Arbeit oder Bestimmung, materiell durch Ausschlieung
des weiblichen Geschlechts, das wenig oder gar nicht an den sieben
natrlichen Rechten theilnimmt.

Trotzdem, so fhrt Fourier weiter aus, stehe der mnnliche Wilde
durch den Genu der genannten sieben Rechte an Freiheit ber der
groen Mehrheit der Zivilisirten, welche die immense Mehrheit
beider Geschlechter von diesen Vortheilen ausschlsse. Die
Zivilisation schulde fr das Ausgeben dieser natrlichen Rechte
einem Jeden ein Minimum an Lebensnothwendigkeiten, Kleidung,
Wohnung, und zwar proportional der sozialen Stellung, zu der er
gehre, denn _nothdrftig_ genhrt, gekleidet und logirt werde man
auch in den Armenhusern, wo der Mensch aber nichts als ein
Gefangener und sehr unglcklich sei.

Statt den Zivilisirten fr den Verlust seiner sieben natrlichen
Rechte durch eine menschenwrdige Existenz zu entschdigen,
garantirten ihm unsere Publizisten einige Trumereien und
Gaskonnaden, wie: da er stolz sein drfe auf den Namen eines
freien Mannes und das Glck habe, unter einer Verfassung zu leben.
Diese Lcherlichkeiten verdienten nicht einmal den Namen der
Illusion und befriedigten keinen Arbeitenden, der vor Allem nach
seinem Geschmack zu essen, sorglos und vergngt zu leben wnsche.

Der sozietre Zustand garantirt dem Volk die sieben Rechte des
Wilden in Flle, indem er ihm ein ausreichendes Aequivalent bietet;
er gewhrt jedem Menschen so viel Wohlsein, da z.B. Niemand mehr
auf den Gedanken kommt, zu stehlen, was er so haben kann, oder da
er sich durch eine Handlung in der ffentlichen Meinung mehr zu
Grunde richtet, als er durch eine schlechte Handlung zu gewinnen
vermag. Schlielich werden alle Kinder in den Begriffen der Ehre
erzogen und knnen alle Bequemlichkeiten des Lebens reichlich
genieen. Es wird also Niemand mehr an Diebstahl denken, wo Alle im
Ueberflu leben.

Die Zivilisation, indem sie den Menschen der sieben Rechte des
Wilden beraubt, gewhrt ihm keinerlei entsprechende Aequivalente.
Fragt einmal einen unglcklichen Arbeiter der Zivilisation, der
keine Arbeit und kein Brot hat, vom Glubiger und Exekutor bedrngt
wird, ob er nicht lieber wie der Wilde das Recht der Jagd und des
Fischfangs, des Frchtesammelns und der freien Weide seinem Zustand
vorziehe und er wird keinen Augenblick zgern, sich fr den Wilden
zu entscheiden. Was giebt ihm die Zivilisation fr seinen Verlust?
Das Glck, unter der Verfassung zu leben. Dem Hungernden ist nicht
damit gedient, da er, anstatt eine gute Mahlzeit zu genieen, die
Verfassung lesen kann; es heit den Nothleidenden in seinem Elend
beleidigen, wenn man ihm eine solche Entschdigung bietet.

Daraus folgt: in der industriellen Gesellschaft wird die Freiheit
illusorisch und verhngnisvoll, wenn man sie nur in einfacher
Anwendung einfhrt.

Fourier sagt also: die Freiheit ohne Garantie eines Minimums, die
Freiheit ohne Brot, ist fr die groe Menge der Bevlkerung unter
Umstnden nur die Freiheit des Verhungerns. Die Freiheit hat nur
Werth, ja sie ist erst dann vorhanden, wenn auch der Mensch zu
leben hat, und diesen Lebensunterhalt garantirt die Zivilisation
nicht. So haben unsere Trumereien von den Menschenrechten und der
Freiheit, die man in Versuch setzte, nichts als Tuschungen und
verhngnivolle Erschtterungen erzeugt. Unsere Gesellschaft hat zu
ihren Angelpunkten zwei Triebfedern, welche der Einheitlichkeit der
Freiheit und dem proportionalen Existenzminimum des sozietren
Zustandes schnurstracks gegenberstehen: allgemeiner Egoismus und
Zweideutigkeit aller Handlungen. Diese beiderseitigen
Charaktereigenschaften lassen sich nicht vereinigen, sie schlieen
sich aus.

Volle einheitliche Freiheit und menschenwrdige Existenz lassen
sich nur durch die Anwendung des Mechanismus der Serien der Triebe
erreichen, auerhalb desselben ist das ganze System der Triebe im
Widerspruch mit sich, es herrschen Egoismus und Zweideutigkeit. ...

Es gilt also fr Fourier, eine entsprechende Organisation zu
schaffen, bei welcher alle Klassen gleichmig, unter voller
Bercksichtigung ihrer sozialen Lebensstellung, zufriedengestellt
werden.

Vermittelst der gradweisen Abstufung der Interessen ist der
Niedere an dem Wohlsein des Hheren interessirt; die gewohnte
Begegnung bei den anziehenden Arbeiten in den Intriguen der
verschiedenen Serien dient als Kitt fr die Einheitlichkeit. Man
hat nichts mehr von der vollen Freiheit des Volkes zu frchten, das
in dem gegenwrtigen Zustande des Elends und der Eifersucht gegen
die Hheren seine Unabhngigkeit nur zur Plnderung und Erwrgung
derselben benutzen wrde.

Aus dieser Darlegung resultirt, da die Gewhrung einer
auskmmlichen Lebenshaltung ausschlielich von der Entdeckung des
sozietren Regimes und der anziehenden Arbeit abhngt. Wie kann man
dem Volk von Freiheit zu sprechen wagen, wenn man ihm selbst nicht
einmal die widerwillige Arbeit, von der heute seine Existenz
abhngt, zu garantiren vermag? In einem solchen Zustande der Dinge,
wie dem gegenwrtigen, wird alle Freiheit nur ein Keim des
Aufruhrs. Die Agitatoren fhlen das wohl und darum haben sie die
Macht an sich gerissen. Ihre erste Sorge ist, dem Volk den Maulkorb
anzulegen und die philosophischen Schwtzer, die Bonaparte knebelte
und Robespierre in Masse auf's Schaffot schickte, zu unterdrcken.

_In der Zivilisation kann also keine wirkliche Freiheit
existiren_, sie existirt nur im Zustande der Wildheit, aber dort
unvollstndig und gefhrlich, weil sie die Horde dem Hunger, dem
Krieg, der Pest aussetzt und weder sich auf die Frauen, noch auf
die Greise ausdehnt, welch letztere man opfert, wenn sie
unbrauchbar werden.

Obschon die Freiheit des mnnlichen Wilden dem Schicksal unserer
Arbeiter und Bettler vorzuziehen ist, ist sie nur ein rohes, der
Vernunft unwrdiges Glck, weil die industrielle Thtigkeit ihm
fremd ist. Andererseits ist der Zustand des Elends und der
Unterdrckung, in dem unsere Arbeiter seufzen, nicht die Frucht des
sozialen Genies, sondern des Mangels an einem solchen und eine
Schmach fr die Wissenschaft. Weit entfernt, da diese verstand,
uns zur Freiheit zu erheben, hat sie nicht einmal sie zu definiren
gewut, noch vermochte sie ihre verschiedenen Charaktereigenschaften
darzulegen. Der Wissenschaft bleibt die Schande, unter dem Vorwand,
uns ein Gut zu geben, dessen Wesen sie selbst nicht kannte, tausend
politische Strme erregt zu haben. Sie ist mit der Freiheit wie mit
dem Handel verfahren, sie hat einen Hebel zu literarischen
Intriguen aus ihnen gemacht und weit entfernt, einen Schatten von
Ehrlichkeit in ihre Debatten zu tragen, hat sie selbst weder die
Probleme bezeichnet, noch empfohlen, welche auf's Lebhafteste die
Anstrengungen des Genies herausfordern, nmlich:

In Sachen des Handels: das Bedrfni der Assoziation, die Garantie
der Wahrheit und die Unterdrckung der zahlreichen Verbrechen der
handeltreibenden Krperschaften: der Bankerotte, des Wuchers, des
Brsenspiels etc.

In Sachen der Freiheit: das Bedrfni der industriellen
Attraktion; ein Aequivalent fr die natrlichen Rechte (die der
Wilde hat) und Garantien fr ein gradweise abgestuftes Minimum fr
die verschiedenen Klassen. ...

Der Streit ber die Freiheit hat erst neuerdings vier Millionen
Kpfe gekostet (Fourier spielt hier auf die der groen Revolution
folgenden Kriege an), die den politischen Sophismen und der
Handelseifersucht geopfert wurden, gengend, um dieses Chaos von
irrigen Lehren ber die Freiheit und den Handel zu entwirren.

Es gehrt zu den Gebruchen der Zivilisirten, einem Dogma zu
Ehren, dessen Sinn, noch dessen praktische Wirkungen man kennt,
sich gegenseitig an die Gurgel zu fahren. Beweis dafr sind die aus
den Debatten ber die Verwandlung (Transsubstantiation) und die
Wesenseinheit (Consubstantialit) hervorgegangenen Kriege. Unser
Jahrhundert hat hnlich ber die Menschenrechte spekulirt; um sie
zu erhalten, massakrirte man sich und doch kannte man ihr wahres
Wesen nicht.

Nach Fourier liegt das wahre Wesen der Freiheit in der Anerkennung
des Rechts auf Arbeit, das fr den Armen allein werthvoll ist.
Die Erfahrung hat uns zur Genge gelehrt, da mit dieser
Anerkennung auch nichts gethan ist. Es ist auch ber dieses Recht
gar viel gestritten worden und zuletzt, im Jahre 1848 in Paris in
den Junitagen, viel Blut geflossen. Das Recht auf Arbeit steht in
Bezug auf seine Phrasenhaftigkeit um kein Haar breit hinter der
Freiheit und den Menschenrechten zurck, Jeder legt sich dieses
Recht zurecht, wie er es braucht und es seinem
Interessenstandpunkt entspricht. Gewisse Sozialisten betrachten
noch heute das Wort als eine Art Schiboleth, das die soziale Frage
lse; bei den Anhngern des preuischen Landrechts, die dieses
Recht ebenfalls anerkennen, schrumpft es zu einem Recht auf
Armenhausarbeit und Armenuntersttzung zusammen. Auch nach der
Junirevolution hat es noch die Kpfe in der franzsischen Kammer
erhitzt, man schlug groe Redeschlachten und dabei ist es bis heute
geblieben. Schlielich waren bei all diesen Schlagworten es immer
und immer die Vertreter der kleinbrgerlichen Demokratie, die sich
am eifrigsten fr sie begeisterten und sich zu ihren Champions
aufwarfen. Ganz begreiflich. Diese Demokratie reprsentirt eine
Gesellschaftsschicht, die zwischen der grobrgerlichen und der
proletarischen Klasse mitten innesteht, in Folge davon ohnmchtig
ist und in Bezug auf die Heilung der sozialen Uebel an chronischer
Impotenz leidet und daher ihr Thatenbedrfni in groen Worten und
Kraftphrasen zu verpuffen genthigt ist. Die brgerlichen Ideologen
lieben es, am Klang der Worte sich zu berauschen, sie sind aber
allmlig sehr einflulos und harmlos geworden.

Fourier war allerdings ein viel zu mathematisch denkender und
logisch schlieender Kopf, um sich durch eine Phrase, die er bei
Andern klar durchschaute, beirren zu lassen, und so folgert er: es
giebt keine wie immer zusammengesetzte Freiheit ohne das Minimum;
kein Minimum ohne die industrielle Anziehung (attraction); keine
industrielle Anziehung in der zerstckelten (morcel) Arbeit,
womit er sagen will, in der auf Privatwirthschaft beruhenden
Arbeit. Die industrielle Anziehung kann nur aus den Serien der
Triebe geboren werden; also:

Das Minimum, gesttzt auf die industrielle Anziehung, ist der
einzige Weg zur Freiheit, einen andern giebt es nicht. Aber um in
diesen Weg einzutreten, mu man die Zivilisation verlassen, mu man
ihre Produktions- und Distributionsform aufheben; und da es hierzu,
nach ihm, zwlf Wege giebt, mu man den gnstigsten whlen, um zur
Assoziation zu gelangen.

Es handelt sich also darum, den neuen Zustand dergestalt zu
organisiren, da folgende sieben Funktionen voll angewendet und
ausgebt werden knnen: husliche Arbeiten, lndliche Arbeiten,
industrielle Arbeiten, Austausch, Unterricht, Wissenschaften,
schne Knste. Es mu vorhanden sein: Anziehung fr alle
Beschftigungen, proportionale Vertheilung des Erzeugten,
Gleichgewicht der Bevlkerung, Oekonomie in den Hlfsmitteln.

Die Anziehung an die Arbeiten kann nur vorhanden sein, wenn jede
Arbeit angenehm _und_ lukrativ ist. Die Vertheilung findet statt
nach den drei industriellen Fhigkeiten: Arbeit, Kapital, Talent.
Die Bevlkerungszahl einer Phalanx darf 1800-2000 Personen nicht
berschreiten, weil in dieser Zahl, nach Fourier's Berechnung, die
verschiedenen Triebe und Charaktereigenschaften voll und zweckmig
vertheilt enthalten sind und eine grere oder kleinere Zahl die
Ausgleichung stren wrde. Die Oekonomie der Hlfsmittel ergiebt
sich aus dem mglichst zweckmigen Zusammenwirken aller mit
einander Operirenden, die alle gleichmig an der Ersparni von
Materialien, Zeit und Kraft interessirt sind. So wird man in einer
Phalanx von 400 Familien nicht 400 Kchenfeuer, 400
Einzelwirthschaften erhalten, sondern man wird nur 4 oder 5 groe
Kchenfeuer anlegen und die Bewohner in 4 oder 5 Klassen, nach dem
Stande ihres Vermgens, eintheilen und sie in einem gemeinsamen
Palast wohnen lassen. Der sozietre Zustand lt keine Gleichheit
zu. Ebenso werden bei dem Ackerbau wie bei der Industrie die
Vortheile in positiver Beziehung -- Erhhung der Produkte durch
zweckmigste Kombinirung und Anwendung der Krfte und Hlfsmittel
-- und in negativer Beziehung -- Ersparnisse an Kraft, Zeit,
Materialien -- sehr bedeutende sein. Es entsteht wieder rationelle
Waldzucht, Quellenschonung, Klimaverbesserung. Ueber alle diese
Vortheile, welche die assoziirte Thtigkeit erzeugen msse, uert
sich Fourier wie folgt:

Eine Phalanx, die sich z.B. mit Wein- oder Oelbau befat, wird nur
einen einzigen Werkraum fr die Fertigstellung nthig haben, statt
der vielen, die jetzt in einer Gemeinde von 15-1800 Seelen nthig
sind; statt 300 Bottiche wird sie nur ein Dutzend bedrfen. Man
wird ferner fr die Reben- und Oelbaumanlagen die Ueberwachung, die
Einfriedigungen und Ummauerungen ersparen. Man wird die Lese nicht
auf einmal vornehmen, wie dies jetzt der kleine Privatbesitzer, um
Kosten und Zeit zu ersparen, thun mu, sondern in dem Mae, wie die
Trauben reifen, und damit groe Verluste an Quantitt oder Qualitt
verhten. Statt der 1000 Fsser, welche heute 300 Familien
benthigen, werden 30 groe Tonnen gengen. Man wird neun Zehntel
der Kosten fr die Lagerrume, neunzehn Zwanzigstel fr das Fawerk
ersparen. Die richtige Behandlung des Weins ist dem kleinen Besitzer
unmglich, weder kann er ihm die nthige Lagerung gewhren in
trockenen gut gelfteten nach Norden gelegenen Lagerrumen, noch
hat er die Einrichtungen und Vorrichtungen fr die tgliche Khlung
der Keller und Fsser. Auch fehlt der Ueberzahl der Besitzer die
Mglichkeit, die Weine durch verschiedene Fllungen zu verbessern,
leichte mit schweren Qualitten zu schneiden, oder sich fremde
wrmere Weine zu verschaffen. Ferner wird heute der Wein,
unmittelbar nach der Ernte, von vielen Eigenthmern zum billigsten
Preis verkauft, weil sie ihn verkaufen mssen, sei es, da sie Geld
nthig haben, der Glubiger schon wartet, oder da es ihnen an
geeigneten Aufbewahrungsrumen fehlt, und sie der Mittel oder des
Verstndnisses zur Pflege entbehren. In der Phalanx wird der Wein
in Folge guter Aufbewahrung und Pflege schon nach einem Jahre das
Fnffache des Preises werth sein und mit dem Alter entsprechend im
Preise steigen. Die Phalanx verkauft ihn, wie ihr Interesse
gebietet. Und so noch viele andere Vortheile, die aus der
Gemeinwirthschaft entspringen, stets Kosten ersparen und die
Produkte verbessern. Man wird bessern Saamen, bessere Pflanzen
anschaffen, im Ankauf nie betrogen werden; man wird fr die
verschiedenen Pflanzungen die besten und geeignetsten Bodenarten
aussuchen knnen, Maschinen, Gebude, Stlle, Lagerrume werden die
zweckmigsten sein, die verfgbaren Krfte werden jede Arbeit im
richtigen Moment ermglichen.

Eine der glnzendsten Seiten der sozietren Arbeit wird die
Einfhrung der Wahrheit in Handel und Wandel werden. Indem die
Assoziation die kooperative, solidarische, sehr vereinfachte, auf
Wahrhaftigkeit und Garantie beruhende Konkurrenz an die Stelle der
individuellen, unsoliden, lgnerischen, verschlungenen und
willkrlichen Konkurrenz der Zivilisation setzt, wird sie nur ein
Zwanzigstel der Arme und der Kapitalien benthigen. Man wird also
den heutigen Handel als parasitisch unterdrcken, denn parasitisch
ist Alles, was unterdrckt werden kann, ohne da der Zweck
geschdigt wird. Man wird in der Phalanx statt hunderter
konkurrirender und gegen einander intriguirender Kaufleute und
Krmer mit ihren Verkaufshallen und Lden nur ein groes
Waarenlager und verhltnimig sehr wenig Personen brauchen, da
alle Kufe und Verkufe nach auen die Phalanxen unter sich
abschlieen.

In der Zivilisation ist der Mechanismus in jeder Art der
ruinseste und falscheste. So giebt es auer im Handel noch
tausende und abertausende von parasitischen Existenzen, z.B. die in
der Rechtspflege beschftigten Personen, eine Institution, die nur
auf den Fehlern der zivilisirten Ordnung beruht ... Andererseits
fehlen die Mittel fr das Nthigste. So mangeln Frankreich heute
einige hundert Millionen Franken fr die Verbesserung der Wege und
Straen; im sozietren Zustand, wo Phalanx an Phalanx sich reiht,
bestehen die ausgezeichneten Verbindungsmittel, fr die jedes
Phalanstre (das Phalanstre ist der ganze Bezirk [Kanton]
inklusive der Gebude. Der Kanton soll nach Fourier eine
Quadratstunde Flcheninhalt haben) aufzukommen hat, ohne da es der
Staatssteuern dazu bedarf. Ebenso fllt die kostspielige
Katastrirung der Grundstcke fr den Staat fort. Eine Wahl, die
heute unendlich viel Zeit und Geldopfer erfordert, eine Menge der
widerlichsten Kabalen erzeugt, wird in der Phalanx dem Einzelnen
kaum eine Minute Zeit kosten, eine Reise dazu hat er nicht nthig
zu machen. ...

Unter die Unproduktiven gehren ferner die Soldaten, die
Grenzwchter, die Steuerbeamten; auch sind ein groer Theil der
Dienstboten und viele von den in der isolirten Wirthschaft
beschftigten Personen unter die Parasiten zu rechnen. Sobald
Mnner, Frauen, Kinder, letztere vom dritten Lebensjahre ab, aus
Anziehung thtig sind, wenn Trieb, Geschicklichkeit, Wetteifer, der
verbesserte Mechanismus der Arbeit, Einheitlichkeit der Handlungen,
freier Verkehr, Verbesserungen des Klimas, hhere Kraft und
Langlebigkeit der Menschen zusammenwirken, werden die Arbeitsmittel
und Krfte in's Unberechenbare sich steigern und wird das Produkt
quantitativ und qualitativ sich dem entsprechend veredeln und
vermehren.

Am meisten wird das Schicksal der Kinder in der sozietren
Organisation sich verbessern. In der meist sehr bel und mangelhaft
geleiteten Privatwirthschaft finden die Kinder in ihren Htten,
Hofwerkstellen, Scheuern weder die Hlfsmittel, noch die Belehrung,
noch die Beurtheilung, noch den Antrieb, den sie nthig haben, um
sich gehrig zu entwickeln. Dabei sterben sie massenhaft in Folge
ihrer ungesunden Wohn- und Lebensweise, oder sie siechen dahin. Im
sozietren Zustand wird die Sterblichkeit sich auerordentlich
vermindern, die Kinder werden an krperlicher und geistiger
Gesundheit in heute ungeahnter Weise zunehmen. Drohende
Uebervlkerung wird die sozietre Organisation auszugleichen
wissen.

Die Zivilisation befindet sich allen diesen Fragen gegenber in
einem falschen Kreisschlu (cercle vicieux) und das erkennt man
allmlig. Man ist erstaunt, zu finden, da _in der Zivilisation die
Armuth selbst den Ueberflu erzeugt_. Unser Zustand bringt nicht
das Glck, sondern das Nichtglck hervor; die Exzesse der Industrie
fhren zu den grten Uebeln, sie werfen uns von der Scylla in die
Charybdis, und warum? Weil wir ohne Leitfaden in einem Labyrinthe
wandeln. Das zeigt sich berall. Whlen wir als Beispiel die
natrlichen Anlagen des Menschen und die Kunst, sie zum Aufbruch zu
bringen. Ein Krrner fhrt Metall in eine Gieerei.[14] Bei dem
Anblick ihrer Einrichtungen erfat ihn die Neigung, als Lehrling
einzutreten. Er entdeckt bei sich einen Trieb, den bisher weder er,
noch seine Eltern kannten; er tritt wirklich als Lehrling ein und
macht so erstaunliche Fortschritte, da er schon nach einem Jahre
einen sehr geschickten Arbeiter ersetzte und pro Tag 22 Franken
verdiente. Welche Anklage liegt in diesem einen Beispiel gegen
unsere Arbeits- und Erziehungsmethoden, gegen unsere Theorie der
Vervollkommnung und des Studiums des Menschen. Jedes Kind hat vom
jugendlichsten Alter an Anlagen und Triebe verschiedenster Art,
aber wie ermglichen, da wir sie kennen lernen? Dazu ist die
Zivilisation unfhig. Uns mangelt der Kompa, der Schlssel, der
uns dieses Zauberbuch ber die Anziehungen und die industriellen
und wissenschaftlichen Anlagen und Triebe entziffert. Das kann nur
durch die Anwendung der Serien der Triebe geschehen; sie bilden den
Schlssel zu jedem Zweig des sozialen Mechanismus und hauptschlich
auch fr die Erziehung. Das Problem, das es hier zu lsen gilt,
ist, nicht nur eine, sondern selbst zwanzig Anlagen zum Aufbruch zu
bringen bei einem Kinde, das kaum drei Jahre alt ist. Vom vierten
Jahre ab soll es schon spielend in zwanzig verschiedenen Serien
industrieller Thtigkeit geschickt sein und mehr gewinnen, als
seine Nahrung und sein Unterhalt kosten; es bt abwechselnd alle
physischen und intellektuellen Fhigkeiten, Alles mit Eifer
ergreifend. Statt zwanzig Anlagen im Alter von vier Jahren finden
wir bei dem Zivilisirten oft nicht eine im Alter von zwanzig
Jahren, sie wurden unterdrckt, erstickt, weil die Eltern arm
waren, oder die Triebe und Anlagen nicht anzuregen verstanden, oder
die Gelegenheit fehlte. So steht es hnlich selbst bei der
wohlhabenden Klasse. Unter zwanzig jungen Leuten, die man auf die
Universitten und Hochschulen schickt, ist fter kaum einer, der
die in ihn gesetzten Hoffnungen erfllt. Die Anlagen zum Aufbruch
zu bringen, die Kunst, sie vom niedersten Lebensalter an zu
entwickeln, das ist die Klippe, an der unsere Wissenschaften
scheitern. Wir verstehen das nicht einmal in der Agrikultur, woher
es kommt, da diese selbst unserer Dorfjugend widerwrtig
erscheint. Unsere wissenschaftliche, unsere industrielle Erziehung
steht, wie Alles, auerhalb der Natur, auerhalb der Anziehung. Es
ist klar, wir brauchen einen Wegweiser, eine neue Wissenschaft und
diese ist die Lehre von den Serien der Triebe. Ohne sie werden die
Nebel immer grer. Man behauptet, die Menschen seien heute nicht
falscher als frher. Inde vor einem halben Jahrhundert konnte man
fr wenig Geld noch Stoffe von guter Farbe und Qualitt und
natrliche, d.h. unverflschte Nahrungsmittel kaufen; heute
herrschen berall Verflschung und Betrgerei. Der Landmann selbst
ist ein Flscher geworden, wie es der Kaufmann schon vor ihm war.
Milch, Oel, Wein, Branntwein, Zucker, Mehl, Kaffee, Alles ist
schamlos verflscht. Die arme Menge kann sich keine natrlichen
Lebensmittel mehr verschaffen, man verkauft ihr langsam wirkende
Gifte; solche Fortschritte machte der Handelsgeist selbst bis in
die entlegensten Drfer. Seit fnfzig Jahren hat sich die Zahl der
Handeltreibenden vervierfacht, ohne da die Beschftigung fr sie
sich entsprechend vermehrte, der Schwindel ist in demselben Mae
gewachsen und ebenso die Aufsaugung der Kapitalien.[15] Zu allen
Zeiten und an allen Orten wird die Anziehung der Triebe zu drei
Zielen zu kommen suchen: Zum Luxus oder zur Befriedigung der fnf
Sinne; zu Gruppenbildungen und Serien der Gruppen -- Bande der
Zuneigung --; zu dem Mechanismus der Triebe, der Charaktere und
Instinkte; und durch sie alle drei zur universellen
Einheitlichkeit.

[Funote 14: Fourier erwhnt hier einen selbsterlebten Fall und
fhrt die Namen an, die wir als gleichgltig weglassen.]

[Funote 15: Der Leser will nicht vergessen, da das nicht heute,
sondern schon vor dreiviertel Jahrhunderten geschrieben wurde.]

Der Luxus umfat alle sinnlichen Vergngungen. Indem sich die
Triebe nach Befriedigung sehnen, wnschen wir uns implicite
Gesundheit und Reichthum als Mittel der Befriedigung; wir wnschen
uns inneren Luxus oder krperliche Kraft, Verfeinerung und Strke
der Sinne, und ueren Luxus oder Reichthum. Man mu diese beiden
Mittel besitzen, um den ersten Zweck der Anziehung der Triebe zu
erreichen. Wir mssen also befriedigen: Geschmack, Gefhl, Gesicht,
Gehr, Geruch. Fr das zweite Ziel sucht die Anziehung Gruppen zu
bilden und zwar in der Zahl von vier: Gruppe der Freundschaft, des
Ehrgeizes, als hhere; der Liebe, der Elternschaft oder der
Familie, als niedere Ziele. Alle Gruppen, die sich in voller
Freiheit und nach Neigung bilden, beziehen sich auf eins dieser
vier Ziele. Wird eine Gruppe zahlreich, so theilt sie sich in
Untergruppen, indem sie eine Serie von Theilen bildet, abgestuft in
Nuancen nach Neigungen und Geschmack. Alle Gruppen suchen eine
Serie (Reihe) oder Stufenleiter zu bilden, verschieden in Gattung
und Art. Die Serien der Gruppen sind also zweites Ziel der
Anziehung, indem sie sich fr alle Funktionen der Sinne und der
Seele bilden. Das dritte Ziel ist der Mechanismus der Triebe oder
der Serien von Gruppen. Es ist das Bestreben der fnf sinnlichen
Triebe (1. Geschmack, 2. Gefhl, 3. Geruch, 4. Gesicht, 5. Gehr)
mit den vier affektiven: 6. Freundschaft, 7. Ehrgeiz, 8. Liebe, 9.
Elternschaft, in Uebereinstimmung zu bringen. Diese
Uebereinstimmung vollzieht sich durch Vermittelung der drei wenig
bekannten und viel verkannten Triebe. 10. der Kabalist, Trieb durch
Intrigue nach Vereinigung der Gleichstrebenden; 11. der Papillon,
Trieb nach Abwechslung, nach Kontrasten; 12. der Komposit, Trieb
der Aneiferung, der Begeisterung, des Strebens nach
Vervollkommnung.

Diese zwlf zusammenwirkenden Triebe stellen die Harmonie der
Triebe her. Ein Jeder wnscht im Spiel seiner Triebe eine solche
Ausgleichung sich zu verschaffen, da der Aufschwung des einen
Triebes den Aufschwung aller brigen begnstigt. Z.B. Liebe,
Ehrgeiz wollen ihr Ziel erreichen und nicht enttuscht sein; die
Gourmandis hat die Absicht, die Gesundheit zu verbessern, und nicht
zu schdigen ... Gegenwrtig ist der Mensch im Kriege mit sich
selbst. Seine Triebe gerathen aneinander. Der Ehrgeiz wirkt der
Liebe, die Elternschaft der Freundschaft entgegen, und so befinden
sich alle Triebe bestndig in Disharmonie. Aus diesem Kampf der
Triebe entstand die Wissenschaft der Moral, die verlangt, man solle
die Triebe unterdrcken; aber unterdrcken heit nicht organisiren,
harmoniren. Unser Zweck ist, den freiwillig ineinander greifenden
Mechanismus der Triebe zu schaffen, _ohne einen zu unterdrcken_.
Dies geschieht, wenn jedes Individuum, indem es sein persnliches
Interesse verfolgt, damit auch dem Allgemeininteresse bestndig
dient. Heute ist das Gegentheil der Fall. Die Zivilisation ist ein
Krieg des Einen gegen Alle und Aller gegen Einen; eine Ordnung, wo
Jeder sein Interesse dabei findet, alle Anderen zu tuschen, sie
ist ein den Trieben fremder Diskord; aber das Ziel der Triebe mu
sein, zur inneren und ueren Harmonie zu kommen.

Die Kunst zu assoziiren, besteht darin, eine Phalanx von Serien
der Triebe in voller Uebereinstimmung bilden und entwickeln zu
knnen, die vollkommen frei nur durch Anziehung bewegt sein sollen
und angewendet werden auf die sieben bereits erwhnten
industriellen Funktionen. Hauswirthschaft, Ackerbau, Industrie,
Handel und Verkehr, Unterricht, Wissenschaften, schne Knste ...
Eine Serie der Triebe ist eine Verbindung verschiedener in auf- und
absteigender Stufenfolge verbundener Gruppen, die vereinigt sind
durch Uebereinstimmung des Geschmacks fr irgend eine Thtigkeit,
wie den Anbau einer Frucht, und in welcher fr jeden Zweig der
Arbeit hierbei eine spezielle Gruppe sich bildet. Wenn die Serie
Hyazinthen oder Kartoffeln baut, mu sie eben so viel Gruppen
bilden, als Arten von Hyazinthen oder Kartoffeln kultivirt werden
sollen. Jede Gruppe bildet sich aus Gliedern der Serie, die fr
eine bestimmte Art inkliniren. Es sind mindestens 45-50 Serien
nothwendig, wenn einigermaen die nthige Abwechslung und
Ausgleichung herbeigefhrt werden soll. Die Serien benutzen die
Verschiedenheiten der Charaktere, des Geschmacks, der Instinkte,
der Vermgen, der Ansprche, der Bildungsstufen. Jede Serie setzt
sich aus kontrastirenden und abgestuften Ungleichheiten zusammen,
sie erheischt ebensoviel Gegenstze oder Antipathien als
Uebereinstimmungen oder Sympathien, wie ja auch in der Musik ein
Akkord dadurch sich herstellt, da man ebensoviel Noten ausfallen
lt, als man zusetzt. Die Kontraste der Tne erzeugen den Akkord.
Eine Vereinigung von Serien der Triebe hat fr die soziale Harmonie
glnzende Eigenschaften, sie erzeugt Bewegung, Wahrheit,
Gerechtigkeit, direkte und indirekte Uebereinstimmung, Einheitlichkeit.
Die Zivilisation hat alle entgegengesetzten Eigenschaften:
Entkrftung, Ungerechtigkeit, Betrug, Mistimmung, Zweideutigkeit.
Aber die Serie der Triebe wrde nicht richtig funktioniren, wenn
sie nicht drei Eigenschaften bese. Die verschiedenen Gruppen
mssen miteinander rivalisiren oder gegeneinander in Bewegung
gerathen; das ist nur mglich, wenn die Gruppen nicht
grundverschiedene Leistungen vollziehen, sondern nur gradweise
verschiedene, also z.B. nicht verschiedene Arten von Obst, sondern
verschiedene Sorten einer Art bauen. Ferner mssen die einzelnen
Sitzungen kurz sein, sie drfen sich nicht ber zwei Stunden
ausdehnen, weil sonst die Ermdung eintritt. Soll eine Arbeit
anziehend sein, so mu sie kurzzeitig sein und man mu dann zu
einer andern kontrastirenden Thtigkeit bergehen knnen. Endlich
mu Jedes in der Gruppe eine bestimmte Arbeit haben, die es im
Wetteifer mit den Uebrigen am besten zu machen sucht. So kommen die
Kabalist, die Papillon, die Komposit in Anwendung. Eine Gruppe
gengt, wenn sie sieben Mitglieder zhlt; sie ist vollkommen, wenn
sie neun hat; sie theilt sich dann unwillkrlich wieder in
Untergruppen, in die beiden Flgel und das Zentrum. Vierundzwanzig
Gruppen ist die niedrigste Anzahl fr eine Serie.

       *       *       *       *       *

Die Zivilisirten treffen berall instinktiv das Falsche, sie ziehen
immer das Falsche dem Wahren vor und so ist auch der Angelpunkt
ihres Systems eine falsche Gruppe, die sie auf die kleinste Zahl,
auf zwei beschrnkten. Diese Gruppe ist das Ehepaar. Diese Gruppe
ist falsch durch die Beschrnkung der Zahl, falsch durch das Fehlen
der Freiheit, falsch durch das Auseinandergehen und die Spaltungen
des Geschmacks. Diese Differenzen machen sich schon nach den ersten
Tagen fhlbar; man differirt bezglich der Gerichte, der ehelichen
Besuche, der Ausgaben, der Unterhaltung, und wegen hundert anderer
Dinge. Nun, wenn die Zivilisirten nicht einmal die ursprnglichste
ihrer Gruppen harmonisiren knnen, dann knnen sie dies noch
weniger mit dem Ganzen. _Der Mensch ist aus Instinkt Feind des
Zwanges und der Gleichheit, er strebt in jeder Beziehung bestndig
nach Vernderung_.

Da nach Fourier also der Mensch in jeder Beziehung Feind der
Gleichheit ist, weshalb auch die Vermgensunterschiede bestehen
bleiben mssen, giebt es in der Phalanx eine hierarchische
Ordnung, die freilich, bei Lichte besehen, sehr harmlos ist, und
sich auch nur zum Besten des Ganzen bethtigen kann. Freund
militrischer Einrichtungen, die ihm durch ihre strenge Ordnung
und ihre regelmige Funktionirung imponiren -- er soll mit groer
Vorliebe bis an sein Lebensende den militrischen Uebungen und
Paraden beigewohnt haben --, giebt er seiner phalansteren Hierarchie
einen militrisch-monarchischen Anstrich, obgleich ihr Grundtypus
ein rein demokratischer ist. Die Leiter der Serien und Gruppen
werden Offiziere genannt und haben militrische Grade. Es sind
Hauptleute, Lieutenants, Fahnenjunker; es giebt ganze Stbe in der
Phalanx und werden alle Wrden ohne Rcksicht auf das Geschlecht
erworben. Sind in einer Gruppe oder Serie hauptschlich Frauen, so
werden die Offiziersstellen hauptschlich Frauen bekleiden.
Dasselbe gilt von den Kindern, Knaben wie Mdchen. Die Mitglieder
der Serien und Gruppen whlen zu ihren Leitern Diejenigen, die sich
innerhalb ihres Kreises am meisten auszeichnen und dadurch die
Sympathien der Uebrigen erwerben. Fourier ist ferner der Ansicht,
da die Menschen, mit sehr wenig Ausnahmen, an ueren
Auszeichnungen, an schnen Farbenzusammenstellungen in ihrer
Kleidung, an Uniformen, glnzenden Schaustellungen und Festen,
opulenten Einrichtungen, prchtigen Denkmlern und Bauten ihre
Freude haben. Nach all diesen Richtungen soll die Phalanx das
Hchste bieten.

Zur Leitung werden zweierlei Arten von Offizieren gewhlt; die
Einen, welche die eigentliche geschftliche Leitung haben, und die
Andern, welche den sogenannten ueren Dienst versehen, die fr den
Glanz und das wrdige Auftreten der Gruppen und Serien bei Festen,
Aufzgen, Schaustellungen und fr die Ausschmckung sorgen. Auch in
letzterer Beziehung wird ein lebhafter Wetteifer zwischen den
einzelnen Serien und Gruppen entstehen. Man wird fr die zuletzt
erwhnten Funktionen hauptschlich solche Personen zu Offizieren
erwhlen, die greren Reichthum besitzen. Denn da in der Phalanx
das Kapital fnf- und sechsfach hhere Zinsen erlangt, als in der
Zivilisation, ohne da Arbeit und Talent dabei zu kurz kommen, und
die reichen Leute in der Phalanx sehr bedeutend billiger und doch
viel besser leben, als in unserer gegenwrtigen sozialen Ordnung,
werden sie eine Ehre darein setzen, ihren eigentlich sonst gar
nicht unterzubringenden Ueberflu zum Besten des Ganzen anzuwenden.
Sie werden also fter fr ihre Serien- und Gruppengenossen
besonders opulente Mahlzeiten veranstalten, die ihnen gar nicht so
auergewhnlich theuer kommen, weil sie nur das Plus des Preises
ber die regelmige Mahlzeit, deren Kosten Jedem Tag fr Tag von
der Phalanx angerechnet werden, zu bezahlen haben; ferner werden
sie den Bau prchtiger Pavillons, die Aufstellung von Statuen,
Altren und dergleichen in dem Theile des Kantons, in dem die Serie
oder Gruppe, in welcher sie die hervorragende Rolle spielen,
beschftigt ist, auf ihre Kosten betreiben.

Alle Arten von Serien und Gruppen, gebildet in Uebereinstimmung mit
den Trieben, deren Ordnung und Mechanismus der Zivilisation als ein
undurchdringliches Geheimni erscheint, sind nach Fourier das
Ergebni geometrischer Berechnungen auf Grund der Anziehungen und
der Bestimmungen. Die Richtigkeit dieser von ihm unternommenen
Berechnungen ist nach seiner Meinung unzweifelhaft. Er kennt das
Geheimni des ganzen Mechanismus der Gesellschaft und von einem
guten Theil des Weltalls; Alles organisirt sich nach bestimmten
mathematischen Zahlenverhltnissen, die zunchst nur ihm bekannt
sind.

Wenn einmal Jemand sich im Besitz eines solchen Geheimnisses und
solcher Kenntnisse whnt, so ist natrlich, da jede andere
Theorie, die auf dasselbe Ziel hinaus luft, ihm als eine Art
Profanation seiner eigenen Ideen, als eine Art Sakrilegium
erscheint, und da er die fremden Theorien dementsprechend als
Charlatanerie behandelt und verurtheilt. Da nun um dieselbe Zeit,
als Fourier mit seinen Theorien vor die Oeffentlichkeit trat, Owen
in England mit seinen Assoziationsversuchen ebenfalls hervortrat
und groes Aufsehen erregte, spter auch schriftstellerisch und
persnlich agitatorisch fr dieselben wirkte, konnten diese
Bestrebungen Fourier nicht unbekannt bleiben. Er griff Owen heftig
an, als einen Mann, der vom Mechanismus der Assoziation nichts
verstehe, nur Sophismen verbreite und mit seinem Kommunismus und
Atheismus das grte Unheil anstifte. In hnlicher Weise wandte er
sich spter auch gegen die Saint Simonisten, die er mit ihrer neuen
Religionsgrndung lcherlich machte. Unbegreiflich war ihm nur, da
Beide, Owen und Saint Simon, mehr Beachtung und Anhang fanden, als
er.

Fourier fhrt nun weiter fort:

Das Bedrfni nach periodischer Verschiedenheit, kontrastirenden
Situationen, Szenenvernderungen, nach pikanten Zufllen, nach
Neuigkeiten, welche die Illusion erregen, ist dem Menschen eingeboren.
Dieser Trieb ist die Papillon. Das Bedrfni nach Abwechslung macht
sich bei dem Menschen von Stunde zu Stunde, lebhaft von zwei zu
zwei Stunden bemerkbar. Wird es nicht befriedigt, so verfllt er
der Lauheit und Langeweile. Auf der Befriedigung dieses Triebes
nach Vernderung beruht das Glck der Pariser Sybariten. Es ist die
Kunst, gut und rasch zu leben. Verschiedenheit und Verkettung der
Vergngungen, Raschheit der Bewegung ist nothwendig.

Indem nun im sozietren Zustand alle Beschftigung in kurzen
Sitzungen von etwa einundeinhalbstndiger Dauer sich vollzieht,
kann Jeder im Laufe des Tages acht bis zehn ihn anziehende und
seine Triebe befriedigende verschiedene Thtigkeiten ausben, die
durch die Art ihrer Ausbung ihm nur Vergngen bereiten. Den
nchsten Tag besucht er Gruppen und Serien, die von denen des
vorhergehenden Tages in ihrer Zusammensetzung wie in ihrer Thtigkeit
verschieden sind. So eilt der Mensch, entsprechend seinen Trieben,
selbst indem er ntzlich thtig ist, von Vergngen zu Vergngen,
_ohne in Exzesse zu verfallen_, denen der Zivilisirte nicht
entgeht. Denn dieser widmet einer Arbeit sechs Stunden und mehr,
einem Fest sechs Stunden, einem Ball die ganze Nacht auf Kosten
seines Schlafes und seiner Gesundheit. Dann sind auch die
Vergngungen der Zivilisirten immer unproduktiv, whrend im
sozietren Zustand die Arbeiten selbst zu Vergngen und also
produktiv werden. Sehen wir zu, wie ein Unbemittelter und wie ein
Reicher in der Phalanx ihren Tag verbringen. Wir nehmen den Monat
Juni als Beispiel der Lebensweise fr den Unbemittelten.

Frh 3 Uhr erheben und ankleiden; 4 Uhr Sitzung[16] in einer
Gruppe fr die Pflege der Thiere in den Stallungen; 5 Uhr Sitzung
in einer Gruppe der Grtner; 7 Uhr Frhstck; 7 Uhr Sitzung der
Mher; 9 Uhr Sitzung der Gemsebauer, und zwar werden diese
Gartenarbeiten bei grerer Wrme unter knstlich konstruirten
transportablen Zelten vorgenommen; 11 Uhr zweite Sitzung in den
Stallungen; um 1 Uhr Mittagstisch; 2 Uhr Waldarbeiten; 4 Uhr
Beschftigung in einer Manufaktur; 6 Uhr Bewsserung; 8 Uhr Brse;
8 Uhr Abendessen; 9 Uhr Unterhaltungen; 10 Uhr Schlafengehen.

[Funote 16: Jede dieser kurzzeitigen Beschftigungen nennt
Fourier Sitzung (sance).]

Die Brse der Phalanx beschftigt sich nicht mit dem Handel von
Papieren und dem Schacher der Lebensmittel, sondern es werden hier
die Abmachungen fr den nchsten Tag getroffen; es bilden sich neue
Gruppen und Serien. Auch wird spter, wenn die Phalanx in voller
Wirksamkeit ist, die Zahl der Ruhepausen und Mahlzeiten sich auf
fnf erhhen und werden die Sitzungen krzer. Der Reiche, dessen
Tagesbeschftigung wir nun folgen lassen, ist ein Gutsbesitzer, der
probeweise in die Phalanx trat.

Frh 3 Uhr erheben und ankleiden; 4 Uhr Zusammenkunft im
Morgensaal, Unterhaltungen ber die Nachterlebnisse; 4 Uhr
erste Erholung, gefolgt von der industriellen Parade -- Kinder und
Erwachsene, Mnner und Frauen ziehen mit Fahnen und Emblemen unter
Musik in ihren Gruppen und Serien auf das Feld --; 5 Uhr Jagd;
7 Uhr Fischfang; 8 Uhr Frhstck; Zeitungen; 9 Uhr Gartenkultur
unter Zelten; 10 Uhr Fasanerie; 11 Uhr Bibliothek; 1 Uhr
Mittagessen; 2 Uhr Gewchshuser; 4 Uhr Pflege exotischer
Pflanzen; 5 Uhr Pflege der Fischteiche; 6 Uhr Vesperbrot auf dem
Felde; 6 Uhr Schafzucht; 8 Uhr Brse; 8 Uhr Abendessen;
9 Uhr Schaustellungen; 10 Uhr Schlafengehen.

Die kurze Schlafzeit -- sechs Stunden -- erklrt Fourier damit, da
die Harmonisten in Folge ihrer vernnftigen und angenehmen
Lebensweise, die Niemand beranstrenge, weniger Schlaf brauchten,
als die Zivilisirten, auch wrden sie von Kindheit an an diese
Lebensweise gewhnt. Bei der minutisen Ausarbeitung, die Fourier
allen Einrichtungen seiner Phalanx zu Theil werden lt, hat er
sich auch ausfhrlich mit den baulichen Einrichtungen befat und
die entsprechenden Plne seinen Werken einverleibt. Die Phalanx ist
eben ein Uhrwerk, das nach den Plnen seines Erfinders konstruirt
werden mu, wenn es den beabsichtigten Zweck erreichen soll. Das
Gebude der Phalanx, das Phalanstre, besitzt ringsum Gallerien,
die im Winter gleichmig durchwrmt, im Sommer von erfrischender
Khle sind. Der Lnge nach laufen durch das mchtige Gebude, in
dem die 1800-2000 Angehrigen der Phalanx wohnen, Sulenhallen,
die nach allen Theilen fhren, nach den Slen, den Wohnungen, der
Brse. Verdeckte Gnge stellen bequeme Verbindungen nach den
Ateliers, Werksttten und Stallungen her. Man behaupte, meint F.,
durch die kurzen Sitzungen werde viel Zeit verbraucht, um von einem
Ort zum andern zu kommen. Das sei inde falsch, da das Gebude
mitten im Bezirk liege und von allen Seiten in 5-10, hchstens 15
Minuten zu erreichen sei. Auch kmen die Kosten des Baues nicht in
Betracht, da die Arbeitsweise in der Phalanx gegen diejenige in der
Zivilisation immense Vortheile biete, und der Eifer, mit dem
Jedermann sich betheilige, herbeifhre, da in einer Stunde
geleistet werde, was in der Zivilisation kaum in drei Stunden
geleistet werden knne. Man betrachte nur einmal unsere Arbeiter
auf dem Felde, die, wenn ein Vogel vorber fliege, sich hinstellten
und ihm nachshen, die Hnde auf die Hacke gesttzt. Das komme
daher, weil unsere Arbeiten Ueberdru erweckten und ermdeten und
jeden Reizes entbehrten.

Die Beschftigung in der Phalanx erzeugt das die Gesundheit
frdernde krperliche Gleichgewicht. Die Gesundheit mu nothwendig
geschdigt werden, wenn der Mensch sich zwlf Stunden einer
gleichmigen Arbeit berlassen mu, die, welcher Art sie immer
ist, die verschiedenen Glieder des Krpers und seinen Geist nicht
gengend beschftigt. Dies wird noch schlimmer, wenn dieselbe
Arbeit Tag fr Tag das ganze Jahr hindurch sich wiederholt. Daraus
entstehen neben dem allgemeinen Widerwillen an der Arbeit die
vielen Berufskrankheiten; so sind gewisse chemische Fabriken wahre
Mrdergruben, in denen eine Beschftigung von zweistndigen
Sitzungen, zwei- oder dreimal die Woche fr den Einzelnen, ohne
jeden Nachtheil ertragen wird. Die reiche Klasse verfllt wieder
andern Krankheiten, der Gicht, der Apoplexie, dem Podagra,
Krankheiten, die dem Landmann fremd sind. Die Fettleibigkeit, bei
den Reichen so gewhnlich, ist ein Zustand, der krperliches
Gleichgewicht und Wohlbefinden grblich strt. Fast alle
Beschftigungen und Vergngungen der Reichen stehen mit der Natur
im Widerspruch. Die sanitre Bestimmung schreibt dem Menschen
bestndige Abwechslung in der Thtigkeit sowohl fr den Krper als
fr den Geist vor, diese hlt allein die Aktivitt und das
Gleichgewicht aufrecht.

Was vorzugsweise das krperliche Wohlbefinden frdert, wird auch
das seelische frdern. Vereinigt in der Zivilisation das Interesse
Freunde, so vereinigt es im sozietren Zustand sogar die Feinde, es
shnt die antipathischen Charaktere durch indirekte Kooperation
aus, und zwar, weil in einer groen Reihe von Serien und Gruppen,
in die jeder Einzelne nach der Verschiedenheit seiner Neigungen und
Triebe nach und nach eintritt, er durch die Berhrung findet, da
Diejenigen, die ihm auf dem einen Gebiet antipathisch waren, ihm
auf anderen sympathisch sind. Auch wird das Nebeneinanderarbeiten
nach demselben Ziel unwiderstehlich seine ausshnende Wirkung
ben.

Die seelischen Triebe verlangen so gut wie die sensuellen Abwechslung,
um befriedigt zu werden; es sind also auch die Herzen der groen
Mehrheit der beiden Geschlechter dem Bedrfni nach Vernderung und
Abwechslung unterworfen. Der Mann wie die Frau wnschte sich ein
Serail, wenn Abhngigkeit, Sitte und Gesetz sich dem nicht
widersetzten. Die ernsten Hollnder, die in Amsterdam so hoch
moralisch scheinen, haben in Batavia ihre Serails, gefllt mit
Frauen aller Hautfarben. Da haben wir das Geheimni unserer Moral;
sie wird zur Heuchlerin, wenn die Umstnde es gebieten, und sie
wirft die Maske ab, wenn sie dies ungestraft thun kann.

Pflanzen und Thiere haben das Bedrfni nach Wechsel und Kreuzung.
Mangels eines solchen Wechsels arten sie aus. Ebenso hat der Magen
das Bedrfni nach Wechsel; entsprechende Vernderung in den
Speisen erleichtert die Verdauung und erhht das Behagen und die
Befriedigung; aber man gebe dem Magen dieselbe ausgesuchteste
Speise tglich und er wird sie mit Widerwillen zurckweisen. Geist
und Seele sind von dem Trieb nach Vernderung beherrscht; oft
wirken zwei und drei Triebe gleichzeitig; so Liebe und Ehrgeiz.

Die Erde selbst hat ihre internirenden Zeiten, die der Besaamung,
der Erzeugung. Der Boden bedarf alternirender Anwendung der
Pflanzen; die ganze Natur verlangt nach Wechsel. In der ganzen Welt
existiren nur die Moralisten und die Chinesen, welche die
Einfrmigkeit, die Uniformitt verlangen; aber die Chinesen sind
auch die falschesten, der Natur am meisten widerstrebenden Wesen.

Fourier, der, wie wiederholt hervorgehoben wurde, Alles hate, was
mit dem Handel zu thun hatte, hate die Chinesen besonders, weil
sie, nach dem Vorurtheil seiner Zeit, die grten Diebe und
Betrger im Handel seien. Wir wissen heute, da dies eine falsche
Ansicht ist, obgleich die Vorurtheile gegen die Chinesen noch sehr
stark in Europa sind. Ebenso wie die Chinesen waren Fourier als
hauptschlich handeltreibendes Volk die Juden verhat, die er
unmittelbar den Chinesen in der Rangordnung folgen lie. Er war
sehr unglcklich, als man in Frankreich den Juden die vollen
brgerlichen Rechte einrumte, was ihn freilich nicht abhielt, wie
wir sahen, Herrn von Rothschild unter die Kandidaten fr seine
Versuchsphalanx zu reihen und ihm ein Knigreich Jerusalem in
Aussicht zu stellen.

Die Moral, fhrt Fourier weiter aus, welche die drei Triebe:
Kabalist, Papillone, Komposit, am heftigsten kritisirt, ist selbst
im strksten Widerspruch mit der Natur. Diese drei Triebe spielen
eine groe Rolle im sozialen Mechanismus, wie die Natur es will;
sie haben die Herrschaft, denn sie dirigiren die Serien der Triebe;
jede Serie ist in ihrem Mechanismus geflscht, wenn sie nicht den
kombinirten Schwung dieser drei Triebe begnstigt; sie bilden die
neutrale Gattung in der Tonleiter der zwlf Triebe.

Aktiver Gattung sind die vier Triebe der Seele: Freundschaft,
Ehrgeiz, Liebe, Elternschaft; passiver Gattung die fnf sensuellen
Triebe: Gehr, Geruch, Geschmack, Gesicht, Gefhl. Die neutrale
Gattung -- die mechanisirenden Triebe -- macht sich besonders
bemerklich bei den Kindern, denen die zwei affektiven Triebe --
Geschlechtsliebe und Elternschaft -- noch fehlen; sie berlassen
sich den mechanisirenden Trieben in ihren Spielen am meisten,
welche sie sehr selten ber zwei Stunden ausben, ohne zu wechseln.

Diese Disposition wird man fr sie bei der Organisation ihrer
Erziehung und Beschftigung besonders in Anwendung bringen.

Die Anziehung kann dreierlei Art sein: direkt oder
bereinstimmend; indirekt oder gemischt; verkehrt oder abweichend,
d.h. geflscht. Direkt ist sie, wenn sie aus Freude an dem
Gegenstand selbst die Thtigkeit ausbt. So haben Archimedes in der
Geometrie, Linn in der Botanik, Lavoisier in der Chemie nicht des
Gewinnes wegen, sondern aus heier Liebe zur Wissenschaft
gearbeitet. So kann ein Frst aus Liebe an dem Gegenstand Orangen-
oder Nelkenzucht treiben, oder wie Ludwig XVI. die Schlosserei;
kann eine Frstin Zeisige oder Fasanen pflegen. Hier herrscht
direkte Anziehung zur bestimmten Beschftigung, und so werden in
der sozietren Gesellschaft sieben Achtel der Arbeiten beschaffen
sein.

Die indirekte Anziehung ist vorhanden, wenn Jemand eine Thtigkeit
mehr des Gewinnes wegen, oder der Resultate seiner Arbeit als des
Gegenstandes selbst wegen ausbt. Zum Beispiel ein Naturforscher,
der widerliche Reptile oder Giftpflanzen unterhlt. Er liebt weder
das Eine, noch das Andere an sich, aber er berwindet seinen
Widerwillen durch den Eifer, den die in Aussicht stehenden
wissenschaftlichen Resultate in ihm erwecken. Solche indirekte
Anziehung wird sozietre Funktionen erregen, die einer besonderen
Anziehung beraubt sind, aber greren Gewinn oder grere
Anerkennung finden. Dieser Art Arbeiten wird es ein Achtel geben.

Die verkehrte oder geflschte Anziehung herrscht dort, wo die
Arbeit den Trieben Verstimmung erzeugt. Das ist der Fall, wo der
Arbeiter nur dem Zwang gehorcht, wo seine Arbeitskraft gekauft ist,
wo moralische Erwgungen ihn treiben, aber weder Freudigkeit fr,
noch Geschmack an der Thtigkeit vorhanden ist. Diese Nichtattraktion
kann in der Phalanx nicht existiren, sie herrscht aber in sieben
Achteln der Arbeiten der Zivilisation vor. Diese Zivilisirten
hassen ihre Thtigkeit, sie ben sie entweder aus Hunger oder
Langeweile, sie erscheint ihnen eine Strafe, zu der sie trgen
Schrittes, mit trbsinnigem, niedergedrcktem Aussehen gehen.

Der Gewinnanreiz, der bei den fr Lohn oder Gehalt Arbeitenden nur
eine divergirende Anziehung ausbt, kann in der Assoziation oft ein
edles Hlfsmittel sein. Zum Beispiel es handele sich um eine
Erfindung wie die, die Rauchverbrennung herbeizufhren. Hier
handelt es sich um Gewinn und Ruhm. Wer das Mittel entdeckt,
empfngt von der Phalanx fnf Franken, da aber eine Million
Phalanxen auf dem Erdboden bei dieser Erfindung interessirt sind,
so erhlt er fnf Millionen Franken und empfngt auerdem als
Erfinder das Diplom als einer der Magnaten des Erdballs, wodurch er
auf der ganzen Erde die diesem Rang zugebilligten Ehrenbezeugungen
empfngt.

Durch diese Form der Belohnung fr allgemein ntzlich oder
angenehm erkannte Leistungen wird selbst in den kleinsten Dingen der
Gewinn enorm sein. Wird fr eine Ode oder Symphonie eine Belohnung
von zwei Sous gewhrt und erklren sich bei der Abstimmung 500.000
Phalanxen fr dieselbe, so werden dem Dichter oder Komponisten
50.000 Franken ausgezahlt. Er empfngt zu diesem Zweck die
entsprechende Anzeige von dem Weltkongre, und wird diese Summe ihm
in Konstantinopel, der Hauptstadt der Welt, ausgehndigt. So wird
Jeder fr auergewhnliche Leistungen in demselben Verhltni
Belohnungen und Ehren empfangen, als diese Anerkennung finden. Denn
nur diejenigen Phalanxen steuern, die sich zu Gunsten einer
Leistung aussprachen, sie also fr wrdig erachteten und werthvoll
fanden.

Die indirekte Anziehung wird man in der Zivilisation selten
finden, sie kann nur durch einen mchtigen Ansto angeregt werden.
Ein Beispiel. Im Jahre 1810 gerieth bei Lttich eine Kohlenmine in
Brand und wurden achtzig Arbeiter, ohne Nahrungsmittel zu haben,
darin eingeschlossen. Um sie zu befreien, mute in wenig Tagen ein
bedeutender Durchstich fertiggestellt werden. Alle Kameraden der
Eingeschlossenen gingen mit Feuereifer an die Arbeit, Jeder setzte
eine Ehre darein, das Hchste zu leisten, und nach vier Tagen war
eine Arbeit vollbracht, zu der man sonst mindestens zwanzig
gebraucht htte. Es war nicht der Geldgewinn, der sie trieb, denn
die Arbeiter wiesen jede Belohnung als eine Beleidigung zurck, es
war der Drang, ihre Genossen um jeden Preis zu retten. So kann also
die widerlichste unangenehmste Arbeit indirekt anziehend werden,
wenn edle Impulse ihr zu Hlfe kommen.

Fourier erlutert nun weiter die innere Organisation und Verwaltung
der Phalanx. In der Zivilisation kennt man keine andere
Rangordnung, als die nach Stand und Vermgen; die sozietre Ordnung
dagegen wendet eine uns heute gnzlich unbekannte Klassifikation
an, diejenige der Charaktere nach dem Lebensalter und nach
Temperamenten. Die verschiedenen Alter vom dritten Lebensjahre an
bis zum Greisenalter theilen sich in sechzehn Stmme (tribus)
und, den beiden Geschlechtern entsprechend, in zweiunddreiig
Chre. Die Kinder vom frhesten Lebensalter -- bis zu einem Jahre
Suglinge, bis zum zweiten Poupons und bis zum dritten Lutins
genannt -- zhlen als unentwickelt noch nicht mit. Jeder der
sechzehn Stmme hat seine besondere Bezeichnung. Stamm Nr. 1,
3-4 Jahre zhlend, umfat die Bambins; Nr. 2, 4-6
Jahre, die Cherubins; Nr. 3, 6-9 Jahre, die Seraphins; Nr. 4,
9-12 Jahre, die Lyzeisten; Nr. 5, 12-15 Jahre, die Gymnasiasten;
Nr. 6, 15-20 Jahre, die Jugendlichen. Die weiter folgenden
Stmme sind nicht streng nach den Lebensaltern geregelt; die drei
letzten, aus den hchsten Lebensaltern gebildet, heien: die
Ehrwrdigen, die Verehrten, die Patriarchen. Abgesehen von den
sechs ersten Stmmen, fr die eine besondere Organisation und ein
besonderes Erziehungssystem besteht, wobei beim Aufsteigen von
einem Stamm in den andern besondere Prfungen verlangt werden, hat
diese Stammeseintheilung kaum einen praktischen Zweck, wenigstens
ist er nicht zu erkennen. Nur die ltesten Stmme haben gewisse
Ehrenposten in der Phalanx inne, sie sind aber ohne wesentlichen
Einflu.

Die werthvollste Anwendung von dieser Stufenleiter wird bei den
Kindern gemacht, sie soll die natrliche Erziehung erleichtern und
den Korpsgeist erzeugen, mit Hlfe dessen sie mit Eifer zu den
Studien und zu den Arbeiten hingezogen werden. Sobald die Kinder in
das Reifealter bergetreten sind, besuchen sie wie die lteren
Lebensalter tglich die Brse, wo alle Abmachungen fr die Arbeiten
und die Vergngungen des nchsten Tages besprochen und geordnet
werden.

Die oberste Leitung der Phalanx liegt in den Hnden der
Regentschaft. Diese wird aus den Mitgliedern des Areopags gewhlt,
der sich zusammensetzt: 1. aus den Chefs aller Serien; 2. aus den
drei ltesten Stmmen: den Ehrwrdigen, Verehrten und Patriarchen;
3. aus den Aktionren und 4. aus den Magnaten und Magnatinnen der
Phalanx. Der Areopag hat wenig zu thun, da sich Alles durch
Anziehung und den Korpsgeist der Stmme, Chre und Serien regelt;
er giebt nur ber wichtige Geschfte, wie die beste Erntezeit, die
Weinlese, Neubauten etc., seine Meinung kund, doch ist diese
Meinung nicht verpflichtend. Weder sind der Areopag noch die
Regentschaft mit lcherlichen Verantwortlichkeiten belastet, wie
z.B. ein Finanzminister in der Zivilisation. Das Rechnungswesen
ist Sache einer besonderen Serie, welche die Bcher fhrt, die
jedes Mitglied der Phalanx einsehen kann. Ueberdies ist das
Rechnungswesen so einfach wie mglich. Tgliche Zahlungen giebt es
nicht, jedes Mitglied hat, entsprechend seinem Vermgensantheil und
dem voraussichtlichen Arbeitsertrag, Kredit. Ebenso rechnen die
verschiedenen Phalanxen auf Grund ihrer Bucheintragungen von Zeit
zu Zeit miteinander ab. Die Rechnung fr die Einzelnen wird am Ende
des Jahres, wenn die Bilanz gezogen ist und die Vertheilungen
vorgenommen werden, beglichen. Dasselbe Verfahren wird seitens der
Phalanxen dem Fiskus gegenber beobachtet, der vierteljhrlich
seine Steuern fr die Gesammtheit der Mitglieder einer Phalanx
pnktlich, und bei dem viel ergiebigeren Ertrag aller Arbeit auch
in entsprechend hheren Betrgen, abgefhrt erhlt. Herr Fiskus
erspart also seine gesammten Steuerbeamten, Exekutoren und die fr
diesen Zweck in Thtigkeit zu setzenden Gerichtsbeamten. Ebenso
geben die industriellen Armeen, worunter diejenigen Abordnungen der
Phalanxen verstanden werden, welche sich in einem mehr oder weniger
entfernten Lande oder in einer Provinz mit Abordnungen anderer
Phalanxen zu gemeinsamen, besonders gearteten greren
Arbeitsleistungen zusammenfinden, auf ihrer Reise einfache
Schuldverschreibungen ab, die der betreffenden Phalanx prsentirt
und von dieser berichtigt werden. Da nun solche industriellen
Armeen ziemlich oft zusammentreten und Reisen unternehmen, ist
jedes Phalansterium mit den entsprechenden Unterkunftsrumen fr
Menschen und Thiere versehen. Ferner haben die Kinder keinen
Vormund mehr nthig, das groe Buch der Phalanx hat fr jedes
derselben sein Konto und verwaltet seinen Besitzstand und sein
Einkommen. Die Kinder knnen sogar vom fnften Lebensjahre ab schon
ber ihr Einkommen verfgen.

Fourier geht nun ber zur Kostenberechnung fr die Grndung einer
Phalanx. Diese veranschlagt er auf fnfzehn Millionen Franken. Das
Hauptgebude, ungefhr 500 Fu lang und 250 Fu tief, bilden zwei
hintereinander liegende, durch Gallerien verbundene parallel
laufende Bauten und besteht aus Parterre, Entresol und vier Etagen.
Das Zentrum des Gebudes tritt nach hinten zurck, wodurch ein
groer freier Platz zwischen den Flgeln entsteht, der als
Paradeplatz Verwendung findet. Der Raum zwischen den beiden
parallel laufenden Bauten ist mit Blumenparterren, Orangerien,
Springbrunnen ausgefllt. Der groe Mitteleingang fhrt in eine
mchtige Sulenhalle, von wo Gallerien und Treppen nach allen
Theilen des Gebudes fuhren. Im Parterre des Mittelraums befindet
sich der groe Wintergarten. Die Alten wohnen in den
Parterrerumen, die Kinder im Entresol. In den Flgeln der ersten
Etage logiren die reichen Phalansterianer, in der Mitte der ersten
Etage befindet sich der Brsensaal, die Speise- und
Vergngungssle. Auerdem giebt es eine Menge Rume fr kleine
Gesellschaften. Die oberste Etage bleibt fr die Fremden und die
Besucher reservirt. Kchen und Bder befinden sich im Souterrain.
Die Werksttten, Waaren- und Getreidelager und Stallungen liegen
symmetrisch geordnet dem Hauptgebude gegenber, getrennt durch
eine breite mit Bumen und Blumenbosquets bepflanzte Strae. Alle
Passagen und Uebergnge sind gegen die Unbilden der Witterung
geschtzt und im Winter erwrmt. Hinter den beiden Flgeln des
Hauptgebudes liegen rechts und links die Kirche und das Theater,
beide ebenfalls durch verdeckte Gnge mit dem Wohngebude in
Verbindung stehend.

Die Thtigkeit der Phalanx wird sich besonders erstrecken auf die
Vieh- und Geflgelzucht, eine Thtigkeit, die namentlich in der
ungnstigsten Jahreszeit ausgenutzt werden kann. Garten- und
Feldbau wird im ausgedehnteren Mastab betrieben, und wird whrend
der milden Jahreszeit die meisten Hnde in Anspruch nehmen. Die
Kchenarbeiten mit ihren umfnglichen Vorarbeiten erfordern Tag fr
Tag eine groe Anzahl verschiedener Krfte. Der Kche werden die
Phalansterianer eine besondere Sorgfalt schenken, denn gut zu essen
betrachten sie als eine ihrer vornehmsten Pflichten, und daher wird
allen Thtigkeitszweigen, die mit der Kche in Verbindung stehen,
eine besondere Aufmerksamkeit entgegengebracht werden. Dazu gehren
also insbesondere Gemse und Obstzucht, Vieh- und Geflgelzucht,
Fischzucht, Wildpflege, Konservenbereitung. Manufakturen und
Gewerbe sollen nach Bedrfni eingerichtet und hauptschlich im
Winter betrieben werden.

Die Phalanx richtet ihre ganze Thtigkeit und ihr Bestreben dahin,
da Alles, was sie leistet, sich durch Soliditt wie durch
Schnheit und Geschmack auszeichnet, sie sucht mir einem Wort in
Allem das Vollendete zu liefern. Dadurch wird sie im Vergleich zu
der Zivilisation in vielen Dingen geringere Quantitten an
Produkten verbrauchen, z.B. an Tuchen, Kleidungsstoffen, Mbeln,
Werkzeugen.

In einer gut und voll eingerichteten Phalanx werden nach Fourier's
Berechnung nthig sein: fr Thier- und Geflgelzucht 30 Serien; fr
Garten- und Landwirthschaft, inklusive Wiesenbau und
Waldbewirthschaftung, 50 Serien; fr die Manufakturen 20 Serien;
fr Hauswirthschaft und Erziehung 40 Serien; fr Kche und Kellerei
60 Serien; im Ganzen also 200.

In der Manufaktur wird man wieder diejenigen Beschftigungen, die
tglich in Anspruch genommen werden, wie: Schneiderei,
Schuhmacherei, Tischlerei, Schlosserei, Sattlerei u.s.w., von denen
unterscheiden, in denen eigentliche Massenfabrikation, wie die
Anfertigung der Halbfabrikate, Wschefabrikation u.s.w., betrieben
wird. Diese Massenfabrikation lt sich auf bestimmte Zeiten
beschrnken. Die Anwendung in den verschiedenen Thtigkeiten bleibt
der freien Wahl der Geschlechter berlassen, auch werden die
rivalisirenden Serien nach den verschiedensten Methoden thtig sein
und immer neue Methoden zu erfinden suchen. Manche Gewerbe werden
besonderen Anklang finden, wie die Kunsttischlerei, die Parfumerie
-- letztere hauptschlich bei den Frauen --, die Konditorei. Die
Geschlechter werden sich dabei die ihrer Natur besonders zusagenden
Thtigkeiten ganz von selbst auswhlen. So wird in der Konditorei
das Anmachen des Teigs hauptschlich Mnnerarbeit sein, die Frauen
werden sich mit der Herrichtung der Frchte und Materialien
beschftigen, die Kinder werden bei dem Formen, dem Auslesen und
Einlegen in Anspruch genommen sein. Auch wird, weil alle Einrichtungen
auf das Beste und Zweckmigste getroffen sind, die peinlichste
Reinlichkeit in den Werksttten und Arbeitsrumen aufrecht erhalten
werden knnen. Ist Butter- und Ksefabrikation vorzugsweise Frauen-
und Kinderbeschftigung, so die Fleischerei Mnnerarbeit. Fourier
fhrt dies Alles sehr im Detail aus, um zu zeigen, wie alle
Geschlechter in zweckmiger Weise ihrem Charakter und ihren
Anlagen entsprechend ihre Beschftigungen zu finden vermchten. Der
ganze Mechanismus der industriellen Anziehung wrde umgestrzt und
die Phalanx unmglich werden, wenn man in der Assoziation, sowie
heute in der Zivilisation, keine Rcksicht auf die verschiedenen
Triebe nehmen und die Arbeitssitzungen ber das zulssige Ma
ausdehnen wollte.

Die Fabriken werden aus den Stdten allmlig auf das Land verlegt,
damit der Arbeiter die volle Abwechslung der Beschftigung, wie die
Vortheile und Annehmlichkeiten des Landlebens und der lndlichen
Beschftigung genieen kann.

       *       *       *       *       *

Fr den neuen sozietren Zustand ist die Erziehung von der grten
Wichtigkeit; sie hat zum Zweck, alle krperlichen und geistigen
Fhigkeiten zur vollen Entwicklung zu bringen, und soll berall,
selbst in den Vergngungen, produktiv angewendet werden. Unsere
heutige Erziehung wirkt entgegengesetzt; sie unterdrckt und
verschlechtert die Fhigkeiten des Kindes; sie leitet die Jugend im
Widerspruch mit der Natur, denn der erste Zweck der Natur oder der
Anziehung ist der Luxus -- krperliche Kraft und Verfeinerung der
Sinne. Der Luxus erzeugt bei dem Kinde eine lebhafte Anziehung fr
produktive Thtigkeit, die ihm heute verhat ist. Seine Entwicklung
ist also eine falsche, die heutige Erziehung schwcht seine
Gesundheit. Man nehme hundert Kinder, ganz nach Zufall, aus der
reichen Klasse, die gute Pflege und gute Nahrung haben, und man
wird finden, da sie weniger krftig sind, als hundert halbnackte
Dorfkinder, die mit Schwarzbrot genhrt werden und wenig Pflege
haben. Aber der treffendste Beweis fr unser falsches
Erziehungssystem ist, da es die Anlagen des Kindes nicht zur
Entfaltung bringt, sondern dies dem Zufall berlt. Abgesehen von
den verschiedenen Systemen der Erziehung, man zerstrt die Anlagen,
sei es in der Huslichkeit, sei es in der Welt, durch ein Dutzend
ganz entgegengesetzter Methoden, die dem Kinde ganz widersprechende
Impulse geben, seine erste Erziehung durch eine ganz neue
absorbiren. Das geschieht durch das, was man den Geist der Welt
nennt. Ist ein junger Mann sechzehn Jahre alt geworden und tritt in
die Welt ein, so lehren ihn Vter, Verwandte, Nachbaren, Diener,
Kameraden, sich ber die Lehren, die ihn im jngeren Alter
einschchterten, lustig zu machen, sich mit den Sitten der galanten
Welt in Einklang zu setzen; sie rathen ihm, ber die Lehren der
Moral, die den Vergngungen feind sind, zu lachen und sich darber
hinwegzusetzen, um spter von den Liebeleien, nachdem er sie
gengend genossen, zu den Geschften des Ehrgeizes berzugehen.
Welch eine Absurditt unserer Erzieher, dem Kinde ein System von
Ansichten einzutrichtern, die jetzt bei ihm ber den Haufen zu
werfen alle Welt sich bemht! Man wird keinen jungen Mann von
zwanzig Jahren treffen, der, eine glckliche Gelegenheit zum
Ehebruch findend, das Beispiel des keuschen Joseph nachahmt, der
Moral und den gesunden Doktrinen folgt. Fnde man ihn, er wrde
dem Publikum und den Moralisten selbst ein Rthsel sein. Ebenso
wrde sich die ltere Welt ber einen Finanzmann moquiren, der,
obgleich er es ungestraft thun kann, sich mit fremdem Eigenthum die
Taschen nicht fllte: er wrde als ein Dummkopf, ein Visionr
betrachtet, der nicht wei, da, wenn man an der Krippe sitzt,
auch essen soll. In welch falscher Stellung befinden sich da nicht
unsere Erziehungsdoktrinen.

Der groe Zweck und die Aufgabe der Erziehung mu sein, Charaktere
wie die von Nero, Tiberius, Ludwig XI. ebenso ntzlich fr die
Gesellschaft zu machen, wie diejenigen eines Titus, Marc Aurelius,
Heinrich IV.[17] Um diesen Zweck zu erreichen, mu von der Wiege an
das Naturell des Kindes sich frei entwickeln, whrend wir bemht
sind, von der Wiege an dieses Naturell zu ersticken und zu
verknsteln. In der Zivilisation denkt man bei dem niedrigsten
Lebensalter nur an die rein physische Sorge, wohingegen der
sozietre Zustand schon vom Alter von sechs Monaten ab sehr wirksam
auf die intellektuelle wie materiellen Fhigkeiten des Kindes
achtet.

[Funote 17: Der Letztere drfte wohl kein passend gewhltes
Muster sein, inde man mu stets beachten, _wann_ das Gesagte
geschrieben wurde. Die historische Forschung stak damals noch in
den Kinderschuhen, Fourier folgte hier dem allgemeinen Vorurtheil,
das zu Gunsten Heinrich's IV. sprach. Der Verf.]

Zunchst sei festgestellt, da in der Assoziation die Pflege und
Unterhaltung der extremen Alter, der Kinder bis zu drei Jahren und
der Patriarchen, als Liebeswerk der Gesammtheit angesehen wird.
(Man halte fest, da nach Fourier vom dritten Jahre ab die Kinder
in der Phalanx sich schon so ntzlich erweisen, da sie ihre
Erziehungs- und Unterhaltungskosten voll decken.) Das Prinzip in
der Erziehung ist dasselbe wie in allen andern Funktionen der
Assoziation. Man bildet Serien fr die Funktionre, wie fr die
Funktionen.

Die Bonnen bilden Serien, und ebenso werden die Kinder nach den
Charaktereigenschaften und Temperamenten, die sie alsbald nach
ihrer Geburt offenbaren, in Serien geordnet und in die bezglichen
Sle vertheilt. Da bildet sich eine Serie der Friedlichen, der
Widerspenstigen, der Verwster oder Teufelchen. Die Bonnen, die Tag
und Nacht ihre Posten versehen, wechseln ihren Dienst wie in allen
brigen Beschftigungen alle ein und einhalb bis zwei Stunden. Die
Bonnen werden von Unterbonnen -- jungen Mdchen, die fr die Pflege
der Kleinen Neigung haben -- untersttzt. Die Mtter knnen -- wie
schon erwhnt -- ebenfalls als Bonnen eintreten, anderen Falles
finden sie sich zu den Stunden ein, wo sie dem Kinde die
Mutterbrust geben oder sich nach seinem Befinden erkundigen wollen.
Die Mutter ist also nicht, wie die meisten Mtter in der
Zivilisation -- namentlich wenn sie unbemittelt sind und keine
Pflegerin halten knnen --, Tag und Nacht an das Kind gefesselt.

Die Bonnen whlen sich die Sle, in denen sie ihre Pflichten
versehen wollen; Jede ist bemht, fr ihr Verhalten und die Pflege,
die sie den Kindern zu Theil werden lt, den Beifall und den Dank
der Mtter zu erwerben. Auch ist Tag und Nacht rztlicher Beistand
vorhanden, sobald er gebraucht wird. Die Aerzte nehmen in der
Phalanx eine ganz andere Stellung ein, als in der Zivilisation; sie
erhalten ihre Belohnung nicht nach der Zahl der Kranken, _sondern
nach der Zahl der Gesunden_; sie sind also dabei interessirt, da
die Phalansterianer mglichst gesund bleiben, wohingegen heute sich
die Aerzte recht viel Kranke, namentlich reiche Kranke wnschen.

Um den Zweck guter Pflege und Gesundheit zu erreichen, sind alle
Einrichtungen fr die Kleinen auf das denkbar Beste und
Zweckmigste getroffen. Die Kleinen befinden sich in einer Lage,
wie sie in der heutigen Ordnung kaum die Reichsten ihren Kindern zu
schaffen vermgen, bei denen die Bonnen Tag und Nacht
ununterbrochen in Anspruch genommen sind und ermden. Sobald das
Kind sechs Monate alt ist, ist man bemht, seine Sinne zu wecken.
Was es hrt und sieht, ist darauf berechnet, seine Sinne zu
raffiniren: es hrt nur guten Gesang und gute Musik, es sieht nur
die schnsten Bilder, die elegantesten Spielsachen, es empfngt
spter die passende Unterweisung und freundliche Belehrung. In
Folge dieser Erziehung wird das Kind in der Assoziation mit drei
Jahren intelligenter und geschickter sein, als es bei uns mit sechs
Jahren ist. In der Zivilisation trgt Alles dazu bei, Geist und
Sinne des Kindes zu flschen, wenn sie nicht gar unterdrckt
werden. Eltern, Dienstboten, Verwandte verderben durch ihr
widersprechendes Verhalten und hufigen Unverstand den Charakter
des Kindes und hindern die Erziehung.

In der Phalanx ist man bemht, die Triebe, sobald sie sich zeigen,
in geeigneter Weise zu befriedigen und die Anlagen des Kindes
dadurch zu wecken. Die Bonnen fhren das Kind in die
Spielwerksttten und Kchen, wo es Alles sieht und durch das
Beispiel der lteren Kinder der Nachahmungstrieb bei ihm geweckt
wird. Es wird sich alsdann zeigen, da der Trieb des Kindes, Alles
zu sehen, Alles zu untersuchen, Alles anzuwenden; die Liebhaberei
fr lrmende Beschftigung; die Sucht, Alles nachzuahmen und selbst
zu hantiren, und namentlich die Neigung, sich den _Aelteren,
Strkeren und Geschickteren anzuschlieen und diese als seine
Lehrer zu betrachten, in ungeahnter Weise seine Entwicklung
frdert_. Diese letztere Eigenschaft ist die wesentlichste, weil
sie am besten alle Anlagen im Kinde weckt. Hierzu kommt der Eifer,
es Seinesgleichen zuvor zu thun.

Es giebt eine ganze Reihe von Mitteln, die das Kind anreizen und
anziehen und seine Anlagen zum Aufbruch bringen. Dahin gehren also
vorzugsweise: Die Freude an kleinen Werkzeugen, den verschiedenen
Altern angepat; der Reiz zum Schmuck: Uniformen, Waffen, Fahnen,
die nach Graden gegeben werden; Paraden der kleinen Geschmckten;
passende Tischgenossenschaften, wobei der Geschmack geweckt wird;
Stolz des Kindes, wenn es glaubt, etwas von grerem Werth
geleistet zu haben, ein Glaube, in dem man es bestrkt; der
Nachahmungstrieb, der veranlat wird, wenn es von lteren Kindern
fr seine Leistungen Lob empfngt; volle Freiheit in der Wahl
seiner Beschftigung, es mu jeden Augenblick eine solche
unterbrechen und zu einer andern bergehen knnen; der Korpsgeist,
der sich bei Kindern leicht entwickelt; die Rivalitten zwischen
den einzelnen Chren, Gruppen, Serien.

Fourier fhrt vierundzwanzig solcher Anreize auf, wir begngen uns
mit den aufgezhlten neun. Den Kindern wird ferner mit der grten
Wahrheitsliebe begegnet, Niemand schmeichelt ihnen. Ihre natrlichen
Lehrer sind die lteren und erfahreneren Kinder, denen sie mit
groer Anhnglichkeit folgen; jedes wird streben, ber seine
Altersklasse hinauszukommen. Ein Verweis, den es von einem lteren
Kinde bekommt, das es als Beispiel sich vorgenommen, wird ihm die
hrteste Strafe sein, ein Lob der hchste Lohn. Will das Kind in
eine hhere Erziehungsstufe aufrcken, so hat es eine Prfung
seiner Fertigkeiten abzulegen; je nach dem Ausfall derselben
bekommt es eine Ehrenerweisung oder einen Grad. Bis zum neunten
Lebensjahre ist die Erziehung physisch und materiell, dann beginnt
auch die intellektuelle. Der Krper mu erst die nthige Festigkeit
erlangt haben, ehe die geistige Thtigkeit mit gutem Erfolg beginnen
kann. Trieb und Anlagen der beiden Geschlechter werden spter in
Folge der verschiedenen Natur ganz von selbst differiren. Man darf
annehmen, da fr die Wissenschaften zwei Drittel Mnner und ein
Drittel Frauen, fr die Knste ein Drittel Mnner und zwei Drittel
Frauen neigen. Zwei Drittel der Mnner werden mehr Neigung fr die
groe Kultur und ein Drittel mehr fr die kleine haben, bei den
Frauen umgekehrt. Aehnlich werden sich die Ausgleichungen auf allen
Gebieten finden.

In dem Alter, wo bei uns die Erziehung erst beginnt, mit fnf
Jahren, sind bei dem Kind der Assoziation bereits alle Anlagen zum
Aufbruch gekommen. Bis zum 20. Jahre wird kein Zweig der
Agrikultur, der Industrie, der Gewerbe, der Knste und
Wissenschaften ihm fremd sein; seine krperliche und geistige
Erziehung ist dann eine harmonische. Der Unterschied des
Erziehungssystems in der Zivilisation und der Assoziation ist: Dort
wird die Erziehung auf der kleinsten huslichen Verbindung, der
Familie, begrndet, in der Assoziation auf drei groen Gruppen:
Chre, Serien von Gruppen und die Serien der Phalanx. Dort berall
Strungen, Mangel an Mitteln, Unfreiheit, Unterdrckung,
Einseitigkeit, hier volle Freiheit, Ueberflu der Mittel,
Vielseitigkeit. Dort Klassen- und Standesunterschied, hier
Gleichberechtigung fr Alle, kein anderer Unterschied als der,
welchen die natrlichen Anlagen und Fhigkeiten ergeben.

In der Harmonie nehmen die Kinder lebhaften Antheil an den
Rivalitten der einzelnen Kantone, die selbst wieder als
Erziehungsmittel benutzt werden. Zum Beispiel: In der Phalanx von
Meudon kultivirt eine Gruppe Kinder Aurikeln und ist pikirt, da
die bezgliche Gruppe in der Phalanx von Marly bei dem Wettbewerb
den Preis davon trug. Die Kinder wollen also die Ursache ihres
Mierfolgs kennen lernen, der vielleicht in der Verschiedenheit des
Bodens zu suchen ist. Der Reverend, welcher die bezgliche Gruppe
leitet, giebt ihnen darauf Unterweisung ber die Verschiedenheit
der Bodenarten, und dieses Studium, in den andern Gruppen
wiederholt, bringt ihnen allmlig die Elementarkenntnisse ber
einen Zweig des Mineralreichs bei. Diese Belehrungen werden der
Kder, da die Kinder in der Schule nach bezglichen Lehrbchern
verlangen, und so bilden sie sich weiter.

Diese Verbindung der verschiedenen Hebel und Anreize existirt in
der Zivilisation nicht, und dann ist man erstaunt, da das Kind
sich weder zur Landkultur, noch zu den exakten Wissenschaften
hingezogen fhlt, wohingegen die Rivalitten in der Serie in ihm
schon sehr frhzeitig das Bedrfni nach Wissen und Unterweisung
wecken, ohne da man ihm merkbar die Anregung dazu beibringt. Bei
den Kindern in der Zivilisation finden wir berall den
Zerstrungstrieb und den Hang zum Miggang, in der Harmonie
berall Antrieb zu ntzlicher Beschftigung und zu Studien. Das ist
der Unterschied zwischen den beiden Gesellschaftsformen. Die
Zivilisation, die kleine Vandalen zchtet, darf sich nicht wundern,
wenn sie spter so viele erwachsene Vandalen besitzt.

Nach Fourier sollen aber die Kinder auch in hherem Grade fr die
Allgemeinheit sich ntzlich machen. Wie in der Assoziation das
Vergngen selbst materiellen Nutzen schafft, so auch die Erziehung.
Wie schon bemerkt, umfassen die beiden ersten Stmme: die Cherubins
und Seraphins, das Alter von 4-9 Jahren, und die dritte Phase
der Kindheit umfat die Stmme der Lyzeisten und Gymnasiasten im
Alter von 9-15 Jahren; Lebensalter, in denen die Betheiligten
der Assoziation wichtige Dienste leisten knnen, immer, indem sie
sich vergngen. Bei den Kindern treten gewisse
Charaktereigenschaften auf, die fr die Gesammtheit ntzlich
verwandt werden knnen. Es ist eine bekannte Thatsache, da die
Knaben durchschnittlich zur Unsauberkeit neigen, dagegen die
Mdchen fr den Putz eingenommen sind. Nun giebt es in der
Assoziation Beschftigungen, die unangenehm sind, fr diese sind
die Charaktereigenschaften der Kinder ntzlich zu verwerthen.
Fourier rechnet, da unter den Knaben zwei Drittel und unter den
Mdchen ein Drittel zu unsauberen Beschftigungen eine gewisse
Neigung haben. Diese nennt er die kleinen Horden. Umgekehrt sind
zwei Drittel der Mdchen und ein Drittel der Knaben fr den Putz
und die Reinlichkeit eingenommen, diese nennt er die kleinen
Banden. Die kleinen Horden und die kleinen Banden setzen sich aus
den 4 Stmmen im Alter von 4-15 Jahren zusammen. Die
kleinen Horden streben zum Schnen auf dem Weg des Guten, die
kleinen Banden streben zum Guten auf dem Wege des Schnen.

Die kleinen Horden, die von lebhaftem Ehrgefhl und mit
Unermdlichkeit erfllt sind, vollziehen jede unangenehme Arbeit,
fr welche sich sonst kaum Jemand findet. Sie sind berall, wo der
Einheitlichkeit der Phalanx durch Unordnung Gefahr droht; sie
stehen stets in der Bresche. (Fourier will hiermit sagen, da,
ohne die Hingabe der kleinen Horden an die unangenehmen Arbeiten,
die Phalanx zum Zwang wrde greifen mssen, wodurch der auf voller
Freiwilligkeit und Anziehung beruhende Mechanismus der Phalanx
tdtlichen Schaden erlitte. In der Phalanx darf kein Schatten von
Zwang vorhanden sein, wenn sie ihren idealen Zweck erreichen soll.)

Die kleinen Horden theilen sich in drei Klassen; die erste
beseitigt den Unrath, reinigt Straen und Rinnen, schafft die
Kchen- und Fleischereiabflle fort; die zweite vollzieht die
gefhrlichen Arbeiten, sie verfolgt die Reptilien, tdtet die
kleinen Raubthiere, sie mu stets am Platze sein, wo groe
Gewandtheit erfordert wird: Klettern, Springen. Die dritte Klasse
bildet gewissermaen die Reserve, sie hilft, wo sie gebraucht wird.
Die kleinen Horden haben ferner das Raupen, Unkrautjten und die
Vertilgung der Giftschlangen zu besorgen; sie halten Straen und
Wege in Ordnung und legen groen Werth darauf, von Fremden fr ihre
Ordnungsliebe belobt zu werden. Um berall rasch bei der Hand zu
sein, reiten sie auf Zwergpferden.

Obgleich die Arbeit der kleinen Horden wegen Mangel an direkter
Anziehung die schwierigste ist, werden sie von allen Serien
materiell doch am niedrigsten gelohnt; sie nehmen aber auch kein
Geschenk an, selbst wenn es in der Assoziation fr anstndig gelte,
ein solches anzunehmen; sie setzen ihren Stolz darein, aus Hingabe
fr die Assoziation, die fr ihren Bestand so ntzlichen und
notwendigen Arbeiten zu verrichten. Fr ihre freiwillige Hingebung
tragen sie den Titel Verbindung fr Verbesserungen.

Die kleinen Horden sind also in Wahrheit der Ausbund aller
brgerlichen Tugenden; sie ben zur Ehre der Gesellschaft die
Selbstverleugnung, die das Christenthum empfiehlt, und verachten
die Reichthmer, wie die Philosophen empfehlen; sie verwirklichen
alle ertrumten Tugenden der Zivilisation. Bewahrer der sozialen
Ehre, zertreten sie nicht nur bildlich, sondern physisch und
thatschlich der Schlange den Kopf, befreien sie die Gesellschaft
von dem schlimmen Gift der Viper; sie ersticken den Stolz und
verhten das Aufkommen des Kastengeistes.

Fr alles das Gute, das sie der Gesellschaft leisten, werden sie
hoch geehrt. Bei allen Paraden und Festlichkeiten marschiren sie an
der Spitze. Handelt es sich um besonders schwierige und rasch zu
erledigende Arbeiten -- z.B. da ein Gewitter Straen und Wege
verletzt, Bume und Strucher schwer beschdigte, oder da eine
Ueberschwemmung eingetreten ist --, so versammeln sich die kleinen
Horden von vier oder fnf Nachbarphalanxen zu gemeinsamer Handlung;
sie treffen Morgens gegen fnf Uhr zusammen, und nachdem sie einer
religisen Hymne beigewohnt, brechen sie mit voller Begeisterung
unter einem wahren Hllenlrm auf. Die Sturmglocke und alle brigen
Glocken werden gelutet, Trompeten schmettern, Trommeln wirbeln,
die Hunde heulen, das Vieh brllt. So geht es im Sturm an die
Arbeit. Gegen acht Uhr kehren sie, noch erregt von ihren Thaten,
zurck und machen Toilette. Darauf giebt es gemeinsames Frhstck.
Nach demselben erhlt jede der kleinen Horden zur Belohnung einen
Eichenkranz, den sie an ihre Fahne heftet, darauf steigen sie zu
Pferde und kehren unter Musikbegleitung zu ihren Phalanxen zurck.

Um von unsern Kindern Wunder von Tugenden zu erhalten, mu man
nach Ansicht der Zivilisirten zu bernatrlichen Mitteln greifen,
wie es in unsern Klstern geschieht, wo durch ein sehr strenges
Noviziat die Neophyten zur Selbstverleugnung erzogen werden. Die
sozietre Ordnung kommt auf einem ganz entgegengesetzten Wege zum
Ziel, indem sie die kleinen Horden durch den Anreiz des Vergngens
sich dienstbar macht. Analysiren wir die Hlfsmittel fr diese
Tugenden. Es sind vier, die alle vier unsere Moral verwirft:
Geschmack an Unreinlichkeit, Stolz, Unverschmtheit, Ungehorsam.

Indem die kleinen Horden sich diesen angeblichen Lastern
berlassen, erheben sie sich zu allen Tugenden. Sehen wir zu: Die
Theorie der Anziehung erfordert, da alle Triebe, die Gott dem
Menschen gab, sich ntzlich machen knnen, _ohne, da man die
Triebe selbst ndert_. So sehen wir, da bei den jngsten Kindern
die Neugier und die Unbestndigkeit sich ntzlich erwies, weil sie
das Kind zu einer Menge von Gruppen hinzogen, wodurch seine Anlagen
sich offenbarten. Der Trieb, die Ungezogenheiten Aelterer
nachzuahmen, wird, wie wir sahen, in der Assoziation Impuls zur
Anziehung zu ntzlichen Arbeiten. Ebenso der Ungehorsam gegen
Eltern und Erzieher, die nicht erziehen knnen. Die Erziehung mu
durch kabalistische Rivalitten der Gruppen herbeigefhrt werden.
So werden alle Impulse bei kleinen wie groen Kindern in der
Harmonie gut, vorausgesetzt, da man sie durch Serien der Triebe
zur Uebung bringen kann. Man wird nicht vom ersten Tage an die
kleinen Horden an die widerwrtigen Arbeiten bringen, man erregt
zunchst ihren Stolz nach Rang. Jede Autoritt, sogar der Monarch,
schuldet ihnen den ersten Gru; keine industrielle Armee rckt aus,
ohne da die kleinen Horden an der Spitze marschiren; sie haben das
Vorrecht, bei allen Arbeiten der Einheit (das sind groe Arbeiten,
welche die Phalanxen eines oder mehrerer Reiche unternehmen, groe
Kanalbauten etc.) die erste Hand an's Werk zu legen; sie sind die
Ueberall und Nirgends, ohne deren Mitwirkung nichts Bedeutendes
geschieht. An ihrer Spitze stehen die kleinen Kane (Kan und Kanin),
die selbst gewhlten Offiziere; die kleinen Horden haben auch ihre
besondere Kunstsprache und ihre kleine Artillerie. Ferner whlen
sie aus der Zahl der Alten Druiden und Druidinnen, deren Aufgabe es
ist, den Geschmack fr die Funktionen der kleinen Horden zu
bewahren; sie haben ferner bei allen religisen Uebungen bestimmte
Dienste zu versehen und erhalten dafr besondere Abzeichen.
Frhzeitig zu Bette gehend (acht Uhr Abends), erheben sie sich um
drei Uhr Morgens und geben die Initiative fr alle Arbeiten der
Phalanx. Es ist also eine Korporation von Kindern, die, indem sie
sich allen Neigungen, welche die Moral der Zivilisation ihrem Alter
verbietet, berlt, alle Chimren der Tugend, an denen die
Moralisten sich ergtzen, verwirklicht. Die kleinen Horden
verachten keineswegs den Reichthum, aber heute macht nur der
Egoismus Gebrauch davon; sie opfern sogar einen Theil ihres
Besitzes zum Nutzen der Phalanx und erhalten so die wahre Quelle
des Reichthums, die industrielle Anziehung, die sich auf alle
Klassen erstreckt. Die Kinder der Reichen werden sich ebenso zu den
kleinen Horden hingezogen fhlen, wie die Kinder der Geringen. Sie
sind die Reprsentanten der Einheit der Phalanx, und das ist ihr
entscheidender Charakter. Indem ferner die kleinen Horden die
Tugend der sozialen Liebe ben, reien sie Jedermann zur indirekten
Ausbung von wohlthuenden Handlungen hin, ebnen sie den Weg zur
Edelmthigkeit, durch welche die Reichen in der Harmonie sich
verbinden, um den Armen zu begnstigen, wogegen sie heute
bereinkommen, ihn zu plndern.

Es wird sich zeigen, da alle Triumphe der Tugend der guten
Organisation der kleinen Horden geschuldet sind; sie allein knnen
im sozialen Mechanismus den Despotismus des Geldes balanziren,
dieses elenden Metalls, elend in den Augen der Philosophen, das
aber sehr edel wird, wenn es zur Aufrechthaltung der industriellen
Einheit dient. In unserer Gesellschaft, wo Diejenigen, die sich auf
den Reichthum sttzen, als Leute comme il faut bezeichnet werden,
da ist das Geld die Klippe. Die es besitzen, sind die Leute, die
nichts thun und zu nichts zu gebrauchen sind. Leider ist der
Beiname comme il faut (wie man sein mu) in unserer Gesellschaft
nur zu berechtigt, denn in der Zivilisation grndet sich die
Zirkulation auf die Phantasien der Migen, sie sind in Wahrheit
die Leute comme il faut (wie man dazu sein mu), um die verkehrte
Zirkulation und die verkehrte Konsumtion aufrechtzuerhalten.

Fourier ist hier der Meinung, da der Hauptfehler unserer
brgerlichen Gesellschaft in der falschen Anwendung liege, welche
die Geldbesitzer von ihrem Gelde machten, er ist ferner der
Ansicht, da es heute hauptschlich die Luxusbedrfnisse der
Reichen seien, welche die Geld- und Waarenzirkulation bestimmten.
Es ist dies die Aufstellung des auch heute noch im gewhnlichen
Leben und selbst seitens sogenannter Gelehrter vielfach
wiederholten Glaubenssatzes, der namentlich in Zeiten allgemeiner
geschftlicher Stagnation, also in Zeiten der Krisen laut wird, da
die reichen Leute mehr Geld ausgeben mten, um das Geschft zu
heben, weil ihr Bedarf entscheidend sei. Und man macht es ihnen zu
einer Art sozialer Pflicht, durch Luxusausgaben Geld unter die
Leute zu bringen.

Wir sehen auch nicht selten Aristokratie und Bourgeoisie nach
diesem Rezepte handeln, wobei die Betreffenden sich noch das
Mntelchen der Gesellschaftswohlthter umhngen. Man it und trinkt
gut, kleidet sich noch besser, tanzt und amsirt sich in dem
stolzen und befriedigenden Bewutsein, indem man seine Triebe
befriedigte, sich und die Gesellschaft zu retten. Die Leute, die
so handeln, gehren zu dem Achtel, fr die, nach Fourier, die
brgerliche Welt die vollkommenste Welt ist. Wir wissen heute, da
diese Zahl kein Achtel, nicht einmal ein Zwanzigstel der
Gesellschaft bildet.

Da die Ansicht Fourier's von der Bedeutung der Reichen fr die
Waarenzirkulation und Konsumtion irrig ist, bedarf heute fr
Niemand, der einigermaen den Organismus unserer Gesellschaft
kennt, eines Beweises. Nicht der Verbrauch dieser handvoll Reicher,
und sei ihr Verbrauch noch so bedeutend, sondern der Verbrauch der
Masse stimulirt die Zirkulation. Wo der Massenverbrauch nachlt,
weil die Masse rmer wird, oder weil, wie in der Regel in den
modernen Krisen der Ueberproduktion, der Konsum der
Waarenproduktion nicht zu folgen vermag, einestheils, weil die
Kaufkraft fehlt, anderntheils, weil Waaren bestimmter Gattungen
weit ber das normale Bedrfni erzeugt wurden, da tritt die
Stagnation mit allen ihren Folgen ein. Der Luxusverbrauch der
Reichen hat nie eine allgemeine Krise gehoben, noch hat er durch
sein Fehlen eine solche erzeugt. Es ist aber ein charakteristisches
Merkmal fr einen Gesellschaftszustand, da eine Klasse, die
nichts thut und zu nichts ntze ist, wie Fourier sich ausdrckt,
so viel verbrauchen kann und doch immer reicher wird. Welch geringe
Rolle der Verbrauch der reichen Klasse im Verhltni zum Verbrauch
der Masse der Bevlkerung spielt, zeigend schlagend die Ergebnisse
der indirekten Steuern. Die Steuer auf Luxusartikel der Reichen
bringt nichts ein, sagte Frst Bismarck in seiner berhmten
Steuerprogrammrede im Herbst 1876 im Reichstag; was ntzt die
Steuer auf Austern, Champagner, Equipagen, sie bringt nichts,
nehmen wir dafr die 'Luxusbedrfnisse' der Masse, Bier, Kaffee,
Branntwein, Tabak. Unsere Steuertabellen geben ihm Recht.

Indem nun Fourier, weil er die eigentlich treibenden Gesetze der
brgerlichen Gesellschaft nicht erkannte und in seinem Zeitalter
noch nicht erkennen konnte, sein phalansteres System auf der
Beibehaltung des Geldes grndete und dem Kapital einen erheblichen
Theil des Arbeitsertrags -- vier Zwlftel -- zuschrieb, entging ihm
nicht, da bei dem Reichthum, den die Phalanx durch ihre
Organisation der Arbeit erzeugen sollte, das Miverhltni im
Vermgen und Einkommen der verschiedenen Klassen sich in der
Phalanx noch mehr steigern msse, als in der Zivilisation. Er mute
also ein Mittel finden, um dieser klaffenden Ungleichheit
einigermaen vorzubeugen. Er verfiel, wie sich spter zeigen wird,
auf das Mittel der Massenanwendung testamentarischer Legate, welche
die reichen Leute der Phalanx allen Denen zuweisen wrden, fr die
sie im Laufe ihrer phalansteren Thtigkeit aus irgend einem Grunde
eine besondere Zuneigung gefat, aber selbst mittellos seien. Die
Frage liegt freilich nahe, was denn diese ganze
Reichthumsaufhufung in Privathnden fr einen Sinn und fr eine
Berechtigung hat, wenn die _sozietre Arbeit_ diesen Reichthum
erzeugt und dieser so gro ist, da er allen Gliedern der Phalanx
den grten Luxus gestattet und selbst die verwhntesten
Geschmcker zu befriedigen vermag. Diesem Widerspruch sucht also
Fourier durch das bezeichnete Mittel aus dem Wege zu gehen, es soll
der Wiederkehr der verkehrten Zirkulation nach den Phantasien der
Migen begegnen, und die Reichen sollen durch das selbstlose
Auftreten der kleinen Horden zu Akten der Edelmthigkeit gegen die
Unbemittelten angeeifert werden. Das ist die groe moralische
Aufgabe, die er den kleinen Horden zuweist.

Fourier fhrt fort:

Die Thtigkeit und Erregung der kleinen Horden wird sich
verdoppeln, wenn ihnen der Kontrast, den die Natur ihnen
vorbehielt, entgegentritt, die kleinen Banden. Der Keim des
Widerspruchs, der darin liegt, da zwei Drittel der Kinder
mnnlichen Geschlechts zur Unsauberheit, zum Ungehorsam, zur
Wildheit neigen, zwei Drittel der Kinder weiblichen Geschlechts zum
Putz und zu guten Manieren, mu entwickelt und fr die Phalanx
ausgenutzt werden. Je mehr die kleinen Horden durch Tugend und
Hingebung sich auszeichnen, um so mehr mu die rivalisirende
Korporation -- mssen die kleinen Banden -- Eigenschaften annehmen,
welche den Wnschen der ffentlichen Meinungen entsprechend, das
Gleichgewicht herstellen. Die kleinen Banden sind die Bewahrer der
sozialen Anmuth; dies ist ein weniger glnzender Posten als jener
der kleinen Horden, Sttze der sozialen Uebereinstimmung zu sein.
Aber die Sorge fr den Schmuck und das Ganze des Luxus in der
Phalanx ist in der Harmonie nicht weniger werthvoll. In dieser Art
Arbeiten sind die kleinen Banden sehr ntzlich und unentbehrlich;
sie haben im ganzen Kanton der Phalanx die spirituelle und
materielle Ausschmckung bei allen Festen, Aufzgen,
Schaustellungen auszufhren. In der Wahl der Kleider ist Niemand in
der Harmonie an Vorschriften gebunden, aber sobald es sich um
korporative Vereinigungen handelt, hat jede Gruppe, jede Serie ihre
Kostme und trifft die Wahl. Sache der kleinen Banden ist, die
Modelle zu liefern. Im Gegensatz zu den kleinen Horden zeichnen
sich die kleinen Banden durch Hflichkeit und angenehme Manieren
aus. Der mnnliche Theil der kleinen Banden wird hauptschlich die
jungen Gelehrten stellen, die frhreifen Geister, wie Pascal, die
frhzeitig Anlagen zum Studium entwickeln; ferner die kleinen
Verweichlichten, die zur Weichlichkeit und Ueppigkeit neigen.
Weniger thtig als die kleinen Horden, erheben sie sich auch spter
und erscheinen erst um vier Uhr Morgens in den Ateliers. Whrend
sich die kleinen Horden mit der Pflege der groen Hausthiere
beschftigen, pflegen die kleinen Banden die Brieftauben, Hhner,
Vgel, Biber etc.; sie berwachen ferner die Blumen- und
Gartenanlagen, damit diese nicht beschdigt oder zerstrt werden.
Wer Dergleichen sich zu Schulden kommen lt, wird vor ihren
Richterstuhl gefhrt und gebt; sie ben ferner die Zensur ber
die schlechte oder fehlerhafte Aussprache. Wie die kleinen Horden
ihre Druiden und Druidinnen, so whlen sich die kleinen Banden aus
den mannbaren Altern zu Kooperateuren: Korybanten und
Korybantinnen. Derselbe Kontrast besteht in den beiderseitigen
Beziehungen auf Reisen; die kleinen Banden verbinden sich mit den
groen Banden, den fahrenden Rittern und Ritterinnen, die kleinen
Horden mit den groen Horden, den Abenteurern und Abenteurerinnen.
Die Natur hat eben fr die Vertheilung der Charaktere eine
Scheidung von Grund aus in krftige und milde Nanzen vorgenommen,
eine Vertheilung, die sich in allen erschaffenen Dingen zeigt; in
den Farben, dem Hintergrunde der Luft, der Musik. Dieser Kontrast
ist es auch, der die Scheidung der Kinder in kleine Banden und
kleine Horden naturgem herbeifhrt.

Jede industrielle Serie wrde fehlerhaft sein, wenn sie der
Geschlossenheit ermangelte; um sie geschlossen zu machen, mu man
die feinsten Unterscheidungen in den Geschmckern in's Spiel
setzen. Man wird frhzeitig die Kinder an diese feinen
Unterscheidungen in den Neigungen gewhnen. Das ist also die
Aufgabe der kleinen Banden, welche die Kinder vereinigen, die zu
den minutisesten Raffinements im Schmuck, im Geschmack, in der
Kleidung neigen; ihr Blick wird so geschrft, da sie wie unsere
Schriftsteller und Knstler einen Fehler sehen, der dem
gewhnlichen Menschen entgeht. Die kleinen Banden haben also die
Gewandtheit, Spaltungen unter den Geschmacksrichtungen zu
veranlassen, die Feinheiten der Kunst zu klassifiziren und durch
Raffinement der Phantasien und durch Abstufungen die
Geschlossenheit der Serien herbeizufhren. So schpft die Erziehung
in der Harmonie ihre Mittel der Ausgleichung aus den beiden
entgegengesetzten Geschmacksrichtungen, aus dem Hang zur
Unsauberheit und zur Eleganz, zwei Richtungen die beide heute
verurtheilt werden. Die kleinen Horden wirken negativ ebenso viel,
wie die kleinen Banden positiv. Die einen beseitigen die
Hindernisse, die der Harmonie in der Phalanx sich entgegenstellen,
sie vernichten den Kastengeist, der aus den unangenehmen Arbeiten
leicht geboren wird; die anderen schaffen durch ihre Gewandtheit
die Abstufungen der Geschmcker und organisiren die nanzirten
Spaltungen in den verschiedenen Gruppen. So gehen die kleinen
Horden vom Guten auf den Weg zum Schnen, die kleinen Banden vom
Schnen auf den Weg zum Guten; eine kontrastirende Handlung, die
ein allgemeines Gesetz in der ganzen Natur ist.

       *       *       *       *       *

Die Erziehungssysteme der Zivilisirten verfallen alle dem Fehler,
da sie die Theorie ber die Praxis setzen. Sie verstehen nicht,
das Kind zur Thtigkeit anzureizen; sie sind genthigt, es bis zum
sechsten oder siebenten Jahre unthtig zu lassen, ein Alter, in dem
es schon ein geschickter Praktiker sein knnte. Im siebenten Jahre
wollen sie ihm dann Theorie, Kenntnisse, Studien beibringen, fr
die sie den Wunsch bei ihm nicht zu wecken verstanden. Dem Kinde in
der Harmonie kann dieser Wunsch nicht fehlen, weil es vom dritten
Jahre bereits praktisch thtig war und bis zum siebenten spielend
eine Menge praktischer Kenntnisse erlangt hat. Es besitzt jetzt das
Bedrfni, sich auf das Studium der exakten Wissenschaften zu
sttzen ... Die Erziehung der Zivilisirten ist im Widerspruch mit
der Natur des Kindes, es ist die verkehrte Welt wie ihr ganzes
System, von dem ihre Erziehung ein Theil ist. Ferner: Das Kind ist
auf die Arbeit des Studirens beschrnkt, es bleibt vom Morgen bis
Abend whrend neun bis zehn Monate des Jahres ber den
Anfangsgrnden und der Grammatik sitzen, mu ihm da nicht der
Widerwille gegen die Studien kommen? Das Kind hat das Bedrfni,
whrend der schnen Jahreszeit im Garten, im Wald, in den Wiesen
sich beschftigend zu tummeln, statt dessen mu es an schnen wie
an Regentagen sitzen und studiren. Es kann keine Einheitlichkeit in
der Handlung geben, wo es nur eine einfache Funktion giebt.

Eine Gesellschaft, welche die Vter den ganzen Tag als Gefangene
in die Bureaux, Komptoirs und Fabriken sperrt, kann auch die
Sottise begehen, das Kind das ganze Jahr in die Schule zu sperren,
wobei es sich ebenso langweilt wie die Lehrer. Unsere Politiker und
Moralisten sprechen bestndig von der Natur, sie ziehen sie aber
keinen Augenblick zu Rathe. Beobachteten sie die in den Ferien
weilenden Kinder, wie sie, mit leichten Blousen bekleidet, sich im
Heu kugeln, vergnglich sich in der Weinlese, bei dem Nsse- und
Obstpflcken, bei der Jagd auf schdliche Vgel etc. anwenden, und
wrden sie die Kinder in einem solchen Augenblicke einladen, zu
ihren Studien zurckzukehren, so wrden sie beobachten knnen, ob
es die Natur des Kindes ist, whrend der schnen Jahreszeit in der
Umgebung von Bchern und Pedanten eingeschlossen zu werden. Man
antwortet: Man mu im jugendlichen Alter lernen, damit man sich des
Namens eines freien Mannes wrdig macht, wrdig des Handels und der
Verfassung! -- Gut! Aber wenn die Kinder durch Anziehung und
kabalistische Rivalitten zum Lernen sich begeben, so werden sie in
hundert Lektionen im _Winter_, beschrnkt auf zweistndige
Sitzungen, mehr lernen, als in 300 Tagen, da man sie in den Schulen
oder im Pensionat eingeschlossen hlt.

Das zivilisirte Kind kann nur mit Hlfe von Entziehungen, Pensums,
Ruthenstreichen zum Lernen angehalten werden. Erst seit einem
halben Jahrhundert sucht die Wissenschaft, verwirrt ber dieses
elende System, durch weniger herbes Vorgehen das Kind zu gewinnen;
sie versucht sich, die Langeweile der Kinder in den Schulen zu
enthllen, ein Gtzenbild des Nacheifers bei den Schlern,
Zuneigung fr die Lehrer zu schaffen. Das beweist, da sie erkannt
hat, wie es sein sollte, aber sie hat kein Mittel, ihre Gedanken zu
verwirklichen. Die mit Zuneigung verknpfte Uebereinstimmung
zwischen Lehrern und Kindern kann nur in dem Fall einer als Gunst
erscheinenden anregenden Unterweisung erzeugt werden. Das wird in
der Zivilisation, in welcher der ganze Unterricht durch den
Widersinn, die Theorie ber die Praxis zu stellen, geflscht ist,
nie geschehen. Der Unterricht ist ferner geflscht durch seine
Einseitigkeit und ununterbrochene Dauer. Man findet vielleicht ein
Achtel unter den Kindern, die den gegenwrtigen Unterricht mit
Leichtigkeit, aber ohne davon besonders angeregt zu sein, annehmen.
Daraus schlieen die Lehrer, da die brigen sieben Achtel nichts
taugen; sie argumentiren auf die Ausnahme und machen diese zur
Regel. Das ist die gewhnliche Illusion bei allen Lobliedern auf
die Vollkommenheit. Es giebt berall eine kleine Zahl Ausnahmen,
aber sie darf man nicht in Bercksichtigung ziehen, sondern die
groe Menge, welche die Regel ist. Ich fragte Kinder, die aus den
berhmtesten Schulen kamen, wie von Pestalozzi und Andern, ich fand
stets nur einen mittelmigen Schatz von Kenntnissen und eine groe
Unbekmmertheit fr Studien und Lehrer.

Wir haben heute eine Erziehungsmethode, und diese wird auf alle
Schler angewendet, als wenn alle vollkommen gleichartig seien. Ich
kenne nun verschiedene Methoden, die alle gut wren, und es lieen
sich noch andere finden. Schlielich ist jede Methode gut, wenn sie
dem Charakter des Schlers entspricht. D'Alembert ward ausgelacht,
als er vorschlug, das Studium der Geschichte im Gegensatz zur
chronologischen Ordnung zu betreiben, dergestalt, da man nicht von
der Vergangenheit zur Gegenwart, sondern von der Gegenwart nach
Rckwrts in die Vergangenheit schreite. Man warf ihm vor, den Reiz
am Studium zu zerstren und die mathematische Trockenheit in die
Methode des Unterrichts zu bringen. Das ist ein lcherlicher
Sophismus. Keine Methode ist an sich trocken, sie sind alle
fruchtbar, wenn man sie den Charakteren anzupassen und schmackhaft
zu machen versteht. Man gebe den Kindern eine ganze Reihe von
Methoden zur Auswahl, viele werden doch keinen Geschmack am Studium
finden. Unsere Lehrmethoden ermangeln nicht nur des aktiven
Hlfsmittels, sie ermangeln ebenso der materiellen Anziehung, als
welche ich die Oper und die Gourmandis betrachte.

Die Oper bildet das Kind zur mavollen Einheit, welche fr es eine
Quelle des Wohlbefindens und der Gesundheit wird; sie verschafft
ihm also den inneren und ueren Luxus, welches der erste Zweck der
Anziehung ist. Das Kind wird durch die Oper von frhester Jugend an
in allen gymnastischen und choreographischen Uebungen geschult. Die
Anziehung ist darin sehr krftig, es erwirbt die nothwendige
Gewandtheit fr alle Arbeiten in den Serien, wo Alles sich mit
Sicherheit, Ma und Einheit, wie man diese in der Oper herrschen
sieht, vollziehen soll. Die Oper nimmt also unter den Hlfsmitteln
fr die Erziehung vom niederen Lebensalter an den ersten Rang ein.
Unter der Oper sind alle krperlichen Uebungen begriffen, sowohl
die mit der Flinte als mit dem Rauchfa. Diese choreographischen
Evolutionen, werden sie nun mit der Flinte oder dem Rauchfa oder
in der Oper vollzogen, gefallen den Kindern auerordentlich, sie
betrachten es als eine hohe Gunst, zugelassen zu werden. Man wrde
die Natur des Menschen vollstndig verkennen, wenn man die Oper
nicht in erster Linie unter die Hlfsmittel der Erziehung vom
frhesten Alter an setzte, welche fr die materiellen Studien nur
anziehend wirkt. Um den Krper nach allen Richtungen hin mglichst
vollkommen zu machen, mssen, bevor man mit der Seele beginnt, zwei
unseren sog. moralischen Methoden sehr fremde Hlfsmittel in's
Spiel gesetzt werden: die Oper und die Kche, oder die angewandte
Gourmandis.

Das Kind soll zwei aktive Sinne ben: Geschmack und Geruch, und
zwar durch die Kche, und zwei passive: Gesicht und Gehr, und
diese durch die Oper; den Taktsinn endlich durch die Arbeiten, in
denen es sich auszeichnet. Die Kche und die Oper sind die beiden
Hlfsmittel, die das Kind durch die Anziehung unter das Regime der
Serien der Triebe fhren. Die Magie und die Feerien der Oper ziehen
das Kind mchtig an. Dagegen erwirbt es in den Kchen der Phalanx
die Intelligenz und Geschicklichkeit in all den Vorbereitungen fr
die Tafel; es lernt alle Produkte kennen, fr welche es sich schon
durch die Tischunterhaltungen interessirte; es werden Pflanzen und
Thiere besprochen, und so wird es in Hof, Stallungen und Grten
eingefhrt. Die Kche wird das Band fr diese Funktionen.

Die Oper ist die Vereinigung fr die materielle Uebereinstimmung,
sie dient allen Altern und Geschlechtern. In ihr werden gebt: 1.
Gesang, oder das Ma der menschlichen Stimme; 2. Instrumente, oder
das Ma knstlicher Tne; 3. Poesie, oder Ausdruck der Gedanken und
Worte nach Ma; 4. Pantomimen, oder Harmonie der Gesten; 5. Tanz,
oder Bewegung nach Ma; 6. Gymnastik, oder harmonische Uebungen; 7.
Malerei und harmonische Kostme. Das Ganze beruht also auf einem
regelmigen Mechanismus und in geometrischer Ausfhrung.

Bei uns ist die Oper nur eine Arena der Galanterie, eine Anreizung
zu Ausgaben, und da begreift sich, da sie durch die moralischen
und religisen Klassen zurckgewiesen wird; in der Harmonie ist sie
eine freundschaftliche Vereinigung, in der keinerlei bedenkliche
Intriguen zwischen Leuten stattfinden knnen, die sich jeden
Augenblick bei den verschiedensten Arbeiten in den industriellen
Serien begegnen.

Die Oper, heute so kostspielig, kostet fast nichts in der
Harmonie. Tnzer, Snger, Musiker, Maler, alle Handwerker und
Knstler stellt die Phalanx aus ihrer Mitte. Ohne die Mitwirkung
der Nachbaren und die Hlfe der Durchreisenden wird die Phalanx
eine Auswahl von 12-1300 Akteuren haben, die in irgend einer Weise
sich betheiligen. Die geringste Phalanx wird eine besser
ausgestattete Oper besitzen, als heute unsere groen Stdte.

Fourier widmet dann mehrere Kapitel der Kche der Phalanx, ihrer
Einrichtung und Organisation und der Verwendung der Kinder in
derselben. Die Neigung zu gutem Essen, zur Gourmandis, ist in
seinem System auch Erziehungsmittel. Was das Kind it, soll es in
der Praxis kennen lernen, es soll die Substanzen, ihre
Zusammensetzung und ihre Zubereitung erfahren. Wir fassen uns
hierber kurz, da aus dem bisher Gesagten der Leser wird
beurtheilen knnen, wie auch hier sich die verschiedenen Serien
bethtigen. Die Kinder werden zunchst an der Hand passend fr sie
eingerichteter Kchen in die Geheimnisse der Kochkunst spielend
eingeweiht, Neugier und Interesse wird geweckt; sie treten allmlig
in die groen Zentralkchen mit ihren Appendixen fr die
Vorbereitung der Speisen ber, lernen eine Anzahl interessanter
Details kennen -- das Einmachen, die Konservirung --, in denen sie
ntzliche Verwendung finden. Die Zubereitung der Materialien fhrt
ganz von selbst dazu, auch das Werden und Entwickeln der
verarbeiteten Materialien zu beobachten. Mit zunehmendem Alter wird
das Kind mit der Geflgelzucht, der Stallwirthschaft, der Obst- und
Gemsezucht bekannt und darin eingeweiht. In allen diesen
Bethtigungen kommt, wie im ganzen Mechanismus der Phalanx, die
Serien- und Gruppenbildung nach Trieben, die Abwechslung durch
kurze Sitzungen und die Kontrastwirkung zur Geltung; die
Rivalitten regen den Eifer und die Erfindungsgabe an.

Nach diesen selben Grundstzen und Methoden werden darauf die
Kinder in die verschiedenen Wissenschaften eingeweiht; berall
entscheiden die eigenen Triebe, die durch das Beispiel der
Mitschler und das Vorbild der lteren Schler angeregt und
stimulirt werden. Die Auswahl der Lehrmittel ist die grte. Alles
ist auf das Vortrefflichste eingerichtet, Zwang ist nirgends
vorhanden, ebenso wird kein Unterschied zwischen den beiden
Geschlechtern gemacht. Die Studien sollen nicht an zweiter Stelle
figuriren, aber das Interesse soll durch die physische Bethtigung
fr die verschiedenen Zweige des Studiums geweckt werden. Die
Arbeiten der Schule sollen mit denen in den Werksttten und in den
Grten eng verbunden sein, die letzteren sollen die ersteren
untersttzen.

Mit 15 bis 16 Jahren treten die Kinder in das Reifealter, es
beginnen die Jahre der Pubertt und der Geschlechtstrieb macht sich
allmlig geltend; damit beginnt auch fr die Phalanx die Aufgabe,
die Erziehung entsprechend umzugestalten.

Hier ist der Punkt, fhrt Fourier fort, wo alle unsere auf die
Unterdrckung der Geschlechtsliebe berechneten Methoden, die in den
Beziehungen der Liebe nur die allgemeine Heuchelei zu begrnden
wissen, in die Brche gehen. Das geschieht von hier ab im ganzen
Verlauf des Liebeslebens. In keiner Angelegenheit zeigt sich unsere
Wissenschaft so unfhig und ungeschickt, als hier. Fr alle anderen
Mibruche und Uebel haben unsere Philosophen wenigstens die
Anwendung einiger Gegenmittel versucht, aber keine in Sachen der
Liebe, von wo demnach ihr ganzes Werk in Unordnung gestrzt wird,
denn sie haben nur die Unwahrheit und die geheime Rebellion gegen
die Natur und die Gesetze begrndet. Indem die Liebe keinen anderen
Weg zur Befriedigung findet, als mit Anwendung der
Doppelzngigkeit, wird sie ein permanenter Verschwrer, der
unaufhrlich daran arbeitet, die Gesellschaft zu desorganisiren,
alle ihre Regeln zu untergraben.

Ich habe gefunden, da die Zivilisation in Bezug auf die Liebe nur
unausfhrbare Gesetze hat, die berall der Heuchelei die
Ungestraftheit sichern; die Uebertreter werden um so mehr
protegirt, je khner sie sind. In allen Salons, in der ganzen
Gesellschaft sind jene die Angesehensten, die in Liebesangelegenheiten
die Leichtherzigsten sind, welche die meisten Eroberungen aufweisen
knnen, d.h. mit dem, was die zivilisirte Sitte und Moral
verlangt, auf dem gespanntesten Fue stehen. Nirgends ist die
Scheinheiligkeit und Duperie grer, als in unserem Ehe- und
Liebesleben, ist zwischen dem, was die Natur beansprucht und die
Moral vorschreibt, ein schrferer Widerspruch. Anstatt dieser
Skandale, welche die Zwangsgesetzgebung der Zivilisation erzeugt,
mu die Harmonie, indem sie die volle Freiheit der ersten Liebe
sichert, hervorzurufen wissen: 1. die Begeisterung der verschiedenen
Alter fr die Arbeit; 2. die Konkurrenz der Geschlechter fr die
guten Sitten; 3. Belohnung der wirklichen Tugenden; 4. Anwendung
dieser Tugenden fr das ffentliche Wohl, von dem sie in der
Zivilisation getrennt sind.

Die wesentlichste Aufgabe Derer, die in der Harmonie die erste
Liebe genieen werden, ist, da sie die beiden Lebensalter, die
unmittelbar unter und ber der Pubertt sind, zur Arbeit anziehen.
Man mu also unter den Jugendlichen zwei Korporationen bilden, die
hnlich wie die kleinen Banden und die kleinen Horden aufeinander
wirken. Diese beiden Korporationen sind das Vestalat, bestehend aus
zwei Drittel Vestalinnen und ein Drittel Vestalen, und des
Damoiselat, bestehend aus zwei Drittel Damoiseaux und ein Drittel
Damoiselles. Die Korporation des Vestalats widmet sich bis zum
achtzehnten oder neunzehnten Jahr der Keuschheit, die Korporation
des Damoiselats widmet sich der frhen Liebe. Die Wahl steht allen
Theilen frei. Jedes kann nach Belieben in die eine oder in die
andere Korporation ein- und austreten, aber man mu, so lange man zu
einer der Korporationen gehrt, auch die Gewohnheiten und Regeln
derselben beobachten: Keuschheit im Vestalat, Treue im Damoiselat.
Die jungen Mnner neigen in der Regel selten dazu, dem Beispiel des
keuschen Joseph zu folgen, sie sind dementsprechend auch im
Vestalat in der Minoritt. Im Allgemeinen werden es die festen
Charaktere sein, welche fr das Vestalat sich entscheiden, whrend
die milderen fr das Damoiselat die Wahl treffen. Hingegen werden
die jungen Mdchen, die eben erst aus dem Chor der Gymnasiastinnen
austreten, in der Regel einige Zeit im Vestalat zubringen. ...

Damoiselles und Damoiseaux, die der Versuchung nachgaben, mssen
von da ab den Morgenzusammenknften der Kinder fern bleiben; sie
besuchen nunmehr Abends einen der Liebeshfe der Erwachsenen -- die
sich allabendlich zwischen neun und zehn Uhr in den Slen
zusammenfinden -- und erheben sich in Folge dessen auch spter von
der Nachtruhe. Dagegen erhebt sich das Vestalat mit den Kindern.
Wegen dieser fortdauernden Beziehungen zu den Kindern wird das
Vestalat mit besonderer Achtung und Anhnglichkeit von diesen
behandelt, umgekehrt wird das Damoiselat von ihnen miachtet. Die
lteren Stmme von zwanzig und mehr Jahren haben wieder aus anderen
Motiven fr das Vestalat und die Virginitt eine tiefe Zuneigung.
So vereinigt das Vestalat in sich den hchsten Grad der Gunst der
Kindheit und des mnnlichen Alters. Die Keuschheit der Vestalinnen
und Vestalen ist um so besser gesichert, da sie die volle Freiheit
haben, jederzeit die Korporation zu verlassen und auf die Vortheile
der Rolle zu verzichten.

Mit Ausnahme der Schlafzeit, welche die Vestalen und Vestalinnen
nach Geschlechtern getrennt in verschiedenen Rumen zubringen,
haben sie ihre volle Freiheit; sie gehen den gewohnten
Beschftigungen in den verschiedenen Serien und Gruppen nach; sie
haben aber auch ihre besonderen Sitzungen und gewhren den Besten
unter sich den Titel Bewerber oder Bewerberin. Diejenigen, die
diesen Titel fhren, haben den Vortheil, in der industriellen
Armee, in der sie eine besondere Stellung einnehmen, auch mit
besonderen Ehren empfangen zu werden. Uebertritt ein zum Vestalat
gehriges Mitglied die vorgeschriebenen Gepflogenheiten und wird
dies festgestellt, so macht man ihm aus seiner Unbestndigkeit kein
Verbrechen, aber es hat aus der Krperschaft auszuscheiden. Nichts
verschafft einem Mdchen von 16-18 Jahren mehr Achtung, als eine
nicht bezweifelte Keuschheit, eine warme Hingabe an die Arbeit und
die Studien. Mit Ausnahme der schmutzigen Arbeiten sind die
Vestalinnen die Kooperatrizen der kleinen Horden; ist Gefahr im
Verzuge, handelt es sich z.B. darum, wegen drohenden Unwetters
rasch eine Ernte zu bergen, so sind sie stets an der Spitze. Jede
Phalanx wird sich bemhen, die gefeiertsten Vestalinnen zu besitzen
und sie nach der Art ihres Verdienstes als Reine durch Titel
auszuzeichnen, wie die Schne, die Hingebende, die Talentirte, die
Gunstbezeugende. Das Vestalat whlt aus seiner Mitte die
prsidirende Quadrille, welche bei den Zeremonien den Ehrenwagen
besetzt und an den Fest- und Ehrentagen der Phalanx die Honneurs
macht. Kommt ein Monarch, so sendet man ihm nicht wie bei uns
beglachandschuhte Schwadroneure entgegen, die vor ihm ber die
Schnheiten der Verfassung und das Glck des Handels peroriren,
sondern man deputirt die liebenswrdigsten Vestalinnen, die ihn an
der Grenze begren. Kommt eine Frstin, so whlt man Vestalen.
Versammelt sich eine industrielle Armee, so sind es die Vestalen,
die ihr die Oriflamme bergeben und die erste Rolle bei den Festen
wie bei den Arbeiten einnehmen. Die Arbeiten dieser Armeen werden
durch die Anwesenheit der Vestalen und Vestalinnen einen besonderen
Reiz gewinnen und sie werden, so stimulirt, ihre Arbeiten, ohne da
sie Ermdung verursachen, ausfhren. Indem man ferner den Armeen
jeden Abend glnzende Feste giebt, hat man nicht nthig, mit der
Kette am Hals die jungen Leute hinzufhren, wie das bei unseren
jungen Ausgehobenen geschieht, die stolz auf den schnen Namen
freie Mnner sind. Die industrielle Armee wird zu einem Drittel
aus Bacchantinnen, Bajaderen, Heroinen, Feen gebildet sein, und so
werden mehr junge Mnner und Frauen herzustrmen, als man nthig
hat. Ferner werden Frsten und Frstinnen diese Armeen besuchen, um
sich dort nach ihrem Geschmack ihre Gattin oder ihren Gatten zu
whlen, und es ist anzunehmen, da eine solche Wahl meist auf eine
Vestalin oder einen Vestalen fllt. Diese Herrschaften werden in
der Harmonie nicht mehr die Sklaven sein, wie in der Zivilisation,
in welcher man ihnen nach chinesischer Manier einen Mann oder eine
Frau aufnthigt, die sie niemals gesehen haben.

Von allen Seiten mit den gnstigsten Blicken betrachtet, wird der
vestalische Krper Gegenstand einer sozialen Abgtterei, eines
halbreligisen Kultus. Die Menschen lieben einmal, sich Idole zu
schaffen, und so wird in Folge dieses Bedrfnisses das Vestalat ein
Idol der Phalanx. Die kleinen Horden, die keiner Macht der Erde den
ersten Gru bewilligen, werden vor dem Vestalat ihre Fahne neigen
und ihm als Ehrengarde dienen.

Die Ehren, die Fourier dieser Krperschaft fr das Opfer, ihre
Keuschheit einige Jahre zu bewahren, zugedenkt, sind noch grerer
Art. Ist die ganze Erde einmal mit Phalanxen bedeckt, so wird sich
auch die Nothwendigkeit einer allgemeinen Eintheilung im Reiche
verschiedener Grade ergeben, die, wie Alles bei ihm, geometrisch
abgemessen sind. Der oberste Leiter des Erdballs ist der Omniarch,
der in Konstantinopel, der Hauptstadt der Welt, seinen Sitz hat;
dann folgen 3 Auguste, 12 Zsarinnen, ungefhr 48 Kaiserinnen, 144
Kalifen, 576 Sultane, 1721 Kniginnen, 6912 Kaziken u.s.w. Man
fragt sich freilich vergeblich, was alle diese Frsten, Frstinnen
und hohen mnnlichen und weiblichen Wrdentrger in dieser sozialen
Organisation fr einen Zweck und eine Bedeutung haben, inwiefern
ihre Funktionen fr das Gedeihen dieser phalansteren Gesellschaft
notwendig sind. Darber giebt auch Fourier keine Auskunft. Sie
gehren eben in sein System, das bemht ist, den Trieben und
Neigungen, wir pflegen auch zu sagen Schwchen, der Menschen nach
Titeln und Auszeichnungen Rechnung zu tragen. Auch hofft er, da
sein System in um so hherem Grade die Untersttzung der hheren
Klassen finden werde, als es ihnen besondere Aussicht fr die
Erlangung von Titeln und Wrden erffnet.

Eine solche Schaar hoher Wrdentrger und Wrdentrgerinnen bedarf
entsprechender Frauen und Mnner, und da haben Vestalinnen und
Vestalen in erster Linie die schnste Aussicht, zu diesen Ehren zu
kommen.

Auch bewilligt die Harmonie der Virginitt Ehrentafeln. Welch ein
Unterschied zwischen dieser und der Zivilisation, wo die Virginitt
nur Geringschtzung findet und Gunstbezeigungen nur Denen zu Theil
werden, die sich einen falschen Heiligenschein fr die Gaukeleien
der Libertins zu geben wissen. Diese Wstlinge, die in ihren
Liaisons die Kunst gelernt haben, die Menschen zu betrgen und zu
dpiren, werfen sich unter den Spitzbuben, welche die ffentliche
Meinung leiten, als Lobredner der Tugend auf. Welche Ermuthigung
findet unter uns ein junges, schnes Mdchen, um ihre Virginitt zu
bewahren? Ist sie arm, wird sie ihre Anbeter, die alle gute Rechner
sind, nicht bethren, sie wissen, da die Tugend keinen
Lebensunterhalt fr die Haushaltung schafft. Ihre Eltern werden
gezwungen, auf einen Sechzigjhrigen oder irgend eine andere
Schamlosigkeit zu spekuliren und sie wird durch diese Spekulation
prostituirt; sie findet kaum einen Mann von mittlerem Alter, der
ihr eine anstndige Existenz zu bieten vermag. So wird ihre
Schnheit ein Gegenstand elterlicher Beunruhigung, ihre Tugend wird
fr die Zukunft verdchtig sein. Hat sie einiges Vermgen, so ist
sie whrend langer Zeit zwischen mnnlichen und weiblichen Maklern
Gegenstand eines gemeinen Handels. Endlich wird sie einem durch
Laster verdorbenen Manne berliefert; denn es giebt weit mehr
verdorbene als gute Ehemnner.

Findet ein Mdchen unter uns bis zum fnfundzwanzigsten
Lebensjahre keinen Ehemann, so beginnt man sich ber sie lustig zu
machen, man glossirt sie wie eine verdchtig gewordene Waare. Um
den Preis einer in Entbehrungen verlebten Jugend sammelt sie in dem
Mae, wie sie lter wird, eine Ernte gemeiner Witze, mit der jedes
alte Mdchen berschttet wird. Das ist eine der Zivilisation
wrdige Ungerechtigkeit. Das Opfer, das sie fordert erniedrigt sie;
undankbar, wie sie ist, belohnt sie die Hingebung der jungen
Mdchen an ihre Morallehren mit Beschimpfungen und Aergernissen. Da
braucht man sich nicht zu wundern, da man bei jungen Mdchen, die
nicht berwacht werden, nur eine Maske der Keuschheit findet.
Leistet ein junges Mdchen Gehorsam, so wird es, als Mdchen alt
geworden, von derselben ffentlichen Meinung bestraft, die es
zwang, seine schne Jugend ihrem Vorurtheil zu opfern. Was kann es
Unntzeres geben, als diese ewige Virginitt? Sie ist eine Frucht,
die man, statt sie zu genieen, verderben lt. Das sind
Ungeheuerlichkeiten, die vollkommen wrdig sind dieser zivilisirten
Ordnung, welche stolz auf ihre Weisheit und ihre Wissenschaft ist.
Aber wenn man einem schnen Mdchen, um den Preis, ihre Keuschheit
zu bewahren, eine Vergeltung in Aussicht stellt, ist diese ihr
gewi? Sie luft nicht geringe Gefahr, einen Spieler, oder einen
durch Ausschweifung brchig Gewordenen, einen rappelkpfischen oder
brutalen Mann zum Gatten zu erhalten. Ferner hat ein anstndiges
Mdchen selten genug Finesse, um die Heucheleien, die trgerischen
Aufmerksamkeiten ihrer Bewerber zu erkennen, durch die eine ein
wenig erfahrene Frau nicht mehr getuscht wird. Hat sie aber eine
gute Partie in Aussicht, so wird irgend eine Intriguantin, die in
der Kunst zu bezaubern gebt ist, sie ihr entfremden. Das
anstndige Mdchen wird darum betrogen, es erhlt nur einen
unfruchtbaren Tribut der Achtung und altert oft in der
Ehelosigkeit.

Ich kann mich nicht so, wie ich es wnschte, hier aussprechen,
weil die Errterung dieser Fragen dem allgemeinen Vorurtheil
zuwider ist, und doch sollte man sie grndlich behandeln, um die
Unanstndigkeit, die Heuchelei und die schlechten Sitten der
Zivilisirten in Allem, was das Verhltni der Geschlechter
betrifft, an den Pranger zu stellen. Die Sitten in der Harmonie
mgen auf den ersten Anblick Ansto erregen, sie werden aber alle
Tugenden gebren, von denen sehr berflssiger Weise die
Zivilisation nur trumt.

Wenn ich das Erziehungssystem darlege, nach dem die Kinder in der
Harmonie sich entwickeln, so werden die meisten Vter rufen. 'Ah,
das ist schn, das ist, was ich lngst gewnscht, so sollte und
mte es sein'; aber wenn ich es auch unternehme, die
Liebesbeziehungen darzulegen, so schreien die bissigen Moralisten,
da ich die guten Sitten verletze. Sie werden ber jede Parallele
verwundert sein, die ich zwischen den Gewohnheiten der beiden
Gesellschaftsordnungen ziehe. Zum Beispiel, wenn ich die
vestalischen Vermhlungen mit denen der Zivilisation vergleiche,
deren Moral nur unanstndige und skandalse Gewohnheiten zu Grunde
liegen: so die zweideutigen Zeremonien, die der Verbindung des
Paares vorausgehen; die zweideutigen Wortspiele, die Trunkenheit
der Festbetheiligten, das Herfallen mit schlechten Scherzen ber
die Braut. Die Gepflogenheit der Saufgelage kann einer dezenten
Gesellschaft, wie sie die Vestalen sind, nicht gefallen; sie haben
die Methode, ihre Vereinigung zu vollziehen, ohne da sie zuvor den
Spttereien und Witzeleien ausgesetzt sind, die den nchsten Morgen
noch immer frh genug kommen. Es bleibt weder Zeit fr die ewigen
zweideutigen Wortspiele, noch fr die moralischen Schlemmereien.

Man begeht, wie man sieht, in der Harmonie nicht die Inkonsequenz,
Vestalinnen zu schaffen ohne Vestalen, sie ahmte sonst den
Widerspruch der Zivilisation nach, die den Mdchen die Keuschheit
vorschreibt, aber die Ausschweifungen der jungen Mnner tolerirt,
d.h. man provozirt bei den Einen, was man den Andern verbietet,
eine Zweideutigkeit, die der Zivilisation wrdig ist. Welcher Art
werden die jungen Mnner sein, die in der Harmonie sich fr das
Vestalat erklren? -- Diejenigen, die, wie die Shne des Theseus,
fr aktive Thtigkeiten, aber wenig fr die Liebe neigen. Wenn
Hippolyt die Jagd allein gengte, um ihn von der Liebe abzuziehen,
so wird eine soziale Ordnung, die jedem Jugendlichen dreiig und
mehr Gelegenheiten bietet, wo er seine Krfte ben und seinen
Ehrgeiz befriedigen kann, interessanter sein, als das mittelmige
Vergngen der Jagd.

Vergegenwrtige man sich immer wieder, da alle diese anscheinend
so romantischen Gepflogenheiten den Zweck verfolgen, den wirklichen
Reichthum der Phalanx zu steigern, indem sie die Liebe in allen
ihren Unterarten fr den Fortschritt der Arbeit und der Entwicklung
nutzbar machen. Der Reichthum steigt in demselben Mae, wie allen
Trieben der freie Aufschwung gesichert ist. Es wird geschehen, da
die Alten, die in der Harmonie den Reichthum und die Vergngungen
mehr lieben werden, als man sie heute liebt, die Ersten sein
werden, welche die Freiheit der Liebe herzustellen verlangen. Die
nthigen Gegengewichte werden sich in gengender Zahl aus der
Konkurrenz der Instinkte und der Geschlechter ergeben. ...

Man sieht, da meine Theorie berall eine einheitliche ist, alle
Probleme haben dieselbe Lsung, die Bildung von Serien, freien
Gruppen, und diese nach den drei Regeln zu entwickeln: geschlossene
Abstufung der Triebe (Kabalist), Wechsel in der Ausbung aller
Thtigkeiten (Papillone), kurze Sitzungen (Komposit). Das ist die
feste Regel fr die Bildung und Entwicklung der Serien; ihr Zweck
mu sein, berall die Konkurrenz der Geschlechter, der Lebensalter
und der Instinkte zu begrnden.

Den Leser choquirt die Idee der freien Liebe, weil daraus ein
Durcheinander der Kinder verschiedener Abstammung resultire; um
diese Vorurtheile zurckzuweisen, mte ich zu sehr weitlufigen
Auseinandersetzungen greifen, die ich hier nicht geben kann; ich
werde beweisen, da das zivilisirte Regime alle die Uebel erzeugt,
die man von der Freiheit der Liebe befrchtet, da aber diese
Freiheit, auf eine Phalanx mit Serien der Triebe angewandt, alle
Unordnungen, die sie in der Zivilisation hervorruft, vermeidet. Wie
es in der Zivilisation aussieht, dafr mgen einige Beweise folgen.
Die Statistik von Paris ergiebt, da ein Drittel der Vter ihre
Kinder verlassen und verleugnen. Auf 27.000 Geburten rechnet man
ber 9000 Bastarde, und doch ist Paris der Mittelpunkt der
moralischen Erleuchtung und die Vollendung der Vervollkommnung
der Vervollkommnungsfhigkeit. Wenn berall ebenso viel
Vollkommenheit existirt als in Paris, ist ein Drittel der Kinder
von ihren Vtern verlassen. Ferner sind da die syphilitischen
Krankheiten, die in unserer Ordnung zahlreiche Opfer erfordern. Die
Jugend wird bei unseren Sitten zur Unaufrichtigkeit erzogen, sie
macht sich ein Spiel daraus, diese Krankheiten zu verbreiten, deren
Gefahr jede kluge Person zwingt, sich von der galanten Welt zu
isoliren und so die unnatrliche Befriedigung der Triebe
herausfordert. Ferner: Wenn im jugendlichen Alter die Mdchen ber
die Treue getuscht werden, so tuschen spter ihrerseits die
Frauen; sie nehmen einfach Repressalien. Wenn in Paris, dem Hort
der Moral, man jhrlich ber 9000 Vter sieht, die ihre Kinder
verlassen, so wird die Rache der Mtter eine entsprechende sein.
Auf 27.000 Geburten schwren die Frauen 9000 Kinder ihren
Ehemnnern zu, die sie von ihren Liebhabern bekommen haben. Das ist
Reziprozitt der Vter und Mtter fr ihre Kinder. Ferner: Nach dem
Liebesalter gefallen sich die Alten inmitten ihrer zrtlichen
Kinder und Enkel, die natrlich in den gesunden Doktrinen der
Philosophie erzogen wurden, und freuen sich der ihnen erwiesenen
Zuneigung. Es ist meist nur Duperie und Scheinheiligkeit. Alle
diese Aufmerksamkeiten gelten nicht ihnen, sondern ihrem Vermgen.
Um sich davon zu berzeugen, brauchten sie nur den Zusammenknften
beizuwohnen, bei welchen die Liebenden ihre Eltern glossiren. Sie
werden als lcherliche Harpagons oder unbequeme Argusse behandelt;
man unterhlt sich mit Wnschen, wie, da der Augenblick bald
kommen mge, um ein Vermgen genieen zu knnen, das nach der
Meinung der Jungen die Alten nicht anzuwenden verstehen. Man
antwortet: da ehrenhafte Familien vor geheimen Orgien sicher sind.
Ja, so lange die Furcht darin herrscht. Aber sind die Vter und die
Argusse todt oder abwesend, in demselben Augenblick kommt auch die
Orgie, oft selbst whrend die Vter leben. Die jungen Leute
berzeugen die Vter, da sie nicht kommen, ihre Tchter zu
verfhren, da sie wahre Freunde der Moral und der Verfassung sind,
andererseits berzeugen sie die Mutter, da sie eben so hbsch wie
die Tochter ist, was manchmal wahr ist. Gesttzt auf diese
Argumente, organisiren sie im Hause die maskirte Orgie. Der Vater
gewahrt den Kniff und versucht widerspenstig zu werden, aber die
Frau beweist ihm, da er nicht die rechte Einsicht habe und er
schweigt. Und selbst wenn die Vter solche Fallen zu vermeiden
wissen, gerathen sie nicht in zwanzig andere Unannehmlichkeiten, in
einen wahren Cercle vicieux von moralischen Sottisen? Hier fllt
eine gehorsame Tochter in Krankheit und stirbt, weil ein Band ihr
versagt blieb, das die Natur gebot. Dort wird eine entfhrt oder
schwanger und alle vterlichen Berechnungen werden zu Schanden. Und
welch eine Verlegenheitsquelle sind Tchter ohne Aussteuer? Um sich
zu erleichtern, schliet der Vater die Augen ber die Freiheiten
der Schnsten, damit ihm die Kosten ihres Flitterstaats erspart
bleiben. Die wenigst Schne steckt er in ein ewiges Gefngni,[18]
ihr sagend, da sie glcklicher sein werde, wenn sie Gott diene.
Oder er hat eine Tochter verheiratet, aber die Verbindung geht zu
Grunde, und statt eine Tochter los und ledig zu sein, hat er sie
und ihre ruinirte Familie zu erhalten. Und so lieen sich noch
viele Flle der Enttuschung anfhren.

[Funote 18: Das Kloster, ein in Frankreich in sogenannten
besseren Familien, wo das nthige Vermgen zu einer Aussteuer
fehlt, oft vorkommendes Auskunftsmittel, sich unbequem gewordener
Tchter zu entledigen. Der Verfasser.]

Da kommt die Moral und beweist an einigen glcklichen Ausnahmen,
welche segensreiche, Glck bringende Einrichtung diese Ehe unserer
Zivilisation sei, aber die groe Majoritt, die dieses Glckes
beraubt ist, sieht und empfindet dieses Glck nicht. Vter wie
Kinder sind in falscher Position, die gute Ordnung beruht auf einem
mehr oder weniger maskirten Zwang, und dieser Zwang erstickt die
Zuneigung; er reduzirt das Familienleben zu einem Trugbild. Die
Eltern erhalten das wahre Glck nur in einer Ordnung, die den
Wnschen der Natur entspricht, aber unsere Moralisten haben nie
eine Studie ber die Beziehungen der Liebe gemacht. Ein Beispiel
lehrt dies.

Fourier bezieht sich hier zum Beweis fr die Richtigkeit seiner
Anschauung ber die Moralisten auf einen Vorgang, der ihm zufolge
im Pensionat des berhmten Pestalozzi in Yverdon vorgefallen sein
soll, und er verspottet hierbei zugleich die sogenannte intuitive
Methode, nach der Pestalozzi bei seinem Erziehungssystem verfuhr.
Wie weit der zu erzhlende Vorfall auf Wahrheit beruht, knnen wir
nicht kontroliren, inde sind hnliche Vorgnge auch heutzutage
durchaus nichts Seltenes. Fourier erzhlt also, da, whrend
Pestalozzi in seinem Institut nach seiner intuitiven Methode
Jnglinge und junge Mdchen unterrichtete, er gar nicht gewahr
wurde, wie diese unter sich nach der sensitiven Methode handelten.
Daraus entstand denn eines Tages eine schreckliche Entdeckung. Es
gab ein frchterliches Durcheinander. Es ward entdeckt, da eine
Anzahl der Schlerinnen theils durch Lehrer, theils durch Schler
schwanger geworden war, worber, sehr begreiflich, der berhmte
Lehrer ganz auer sich gerieth, der, wie Fourier boshaft
hinzusetzt, bei dem Grbeln ber seine intuitiven Subtilitten
ganz und gar vergessen hatte, der Intuition der Liebe Rechnung zu
tragen. Whrend so die Philosophen die Triebe unterdrcken
wollen, kommen diese und unterdrcken unvermutheter Weise die arme
Philosophie. Es zeigt sich hier, da, wie immer man sich in der
Zivilisation der Freiheit nhern will, sei es in Sachen der Liebe,
sei es in Sachen der anderen Triebe, man fllt stets in einen
Abgrund von Sottisen, weil die Freiheit nur im sozietren Zustand
zur Geltung kommen kann, wovon die Moral keine Ahnung hat.

Fourier sagt dann weiter: Die Freiheit zu besitzen und zu sichern,
sei der Wunsch des Menschengeschlechtes, aber das knne man nicht,
ohne den Mechanismus der Gegengewichte zu kennen, die den Mibrauch
der Freiheit verhteten. Deshalb tappte bisher der menschliche
Geist im Finstern und fielen alle Neuerer, die revolutionren
Politiker, mit ihren Versuchen, wie die Pestalozzi und Owen und
andere politische Halsbrecher, stets von der Charybdis in die
Skilla.

Es ist nicht uninteressant, hier auch ein Urtheil anzufhren, das
Fourier ber Kant und, indem er ber die Methode Pestalozzi's
spricht, ber die Deutschen berhaupt fllt. Er sagt ber Kant:
Welches Wesen habe man von ihm gemacht. Er sei der erste
Metaphysiker der Schule. Kein Anderer solle wie er mit analytischer
Grndlichkeit ber die Wahrnehmungen der Anschauungen des
Erkenntnivermgens, die Willensuerung der Empfindungen, Klarheit
gebracht haben. Er sei ein Eroberer, der Alles an sich reie, der
das Angesicht der Wissenschaft gnzlich ndere. Er (Fourier) habe
zu diesem Urtheil Ja gesagt, obgleich er nicht die Fhigkeit
besitze, ber Kant oder die anderen Ideologen ein Urtheil
abzugeben; er habe nie eine Zeile von ihrer Wissenschaft begriffen,
was ihn aber nicht verhindere, ber ihre Bedeutung auf Grund der
vorliegenden _Resultate_ zu urtheilen. Heute rangire man die alten
Ideologen unter die Alchimisten, man betrachte ihre Lehren als
Visionen; damit sei nicht gesagt, da die modernen Ideologen mit
den Chemikern auf eine Stufe zu stellen seien, denn diese sttzten
sich auf die Erfahrung. Die Ideologen, Kant nicht ausgenommen,
seien Schngeister, Rechthaber (ergoteurs), die in einem
Jahrhundert zu Ansehen kmen, das, wie das unsere, neue
Gtzenbilder brauche.

Charakteristisch an diesem Urtheil ist die Offenheit, womit Fourier
zugiebt, Kant nie verstanden zu haben; damit, knnte man sagen, sei
auch das Urtheil ber Fourier gesprochen, und doch thte man ihm
Unrecht, denn fr ihn entscheiden, wie er selbst sagt, die
greifbaren Resultate, und diese allein. Fourier ist trotz aller
Spekulationen, denen er selbst in seiner Ideenentwicklung verfllt,
eine durchaus auf das Konkrete gerichtete Natur. Eine Spekulation,
die keine praktischen Resultate fr das Leben verspricht, verwirft
er. Da Kant mit Begriffen operirte, ber Begriffe spekulirte,
scheint ihm eine unfruchtbare Arbeit; eine solche Wissenschaft kann
fr die Menschen, die, nach ihm, nur das Glck wollen und zwar
sichtbar und greifbar, keine Wissenschaft sein. Die Philosophie
mht sich ab, den Begriff des Glcks zu definiren, Fourier ist
damit sehr rasch fertig: Glck heit volle Befriedigung aller
Triebe des Menschen, suchen wir also ihm diese Befriedigung zu
verschaffen. Was nicht darauf abzielt, ist, nach seiner Meinung,
vom Uebel, metaphysische Spekulation ohne Werth; die Praxis und die
Erfahrung entscheiden.

So urtheilt er auch weiter absprechend ber Pestalozzi. Nach ihm
ist Pestalozzi der praktische Metaphysiker, wie Kant der
theoretische. Sein (Pestalozzi's) Institut sei jedenfalls das beste
in Europa, es werde nach einer Methode geleitet, die von Montaigne
bis Jean Jacques Rousseau empfohlen worden sei. Das Pensionat sei
renommirt, und die Kinder seien stolz, ihm anzugehren, wie der
Soldat stolz sei, in einem schnen Regiment zu dienen. Aber um das
Kind anzuregen, seinen Wetteifer zu entfachen, habe man nichts als
die intuitive Methode. Aber kein Kind beie an die Angel.
Pestalozzi gestehe selbst, da er nur selten Kinder gewinne, und
da zwei Drittel desertirten und ungeduldig wrden. Dazu komme, da
er wegen Mangel an Vermgen das Pensionat nur mangelhaft ausstatten
knne. Man traktirt vergeblich die Kinder mit der intuitiven
Methode, um sie ber ihre Unbehaglichkeit zu trsten, sie wollen
nicht die von diesem ideologischen Dunst Getuschten sein.
Schlielich habe man die deutschen Kinder an diesen metaphysischen
Jargon gewhnt. Das sei nicht zu verwundern. Deutsche Kinder seien
sehr geschmeidig, man bringe Tausende zum Gehorsam mit der
Erklrung: Es mu sein. Die Deutschen seien eine Nation von
Freunden der Ordnung, der Deutsche sei ein Mechanismmus, den man
jederzeit mit dem: es mu sein in Bewegung setzen knne, da sei
es leicht, die Kinder nach irgend welchen Zierereien der
Metaphysik, wie diese intuitive Methode, zu bilden, aber fr die
Vortrefflichkeit der Erziehung beweise das nichts.

In Ausfhrung seiner Theorie erklrt Fourier weiter, da, bevor die
Bedingungen, unter denen die von ihm dargelegten Prinzipien freier
Liebe sich verwirklichen knnten, mehrere Generationen im
phalansteren System vergehen mten. Das Geschlecht msse erst dazu
gesund erzogen und vorbereitet sein. Zunchst gelte es, die
Syphilis, die ganze Geschlechter geschwcht habe, vollstndig
auszurotten, dann die politischen Hindernisse des Verkehrs der
Geschlechter zu beseitigen; das Schwierigste aber sei, zu
verhindern, da nicht in dem Augenblick, wo man der Liebe grere
Freiheit gebe, die geheime und korporative Orgie -- worunter
Fourier den ungeregelten, durch kein System der Serien der Triebe
gezgelten Geschlechtsgenu versteht -- hervorbreche. Die Orgie
knne nicht durch Unterdrckungsmittel verhtet werden, sondern
durch die Oberherrschaft von Ehre und Tugend, erzeugt durch
Einrichtungen, wie er sie in Bezug auf das Vestalat vorgeschlagen.
Er glaubt ferner die Richtigkeit seiner Ansichten ber die Liebe
aus dem neuen Testament beweisen zu knnen, eine Beweisfhrung, die
bekanntlich bis in die neueste Zeit von den auf religiser
Grundlage beruhenden kommunistischen Sekten sowohl fr die
Gemeinschaft der Gter, wie fr die Freiheit des
Geschlechtsverkehrs und die Gleichheit von Mann und Frau in's
Treffen gefhrt worden ist, aber von Anderen und durch andere
Stellen des neuen Testaments ebenso bekmpft wird.

Die Liebesbeziehungen, wie sie in der Zivilisation mglich seien,
behauptet Fourier, zgen die Jugend von den Arbeiten und den
Studien ab, sie erregten die Indolenz, die Frivolitt und
verfhrten zu unsinnigen Ausgaben. Umgekehrt werde in der Harmonie
die Liebe zur Kultur und zum Studium anreizen und den Eifer dafr
verdoppeln.

Fourier geht nun dazu ber, zu untersuchen, wie die verschiedenen
Geschlechter und Klassen fr die neue Ordnung zu gewinnen seien und
wo man den Hebel ansetzen msse. Das einflureichste Geschlecht
seien die Kinder. Die Kinder wirkten auf die Mtter und die Mtter
und Kinder zusammen auf die Vter; einem solchen Ansturm knnten
letztere nicht widerstehen. Unter den Klassen seien es die Reichen,
die auf die niederen Klassen den Einflu htten. Es gelte, die
Reichen zu verfhren, denn bequemten diese sich zur Arbeit in der
Serie, so wrden die brigen Klassen, durch deren Beispiel
angefeuert, erst recht eifrig bei der Sache sein. Welche Arbeiten
wrden es also sein, die Reiche und Kinder am ehesten zum Eintritt
in die sozietre Ordnung verfhren knnten? Man merke wohl, es
handelt sich nicht um ein Ueberzeugen, um ein Wirken auf den
Verstand, sondern um ein Verfhren, ein Wirken auf die
Leidenschaften und Triebe. Auf die Kinder wird den grten Anreiz
gutes Essen und Trinken ben, also die Gourmandis. Eine Kche fr
sie und die freie Befriedigung ihrer Geschmcker wird ihre ganze
Phantasie in Beschlag nehmen und gewinnen. Man wird also die Kinder
in Serien und Gruppen organisiren und sie mit der Herstellung der
gewnschten Herrlichkeiten vertraut machen. Von jetzt ab werden sie
die eifrigsten Werber fr die Phalanx werden. Dazu kommen die schon
erwhnten anderen Anreize: Kleine Ateliers, kleine Werkzeuge,
krperliche Exerzitien und choreographische Uebungen mit
Vorstellungen, Ferien etc. in der Oper.

Die reiche Klasse wird anfangs zgern; die Einzelnen werden in
diese und jene Serie treten und die Arbeit auf kurze Zeit
versuchen. Aber eingetreten, naht die Verfhrung. Da ist ein
reicher Mann, Namens Mondor, der von Natur Hang zu Gartenarbeiten
hat. Er interessirt sich namentlich fr Pflanzensamen, das Sammeln
der Frchte und ihre Konservirung. Nun liebt Mondor besonders
Rothkohl, den er an der Tafel der Phalanx ausgezeichnet findet;
auch hat er davon schne Beete auf den Feldern der Phalanx gesehen.
Mondor lt sich den Samen zeigen, untersucht ihn und giebt einer
Gruppe von Sern einige gute Winke, worber diese Mondor ihr Lob
zollen, dessen Eigenliebe dadurch geschmeichelt wird. Er tritt in
die Gruppe der Ser ein und betheiligt sich an ihren Arbeiten, aber
ohne andern Gruppen beizutreten. Den Tag nach diesem Engagement
erlebt Mondor, da bei der Frhparade die Kinder ihn mit einer
Fanfare begren, worauf ein Herold vortritt und ihn zum
Baccalaureus des Rothkohls, in Rcksicht auf seine Kenntnisse fr
diesen Zweig des Gartenbaues, ausruft. Dann tritt eine Vestalin
vor, welche ihm die Abzeichen dieser Serie berreicht und ihn
umarmt. Darauf empfngt er die Beglckwnschungen der Chefs, die
durch die Kinder mit einer neuen Fanfare begleitet werden. All das
gefllt Mondor so, da er sich entschliet, ganz in die Phalanx
einzutreten und an ihren Arbeiten seinen Neigungen entsprechend
theilzunehmen.

Auf hnliche Weise wird jeder reiche Mann und jede reiche Frau,
meint Fourier weiter, nachdem sie einige Tage in der Phalanx
zugebracht haben und allen Vorgngen gefolgt sind, gewonnen, und
sie werden berrascht sein, pltzlich zwanzig und mehr industrielle
Anziehungen bei sich zu entdecken, die sie bisher selbst nicht
kannten. Es ist der hufige Wechsel in der freien Wahl der
Thtigkeit, was ihnen besonders gefllt. Der Einflu dieser
parzellren Anwendungen, bald hierin, bald darin, wird die Wirkung
haben, da sieben Achtel der Frauen sich fr die verschiedensten
Beschftigungen der Hauswirthschaft interessiren, die ihnen heute
meist widrig erscheinen. Diese liebt nicht, sich mit der Pflege
kleiner Kinder abzugeben, sie wird aber gern in eine Gruppe
eintreten, die sich mit einem Zweig der Schneiderei oder Nhterei
befat; die andere will nicht am Herde stehen, sie ist dagegen
eingenommen fr die Herstellung verzuckerter Krme und die Arbeiten
der Konservirung; umgekehrt werden Andere angenehm finden, was Jene
verwerfen. So werden die Frauen zwanzig und mehr Beschftigungen
finden, fr die sie in der Zivilisation nicht die Mittel und die
Einrichtungen besaen, oder die sie ermdeten und mistimmten, weil
sie dieselben ohne Abwechslung und bis zum uersten Ma ihrer
Krfte erfllen muten.

Gewhnlich geben die Ehemnner und Moralisten der Frau in der Ehe
wenig Geld, aber viel gute Rathschlge, und so finden die Frauen in
der Haushaltung nur Plackerei und Entbehrungen, wie die Mnner in
der Bodenkultur nur Ermdung und Spitzbberei finden. Der
immerwhrende Wechsel der Beschftigung nach Wahl wird die
Hauptquelle der industriellen Anziehung und daraus werden andere
Anreize hervorgehen. Chloe hat mehrere Male an einer Tafel der
Serie der Lautenmacher servirt und hat aus den gepflogenen
Unterhaltungen Interesse fr diese Beschftigung gewonnen; sie fat
eines Tages den Entschlu, das Atelier derselben zu besuchen, und
was sie sieht und hrt, gefllt ihr so, da sie beschliet, in die
Serie der Lautenmacher einzutreten. Ohne da sie diese Gesellschaft
kennen lernte und ihr Atelier besuchte, wrde sie nie Interesse und
Trieb fr diese Beschftigung empfunden haben. Weiter: Sebastian,
ein junger Mann ohne Vermgen, zerreit eines Tages an einem Haken
sein schnstes Kleid. Den nchsten Tag entdeckt dies bei der
Ordnung von Sebastian's Zimmer eine der Zimmerordnerinnen und diese
bringt das Kleid zu den Ausbesserinnen, wo Celiante, eine reiche
Dame von fnfzig Jahren, die Leitung hat. Celiante ist sehr
passionirt fr solche Arbeiten und betrachtet sich selbst mit Stolz
als die Geschickteste in der Serie. Celiante kennt Sebastian, dem
sie mehrfach in Gruppen, in welchen er sich auszeichnete, begegnete
und empfindet Wohlwollen fr ihn. Sie benutzt also diese
Gelegenheit, ihm ein Zeichen ihrer Wohlgeneigtheit zu geben, indem
sie selbst in meisterlicher Weise an Sebastian's Kleid die
Reparatur vornimmt. So wird der unvermgende Sebastian in der
Phalanx von einer Dame bedient, die Millionrin ist. Solche
Begegnungen und Zuflle giebt es in der Phalanx tglich in Menge,
die hufig auch zu ernsteren Beziehungen fhren.

Die Leistung wird nie von Person zu Person bezahlt, die Phalanx
stellt sie in Rechnung; die Leistung erlangt dadurch den Charakter
der rein unpersnlichen Beziehung. Arm arbeitet fr Reich, Alt fr
Jung und umgekehrt. Die Greise und Greisinnen, die zu keiner
Leistung mehr verpflichtet sind, werden es sich zum besonderen
Vergngen machen, die Kinder in den Thtigkeiten zu unterweisen,
fr die sie selbst ein lebhaftes Interesse besaen, oder noch
besitzen; sie werden in diesen Kindern die Erben und Nachfolger
ihrer Lieblingsbeschftigungen erblicken, und ein Kind ohne
Vermgen wird hufig von ihnen adoptirt oder mit Legaten bedacht
werden. In der Phalanx hat Jeder die Gewiheit, da er in seinen
Lieblingsvergngen und Beschftigungen Nachfolger findet, in der
Zivilisation nicht. Die Natur scheint ein solches Verhltni
zwischen Eltern und Kindern hufig nicht zu begnstigen, indem die
Shne oft ganz andere Neigungen und Anlagen als die Vter haben,
worber in der Zivilisation die Eltern oft bitter klagen.

Im Widerspruch mit dem auf Ausgleichung und Uebereinstimmung
berechneten Charakter der Harmonie luft die Zivilisation darauf
hinaus, die verschiedensten Klassen und Lebensalter miteinander zu
berwerfen. Eltern und Kinder, Vorgesetzte und Untergebene,
Unternehmer und Arbeiter befinden sich meist in Differenzen ber
Anschauungen und Neigungen, Befugnisse und Pflichten. Gehalt- und
Lohnfragen fhren zu Streitigkeiten ohne Ende, und das persnliche
Kommando wird Gegenstand des Hasses, denn jedes willkrliche
Befehlen ist demthigend fr den, welcher gehorcht. Das persnliche
Regiment ist in der sozietren Ordnung unmglich; Alles ordnet sich
nach freier Uebereinkunft und passioneller Zustimmung. In einem
Solchen Zustande giebt es keine Willkr in der gegebenen Ordnung,
nichts Beleidigendes im freiwilligen Gehorchen. Da, wo die
zivilisirte Ordnung mit ihrer Privatwirthschaft und ihren
abhngigen Existenzen stets zwei- und dreifache Disharmonie und
Unordnung schafft, erzeugt der sozietre Zustand drei- und
vierfache Freude, Bande der Uebereinstimmung jeder Art.

Aber der sozietre Zustand wird auch hufig zu gemischten Gruppen
und Serien greifen mssen, in denen ein uns fremder und von uns
verchtlich behandelter Geschmack, fr den wir keine Verwendung
haben, zur Anwendung kommt. Zum Beispiel, wenn es sich um
Ausfhrung einer schwierigen, nicht sehr angenehmen Arbeit handelt,
wie die, einen Berg mit der Anpflanzung eines Forstes zu krnen.
Hierfr wird man kaum eine Serie finden, die sich aus Trieb mit der
ganzen Arbeit belasten will; man wird also gemischte Serien, die
nacheinander folgen, in's Spiel setzen mssen, denn man wird
Erdtransporte und grobe Arbeiten vorzunehmen haben. Man schickt
also zunchst die Beginner (initiateurs) in's Treffen, d.h.
Leute, die alles Neue mit Feuereifer beginnen, aber nichts zu Ende
bringen, deren Strohfeuer nach einigen Sitzungen verraucht ist, die
aber berall, wo es einen gefhrlichen oder unangenehmen Schritt zu
thun giebt, bei der Hand und darum sehr werthvoll sind. Es sind
Charaktere, die man leicht stimuliren kann und die vor keiner
Schwierigkeit zurckschrecken. Bis sie ermdet sind, hat das Werk
ein anderes Angesicht gewonnen, und nun kommen die
_Gelegenheitscharaktere_ oder die _Wetterfahnen_ an die Reihe,
Leute, die sich mit jedem Winde drehen, immer die Ansicht des
zuletzt Gekommenen haben und fr jede Neuheit, die Kredit erlangt
hat, zu gewinnen sind. Sie schwren, wenn sie das Unternehmen in
Angriff genommen sehen, da es sehr plausibel sei, und werden sich
mit den Beginnern, die zurckgeblieben sind, verbinden. Darauf
folgen die Wunderlichen oder ewig Beweglichen, Leute, die sich in
Alles mischen, was _halb_ gethan ist, es modifiziren und umndern,
bestndig ihre Thtigkeit wechseln, einen guten Posten fr einen
schlechten hergeben, ohne einen anderen Grund, als ihre natrliche
Unruhe. Sie machen sich eifrig an die Anpflanzung, sobald sie
sehen, da die Arbeiten vorgeschritten sind, und man wird ihnen
jede nichts bedeutende Aenderung gestatten, um sie zu streicheln.
Diese werden mit dem Rest der Vorhergehenden einige Zeit bei ihrer
Arbeit aushalten. Dann folgen die _Chamleons_ oder
_Vernderlichen_, eine in der Zivilisation sehr zahlreiche Klasse,
die immer dabei sind, wo eine Sache Erfolg hat. Sie werden bei
einem Werk nicht unthtig bleiben wollen, das zu zwei Dritteln
beendet ist, sie werden die Arbeit bis ziemlich zu Ende fhren,
aber dann sie verlassen. Jetzt ist der Moment gekommen, wo die
Fertigmacher (finiteurs) antreten knnen. Das sind die Leute, die
sich immer erst dann fr ein Werk begeistern, wenn sie es fast
vollendet sehen. Niemals erhlt man fr einen Anfang ihre Stimme,
sie erklren jedes Unternehmen fr unmglich, fr lcherlich und
ergehen sich in bertreibenden Anklagen gegen die, welche eine
Verbesserung beginnen, und behandeln als Narren oder hirnlosen
Neuerer Jeden, der etwas Groes unternimmt. Ist aber das Werk zu
drei Vierteln fertig, dann ndern diese Aristarchen den Ton; sie
werden Lobredner von dem, was sie erst beschrieen und behaupten,
da sie von vornherein das Unternehmen untersttzt, das ohne ihre
Hlfe nicht geworden wre. Sie werden ihre Inkonsequenz nicht
gewahr und machen sich jetzt voll Hingebung an das Werk. Dieser
letztere Charakter ist sehr hufig in Frankreich; nach geschehener
That fordern die Franzosen alle Neuerungen zurck, die sie anfangs
verlachten.

Fourier benutzt diese Gelegenheit, um seinen Landsleuten den Text
zu lesen ber die Art, wie sie ihn selbst und seine Entdeckung
behandelten. In Sachen der Harmonie oder industriellen Anziehung
ermangelten sie nicht, sich als echte Fertigmacher, d.h. Leute,
die zuletzt kommen, wenn die Hauptarbeit gethan ist, zu zeigen. Sie
haben begonnen, ihn, den Entdecker und Autor der Phalanx, zu
beschimpfen, spter werden sie die Grndungsaktionre verlachen,
dann, wenn sie die Vorbereitungen zu der Versuchsphalanx
vorschreiten sehen, werden sie sich eines Besseren besinnen und
schlielich in dem Moment der Erffnung die Aktien zum drei- und
vierfachen Preise zurckkaufen. Nun werden sie behaupten, da sie
den Autor von Anfang an protegirt und bewundert haben und ihn in
seiner Entdeckung ermuthigten. Und wie die Extreme sich berhrten,
so seien die Franzosen groe Unternehmer fr bekannte Dinge, die
Andere probirt. Kein Volk neige mehr dazu wie sie, Alles zu
beginnen, aber ohne etwas zu beenden, den Plan der Arbeit zu
ndern, wenn er zur Hlfte vollendet sei. Nie sehe man einen Sohn
einen Plan vollenden, den der Vater begonnen, nie einen Architekten
einen Plan fortfhren, den sein Vorgnger angefangen. Die Franzosen
seien Wetterfahnen, die sich nie an einen bestimmten Geschmack, nie
an eine Meinung bnden, pltzlich von einem Extrem in's andere
fielen und das Widerstreitendste zu verbinden suchten. Vor einem
halben Jahrhundert seien sie voll Verachtung fr den Handel gewesen
und heute lgen sie voll kriechender Schmeichelei vor ihm auf dem
Bauch; ehemals rhmten sie sich ihrer Rechtschaffenheit und heute
seien sie ebenso betrgerisch im Handel wie Chinesen und Juden.
Kurz, der nationale Charakter der Franzosen sei in jeder Beziehung
ein Gemisch von Gegenstzen, und wenn knftige Geschichtsschreiber,
in der Harmonie die Geschichte der Zivilisation schreibend, die
Charaktere klassifizirten, wrden die Franzosen als Typus der
Widersprche an der Spitze der Stufenleiter stehen.

Wie Fourier seine Landsleute kannte, geht auch noch aus einer
anderen Stelle seiner Schriften selbst hervor, wo er von zwei
Personen ein Zwiegesprch ber sich und sein Werk fhren lt.
Wir lassen die amusante Stelle hier folgen:

Was steht in diesem Buch ber die Anziehung? -- Bah! Narrheiten.
Der Mensch, der es schrieb, behauptet, da man bisher die
Entdeckung ber die Bestimmungen verfehlt habe; da dem
Menschengeschlecht ein unermeliches Glck vorbehalten sei; da
eine Berechnung ber die universelle Harmonie der Triebe existire;
da diese strebten, eine neue soziale Ordnung zu grnden, welche
nichts mit der Unordnung der Zivilisation zu thun habe und ihr
entgegengesetzt sei; eine Ordnung, in der alle Vlker in Freuden
schwmmen und trotz der Ungleichheit der Vermgen fr Alle
Ueberflu herrsche; eine Ordnung, wo die Arbeit anziehender werde,
als unsere Blle und Schauspiele; eine Ordnung, die, sobald sie nur
versuchsweise an einem Orte eingefhrt sei, von allen Vlkern der
Erde ohne Unterschied des Kulturgrades mit Begeisterung angenommen
werde! -- Das ist ein gigantischer Roman, wie je einer existirte;
groartig in Wahrheit, aber unmglich. Alle unsere Philosophen
htten sich also getuscht, wenn der Autor Recht htte; so viel
wissenschaftliche Erleuchtung von Plato und Seneka bis Montesquieu
und Rousseau sollte ein Nichts sein? Unmglich; sicherlich trumt
dieser Mensch. Und wer ist er? Ein Akademiker, ein berhmter
Philosoph? -- Nein! es ist einer der unbekanntesten Provinzialen.
-- Bah, ihm mangelt der gesunde Verstand! Ja, ja, die Provinz
liefert solch originelle Kuze!

       *       *       *       *       *

Fourier stellt im weiteren Verlauf seiner Ausfhrungen ferner die
These auf, da im sozietren Regime die Gourmandise die Quelle der
Einsicht, der Aufklrung und sozialen Uebereinstimmung werde und
begrndet diese uns sehr fremd erscheinende These also:

Kein Trieb sei bler angesehen, als die Gourmandise
(Leckermulerei). Knne man aber annehmen, da Gott als Laster
einen Trieb betrachtet haben wolle, dem er eine so groe Herrschaft
gegeben? Seine Herrschaft sei die allgemeinste. Andere Triebe, wie
Liebe, Ehrgeiz bten nur auf das reife und mnnliche Alter mehr
Einflu, aber die Gourmandise verliere niemals ihre Herrschaft ber
die verschiedensten Alter, Klassen und Vlker, sie sei permanent
bis zum Lebensende; sie herrsche ber die Kinder wie ber die
Erwachsenen. Man habe Soldaten Revolutionen machen sehen, um sich
betrinken zu knnen, und der Wilde, der die Zivilisation
verabscheue, gebe sich fr eine Flasche Branntwein zur Arbeit her
und verkaufe fr eine Flasche starken Liqueurs seine Frau und
Tochter. Wrde das Menschengeschlecht so gebieterisch diesem Trieb
unterworfen sein, wenn er nicht zu einer hochwichtigen Rolle in dem
Mechanismus unserer Bestimmung ausersehen wre? Und wenn nun dieser
Mechanismus die industrielle Anziehung sei, msse dieser sich dann
nicht innig mit diesem gastronomischen Trieb -- der Gourmandise --
verbinden? Sie msse in der That das allgemeine Band der
industriellen Serien, die Seele ihrer alles bewegenden Intriguen
bilden. In der Zivilisation knne die Gourmandise nicht mit der
Arbeit verbunden sein, weil der Produzent selbst nicht geniee, was
er erzeuge. Die Befriedigung dieses Triebes sei hier Vorrecht der
Migen und dadurch _allein_ werde er lasterhaft, wenn er es nicht
schon durch die Ausgaben und die Exzesse, die er erzeuge, wre. --

In der Harmonie spielt die Gourmandise die entgegengesetzte Rolle,
sie ist nicht Belohnung des Migganges, _sondern der Arbeit_, denn
der Aermste nimmt Theil an den werthvollsten Genuartikeln. Sie
wird ihn, Kraft der Abwechslung vor Exzessen bewahren, aber indem
sie die Intriguen der Konsumtion mit denen der Produktion
verbindet, wird sie die Arbeit stimuliren. Wollen Alle die hchsten
Tafelfreuden genieen, so mssen Alle sich anstrengen, die
vorzglichsten Qualitten der Nahrungsmittel zu erzeugen. Das
Mittelmige wird verschwinden und binnen wenig Jahren wird aller
Boden so kultivirt sein, da er nur noch das Beste trgt. Man wird
die Eigenschaften des Bodens zur hchsten Vollkommenheit zu bringen
suchen; man wird gute Erde anfahren, wo jetzt schlechte ist, und wo
der Boden nicht zu verbessern ist, ihn aufforsten. Acker- und
Gartenbau mssen mit der Industrie wetteifern. In der ganzen
Phalanx mu das Prinzip herrschen, durch alle mglichen
Verbesserungen: Nahrungsmittel, Kleidung, Mbel und Alles, was zur
Erhhung der Lebensannehmlichkeiten beitrgt, zu stetig steigender
Vervollkommnung zu bringen. Dies Prinzip erkennen auch die
Moralisten an, die gegen den schlechten Geschmack des Publikums
eifern. Aber in diesem, wie in allen anderen, ist die Moral in
Widerspruch mit sich selbst; sie will Literatur und Knste heben
und verbessern, aber sie will uns in der _wesentlichsten_ Branche,
in der _materiellen Lebenshaltung_, im Zustand der Rohheit halten,
obgleich grade hier der Keim ist, der die industrielle Anziehung
gebiert und das Bedrfni nach Vervollkommnung weckt. So wenden die
Moralisten da ihr Prinzip zuerst an, wo es _zuletzt_ angewandt
werden sollte.

Man mu in der Phalanx alle Geschmcker entwickeln, selbst die
bizarrsten, namentlich auch bei den Frauen, die oft eine starke
natrliche Neigung zu Genssen haben, die mit dem guten Ton sich
schwer vertragen. Die Gastronomie ist es zunchst, welche die
Zurckfhrung zur Natur bewerkstelligen wird, wenn man ohne
Aufschub das Hervorbrechen industrieller Serien fr die
Ausgleichung der Triebe erreichen will. Beispiel: Ein neunjhriges
Mdchen liebt allem Lcherlichmachen zum Trotz den Knoblauch. Man
spekulirt also auf diesen Geschmack durch ein doppeltes
Ineinandergreifen von Umstnden. Zunchst auf die Vermischung der
Geschlechter in einer Serie; denn die Serie, welche zwiebelartige
Gewchse kultivirt, wie Knoblauch, Zwiebeln, Schnittlauch,
Schalotten, besteht gewhnlich aus Mnnern. Man mu ihr also ein
Achtel Frauen zufhren, die man aber meist im jugendlichen Alter
wird suchen mssen, da selten ein Mdchen ber 16 Jahren am
Knoblauch Geschmack finden drfte. Man wird zweitens aber auch die
Vermischung der Arbeiten bei den Individuen herbeifhren mssen.
Ein junges Mdchen liebt den Knoblauch, aber es liebt nicht das
Studium der Grammatik, wohingegen ihre Eltern wnschen, da sie den
Genu des Knoblauchs unterlasse, aber sich den Studien hingebe.
Diese Wnsche sind in doppelter Beziehung gegen ihr Naturell. Man
sucht also lieber Beides in doppeltem Sinne zu entwickeln. Sie
steht im Garten und an der Tafel mit Liebhabern des Knoblauchs in
Beziehung, und so erhlt sie eines Tages von Marzellus eine Ode zum
Lobe des Knoblauchs behndigt. Lebhaft pikirt ber die Lsterer des
Knoblauchs, ist sie beeifert, die Ode kennen zu lernen. Man benutzt
also die Gelegenheit, um sie in freier Weise in die Schnheiten der
lyrischen Poesie, des Versmaes einzufhren; vielleicht kann sie
sich eher fr die Poesie als fr die Grammatik begeistern, und so
fhrt man sie von einem Studium zum andern. In dieser Weise
verbindet die sozietre Erziehung den kabalistischen Geist und den
Hang zum Bizarren, um bei einem Kinde die Neigung fr die Studien
zu wecken, es indirekt zu einem Studium zu fhren, das es ohne
irgend eine stimulirende Intrigue zurckgewiesen haben wrde. Es
ist unzweifelhaft der natrlichste Weg, mit Hlfe solcher Intriguen
die Kinder zur Initiative fr die Arbeit zu gewinnen; man benutzt
die Gourmandise als Mittel zum Zweck.

Fourier vergleicht den Geschmackssinn mit einem Wagen, der auf vier
Rdern luft, die bezeichnet werden knnten mit Gastronomie,
Kchenwirthschaft, Konservirung und Kultur der Lebensmittel. In der
Zivilisation finde man es zwar hufig gerechtfertigt, die Kinder in
die drei letzteren Thtigkeitszweige nach Mglichkeit einzuweihen,
aber von der ersteren, der Hauptsache, halte man sie fern, sie
gelte als ein Uebel. Die Gastronomie werde allerdings erst dann als
Wissenschaft zu Ehren kommen, wenn sie den Bedrfnissen Aller
genge. Gegenwrtig sei es Thatsache, da die Menge, statt in Bezug
auf guten Tisch Fortschritte zu machen, mehr und mehr zurckkomme
und immer schlechter sich nhre; ihre Nahrungsmittel lieen sowohl
bezglich ihrer Nahrhaftigkeit als ihrer Menge zu wnschen brig.
Wohl sehe man in Paris einige Tausend sich den Bauch pflegen und am
Besten sich gtlich thun, aber Hunderttausende bekmen nicht einmal
eine natrliche Suppe. Die Bouillon sei nur Schein, man bereite sie
aus ranzigem Speck, Talg und fauligem Wasser. Der Handelsgeist sei
im Wachsen und die niederen Klassen wrden mehr und mehr von seinen
Betrgereien erdrckt. Die Gastronomie sei nur unter zwei
Bedingungen lobenswerth, einmal, da sie direkt fr die produktiven
Funktionen angewendet, mit den Arbeiten fr die Kultur des Bodens
und der Vorbereitung in Haus und Kche verbunden werde und der
Gastronom, also der Genieende, selbst dabei thtig sein msse;
dann, da sie zum Wohlsein der arbeitenden Menge in Anwendung komme
und so das Volk an den Raffinements eines guten Tisches Theil
nehme, der jetzt nur fr die Miggnger vorhanden sei. Dieser
Zweck werde erreicht, wenn alle auf die Konsumtion abzielenden
Funktionen sich so zu sagen um die Gourmandise raillirten, denn
letztere werde stets anziehend bleiben; sie msse also die Basis
des Gebudes bilden, wenn man dieses dauerhaft errichten wolle.

Unsere Philosophen stellten zwar das Prinzip auf, da im System der
Natur Alles verbunden sei, aber in unserm industriellen System sei
nichts passionell verbunden. Die Industrie msse durch auf die
Gourmandise berechnete Serien ihre Verbindungen bilden, diese durch
Trieb wie Anregungen an der Tafel zu den Arbeiten in der Kche, der
Konservirung der Nahrungsmittel und dem Garten- und Feldbau fhren.
Kein Trieb habe mehr Anziehung, als derjenige des Geschmacks, um
ein Ineinandergreifen der Thtigkeiten herbeizufhren; aber in der
Zivilisation arbeite man diesem Trieb am Heftigsten entgegen, und
zwar sei es hauptschlich jene Verbindung, die ihrer Natur nach
stets nur die Beschrnktheit und die Einseitigkeit aufrecht
erhalte: _das Familienband_.

       *       *       *       *       *

Fourier beurtheilt den Kulturgrad einer Gesellschaft nach der
Stellung, welche die Frau in derselben einnimmt, ein heute
allgemein getheilter Standpunkt. Er geht aber weiter und macht die
Gesellschaftsentwicklung berhaupt von der Stellung der Frau
abhngig; nach ihm geht die Vernderung in der Stellung der Frau
einem neuen Kulturzustand voraus, was nicht richtig ist, sondern
diese Vernderung ist Folge. Wohl hat die brgerliche Gesellschaft
scheinbar Recht, und so urtheilt Fourier, da die monogamische Ehe
mit ihren legitimen Kindern Grundlage ihrer Gesellschaft ist, aber
dieser monogamischen Ehe _voraus_ geht das brgerliche Eigenthum,
der Privatbesitz an Grund und Boden und an den Produktionsmitteln.
Der Privateigentmer ist bestrebt, sein Eigenthum zusammenzuhalten,
auch ber seinen Tod hinaus; er will in seinem Eigenthum
gewissermaen fortleben. Er sucht also einen Erben, der seinen
Intentionen gem sein Eigenthum verwaltet und wo mglich vermehrt.
Wo kann er diesen seinen Intentionen entsprechenden Erben besser
finden, als in dem von ihm selbst gezeugten Kinde, das vielleicht
auch der Erbe seiner Charaktereigenschaften ist und das er vor
allen Dingen durch die Gewalt, die er ber es ausben kann, seinen
Absichten gem zu bilden und zu erziehen suchen wird? Damit aber
der Erbe auch sein wirklich _legitimer_ Erbe sei, mu er mglichst
sich vor der Gefahr sichern, die Kinder eines Fremden als die
seinen ansehen zu mssen, und deshalb umgiebt er die Ehe mit all
den gesetzlichen Zwangseigenschaften, die sie heute besitzt.

Die brgerliche Ehe ist also mit dem brgerlichen Eigenthum innig
verwachsen, _sie geht daraus hervor_, und es ist ein ganz falscher
Schlu, den Fourier macht, wenn er glaubt, in der brgerlichen Ehe
das Hauptbel sehen zu mssen, das der Umwandlung des brgerlichen
Zustandes in seinen sozietren sich entgegenstellt. Er ist von
seiner Ueberzeugung, da nur die Einehe das Hinderni fr den
Ausgang aus der Zivilisation bilde, so durchdrungen, da er dem
Konvent vorwirft, dadurch die Revolution in ihrer Wirkung
beschrnkt zu haben, da er vor der Ehe stehen geblieben sei. Wie
konnte er nur eine halbe Maregel, wie die Ehescheidung, gutheien?
Es waren die Philosophen, durch welche der Konvent sich gefangen
nehmen lie, sonst htte nach seiner Meinung es geschehen knnen,
da die Revolution von 1793 eine zweite gebar, die eben so
wunderbar gewesen wre, als die erste entsetzlich war.

An sich ist es vollkommen richtig, wenn Fourier die Hhe eines
Kulturzustandes bemit nach der Stellung, welche die Frau in ihm
einnimmt, es ist aber falsch, wenn er die Stellung der Frau als das
Primre, die Eigenthumsverhltnisse als das Sekundre ansieht. Das
Umgekehrte ist die Wahrheit. Im gesellschaftlichen Urzustand
herrscht der Kommunismus an Grund und Boden, und wo dieser
herrschte oder noch herrscht, existirt auch berall die freie
Liebe, eingeschrnkt durch gewisse Grenzen, die der allzunahen
Blutsverwandtschaft gezogen werden. In diesem Zustand herrscht auch
das Mutterrecht; wohl lt sich die Mutter, aber nicht der Vater
des Kindes nachweisen. In dem Mae, wie die Eigenthumsverhltnisse
sich ndern, ndern sich auch die Beziehungen der Geschlechter. Mit
der Entstehung von persnlichem Eigenthum wird auch die Frau
persnliches Eigenthum, und da sie zugleich Arbeitsmittel wird,
entsteht die Polygamie. Es giebt jetzt viele Mtter, aber einen
Vater. Aber der Vater, der Tchter besitzt, wnscht seinen
Tchtern, wenn er sie verheirathet, eine bevorzugte Stellung unter
den anderen Frauen. Dieser Wunsch ist der Wunsch aller Eigenthmer,
ihre Wnsche begegnen sich und man sucht durch grere Mitgift die
Befriedigung dieser Wnsche zu erleichtern. Das Heirathsgut ist der
Preis. Noch aber sind die Tchter im Gegensatz zu den Shnen des
Erbrechts beraubt. Allmlig erlangen sie auch dieses, sei es als
Kaufpreis neben dem Heirathsgut, sei es als Tochter, die keine
konkurrirenden Brder hat. Damit kommt die Frau in die Lage, wo
sie, statt der bevorzugten Frau, die _einzige_ Frau wird. Aus der
Polygamie wird allmlig die Monogamie. Eigenthum und Erbrecht in
ihrer weiteren Entwicklung sind die Klammern, welche die Einehe
zusammenhalten, und da die Eigenthmer auch die Gesetzgeber sind,
wird die Einehe, ganz abgesehen von dem Mangel an materiellen
Mitteln, der bei Privateigenthum den meisten Mnnern es unmglich
macht, mehrere Frauen ernhren zu knnen, Zwangsordnung auch fr
Jene, die kein Eigenthum und folglich nichts zu vererben haben. Die
hierarchische Ordnung und die Gesetze, d.h. der Zwang, kommen
stets von Oben, _sie sind die in Paragraphen formulirten Interessen
der herrschenden Klassen_. Der Kampf gegen diese Ordnung geht stets
von Unten aus, und aus diesem Kampf, der selbst wieder auf der
Entwicklung der sozialen und materiellen Lebensbedingungen der
Masse beruht, entsteht der gesellschaftliche Fortschritt. Muten
also hiernach Fourier's positive Vorschlge, weil sie auf einer
falschen Grundanschauung beruhten, negativ bleiben, so hat hingegen
seine negative Kritik an den bestehenden Zustnden sehr positiv
gewirkt.

Fourier geht nunmehr dazu ber, die brgerliche Familie, die er als
das Haupthinderni seines Systems ansieht, in ihrem Wesen zu
kritisiren. Halten wir seinen Hauptgedankengang fest: Gott hat die
Welt erschaffen, und da er sie erschaffen hat, mu er sie auch gut
erschaffen haben, sonst kme er in Widerspruch mit sich selbst. Der
Mensch ist das von Gott geschaffene hchste lebende Wesen, fr den
er, wenn die Welt berhaupt einen Zweck haben soll, diese Welt
erschaffen hat. Wie die Welt gut, so soll der Mensch, dem Willen
Gottes entsprechend, glcklich sein. Statt dessen sehen wir die
groe Mehrzahl unglcklich, und zwar unglcklich, weil sie die
Triebe, die Gott ihnen gegeben, nicht befriedigen knnen. Aus
Unkenntni ihrer Natur und ihres Zwecks haben sie sich eine Ordnung
gegeben, in der diese Triebe meist unterdrckt werden, zur
Einseitigkeit gelangen, kurz ihren Zweck verfehlten. Die
Einheitlichkeit, d.h. die volle Harmonie zwischen den Menschen und
der Welt und der Welt und Gott, ist aber der groe Zweck Gottes,
und um diese Einheitlichkeit zu ermglichen, ist die Vielseitigkeit
der Beziehungen auf ausgedehnter Stufenleiter die einzige Lsung.
Dieser Vielseitigkeit der Beziehungen und der Ausdehnung derselben
auf alle Menschen und die sie umgebende Natur steht die isolirte
Wirthschaft des Menschen entgegen. Diese isolirte Wirthschaft ist
aber nur wieder Folge des mglichst kleinsten Gruppenbandes, der
Ehe, resp. Familie, ergo mssen Ehe und Familie in ihrer heutigen
Gestalt verschwinden.

In diesem Gedankengang bewegt sich Fourier und von diesem
Standpunkt aus kritisirt er die Ehe und Familie, wobei der Leser
beachten will, da Fourier hauptschlich Pariser und
grostdtisches Leben seiner Kritik zu Grunde legt. Er fhrt
weiter aus:

In der Zivilisation ist das System der Liebe ein System
allgemeinen Zwangs und in Folge davon allgemeiner Falschheit. Wie
im Handel so sind auch in Sachen der Liebe die Schutzmaregeln
(prohibitions) und die Kontrebande unzertrennlich. Wo die Liebe
mit Schutzmaregeln umgeben wird, darf man auf deren allgemeine
Uebertretung rechnen. Schon daraus folgt, da alle Familienbeziehungen
verdorben sind. Der Gatte wird durch seine Frau betrogen, die
Tochter verheimlicht ihm ihre Beziehungen und dies wirkt zurck auf
seine Treue in der Ehe. Die schmachvollste aller sozialen Perfidien
ist, da er nicht selten ber den Ursprung seiner Kinder getuscht
wird, ein Vorkommni, das auf der Bhne zum Gegenstand des Spottes
und der Lcherlichmachung dient.

Diejenigen, die beanspruchen, die Wahrhaftigkeit in die sozialen
Verhltnisse einzufhren, ohne darunter auch die Beziehungen der
Liebe zu begreifen, sind mit Blindheit geschlagen. Sie scheinen
nicht zu wissen, da die Liebe eine der vier Hauptleidenschaften
ist und eine der mchtigsten; ist sie geflscht, so gengt dies, um
durch ihren Kontakt den Mechanismus des ganzen sozialen Systems zu
flschen. Wer glaubt, hier Flschungen zulassen zu knnen, handelt
wie eine Regierung, die um eine achtzig Meilen lange Grenze gegen
die Pest abzusperren, sich begngt, sechzig Meilen durch einen
Truppenkordon zu besetzen und den Rest der freien Passage den
Pestkranken offen lt ...

Die Welt besteht aus Betrgern und Betrogenen, und so sollte man
annehmen, da die ffentlichen Einrichtungen die dem Betrug
ausgesetzte Klasse schtze. Die Ehe, scheint es, ist ganz im
Gegentheil eine Einrichtung zum Nachtheil der vertrauenden Leute,
sie scheint erfunden zu sein, um die Verderbten zu belohnen. Je
schlauer ein Mann ist und sich durch Verfhrungsknste auszeichnet,
um so leichter gelangt er zu einer reichen Heirath und gewinnt die
ffentliche Achtung. Man bringe die infamsten Hlfsmittel in
Anwendung, um eine reiche Partie zu machen, sobald es ihm gelingt,
zu heirathen, ist er ein kleiner Heiliger, ein Muster von Tugend.
Erwirbt Jemand pltzlich ein groes Vermgen dadurch, da es ihm
gelang, ein junges Mdchen zu gewinnen, so ist das ein der
ffentlichen Meinung so gut gefallendes Resultat, da sie alle
Intriguen verzeiht. Alle Welt preist ihn nun als guten Ehemann,
guten Vater, guten Verwandten, als guten Freund und Nachbar, guten
Brger und guten Republikaner. Das ist die Manier der Lobhudler,
sie loben ihn vom Scheitel bis zu den Zehen, im Ganzen und im
Einzelnen.

Eine gute Heirath ist der Taufe vergleichbar durch die Raschheit,
mit welcher sie allen frheren Schmutz verwischt. Daher wissen
Vter und Mtter nichts Besseres zu thun, als ihre Shne zu
unterweisen, wie sie zu einer reichen Partie gelangen knnen,
einerlei auf welchem Wege, denn eine reiche Heirath ist die wahre,
brgerliche Taufe, welche in den Augen der Oeffentlichkeit alle
Snden abwscht. Dieselbe ffentliche Meinung hat lange nicht diese
Nachsicht mit den anderen Parvens, denen sie ihre Schndlichkeiten,
durch die sie zu Vermgen gelangten, lange nachtrgt.

Welche Aussicht auf Erfolg fr die Ehe hat dagegen ein
Tugendhafter, welcher, gehorsam den brgerlichen und religisen
Vorschriften, erklrt, da er seine Tugend bis zum dreiigsten
Jahre bewahren wolle, um sie seiner knftigen Frau als Geschenk in
die Ehe zu bringen? Der, getreu den Lehren jenes vortrefflichen
Buches, das sich Einfhrung in einen gottergebenen Lebenswandel
betitelt, sich bis zum dreiigsten Jahre enthlt aus dem Becher
der Unzucht den Wein der Prostitution zu Babylon zu trinken?
Welche Aussicht hat er? Und wenn es ihm einfllt, eine solche
Erklrung abzugeben, welchen Dank findet er bei den Frauen? Mtter
wie Tchter werden dies scherzhaft finden und bei gleichem
Vermgen, gleichem Alter, gleich gnstiger uerer Gestalt werden
Mutter und Tchter einen gebten jungen Mann ihm, dem Tlpel,
der seine Tugend nach den Vorschriften der Religion und Moral
bewahrte, vorziehen.

Bei der Untersuchung ber das Wesen der Ehe sind also alle
Vortheile auf Seiten der Intriguanten und Verderbten, woraus zu
schlieen, da dieses Band eine Lockspeise ist, sich persnlich zu
depraviren.

Dieselbe ble Meinung, die Fourier hier durchschnittlich von den
Mnnern unter den gegebenen Verhltnissen hat, besitzt er auch von
den Frauen. Von ihnen rhmt er die Leichtigkeit, mit der sie die
Fehler ihrer Ehemnner annhmen, aber nicht ihre Tugenden.

Verheirathet eine Heilige an einen Spitzbuben und sie wird ihm
bald in der Spitzbberei nacheifern, seine Komplizin im Hehlen
sein. Besitzt sie einen tugendhaften Mann, weit entfernt, seine
Tugenden zu adoptiren, wird sie dagegen den Eindrcken eines
leichtfertigen Kourmachers zugnglich sein. Eine schne Eigenschaft
der Ehe, die den Frauen nur die Laster der Mnner, nie ihre
Tugenden mittheilt. Da es aber unter den Ehemnnern der
Zivilisation 99/100 lasterhafte und nur 1/100 tugendhafte giebt, so
kann man nach diesem Mastabe die moralische Vollkommenheit
schtzen, welche die Ehe bei den Frauen erzeugt. ...

Durchschnittlich betrachten die Mnner die Ehe als eine Falle, die
ihnen gestellt wird, und so sind es die Vter selbst, welche ihre
Shne veranlassen, das eheliche Band von diesem Standpunkt aus
anzusehen. Und warum? Weil sie aus eigener Erfahrung wissen, da
der Reinfall unreparirbar ist. Und indem sie sich bemhen, ihre
Shne von dieser Wahrheit zu berzeugen, machen sie dieselben fr
den Ehehandel habgierig und verschlagen.

So kommt es, da die Dreiigjhrigen oder Ehestandskandidaten
sich in Berechnungen erschpfen, ehe sie zum ersten Schritt sich
entschlieen. Nichts spahafter, als die Unterweisungen zu hren,
die sie sich gegenseitig geben ber die Art und Weise, der
knftigen Gattin das Joch aufzuerlegen und sie gnstig fr sich
einzunehmen. Nichts merkwrdiger, als diese vertraulichen
Zusammenknfte (consiliabules) der Junggesellen, in welchen an
den zu heirathenden Mdchen die kritische Analyse vorgenommen wird,
und zu beobachten die Fallstricke der Vter, die sich ihrer Tchter
entledigen wollen. Der Schlu aller Debatten ist, da man auf Geld
sehen msse, da, wenn man das Risiko trage, von der Frau betrogen
zu werden, man wenigstens nicht auch mit dem Heirathsgut betrogen
sein wolle. Nehme man einmal eine Frau, so msse man sich eine
Entschdigung fr die Unzutrglichkeiten sichern, die die Ehe mit
sich bringe. Das nennt man nach einem Kunstausdruck die
Anhaltseile (les attrapes) fassen.

Und wie die Mnner rsonniren, so rsonniren hnlich die Frauen.
Fourier hebt dann die Widersprche in dem ehelichen Zustande
hervor, da der Mann, der sonst alle Freiheit fr sich beanspruche
und die Frau unterdrcke, im wichtigsten Punkt der Ehe ffentliche
Meinung und Gesetz gegen sich habe, wobei man wohl beachten will,
da es sich um die Schilderung franzsischer Zustnde handelt,
wonach noch bis in die neueste Zeit das Gesetz die Untersuchung
ber die Vaterschaft untersagte. Dieses Gesetz, von der Mnnerwelt
zu ihrem Schutze entworfen, schlgt in den Fllen, die Fourier hier
im Auge hat, zu ihrem Schaden und ihrer Schande aus.

Er sagt: Trotz des Unterdrckungssystems, das auf den Frauen
lastet, haben sie das einzige Privilegium, das ihnen verweigert
sein sollte, sich bewahrt, dasjenige, den Mann zu nthigen, ein
Kind, das nicht das seine ist und auf dessen Angesicht die Natur
selbst den wahren Namen des Vaters geschrieben hat, als das seine
anzunehmen.

In dem einzigen Fall, wo die Frau sich mit schwerer Schuld
beladet, geniet sie den Schutz der Gesetze, und in dem einzigen
Fall, wo der Mann auf's Schwerste beschimpft ist, hat er die
ffentliche Meinung und das Gesetz bereinstimmend gegen sich, um
seine Schmach zu verschlimmern.

Darber giet nun Fourier seinen Spott aus: Oh! ruft er. Wie die
Zivilisirten, die so strenge Verfolger der Verletzung der
Keuschheit bei den Frauen sind, und diesen sie aufzwingen, so
gutwillig sich unter das schmachvolle Joch beugen und eine Frucht
offenbaren Ehebruchs bei sich aufnehmen und derselben ihren Namen
und ihr Vermgen gewhren. So sind also die Wnsche der Philosophen
erfllt: In der Ehe ist es, wo die Mnner wahrhaft eine Familie
von Brdern werden, wo die Gter gemeinsam sind und das Kind des
Nachbaren auch das unsere ist. Die Edelmthigkeit dieser braven
zivilisirten Ehemnner wird der Zukunft noch reichlich Gelegenheit
zu Gelchter geben, und man mu einige dieser ergtzlichen Vorgnge
aufbewahren, um die sonst schale Lektre der Geschichte der
Zivilisation etwas geniebar zu machen ...

Diese sehr weitgehende Duldung der Ehemnner gegen die
schmachvollste Beleidigung und die Geschmeidigkeit der Gesetze ber
das Vergehen den Mantel zu decken, steht in Uebereinstimmung mit
anderen Widersprchen im Liebessystem der Zivilisirten. Die
Verwirrung ist solcher Art, da man auf der einen Seite eine Kirche
und auf der anderen ein Theater sieht, zwei Anstalten, in welchen
die entgegengesetzten Moralanschauungen vertreten und ein und
denselben Personen gepredigt werden. In der Kirche lehrt man die
Verabscheuung der Galanterien und der Wollust, und im Theater
findet sich dasselbe Auditorium wieder, das man jetzt in die
galanten Schliche und Raffinements aller Sinnenlste einweiht. Eine
junge Frau, die soeben eine Predigt hrte, in welcher ihr Achtung
vor dem Gemahl und den hheren Gewalten gelehrt wurde, geht eine
Stunde darauf in's Theater, um Unterricht in der Kunst zu
empfangen, wie man den Gatten oder Vormund oder sonst einen Argus
betrgt. Und Gott wei, welche von den beiden Lehren bei ihr auf
den fruchtbarsten Boden fllt. Diese wenigen Widersprche gengen,
um den Werth unserer Theorien von der Einheit der Handlung im
sozialen Mechanismus in das rechte Licht zu setzen.

Fourier ergeht sich nun weiter in Auseinandersetzungen ber die
Unnatur unserer sozialen Zustnde, welche die Geschlechter mit
ihren Trieben und den bestehenden gesellschaftlichen Anschauungen
und Morallehren in fortgesetzte Widersprche bringen und
demoralisirend wirken. Wenn unsere gesellschaftlichen Gewohnheiten
vorschreiben, da der Mann durchschnittlich erst mit dem
dreiigsten, das Mdchen mit dem achtzehnten Jahre heirathe, so
liege auf der Hand, da der Mann diese zwlf Jahre des Zlibats
benutze, um alle mglichen illegitimen geschlechtlichen
Verbindungen einzugehen. Rechne man auf jedes Jahr nur eine solche
Verbindung, und zwar sechs in Beziehungen zur Prostitution, sechs
im Ehebruch, so gewhre dieses einen traurigen Einblick in die
Moral der Zustnde, und man brauche nicht erstaunt zu sein, wenn
junge Mnner im mittleren Alter sich rhmten, schon mit mehr als
zwanzig fr anstndig geltenden Frauen in intimsten Beziehungen
gestanden zu haben.

Der Zweck der Ehe soll sein, das husliche Glck auf den guten
Sitten und der Einigkeit der Familie zu grnden und die Wahrheit
zur Geltung kommen zu lassen, denn Arglist und Perfidie mssen
Uneinigkeit und Unordnung erzeugen. Man wird ferner zugeben, da
die Wahrheit in der Familie nicht herrschen kann, wenn sie nicht
auch in der Liebe vorhanden ist. Sagen doch die Lobredner der
zivilisirten Ehe selbst, da das husliche Glck unzertrennlich
von der Wahrhaftigkeit in der Liebe ist und da, wenn das
Gleichgewicht in den Beziehungen der Liebe mangelt, auch das
Gegengewicht in den Beziehungen der Familie fehlt. Herrscht die
Unwahrheit in der Liebe, herrscht sie nothwendig in der Familie und
in der Huslichkeit. Wie vertrgt sich aber das Eheglck mit dem
Bestand der Serails in allen zivilisirten Lndern? Die christlichen
Kolonisten haben diese berall aus Negerinnen gebildet; die
ernsten, so moralisch scheinenden Hollnder bilden sie in Batavia
mit Frauen aller Farben. Und wie viele heimliche Huser giebt es
bei uns, die, uerlich anstndig aussehend, in Wahrheit niedliche
Serails sind, die im Geheimen jedem reichen und angesehenen Manne
offen stehen.

Der reiche Zivilisirte hat die volle Freiheit, sich sein Serail zu
bilden, eine intelligente Matrone in sein Landhaus zu setzen, die
ihm Frauen und Mdchen, sogar von hoher Geburt, beschafft. Und
neben diesem fixen oder geschlossenen Serail giebt es das vage oder
freie. Ueber dieses erzhlt uns Ritter Joconde auf der Bhne. Ich
bin nicht auf Treue versessen, ich eile von Liebschaft zu
Liebschaft. Ich liebe nie nur eine Schne, auch liebe ich sie
selten lnger, als einen Tag. Es ist nicht Unbestndigkeit,
vielmehr Klugheit, denn auf die Frauen, ich kenne ihren Leichtsinn,
darf man sich nicht verlassen, und so verlasse ich sie, um nicht
verlassen zu werden. So stellt sich das Leben dar, das unsere
meisten reichen jungen Mnner, die vom Glck begnstigt sind,
fhren. Und dieser Joconde wird auf der Bhne von Frauen und
Mnnern beklatscht, wenn er solche Sitten rhmt. Man antwortet:
Aber wer applaudirt? Es sind die Schwelger, welche diese
Schauspiele besuchen. Darauf antworte ich: wenn Viele diese Sitten
nicht nachahmen, geschieht es, weil sie es nicht knnen. Die Einen
hlt die Furcht vor Krankheiten, die Anderen das Interesse, der
Korpsgeist, die ffentliche Wrde, der Mangel an Mitteln zurck.
Man lasse einmal Jedem die Zgel schieen, berlasse ihn der
gesunden Natur und man wird sehen, da die grte Zahl sich beeilt,
das Beispiel von Salomo und Ritter Joconde nachzuahmen. Jeder junge
mit Mitteln ausgestattete oder von der Natur ein wenig begnstigte
Stadtbewohner besucht dieses freie Serail, ohne wie die Barbaren
(die in der Polygamie leben) auch fr die Kosten der Unterhaltung
sorgen zu mssen, es giebt sogar eine gute Zahl dieser Herrchen,
welche die Frauen plndern und arm essen.

Und ferner: Wie viele Frauen von hoher Stellung sind zu dieser Art
Korruption geneigt! Es giebt Schriftsteller, die solchen Frauen ein
Recht dazu zusprechen. Warum auch nicht? Doch schweigen wir, wenn
wir von der guten Gesellschaft sprechen. Im Volke ist die
Kuflichkeit der Liebe kein Geheimni, man kennt die Tarife, wie
die Preiskourante an der Brse. Man braucht darber nicht erstaunt
zu sein, wenn Walpole sogar ffentlich erklren konnte, er habe in
seinem Portefeuille den Preiskourant fr die Biederkeit des
englischen Parlaments.[19] Wie mu unter solchen Sitten das
husliche Glck beschaffen sein, das auf die eheliche Treue und die
Wahrhaftigkeit in den gegenseitigen Beziehungen begrndet sein
soll?

[Funote 19: Robert Walpole, berhmter englischer Staatsmann, von
1721-1742 Kanzler der Schatzkammer.]

Und nun die geheimen Liebschaften. Diese bilden ein sehr
umfngliches Kapitel, das fr Paris allein sechs dicke Bnde fllen
wrde. Alle diese Schliche sind nur Verletzungen der brgerlichen,
religisen und Moralgesetze. Welche Auflehnung, welche Rebellion in
dieser galanten Welt gegen Alles, was die Gesellschaft fr
unverletzbar erklrt. Wie kann man beim Anblick von so viel offenen
und geheimen Verletzungen aller festgestellten Ordnung zgern,
anzuerkennen, da entweder das Regime der Liebe bei uns im
Widerspruch mit der Wahrheit und der Moral organisirt ist, oder da
ein solcher Zustand unvertrglich ist mit der Zivilisation, da die
Zivilisation der Antipode der Moral und der Wahrheit.

In den niederen Klassen herrscht vollkommene Emanzipation, dort
existirt die freie Liebe offen. Und diese Klasse, die so offen die
religisen und die Moralgesetze verletzt, umfat die Hlfte der
weiblichen Bevlkerung unserer groen Stdte. Ich will nicht unsere
Zofen und Zimmermdchen zitiren, die im Rufe stehen, keine Kenntni
von den Gesetzen der Enthaltsamkeit zu besitzen, wenigstens handeln
sie, als htten sie nie davon sprechen hren. Und wie in der
kleinen, so ist es in der groen Welt. Bei den Leuten comme il
faut hat der Ehemann seine bekannten Maitressen und die Dame vom
Hause ihre anerkannten Liebhaber. Das gehrt zur Harmonie der
Haushaltung und das heit man: man mu zu leben wissen (il faut
savoir vivre). Manchmal entsteht allerdings eine kleine
Unzutrglichkeit daraus; man wei nicht, von welchem Vater die
Kinder sind. Doch zum Glck verbietet das Gesetz, nach der
Vaterschaft zu forschen. Schlimmsten Falles erklrt der Hausarzt
bei dem Fehlen jeder Aehnlichkeit, wodurch der Ursprung des Kindes
verdchtig werden kann, da die Frau whrend ihrer Schwangerschaft
von dem Anblick irgend einer fremden Physiognomie betroffen worden
sei. Schlielich hat auch der arme Ehemann schlechten Dank, wenn er
gegen den Wortlaut des Gesetzes und die Zeugenschaft des Arztes
aufkommen will. Das Eine ist so unfehlbar wie das Andere. Auch
gehrt es in der guten Gesellschaft zum guten Ton, nicht
eiferschtig zu sein. Man hat meist geheirathet eines guten
Heirathsgutes oder sonst eines Vortheils wegen, und man wurde darin
vielleicht nicht getuscht, also mu man in anderer Beziehung
nachsichtig sein, und schlielich heit es: was Dir recht ist, ist
mir billig.

So giebt es in der Welt der Zivilisirten nur Lacher und Betrogene.
Die Moral und die Ehe werden benutzt, um die Orgie zu maskiren, und
Alle erreichen ihren Zweck. Unsere Kritik erscheint abgedroschen,
doch fr die Partisane des Zwangs war eine Antwort am Platze, man
mu sie in Verwirrung setzen, indem man ihnen die Frchte ihres
Systems vor Augen hlt.

Aber diese Engherzigkeit und Unwahrheit des Familienbandes hat
auch nach anderer Seite fr die Entwicklung der Gesellschaft ihr
Schlimmes. Nichts ist in unserem sozialen Leben von Dauer. Der
zufllige Tod des Familienhauptes kann alle seine Unternehmungen in
Frage stellen. Die Theilung der Erbschaft, der Umstand, da den
Shnen die Eigenschaften des Vaters und seine Kenntnisse fehlen,
wie zwanzig andere Ursachen, knnen das ganze Werk des Vaters
strzen. Seine Pflanzungen werden zerstckelt, an Andere
berlassen, oder sie verfallen; seine Werksttten gerathen in
Unordnung, seine Bibliothek kommt in die Hnde des Bchertrdlers,
seine Gemlde in die des Hndlers. Genau das Gegentheil hat in der
Phalanx statt. Alles wird erhalten und vervollkommnet, der Tod
eines Individuums beunruhigt in nichts die industriellen
Dispositionen und das Gemeinwesen.

Ferner: Ein Industrieller wnscht sich einen Sohn, der ihn ersetzt
und seine Arbeiten weiter fhrt, aber das Schicksal giebt ihm nur
Tchter; sein Name erlischt. Er fnde wohl geeignete Fortsetzer,
aber in Klassen, die durch Vermgen und Lebensstellung ihm nicht
zusagen. Ein ander Mal verweigern die Kinder ihm zu folgen, oder
sie sind gnzlich unfhig. Oft ist es wieder der berreiche
Kindersegen, der Erziehungsausgaben verursacht, welche die
Unternehmungen des Vaters schdigen; seine undankbare Arbeit gengt
kaum, die Kinder zu erziehen und ihnen eine Existenz zu grnden,
und zum Dank fr so viel Anstrengungen merkt er, da dieses oder
jenes seiner Kinder ihm den Tod wnscht, aus Ungeduld, in den
Besitz der Erbschaft zu kommen. Oefter treten andere eheliche und
husliche Unannehmlichkeiten ein, deren Zahl eine sehr groe ist.
Ein Geschftsmann wird entmuthigt durch ungehriges Betragen seiner
Frau oder seiner Kinder, durch Geldschneidereien von am Geschft
Betheiligten, durch Verleumdungen und Prozesse seiner Neider, durch
den Verlust eines Kindes, auf dem seine ganze Hoffnung ruhte. Nicht
selten sieht man Eltern ber den Verlust eines Lieblingskindes dem
Tiefsinn verfallen; sie haben kein Gegengewicht gegen solch ein
Unglck, noch gegen andere, die sie treffen. Solch ein
Familienleben ist ein stetes Straucheln, eine Pandorabchse. Wie
kann man annehmen, da Gott die Industrie und die menschliche
Thtigkeit auf einen so kritischen Boden fr die, welche die Leiter
sind, und noch viel mehr fr Diejenigen, welche die Untergebenen
sind und ausfhren, hat grnden wollen?

Weder die Politik noch die Moral wissen die industrielle Anziehung
zu schaffen, sie nehmen nur die Arglist zu Hlfe; sie rhmen die
Freuden der Ehe, wenn auch ohne Vermgen, und bauen ihr ganzes
soziales System darauf, den Armen zur Ehe zu bringen, damit er
unter der Last der Kinderzahl, um die Hungernden zu nhren, zu
fleiiger Arbeit gezwungen werde. So kommt es, da sieben Achtel
dieser Vter rufen: Oh! in welche Galeere bin ich gerathen. Es
war der geheime Zweck der Moralisten, mit ihrem Lob von der sen
Ehe diese Falle zu legen; damit erreichen sie, da sie einen
Ueberflu an Rekruten fr die Armee und an hungernden Arbeitern fr
die Fabriken haben, die um niedrigen Preis arbeiten, damit die
Unternehmer sich bereichern knnen.

Die weitere Folge dieses ganzen Systems ist der Widerwille gegen
die Arbeit, der schon beim Kinde stark ausgeprgt ist; es arbeitet
nur aus Furcht vor Zchtigung. Aber die Unordnung steigert sich in
dem Mae, wie es zur Reife kommt. Die Liebe stellt sich ein und
vermehrt den Widerwillen gegen die Zwangsarbeit und verleitet zu
Ausgaben fr Beziehungen, die den Wnschen des Vaters wie der
Harmonie der Familie sehr entgegen sind. Man sollte meinen, das
Aufbrechen der Liebe mte, als eines neuen Hlfsmittels, den
industriellen Mechanismus verbessern, denn wo ein neuer Faktor
auftritt, sollte er das Spiel der Krfte vervollkommnen. Das
geschieht im sozietren Zustand, aber nicht in der Zivilisation. In
der Harmonie wird die Liebe die industrielle Anziehung verstrken,
durch sie wird der Jngling wie die Jungfrau fr die Vereinigungen
der beiden Geschlechter in den Ateliers, den Grten, den
Wirthschaftsanlagen, an der Tafel immer neue Anreize finden. Die
Wirkung in der Zivilisation ist die entgegengesetzte, sie erzeugt
Beunruhigung der Eltern, nthigt zu fortgesetzter Ueberwachung,
verursacht Ausgaben fr Putz und Geschenke und fhrt nicht selten
zu Schulden und anderen Ausschweifungen der Jugend. So wird die Ehe
fr die Vter zu einem Pfad von Schwierigkeiten aller Art, mit
wenig Ausnahmen fr die Reichen, und die Erwachsenen werden durch
die Liebe nur verdorben.

Ein anderes groes Uebel in der Familiengruppe ist, da sie keine
Freiheit gestattet. Man kann nach freiem Willen Freunde,
Maitressen, Assozis wechseln, aber man kann nichts an den Banden
des Blutes ndern. Das ist ein Uebel, das man noch nicht wahrnahm
und das so schwer ist, da die Harmonie ihm viele es aufhebende
Gegengewichte gegenberstellen mu, unter Anderem die industrielle
Adoption (wovon bereits gesprochen wurde) und die Theilnahme an der
Erbschaft. Das Uebel herrscht, und seit lange, aber seine
Herrschaft ist in unseren Tagen stetig gewachsen und zwar durch den
Sieg des Handelsgeistes, der die Zivilisirten immer mehr erniedrigt
und sie lgnerischer macht, als sie ursprnglich waren. Die
Sophisten stellen die Frage: ob der Mensch von Natur lasterhaft sei
und die meisten bejahen dies; man schliet also wie die
mahommedanischen Fatalisten, welche die Pest fr ein unumgngliches
Uebel erklren, weil sie sich scheuen, Schutzmaregeln gegen sie zu
ergreifen. Unsere Philosophen ziehen dieselbe Strae; um sich davon
zu befreien, ein Heilmittel zu suchen, erklren sie das Uebel als
unabwendbare Bestimmung. Man mu nur die Schngeister in irgend
eine Angelegenheit sich mischen lassen und man kann sicher sein,
da sie dieselbe in Unordnung bringen.

In allen brigen Vereinigungen verlangt der Mensch Freiheit der
Bewegung und sucht die mglichste Ausdehnung seiner Verbindungen.
Unsere Philosophen selbst predigen, da man die philanthropische
Freundschaft auf die ganze Menschheit ausdehnen und Alle als Brder
betrachten msse, der Ehrgeiz solle uns treiben, uns mit den
Freunden des Handels auf dem ganzen Erdboden zu verbinden, aber in
Sachen der Liebe und des Familienbandes zwingt man uns in den
mglichst kleinsten Kreis. Man berlasse die Liebe ihrem
natrlichen Hang und berlasse ihr selbst, sich ihre Grenzen zu
ziehen. Man wird sehen, da ein Mann bald mit einer gleichen Zahl
von Frauen wird zu thun gehabt haben, wie der weise Salomo, und da
die Frau ihrerseits es auch nicht an der Auswahl der Mnner wird
haben fehlen lassen. Diese Vielheit in der Liebe ist so natrlich,
da selbst ein altersschwacher Sultan sich nie auf eine einzige
Frau beschrnken lt. In einem zuknftigen Zeitalter wird man
diese Freiheit der Liebeswahl ganz natrlich finden, und ein Greis
wird direkte und indirekte Nachkommen, Adoptivkinder und Erben in
die hunderte haben. Dann wird das goldene Zeitalter der Vaterschaft
angebrochen sein und wird die Freuden genieen, die sie im
gegenwrtigen Zustand vergeblich sucht. Die Adoptionen und die
Legate werden in der Harmonie so zahlreich sein, wie sie in der
Zivilisation unmglich sind; man wird die Fortsetzer
(continuateurs) aus Passion haben, die Mangels an eigenen, von
gleichen Trieben beseelten Kindern, das Begonnene weiter fhren.
Auerdem, welcher Egoismus, welche Eifersucht herrscht in unseren
Familien, die nicht leiden, da ein Auenstehender sich in die
Neigungen des Vaters theilt: gezwungen sich an die eigenen Kinder
zu halten, begegnet er nur zu oft in seinen Plnen und
Unternehmungen den Antipathien derselben, mu er in ihnen die
Zerstrer seines Werkes sehen. Es kann also kein Zweifel sein, da
das Familienband die antikonomischste Verbindung ist und den
Wnschen Gottes, welcher der hchste Oekonom ist, und mit
Aufwendung der geringsten Mittel das Vollkommenste zu erreichen
strebt, auf's Direkteste entgegensteht.

       *       *       *       *       *

Fourier erlutert jetzt die Art der Vertheilung der materiellen
Gensse in der Phalanx. Die Uebereinstimmung in der Vertheilung sei
garantirt, wenn man zwei bestimmte Mittel, die mehr als gengten,
in Anwendung bringe: Das erste sei die Gierigkeit, die bei den
Menschen nie fehlen werde. Finde man ein Mittel, die Gier des
Einzelnen in ein Pfand billiger Vertheilung umzuwandeln, so werde
die Herrschaft der Gerechtigkeit schon gesichert. Das zweite
Mittel, um das Gleichgewicht der Vertheilung herbeizufhren, sei
die Generositt. Diese halte man wohl fr unmglich, sie sei aber
durchzufhren.

Jeder, der sich mit Anderen geschftlich verbinde, wolle daraus
Vortheil ziehen. Trete ein solcher nicht ein, lse die Verbindung
sich auf. Diese Gefahr sei in der Phalanx nicht vorhanden, da die
Vortheile fr das Wachsthum des Einkommens kolossale seien und
dieses im Vergleich zu heute sich wenigstens verdreiig- und
vervierzigfache. Zwei Beispiele mchten dies beweisen. Eine
Familie, die in Paris 60.000 Franken jhrlich ausgebe und dafr
Pferde, Wappen, Diener und Wohnung in der Stadt und auf dem Lande
unterhalte, knne in der Phalanx mit 6000 Franken dasselbe haben.
Dieser zehnfache Vortheil werde ein zwanzigfacher, wenn man erwge,
welch groe Auswahl in Bezug auf Wagen aller Art man in der Phalanx
habe, da man von den Streitereien mit Hndlern und Kaufleuten, von
den Ausgaben fr Lakaien und von ihren Diebereien und Betrgereien,
von der Spionage und anderen Widerlichkeiten, welche das Gesinde zu
einer Geiel der Groen machten, befreit sei. Man solle ferner an
die Verbesserung der Straen und Wege denken, deren Zustand heute
auf dem Lande den Aufenthalt verbittere und sie einen groen Theil
des Jahres fast unpassirbar mache. Das Gegentheil in der Phalanx,
wo alle Straen und Wege mit Trottoirs fr Equipagen und leichte
Wagen, fr Fugnger wie fr Pferde und Zebras versehen, die Wege
schattig und mit Fusteigen, die man nach Bedrfni besprenge,
ausgestattet seien. Dazu kmen die Annehmlichkeiten der berdeckten
Verbindungen zwischen den Wohnungen, Ateliers, Werksttten,
Stallungen; fr Kirche, Theater, Ballsle u.s.w., und da alle
diese verdeckten Passagen im Winter erwrmt seien, so da man kaum
wissen werde, ob es drauen warm oder kalt sei. Es seien dies alles
Erleichterungen und Annehmlichkeiten, wie sie in der Zivilisation
selbst ein Knig sich nicht verschaffen knne. Das Wohlsein werde
sich also in der Phalanx in das unzhlbar Vielfache steigern.
Dasselbe sei mit den Mahlzeiten der Fall. Die Raffinements, die aus
der stetigen Verbesserung der Materialien in Garten, Feld, Stallung
und Keller hervorgingen, in der Kche durch die verbesserten
Methoden der Fertigstellung sich steigerten, knne kein Einzelner,
und sei er der Reichste, herbei- und durchfhren. Und an alledem
nhme der Aermste in der Phalanx Theil.

Fourier, der offenbar in den Dingen der Kche und was damit
zusammenhngt genaue Spezialstudien gemacht hat, fhrt dies im
Detail sehr anziehend und Lust erweckend aus; so wird es nach ihm
eine Kleinigkeit sein, da man auf jeder Tafel bei jeder Mahlzeit
wenigstens dreierlei Arten Kse, jeden wieder in verschiedenen
Qualitten, zum Nachtisch haben kann, so da eine zwlffache
Auswahl gewhnlich sei. Fleisch, Geflgel, Wild, Fische, Gemse,
Kompots, Eier- und Mehlspeisen wrden in einer Vielseitigkeit der
Herstellung und in einem Raffinement geliefert, von dem gegenwrtig
kaum Jemand eine Vorstellung habe. Die Tafel der Reichen in der
Phalanx sei tglich bei einer Mahlzeit mit mindestens dreiig
Gerichten bedeckt, und selbst die Armen drften, wenn erst die
Phalanx in vollem Gange sei, auf mindestens zehn Gerichte zum
Mittagtisch rechnen. Es kann, ihm zufolge, daher auch gar nicht
fehlen, da selbst die Knige, nachdem sie die Phalanx besucht und
sich von ihrer Opulenz nach allen Richtungen durch den Augenschein
berzeugt haben, sich beeilen werden, die Grndung der Phalanxen
nicht nur zu untersttzen, sondern selbst mit ihrem Hofstaat in
eine solche einzutreten.

Die Phalanx verbindet also, nach F. Ansicht, die sensuellen
Vergngungen mit der Abwesenheit aller materiellen Sorgen, die
heute Vtern und Mttern so viel Kopfschmerzen verursachen. Sie
findet rasch die Zustimmung der Vter, die von den Kosten der
Haushaltung, der Erziehung und der Ausstattung der Kinder befreit
sind; sie findet die Zustimmung der Frauen, welche alle der vielen
Widerwrtigkeiten der Haushaltung, wo die Mittel fehlen, los und
ledig sind; sie findet die Zustimmung der Kinder, denen nur
anziehende Beschftigungen, Vergngungen und die besten Mahlzeiten
in Aussicht stehen; und sie findet endlich auch die Zustimmung der
Reichen, die erhebliches Wachsthum ihres Vermgens und das
Verschwinden aller Risikos und die Beseitigung des Aergernisses,
von dem, wie Fourier behauptet, sie stets umgeben sein sollen, zu
erwarten haben. Der Arme kann natrlich gar nichts Besseres thun,
als sofort mit beiden Hnden zugreifen, denn er hat Nichts zu
verlieren, aber Alles zu gewinnen. So werden die Serien, die
Gruppen, die Individuen in der Phalanx alle in den edelmthigsten
Entschlssen bereinstimmen und werden selbst zu materiellen Opfern
entschlossen sein, die aber nicht einmal nthig sind. Bei dem
Gedanken, wieder in die Zivilisation zurckzufallen, wird Jeder
erschreckt sein, wie bei dem Gedanken, in die Arme des Teufels zu
strzen; Jeder wrde bereit sein, lieber sein halbes Vermgen zu
opfern. So wird sich die Uebereinstimmung und die Aufrechterhaltung
der Einheitlichkeit in allen materiellen Dingen auf die hchste
Stufe erheben.

Wie nach Fourier in der Phalanx sich die materiellen Interessen zur
grten Zufriedenheit Aller ausgleichen, so wird auch die
Vermischung und aus Zuneigung entstehende Uebereinstimmung der drei
Klassen sich vollziehen. Die reiche Klasse mu nur gewahr werden,
da man sich ihr seitens der anderen Klassen hflich und ohne
persnliches Interesse und ohne Gefahr der Hintergehung nhert, und
sie wird bereitwilligst der Phalanx ihre Krfte und ihr Vermgen
leihen. Damon, der ein groer Blumenfreund ist und in Paris wohnt,
macht jhrlich bedeutende Ausgaben fr seine Blumenbouquets, aber
er wird bel berathen und betrogen durch die Verkufer, bestohlen
durch Grtner und Diener. Dadurch wird ihm die Blumenzucht
verleidet und er entschliet sich, die Kultur derselben aufzugeben,
so sehr er sie liebt. Darauf besucht Damon die Versuchsphalanx, wo
er sieht, da die Blumenzucht eifrig gepflegt wird und er
Untersttzung an Anderen findet, die gleich ihm dafr begeistert
sind. Statt Mitrauen zu begegnen, sieht er, da man seinen
Wnschen und Rathschlgen, als von einem Sachkenner kommend,
bereitwillig Folge leistet und alle Arbeiten ausfhrt. Ihn trennt
keine Verschiedenheit der Interessen von den Mitwirkenden, denn
alle Kosten trgt die Phalanx; er sieht sich geachtet und geliebt,
weil man seine Kenntnisse schtzt und ihn als eine Sttze der Serie
betrachtet. Namentlich sind es die Kinder, die sich um ihn drngen
und bei dem drohenden starken Regen Schutzzelte ber die Beete
spannen. Er fhlt sich unter diesen Blumenfreunden wie in einer
zweiten Familie und entschliet sich zu mehreren Adoptionen. Da ist
Aminte, ein Mdchen ohne Vermgen, aber eine der geschicktesten
Seriesten, die fr Damon begeistert ist; sie sieht in ihm, dem
Sechzigjhrigen, die Sttze der ihr theuren Kultur; sie will sich
ihm erkenntlich zeigen, und da sie auch ein Mitglied einer Gruppe
der Zimmerordnerinnen ist, bernimmt sie die Sorge fr Damon's
Zimmer und Garderobe. Sie dient Damon nicht aus materiellem
Interesse, denn er bezahlt sie nicht, und dies wre berhaupt
unzulssig, sondern aus Dankbarkeit fr seinen Eifer fr die Kultur
der Blumen. Damon hat also doppelte Freude, er hat in Aminte eine
eifrige und gelehrige Schlerin und eine aufmerksame Gouvernante,
und zum Dank adoptirt er sie. Bei dieser industriellen Kooperation
war also die Freundschaft im Spiel, ein Trieb, der namentlich bei
den Kindern einen schnen Aufschwung nimmt, weil ihm weder durch
Liebe, noch durch Gewinnsucht, noch durch Familieninteresse
entgegengearbeitet wird.

Im Jugendalter ist's hauptschlich die Liebe, welche den
Rangunterschied verwischt und selbst einen Monarchen auf die Stufe
einer Schferin, die ihn gefangen genommen hat, stellt. Wir haben
also Keime zur Ausgleichung von Rang- und Standesunterschieden
selbst in der Zivilisation, aber sie kommen nicht zum Ausbruch.
Auch sehen wir, da in Sachen des Ehrgeizes der Hhere den Niederen
unter Umstnden nicht verschmht. Zum Beispiel in Partei- und
Wahlkmpfen. Es sind nicht blos die Scipione und Catone, die, um
seine Stimme zu erhalten, dem Landbebauer die Hand drcken. Aber
hier wirkt nur die Sucht nach persnlichem Gewinn und Befriedigung
persnlichen Ehrgeizes. Vollziehen also diese niederen Mittel schon
die Annherung verschiedener Klassen, dann ist dies viel leichter
durch edle Mittel, durch Bande freiwilliger Zuneigung, wie das
Beispiel zwischen Damon und Aminte zeigt.

Nun kann Damon, bei zwanzig verschiedenen Thtigkeiten
beschftigt, berall hnliche Bande knpfen. Alle Serien und
Gruppen bestehen aus Gleichstrebenden, und da Jeder bei einer
speziellen Arbeit in einer Branche in Uebung ist und er darin
leicht sich auszeichnen kann, wird es ihm an Anerkennung der
Genossen nicht fehlen. Der Reiche geniet aber doppelte
Anerkennung, einmal wegen der Geschicklichkeit, durch die er sich
in irgend welchen Arbeiten auszeichnen kann, dann durch die
Munifizenz, die er den von ihm gewhlten Industrien erweist. So
macht Damon Ausgaben fr sehr werthvolle Pflanzen, die auf Kosten
der Phalanx anzuschaffen die Regentschaft sich weigert. Fr diese
Dienste wird Damon seitens der Serie zum Chef der Zurstungen
gewhlt; so wird ihm sein Geschenk mit doppelter Zuneigung
vergolten; seine intelligenten und eifrigen Genossen erweisen sich
ihm dankbar und ihre Freundschaft und sein Ansehen steigt bei ihnen
und den rivalisirenden Nachbarn. Der Reiche kann also sich mit
vollem Vertrauen der Phalanx berlassen, er hat keine Falle zu
frchten, kein ungehriges Verlangen wird ihn beunruhigen. Kein
Zweifel, da in der Harmonie die Ungleichheiten sich leicht
verbinden. Lustigkeit, Wohlbefinden, Hflichkeit und
Rechtschaffenheit der niederen Klassen werden den Reichen zum
Eintritt in die Vereinigungen verfhren, dazu kommen die
prunkvollen Zurstungen fr die Arbeiten der Phalanx und die
Einigkeit der Sozietre. Die Aermeren wieder werden auf ihre neue
Lage und die hohe Bestimmung ihrer Phalanx stolz sein und werden
Alles aufbieten, der neuen Stellung wrdig zu erscheinen. Unter
solchen Verhltnissen werden Alle bemht sein, die gerechte
Vertheilung des Einkommens der Phalanx, wovon die Aufrechterhaltung
der sozietren Ordnung abhngt, zu erleichtern. Man frage wohl, wie
knne die Habsucht, die Liebe zum Gelde, die in der Phalanx
fortbestehen solle, eine gerechte Vertheilung ermglichen? aber man
werde sehen, da in den Serien der Triebe gerade die Liebe zum
Gelde der Weg zur Tugend und zur Gerechtigkeit sei, so sehr die
Moralisten die Liebe zum Gelde verurtheilten.

Fourier explizirt dieses also: Nichts sei leichter in einem
Unternehmen, als die Vertheilung des Ertrages nach dem Mastab des
eingeschossenen Kapitals, das sei eine Jedermann wohlbekannte, rein
arithmetische Aufgabe; aber auch Arbeit und Talent gerecht zu
honoriren und zufrieden zu stellen, das sei eine Kunst, welche die
Zivilisirten nicht verstnden, und so beklagten sie sich bestndig
ber Ungerechtigkeit und Uebelwollen. Wolle die Phalanx freilich
jedem Einzelnen, entsprechend seiner Theilarbeit, in vielleicht
dreiig oder mehr Serien und hundert Gruppen seinen Antheil
berweisen, so wrde dies eine auerordentlich umstndliche und
schwer zu lsende Aufgabe sein. Der Mechanismus der Vertheilung sei
nicht auf die Individuen, sondern auf die Serien berechnet, und
diese werden nicht nach ihrer speziellen Leistung, sondern nach
ihrer Bedeutung fr die Phalanx in Betracht gezogen. Die Serien
gelten als die einzelnen Assozis, und kraft des Rangs, den sie in
dem Tableau der Arbeiten einnehmen, wird die Dividende nach drei
Klassen vertheilt: 1. nach der Nothwendigkeit, 2. der Ntzlichkeit
und 3. der Annehmlichkeit der Arbeit. Wird z.B. die Serie des
Wiesenbaues als solche von hoher Wichtigkeit anerkannt, so erhlt
sie ein Loos erster Ordnung in der Klasse, in der sie figurirt. Die
Erzeugung von Krnerfrchten ist Arbeit erster Nothwendigkeit, aber
die Serien darin bilden selbst wieder fnf Ordnungen, und so ist
wahrscheinlich, da die Erzeugung von Korn, Weizen, Mais etc. auf
der Stufenleiter der Nothwendigkeiten erst in dritter Ordnung
kommen.

Die hchste Dividende fllt den unangenehmsten Arbeiten zu und
diese erhalten in der Phalanx die kleinen Horden; darauf kommt die
Fleischerei in Rcksicht auf die damit verbundenen widerlichen und
belriechenden Arbeiten. Die Pflege und Ernhrung der Suglinge und
Kinder in den niedersten Lebensaltern wird fr eine schwerere
Arbeit anerkannt als die eigentliche Feldarbeit. Mediziner,
Chirurgen und die groben Handarbeiter rangiren in der ersten
Ordnung der Nothwendigkeit, werden also wie die Arbeit der kleinen
Horden am hchsten belohnt. Die Arbeit wird nicht nach dem Werth
bemessen, sondern nach dem Ma der Anziehung, das sie ausbt, je
hher die Anziehung, also auch die Annehmlichkeit, je geringer die
Belohnung.

Fragt man den Zivilisirten, was nach seiner Meinung die hhere
Belohnung verdiene, ob die Serien der Obstzchter oder die der
Blumenzchter, so wird er antworten: die ersteren, und zwar htten
diese in der Klasse der Ntzlichkeiten, die Blumenzchter in der
Klasse der Annehmlichkeiten zu rangiren. Aber das ist ein ganz
falscher Schlu. Obgleich die Obstbaum- und Frchtezucht sehr
produktiv ist, rangirt sie in der Harmonie in die Klasse der
Annehmlichkeiten, weil sie auerordentlich anziehend ist. Die
Obstbaumzucht ist in der Harmonie eine der reizvollsten Erholungen.
Jeder Obstgarten ist mit Blumenaltren beset, die von Zierstauden
umgeben sind; hier werden die Ruhepausen abgehalten, hier
vereinigen sich die Geschlechter, und so bietet diese Kultur neben
der Geflgelzucht die meiste Anziehung. Dadurch wird die Obstzucht
in die dritte Klasse, in die der Annehmlichkeiten gereiht, und
empfngt die niederste Belohnung. Was die Blumenzucht betrifft, die
im Allgemeinen in der Zivilisation nicht sehr geschtzt wird und
kaum die Kosten deckt, so erwecken zwar ihre Produkte Liebreiz,
aber die Arbeit erfordert groe Pnktlichkeit, erhebliche
Kenntnisse und viele Sorgfalt und das Vergngen ist von kurzer
Dauer. Aber diese Kultur ist, sowohl um die Kinder zu bilden, als
um die Frauen fr das Erforderni der Kultur und das Studium
agronomischer Verfeinerungen zu gewinnen, sehr werthvoll. Auch
eignen sich die Arbeiten der Obstzucht nicht immer fr die Kinder,
wofr hingegen die Pflege der verschiedenen Blumensorten sehr
geeignet ist. Aus diesen Grnden werden die Serien der
Blumenzchter in die zweite Klasse, die der Ntzlichkeiten,
versetzt werden.

Wird also die Obstbaumzucht, die noch besonders werthvoll dadurch
wird, da ihre Produkte, sei es in Natur, sei es als Kompot,
Marmelade u.s.w. fr die Ernhrung und Verfeinerung der Lebensweise
die wichtigsten Dienste leisten, in die dritte Klasse, des
Angenehmen, versetzt, so gelangt die Oper, die wir fr rein
berflssig anzusehen geneigt sind, in die zweite Ordnung der
ersten Klasse, die der Nothwendigkeiten. Man wird freilich sagen,
Mller und Bcker sind ntzlicher, aber das kann nur von einem
Gesellschaftszustand gelten, der die industrielle Anziehung nicht
kennt. Von letzterem Standpunkt aus ist aber die Oper fr die
Harmonie sehr werthvoll, weil sie fr die Kinder das mchtigste
Hlfsmittel ist, sie zur Gewandtheit und zur Einheitlichkeit der
industriellen Thtigkeiten zu erziehen. Von diesem Standpunkt aus
gehrt sie in die erste Klasse, die der Nothwendigkeiten, soweit
hingegen sie den Erwachsenen als Mittel zum Vergngen dient,
rangirt sie in die dritte Klasse, die der Annehmlichkeiten.

Mastab der Vertheilung fr die Arbeit ist also: 1. die direkte
Wirkung, die sie fr die Bande der Einheitlichkeit der Phalanx im
Spiel des sozialen Mechanismus besitzt; 2. der Werth, den sie hat
fr die Beseitigung widriger Hindernisse und 3. im umgekehrten
Verhltnisse steht zu der Strke der Anziehung, die sie erweckt.
Unter den ersten Fall sind, wie schon bemerkt, die Beschftigung
der kleinen Horden, unter den dritten die Oper fr die Erwachsenen,
unter den zweiten unter Anderem die Beschftigung in den Minen und
Bergwerken zu zhlen.

In dieser Art gruppiren sich die verschiedenen Thtigkeiten, deren
Klassifizirung und Ordnung die Mitglieder der Phalanx selbst
bestimmen. Die Verstndigung ist um so leichter, da jedes Mitglied
in einer ganzen Menge von Serien und in einer noch greren Zahl
von Gruppen beschftigt ist. Die Gunst, die ein Mitglied einer
Serie oder Gruppe in der Zubilligung der Dividende erwrbe, wrde
es in den anderen Gruppen und Serien schdigen; sein eigenes
Interesse zwingt es also zur grten Objektivitt; auch ist es
interessirt, da die Harmonie nicht gestrt wird, weil diese
Schdigung des Ganzen unfehlbar den grten Schaden fr es selbst
brchte. Von diesen Gesichtspunkten aus vertheilt sich auch das
Einkommen auf Kapital, Arbeit und Talent.

Alippus ist ein reicher Aktionr, der bis dahin in der
Zivilisation fr die Ausleihung seines Kapitals auf Gter 3-4
Prozent erhalten hat. In der Phalanx hat er Aussicht, 12-15
Prozent zu bekommen. Er ist sehr fr gerechte Vertheilung des
Ertrages, doch drngt ihn seine Habsucht, als Kapitalist die Hlfte
der Dividende in Anspruch zu nehmen. Er mu sich aber sagen, da
dann die beiden anderen zahlreichen Klassen, die Arbeit und Talent
aufwandten, sehr unzufrieden sein werden und wahrscheinlich binnen
wenig Jahren die Phalanx sich auflse und dies sein grter Schade
sei. Diese Einsicht veranlat ihn, sich in seinem eigenen Interesse
mit weniger zu begngen und eine Theilung zu akzeptiren, die dem
Kapital 4/12, der Arbeit 5/12 und dem Talent 3/12 zuweist. Er hat
nach diesem Mastab noch drei- bis viermal mehr Einkommen, als die
Zivilisation ihm gewhrte, er lebt viel billiger in der Phalanx,
als in der Zivilisation, und er sieht auerdem die beiden anderen
Klassen befriedigt und dies sichert den Bestand der Gesellschaft.
Was ihn auerdem bestimmt, sich zufrieden zu geben, ist, da er
gleichzeitig als Mitglied einer Anzahl Serien, in denen er viel
Vergngen geno, freundschaftliche und Liebesbeziehungen anknpfte,
seinen Antheil als Thtiger und, soweit er darin durch Talent sich
auszeichnete, auch dafr seinen Antheil erhlt. Seine Habsucht
wurde also durch zwei Gegengewichte in der richtigen Mitte
gehalten, er hat die Ueberzeugung, da im Interesse Aller er sein
eigenes Interesse wahrt und dafr die Zustimmung der Phalanx
findet, und da der Fortschritt der industriellen Anziehung fr ihn
zur Quelle groen Reichthums wird.

Sehen wir weiter zu. Johannes hat kein Kapital und keine Aktien, er
wre also als Zivilisirter sehr dafr, da die Arbeit auf Kosten
des Kapitals und Talents den Lwenantheil erlangt und rechnet 7/12
fr die Arbeit, 3/12 fr das Kapital und 2/12 fr das Talent.
Johannes, als Mitglied der Assoziation, denkt inde anders. Wohl
hat er den lebhaften Trieb, der Arbeit den Hauptantheil zuzuweisen,
aber da er in einer Reihe von Serien und Gruppen durch Talent der
Erste ist, so verkennt er nicht, da auch dem Talent sein
entsprechender Antheil gebhre. Auerdem begreift er als
einsichtiger Brger die Bedeutung des Kapitals, welche Vortheile
der Arme aus den Ausgaben der Kapitalisten zieht, welche
Annehmlichkeiten reiche Angehrige ihren Serien und Gruppen
erweisen, endlich, da seine Kinder Aussicht haben, mit Legaten
bedacht zu werden. Alles das genau erwogen, findet auch er, da man
ein Einsehen haben und da die Arbeit zu Gunsten von Kapital und
Talent ein wenig zurcktreten msse. Er kmpft also auch gegen die
unvernnftige Raubsucht (rapacit draisone), deren ein
Zivilisirter fhig wre und findet ebenfalls bei der Repartition
von 4/12 fr das Kapital, 5/12 fr die Arbeit und 3/12 fr das
Talent seine Seele und sein Gewissen befriedigt.

Fourier glaubt mit besonderem Nachdruck auf dieser Art Vertheilung
beharren zu mssen, was man bei seinem Bestreben und seinem festen
Glauben, diese von ihm entdeckte und konstruirte ideale
Gesellschaft mit freiwilliger Zustimmung aller Klassen und zum
Wohlsein aller Klassen ohne irgend welche gewaltsame
Erschtterungen begrnden zu knnen, begreifen wird. Wre die
Fourier'sche Phalanx berhaupt mglich und keine Utopie, so wre
unfabar, warum das Kapital, bei all den sich ihm erffnenden
glnzenden Aussichten, sich nicht beeilte, Hals ber Kopf diesen
neuen Gesellschaftszustand zu begrnden. Fourier glaubt felsenfest
an diese Mglichkeit und die Richtigkeit der von ihm gemachten
Aufstellungen; er konstruirt sich die Prmissen und da mssen die
Konklusionen stimmen. Falsch sind nicht seine Voraussetzungen,
sondern falsch ist die Gesellschaft, die in ihrer Kurzsichtigkeit
und Verblendung den Weg, der sich ihrem Glck ffnet, nicht sieht
oder zurckweist. Er behauptet also mit Ueberzeugung, da der Arme
in der Harmonie die reiche Klasse und den Antheil des Kapitals am
Ertrag bereitwillig untersttzen werde, weil ihm mit Hlfe des
Kapitals in der Phalanx so zahlreiche Chancen, zu Vermgen zu
kommen, sich darbten. Der Arbeiter der Phalanx sei nicht
entmuthigt, wie der Arbeiter der Zivilisation, der keine Aussicht
habe, selbststndiger Unternehmer zu werden. Seine Kinder knnen
durch Kenntnisse, Talent, Schnheit zu hohen Wrden und Stellungen
kommen, auch kann er, da er stets mehr erwirbt als er ausgiebt,
Ersparnisse machen, und so selbst allmlig Aktionr werden. Nhrt
ihm doch die Phalanx die Kinder, die vom dritten Lebensjahre ab
bereits selbst voll verdienen, was sie brauchen und spter mehr
verdienen, als sie nthig haben; liefert ihm doch die Phalanx alle
Werkzeuge und nicht weniger als drei Paradeuniformen fr die Feste
und Aufzge; auch besucht er weder Kneipen noch Caf's, da er nach
fnf vortrefflichen Mahlzeiten und all den Abwechslungen und
Vergngungen, die ihm die tgliche Beschftigung bietet, fr solche
Orte kein Bedrfni mehr empfindet; endlich besteht berall die
volle Gleichberechtigung: er nimmt an allen Berathungen Theil, hat
das gleiche Stimmrecht und somit nach keiner Richtung einen Grund,
gegen die Reichen Abneigung zu empfinden. In der That, es gehrt
viel Verbohrtheit dazu, all diesen Verlockungen zu widerstehen.

Fourier kommt natrlich nicht im Traum der Gedanke, da, wenn all
diese schnen Ausmalungen und scharfsinnigen mathematischen
Berechnungen dennoch ihre Wirkungen verfehlen, das ganze System auf
falschen Voraussetzungen beruhen msse, denn fr ihr Interesse sind
die Menschen in allen Zeitaltern und bei allen Vlkern sehr
empfnglich gewesen und namentlich die herrschenden Klassen. Aber
aller Widerstand und alle Feindseligkeit, die ihm begegneten,
machten ihn an der Richtigkeit seiner Theorien und seiner
Berechnungen nicht irre, diese sind fr ihn unbestreitbar, und so
ist selbstverstndlich, da der einmal begonnene Faden sich ruhig
bis zu Ende spinnt, und ein Gebude entsteht, in dem jeder Stein
genau auf den anderen pat, bei dem Alles auf's Genaueste und
Scharfsinnigste berechnet und vorgesehen ist, dem aber die
Hauptsache fehlt, das reale Fundament. Die Erkenntni der
eigentlichen Entwicklungsgesetze der Gesellschaft, welche zwar die
Gesellschaft einst zu einem hnlichen Zustande, wie ihn Fourier als
scharfsichtiger Seher voraussetzt, fhren werden, aber auf anderem
Wege und durch andere Mittel und -- wann die Entwicklung reif ist,
-- die Erkenntni ihrer Entwicklungsgesetze blieb ihm und seinem
Zeitalter fremd.

Wie der Kapitalist und der Arbeiter sich zufrieden geben und genau
so schlieen, wie es der Konstrukteur dieser idealen Gesellschaft
wnscht, so natrlich auch das Talent. Philint ist Mitglied von 36
Serien. In zwlf zeichnet er sich als alter erfahrener Serist durch
groe Geschicklichkeit und durch Talent aus, in zwlf anderen ist
er nur mittelmiger Arbeiter und in den zwlf letzten Neuling.
Nachdem beim Jahresschlu die Inventur gemacht wurde und die
Mitglieder der Phalanx zur Entscheidung berufen werden, knnte er
in Anbetracht der Talente, die er in zwlf Serien entwickelte, sehr
geneigt sein, den Antheil des Talents besonders zu begnstigen.
Aber als berlegender Mann mu er sich sagen, da damit weder sein
Interesse noch das der Phalanx gewahrt wrde. Einmal stehen nicht
nur den 12 Serien, in denen er sich auszeichnet, 24 gegenber, in
denen er nur mittelmiger Arbeiter oder gar Neuling ist, es findet
sich auch, da von den 12 Serien, in denen er sich hervorthut, nur
vier in die erste, also hchst belohnte Klasse, die der
Nothwendigkeiten, fallen, vier andere in die zweite und die letzten
vier in die dritte Klasse. Daraus ergiebt sich fr ihn von selbst,
da er den einseitigen Mastab der Bevorzugung des Talents nicht
zur Geltung kommen lassen kann. Ein anderer Umstand tritt bei all
diesen Erwgungen ber die Vertheilungen hinzu. Da die Interessen
aller Mitglieder in den dutzenden von Serien und hunderten von
Gruppen persnlich voneinander differiren, in einer Serie oder
Gruppe, wo zwei oder mehrere harmoniren, diese wieder in allen
anderen Serien und Gruppen in ihren Interessen auseinandergehen,
ist ein Intriguenspiel zu Gunsten einzelner Serien oder Gruppen
unmglich. In diesen hunderten durcheinandergehenden und sich
kreuzenden Interessen, wobei kein Einzelner etwas vermag und keine
Verbindung gleicher Interessen mglich ist, mu schlielich das
Allgemeininteresse, das damit das Interesse Aller wird, siegen.

Diese Idee ist ungemein geistreich und scharfsinnig, und die
Richtigkeit der Vorderstze, von denen Fourier ausgeht, zugegeben,
hat er vollkommen recht, triumphirend auszurufen, da sowohl in den
Details wie im Ganzen bei der Vertheilung die distributive
Gerechtigkeit in der Phalanx herrscht. Das Regime der Serien der
Triebe ist die gewollte Gerechtigkeit, die das angebliche Laster,
den _Durst nach Gold, in den Durst nach Gerechtigkeit umwandelt_.
Die Habsucht, eines der schlimmsten Laster in der Zivilisation,
wird also auch in der Phalanx zur Tugend. Unsere heute als am
lasterhaftesten bezeichneten Triebe werden in der sozietren
Ordnung ntzlich und gut, wie es die von Gott gewollte Bestimmung
ist. Die Bewegung der Organisation der Triebe wird nach der von
Schelling ausgesprochenen Idee in jedem Sinn der Spiegel der
universellen Analogie. Schlielich hat Fourier nichts dagegen
einzuwenden, wenn die Vertheilung auch derart stattfindet, da die
Arbeit 6/12, das Kapital 4/12 und das Talent nur 2/12 erhlt. Das
ganze Vertheilungsgesetz formulirt er also: Es msse die
individuelle Habsucht durch das Kollektivinteresse jeder Serie und
der gesammten Phalanx und die kollektiven Ansprche jeder Serie
durch das individuelle Interesse eines jeden Seristen, als
Angehriger einer Menge anderer Serien, absorbirt werden. Und
dieses Gesetz wird erreicht durch das direkte Verhltni der Zahl
der frequentirten Serien im umgekehrten Verhltni zu der Dauer der
Arbeit in den einzelnen Serien. Mit anderen Worten: Je mehr Serien
der Einzelne angehrt und je krzer in Folge dessen die einzelnen
Arbeitssitzungen werden, um so leichter wird die ausgleichende
Gerechtigkeit in der Vertheilung des Arbeitsertrags sich
herstellen. Mit der Zahl der differirenden Interessen des Einzelnen
wchst die Mglichkeit der gerechtesten Ausgleichung und die
Einheitlichkeit des Ganzen.

Die Habsucht wirkt also schlielich ausgleichend in der Harmonie,
aber ihr steht noch ein zweiter Impuls zur Ausgleichung gegenber,
die Edelmthigkeit. Erstere wirkt direkt, letztere indirekt. Zum
Beispiel: Es handelt sich um die Vertheilung eines Ertrags von 216
Frks. unter neun Mitglieder einer Gruppe, wobei sich zufllig
herausstellt, da die Reichsten und Wohlhabendsten unter den neun
Gruppisten in Folge ihrer Leistungen das Meiste erhalten. Darauf
erklren die beiden Ersten, da sie in Anbetracht ihres
Kapitaleinkommens und des Vergngens, das ihnen die Arbeit
gebracht, sich mit dem Minimum begngen -- auf das Ganze drfen sie
nicht verzichten -- was vier Franken betrgt. In Folge dessen
bleiben 52 Franken an die Uebrigen weiter zu vertheilen. Aber dem
Beispiel der beiden Ersten folgen zwei Andere, nur da diese
entsprechend ihrem geringeren Vermgen von dem ihnen zufallenden
Antheil nur auf die Hlfte verzichten, wobei weiter 20 Franken zu
vertheilen brig bleiben. Diese 72 Franken werden nun dergestalt
unter die fnf armen Sozietre vertheilt, da sie je 24, 18, 12, 9
und 9 Franken erhalten, und zwar erhlt davon eine schne Vestalin,
nicht wegen ihrer Leistungen, sondern weil sie bei den Gebern wie
bei den brigen Mitgliedern in Gunst steht, den hchsten Satz.
Diese Gunstbezeugung ist keine Ungerechtigkeit, denn sie schdigt
Niemand in seinen Rechten, sie wird aber in der Harmonie eine
Quelle der Uebereinstimmung. So werden auch eine groe Zahl von
Wrden und Szeptern, bis zu dem des Omniarchen des Erdballs, als
Gunstbezeugungen vergeben, weil alle diese Wrden durch Wahl
erfolgen.

Wenn nun hieraus sich ergiebt, da die reichsten Sozietre nur den
mglichst geringsten Arbeitsantheil empfangen -- die
Verzichtleistung soll nach Fourier in Folge des Beispiels
allgemeine Regel werden -- und den grten Theil ihres Einkommens
nur nach Magabe ihrer Kapitalien beanspruchen, so resultirt
daraus, da ihr Antheil am allgemeinen Benefizium im umgekehrten
Verhltni zu der Entfernung (distance) der Kapitalien von
einander steht, denn fr Arbeit und Talent tendiren sie nur den
kleinsten Theil in Anspruch zu nehmen. Dagegen steht ihr Antheil am
allgemeinen Benifizium bezglich des Kapitalantheils im direkten
Verhltni der Masse der Kapitalien. Es kommen also hier genau wie
in der physischen Welt zwei entgegenwirkende Krfte in Betracht,
die zentripetale, welche hier die Habsucht ist, und die
zentrifugale, die Edelmthigkeit.

Der Leser wird bereits erkannt haben, da Fourier hier das von
Newton entdeckte Gesetz der Anziehung der Weltkrper, wonach diese
wirkt im graden Verhltni zu ihrer Masse und im umgekehrten
Verhltni zum Quadrat ihrer Entfernung, auf den Vertheilungsmodus
seiner Phalanx anzuwenden sucht. Alle Beziehungen der Menschen
unter sich und zum Weltall sind ja nach Fourier durch mathematische
Verhltnizahlen zum Ausdruck zu bringen und nach Analogien
geordnet, also mu auch die Phalanx, welche im Kleinen das
Spiegelbild der Einheitlichkeit der Welt darstellt, diese
mathematischen Verhltnisse zum Ausdruck bringen. Freilich ist
dieser Versuch im vorliegenden Fall ein verunglckter, denn unter
dem Ausdruck Entfernung kann doch nichts Anderes als die Gre der
Kapitalien verstanden werden, und ihre Gre deckt sich wieder mit
ihrer Masse, mit dem Quadrat der Entfernung haperts berhaupt; und
was ist der Mittelpunkt, um den die Kapitalien gravitiren? Im
brgerlichen Leben ist der Mittelpunkt, nach dem Alles strebt, das
Kapital selbst, in der Phalanx schwebt es in der Luft. Doch
vergessen wir nicht, da es sich hier um ein geistreiches, mit
groem Scharfsinn aufgebautes Utopien handelt.

Fourier ist nun weiter der Ansicht, da in seiner Phalanx die
Generositt, welche die reichen Leute ben, wenigstens 7/8 des
Betrags ihrer Dividenden, und bei den Mittelleuten die Hlfte
derselben umfassen werde, diese also den rmeren Sozietren zu Gute
kommen. Das klinge freilich wie eine romantische Vision, weil man
sich in der Zivilisation ein solches Ma von Gromuth gar nicht
vorstellen knne. Mit den bereits hervorgehobenen Triebfedern fr
eine solche Handlungsweise verbinden sich allerdings noch andere,
wie diejenigen, die aus den Liebesbeziehungen resultiren. Doch bei
den Vorurtheilen der Zivilisation gegen alles, was das Kapitel der
freien Liebe betreffe, sei er genthigt, grade dieses fr die
Harmonie so werthvolle und uerst interessante Gebiet nicht weiter
zu berhren; so viel aber sei sicher, da die freie Liebe und die
freie Vaterschaft seelische und physische Kraftquellen erschlieen
werde, die der Lebensfreudigkeit und der Entwicklung der Menschheit
die glnzendsten Aussichten erffneten.

Was schlielich den Loosantheil betreffe, der dem Talent zufalle,
so gewhre dies besonders den unbemittelten Alten in der Phalanx,
die in Folge einer langen Erfahrung in den verschiedensten
Arbeitszweigen und in der Leitung der Arbeiten hervorragten,
Aussicht auf Gewinn. In der Zivilisation sei die Arbeit des
Talents, die in der Harmonie eine Ausgleichung zwischen dem, was
dem Kapital und dem, was der Arbeit zufalle, herbeifhren solle,
nur eine Art Fuschemel, auf dem der Reichere auf Kosten des
Aermeren, dessen Kenntnisse er fr sich ausbeute, in die Hhe
steige; der gesellschaftlich Begnstigte schmckte sich mit den
Federn des Armen. Die Handlungen aus Edelmuth in der Phalanx seien
es ferner, die hauptschlich die Grenzen zwischen den Armen und
Reichen verwischten, daher werde ein Monarch in der Harmonie
mitleidig lcheln, wenn man ihm eine Schutzgarde anbiete. Alle, die
ihn umgeben, seien ihm von Herzen und nicht wegen der Bezahlung
ergeben, der Monarch geniee ohne alle Kosten eine Zuneigung, die
er sich in der Zivilisation nie zu erwerben vermge, wo er seine
Sicherheit nur in der Umgebung von erkauften Sldlingen zu glauben
finde und doch nicht vor der Ermordung sicher sei.[20]

[Funote 20: Anspielung auf die verschiedenen Attentatsversuche
und Verschwrungen, denen trotz aller Sicherheitsmaregeln Napoleon
I. wie Ludwig XVIII. und Louis Philipp ausgesetzt waren.]

Die groe Ungleichheit der Vermgen werde es gerade sein, die in
der sozietren Gesellschaft die Harmonie gebre; nur ein Schatten
von Gleichheit hierin wrde sie zerstren. Kein mittelreicher Mann
werde deshalb den Ansto geben, mehr zu berlassen, als was das
Minimum berschreite. Es genge, um einen solchen Akt des
Wohlwollens begehen zu knnen, den Sozietren das betrchtliche
Einkommen, das ihnen die zugestandene Dividende aus den Aktien
einbringe. So werde, den moralischen Diatriben gegen die groen
Vermgen zum Trotz, die Phalanx, wo die Ungleichheit des Vermgens
die grte und best abgestufteste sei, die doppelte Harmonie, in
Folge des Spiels der Impulse der Habsucht und der Gromuth, am
besten erreichen. Wie weit entfernt war doch die arme Moral, in
das Geheimni der Harmonie der Vertheilung, die fr alle anderen
Harmonien die Grundlage bildet, einzudringen. Und da griffen die
Philosophen seine Theorie als bizarr und unbegreiflich an, die doch
im Gegentheil gar nichts Willkrliches habe, sondern auf
unerschtterlichen geometrischen Theorien aufgebaut sei. Man preise
Newton als das grte moderne Genie, weil er die Berechnung der
Gesetze der Anziehung begonnen habe, worin er sich aber nur auf
einen Zweig beschrnkte; warum unterdrcke man da ihn, den Mann,
der diese Berechnung fortgesetzt und sie vom materiellen auf das
passionelle Gebiet, ein Zweig, der fr die Menschheit sehr viel
ntzlicher sei, als den, welchen Newton behandelte, bertragen
habe. Es sei nichts, als die Furcht, da diese von ihm begrndete
neue Wissenschaft das Handelsgeschft mit den philosophischen
Systemen und Bchern schdige.

Neben den bisher angefhrten Faktoren, die nach Fourier eingreifen,
um das Leben in der Phalanx zu einem mglichst angenehmen zu
gestalten, wirken noch solche, welche die gegenseitige
Uebereinstimmung und die Vershnung der Klassen und
Standesunterschiede herbeifhren, so die Beziehungen, welche die
Freundschaften zwischen Armen und Reichen und die Liebe zwischen
Jungen und Alten herstellen wird. Die Zivilisation erzeuge zwar
auch ausnahmsweise die eine oder die andere dieser Beziehungen,
aber bei dem Mangel der Serien der Triebe knnten sie zu keinem
System werden. Wie Freundschaften zwischen Arm und Reich in der
Harmonie entstehen, ist schon ausgefhrt worden. Die Beziehungen,
welche die freie Liebe hervorruft, mten in Rcksicht auf die
ebenfalls schon erwhnten Vorurtheile der Zivilisirten unerrtert
bleiben, so sind nur die aus Ehrgeiz und der Vaterschaft sich
ergebenden Verhltnisse nher zu betrachten.

In unserer Zivilisation herrscht unter den verschiedenen Klassen
und Standesabstufungen berall nur Ha und Feindseligkeit oder
Geringschtzung. Der hohe Adel sieht auf den niederen, der Adel
berhaupt auf die Bourgeoisie, die Bourgeoisie wieder auf das Volk
mit mehr oder weniger groer Feindseligkeit oder Geringschtzung
herab, und diese Gefhle werden von unten nach oben erwidert.
Innerhalb der einzelnen Schichten selbst giebt es wieder
verschiedene Abstufungen, zwischen denen hnliche Gefhle
herrschen. Kurz, mit der sen Brderlichkeit, welche die Moral und
die Philosophie predigen, sieht es in der Wirklichkeit recht windig
aus. Da verachtet der groe Kaufmann den kleinen, der Gelehrte den
Nichtgelehrten, der Brger den Bauern und Arbeiter. Aber wo das
Merkenlassen dieser Gefhle den Interessen schadet, versteckt man
sie, und das nennt man dann Gewandtheit oder Klugheit (savoir
faire). Wo in der Zivilisation sich der Hhere dem Niederen
scheinbar freundschaftlich nhert, sind in der Regel Hintergedanken
im Spiel und sie fhren zum Ueblen und zu Unordnungen. So, wenn der
Groe einer Frau aus dem Volke sich nhert, die Folge ist
gewhnlich ein Bastardkind; oder wenn wirklich Ehen stattfinden,
fhren sie zu Ueberwerfungen in der Familie. Betrifft es hingegen
Sachen des Ehrgeizes, so handelt es sich um Wahlintriguen,
Parteistreitigkeiten, Bndnisse zur Unterdrckung. Und gleichwohl
ist der Ehrgeiz in der Harmonie ein sehr geeignetes Mittel, alle
widerstrebenden Elemente zu verbinden. Napoleon sagt man nach, er
habe in Moskau eine Medaille prgen lassen, welche die Inschrift
enthielt: Der Himmel fr Gott, die Erde fr Napoleon. Das ist
damals den Franzosen gar schrecklich vorgekommen. In Wahrheit hat
er damit eine sehr vernnftige Absicht, die Grndung einer
Weltmonarchie ausgesprochen. Dieser Gedanke ist durchaus korrekt
und es ist nur zu bedauern, da Napoleon ihn nicht verwirklichen
konnte, er wrde damit der neuen sozialen Ordnung wesentlich
Vorschub geleistet haben. Gleiche Sprache, gleiche Schrift, gleiche
Kommunikationsmittel, gleiches Geld, Ma und Gewicht zu schaffen,
gleiche Unternehmungen in Industrie, Handel und Verkehr,
Wissenschaft und Kunst zu begrnden und zu vollbringen, einen
Weltmeridian aufzustellen, alles dem Menschen Schdliche und
Feindliche im Pflanzen- und Thierreich zu vernichten, das hchste
Wohlsein durch die Grndung der Phalanxen auf dem ganzen Erdboden
herbeizufhren und damit auch die Aenderung und Verbesserung der
Temperaturen zu bewerkstelligen, das ist das Ziel der sozietren
Ordnung, und es werden mit dieser Ordnung die Weltmonarchie und die
Territorialmonarchien ber den ganzen Erdboden begrndet werden.

Knftig knnten also Mann wie Frau ihren Ehrgeiz darauf richten,
Herrscher oder Herrscherin der Welt oder einer der
Territorialmonarchien zu werden, und fr einen politischen Eunuchen
gelte, wessen Ehrgeiz sich mit Geringerem begnge. Diese Ansicht
scheine bizarr, sie sei es aber nicht, denn nichts sei leichter in
der sozietren Ordnung, als Csar und Pompejus zu vershnen.
Csar und Pompejus knnten an demselben Ort in ganz verschiedenen
Wrden nebeneinander regieren. Giebt es doch nicht weniger als
sechszehn verschiedene Szepter und eine groe Auswahl von Wrden
und Titeln. Da giebt es Wrden und Titel fr die Erblichkeit, die
Adoption, den Favoritismus, das Vestalat u.s.w. Alle diese Szepter,
Wrden, Titel, Grade, erffnen sich Jedem. Kennt der Monarch in
der Zivilisation nur den legitimen Erben, in der Harmonie wird er
auch das Recht der Adoption haben, eine Freiheit, deren er bei uns
beraubt ist und ihm nicht selten den Lebensabend verbittert. Auch
kann der Souvern wie die Souvernin, um der Erblichkeit zu
gengen, sich eine Zeugerin oder einen Zeuger whlen; ferner jeder
Monarch kann Nachfolger bestimmen, welchen er nur bestimmte
Funktionen, also einen Theil seiner Regierungsgewalt bertrgt. Die
Harmonisten knnen alle neu gegrndeten Throne durch Wahl aus ihrer
Mitte besetzen, dagegen knnen die erblichen Throninhaber und
Throninhaberinnen ihre vollen oder Theilnachfolger, wie ihre
eigenen Gatten und Gattinnen nach Wahl sich aussuchen. Welche
Aussichten erffnen sich da fr Vter und Mtter, fr junge Mnner
und junge Mdchen! Und welcher Ausblick fr schne, liebenswrdige
Frauen, deren Aussichten, einen Thron zu erobern, in unserer
Zivilisation so geringe sind. Welche Mittel immer sie in Anwendung
bringen, ein gestecktes Ziel zu erreichen: Unschuld, Talent,
Schnheit, Liebenswrdigkeit, Geflligkeit, alles ist ihnen
erlaubt, sie schaden Niemand damit. Welch mchtige Mittel, das Volk
an die Groen zum Anschlu zu bringen und alle Quellen des Hasses,
der Feindseligkeit, der Migunst zu verstopfen.

Zu diesen Anziehungs- und Ausshnungsmitteln zwischen Hoch und
Niedrig kommt in der Phalanx auch noch das Mittel der Vaterschaft,
ein Thema, das etwas schwierig zu behandeln ist, weshalb es sich
empfiehlt, die Thatsachen statt der Prinzipien sprechen zu lassen.
Man vergesse nicht, da in Folge der vernnftigen und naturgemen
Lebensweise der Harmonisten auch die Langlebigkeit in der Phalanx
herrscht; unter je zwlf Personen giebt es _mindestens_ eine,
welche ein Alter von 150 Jahren erreicht. Nehmen wir des Beispiels
halber Einen dieser Aeltesten. Ithuriel, ein sehr reicher Mann, der
150 Jahre zhlt, sieht auf sieben Generationen herab. Er hat 120
direkte Nachkommen, welche er in seinem Testament zu bedenken
gewillt ist. Die nchsten Nachkommen, ein Sohn und eine Tochter,
welche schon reich sind, bedenkt er nur mit einem kleinen Theil
seines Vermgens, die nchstfolgenden bedenkt er etwas mehr. Er
giebt aber auch der sechsten und siebenten Generation erhebliche
Antheile, damit sie nicht in Versuchung kommen, den Tod lterer
Verwandten zu wnschen. Er verbraucht fr diese Vermchtnisse die
Hlfte seines Vermgens. Die anderen beiden Viertel legirt er
dergestalt, da ein Viertel auf hundert Adoptirte kommt, das andere
Viertel an hundert Freunde und Seitenverwandte fllt, darunter
seine Frauen, die selbst reich sind und keiner greren Erbschaften
bedrfen. Diese einzige Erbschaft umfat also direkt und indirekt
einen groen Theil der Mitglieder der Phalanx. Da viele Frauen und
Mnner in der gleichen Lage wie Ithuriel sind, werden sie in
hnlicher Weise testiren und es geht schlielich Niemand leer aus.

Da kommt die Moral und predigt, wir sollten uns Alle als eine
Familie von Brdern und Schwestern betrachten. Leeres Geschwtz.
Kann Lazarus, ein armer junger Mann, den reichen Patriarchen
Ithuriel als seinen Bruder betrachten? Wenn er in der Zivilisation
auf ihn spekuliren wollte, bekme er nichts. Aber in der Phalanx
ist er vielleicht einer seiner entfernten Nachkommen, oder ein
Seitenverwandter, oder einer der Adoptirten; sicher braucht er sich
nicht wie sein Namensvetter in der Bibel mit den Brosamen zu
begngen, die von der Reichen Tische fielen. Es giebt in der
Phalanx fr ihn eine Menge Gelegenheiten, zu Ansehen und
Beliebtheit und damit unzweifelhaft auch zu Wohlhabenheit zu
kommen. Schlielich ist in der Phalanx, wo die Arbeit Jedem sein
Wohlsein garantirt, Niemand auf die Erbschaftslungerei angewiesen,
wie dies in der Zivilisation so gewhnlich ist, wo der Tod des
Erblassers nicht erwartet werden kann. Und andererseits, wie darf
ein Vater in der Zivilisation es wagen, auch den Gefhlen der
Philanthropie und der Freundschaft Rechnung zu tragen, ohne das
Mifallen und selbst die Erbitterung seiner direkten Nachkommen zu
erregen?

In der sozietren Ordnung wird also auch die Frage gelst, wie
kann zwischen Testator und Erben ein Verhltni hervorgerufen
werden, das die Zuneigung der Erben dem Erblasser erhlt, sie
veranlat, ihm die Verlngerung des Lebens zu wnschen, dessen Ende
heute in den meisten Fllen ungeduldig erwartet wird.

       *       *       *       *       *

Alle Schriftsteller, alte wie neuere, die sich bisher eingehend mit
den sozialen Fragen beschftigten, konnten nicht umhin, auch die
Bevlkerungsfrage in den Kreis ihrer Errterungen zu ziehen, so
auch Fourier. Fourier mute dies um so mehr, als er einen in's
kleinste Detail ausgearbeiteten Organisationsplan fr die ganze
Erde entwarf, eine Organisation, welche die Grundlage fr alle
weitere Entwicklung der Menschheit bilden sollte. Wer so fr die
Zukunft sorgt, mu auch die Bevlkerungsfrage seiner Prfung
unterziehen und eine Lsung fr sie finden. Wie in allen brigen
Fragen, so geht auch hier Fourier seinen eigenen Weg. Seine
Ansichten sind um so interessanter, als in der Zeit seines ersten
schriftstellerischen Auftretens die Schrift von Malthus ber die
Bevlkerungstheorie bereits erschienen war und pro und kontra in
den interessirten Kreisen lebhaft errtert wurde. Malthus stellte,
sich anlehnend an ltere Schriftsteller, bekanntlich die Theorie
auf, da die Menschheit die Tendenz habe, sich in geometrischer
Progression, also in dem Zahlenverhltni 1, 2, 4, 8, 16, 32 u.s.w.
zu vermehren, dagegen die Nahrungsmittel die Tendenz htten, sich
in arithmetischer Progression zu vermehren 1, 2, 3, 4, 5 u.s.w.
Aus diesen beiden sich widersprechenden Tendenzen folge, da in
kurzer Zeit -- Malthus setzte einen Zeitraum von 25 Jahren voraus,
die gengten, um die Verdoppelung der Menschenzahl herbeizufhren
-- die Erde so bervlkert sei, da die Menschen an Nahrungsmangel
zu Grunde gehen mten. Malthus betrachtete es als gttliche
Bestimmung, da Alle, die am Gastmahl des Lebens keinen Platz
fnden, zu verhungern htten; das sei der natrliche Lauf der
Entwicklung, so nur werde Raum fr die Nachkommenden geschaffen.
Diese brutale Theorie, welche der herrschenden Klasse das Gewissen
erleichterte, fand bei dem Einen ebenso lebhaften Anklang, als bei
dem Andern Widerspruch. Man wandte ein, da die Erfahrung die
Theorie nicht rechtfertige, weder habe die Bevlkerungszahl in dem
angegebenen Mastab bisher sich vermehrt, noch sei nachzuweisen,
da die Vermehrung der Nahrungsmittel in den gezogenen Grenzen sich
bewege. Trete berhaupt einmal Uebervlkerung ein, dann geschehe es
in einer fr die jetzigen und die nachfolgenden Generationen so
fernen Zeit, da die Frage jedes akute Interesse verliere. U.s.w.

Fourier fat die Frage an einem anderen Ende an. Zunchst wirft er
den Politikern und Oekonomen vor, da sie durch ihre Inkonsequenzen
und Unbesonnenheiten berhaupt bershen, das Verhltni der
Bevlkerung als Konsumenten zu der Zahl der vorhandenen produktiven
Krfte nher zu bestimmen, da es darauf vor Allem ankomme. Er
huldigt also dem Grundsatz, steigende Produktivkrfte schaffen
steigendes Produkt, beides steht im Verhltni zueinander.
Vergebens werde die Zivilisation Mittel zu entdecken suchen, eine
vier- selbst hundertfache Vermehrung des Produkts zu erzielen, wenn
die Menschen verurtheilt seien, sich unter dem bisherigen sozialen
Zustand zu vermehren, der in Folge unkonomischer Verwendung die
Gesellschaft zwinge, bestndig das drei- und vierfache Produkt
aufzuhufen, um das gewohnte graduirte Auskommen der verschiedenen
Klassen zu ermglichen.

Zu allen Zeiten sei in der Zivilisation die Ausgleichung der
Bevlkerung im Verhltni zu den Nahrungsmitteln eine der Klippen
der Politik gewesen. Schon die Alten, die ringsum sich so viel
unkultivirte Regionen liegen sahen, die der Kolonisirung fhig
waren, htten gegen die Uebervlkerung kein anderes Mittel als
Aussetzung, Kindestdtung, Erwrgung der berschssigen Sklaven
gehabt.

Darin zeichneten sich die tugendhaften Spartaner besonders aus.
Die rmischen Brger, die so stolz auf den Namen freier Mnner,
aber weit entfernt waren, gerechte Mnner zu sein, vergngten sich,
ihre Sklaven in den Kampfspielen zu Grunde gehen zu sehen ...
Neuerdings haben sich Stewart, Wallace und Malthus ber die Frage
ausgelassen. Stewart stellt die Frage, woher man auf einer Insel
die Lebensmittel nehmen wolle, wenn die Bevlkerung von 1000 auf
10.000 oder gar 20.000 sich vermehre, whrend die Insel gut
kultivirt nur fr 1000 Nahrung habe. Darauf hat man geantwortet:
man msse alsdann den Ueberschu fortsenden und anderwrts weiter
kolonisiren. Damit ist aber die Frage umgangen. Wie dann, wenn der
ganze Globus so bevlkert ist, da fr den Ueberschu nichts mehr
zu kolonisiren brig bleibt? Man antwortete, und darin stimmen auch
die Owenisten ein, da die Erde noch nicht bervlkert sei und es
noch wenigstens 300 Jahre dauere, ehe dieser Zeitpunkt komme. Das
ist ein Irrthum, denn schon nach 150 Jahren ist die Erde
bervlkert. Auf alle Flle ist nach 150 oder 300 Jahren die Frage
brennend und nicht gelst, wenn man bei den jetzigen Anschauungen
und Mitteln bleibt. Nun, die sozietre Ordnung hat sehr wirksame
Mittel, die Uebervlkerung zu verhten und sie auf dem rechten
Stande zu erhalten. Es sind ungefhr fnf Milliarden, die
auskmmlich existiren knnen, wenn der ganze Erdboden mit Phalanxen
bedeckt ist und die von mir vorausgesehenen klimatischen
Verbesserungen eintreten, im anderen Falle ernhrt er nur drei
Milliarden.

Im sozietren Zustand stellt die Natur der exzessiven Vermehrung
der Bevlkerung vier wirksame Dmme entgegen: 1. die grere Kraft
und Krperentwicklung der Frauen; 2. die ppige Lebensweise; 3. die
phanegoramischen Sitten; 4. die gleichmige krperliche Uebung
aller Krfte. Was die groe Krperentwicklung bewirkt, das sehen
wir bei den starken Frauen in unseren Stdten; auf vier Frauen, die
berhaupt unfruchtbar sind, kommen drei robuste, wohingegen die
zarten Frauen von der grten Fruchtbarkeit sind. Man antwortet,
da die Frauen auf dem Lande meist robust und doch fruchtbar seien.
Das ist richtig, aber das ist nur ein Beweis mehr, da alle vier
Mittel kombinirt angewendet und miteinander verkettet werden
mssen. Die Frauen auf dem Lande sind fruchtbar, weil sie mig
leben und eine grobe, hauptschlich vegetabilische Nahrung zu sich
nehmen. Die Stdterinnen leben ppiger und raffinirter und daher
kommt ihre grere Unfruchtbarkeit. Verbindet sich nun in der
Harmonie die krperliche Kraftentwicklung der Frauen mit ppiger
Lebensweise und Nahrung, so wird man zwei wirksame Mittel, die der
Fruchtbarkeit entgegenwirken, verbunden haben.

Zu den phanegoramischen Mitteln bergehend, lt Fourier aus
naheliegenden Grnden eine Lcke. Das vierte Mittel, die
gleichmige krperliche Uebung, werde durch den hufigen Wechsel
der Beschftigungen und die kurzen Arbeitssitzungen in hohem Mae
bewirkt. Man habe nie beobachtet, wie auf Pubertt und
Fruchtbarkeit krperliche Uebungen einwirkten. Dies sei frappant.
Daher erlangten unsere Drflerinnen spter die Geschlechtsreife als
die Stdterinnen oder die reichen Landbewohnerinnen. Die
Fruchtbarkeit sei den Einflssen krperlicher Uebungen gleichfalls
unterworfen. Seien die krperlichen Uebungen gleichmig und wrden
sie abwechselnd und proportionell auf alle Theile des Krpers
angewandt, so sei kein Zweifel, da die Geschlechtsorgane sich
spter entwickelten. Das sehe man berall, wo die Erziehung
vorzugsweise auf die geistige und wo sie hauptschlich auf die
krperliche Entwicklung gerichtet werde. Kinder von hoher Geburt
bten den Geist mehr als den Krper, daraus resultire, da ihre
geschlechtlichen Eigenschaften mchtig angefeuert wrden und
frhzeitig sexuelle Eruptionen vorzeitige Geschlechtsreife
erzeugten.

In der Harmonie werde das Gegentheil eintreten. Die Harmonisten
wrden noch spter als die heutigen Landbewohner ihre
Geschlechtsreife erlangen, weil die fortgesetzten und abwechselnden
krperlichen Uebungen alle Glieder in Anspruch nhmen, lange Zeit
die Lebenssfte absorbirten; sie wrden also den Augenblick
verzgern, wo in Folge ermangelnder Absorption der Ueberschu der
Sfte unvermuthet die Pubertt vor dem von der Natur gewollten
Zeitpunkt herbeifhre. Ebenso wrden die gleichmig gehandhabten
gymnastischen Uebungen bei den Frauen die Fruchtbarkeit hemmen und
zwar in solchem Mae, da eine Frau, welche die Empfngni wnsche,
sich nun umgekehrt durch Enthaltung krperlicher Uebungen und
grerer industrieller Anstrengungen auf diesen Zustand vorbereiten
msse. Die allzugroe krperliche Ruhe in der Lebensweise der
heutigen Stdterinnen sei es hauptschlich, welche den
Geschlechtstrieb und die Empfnglichkeit steigerten, es fehle das
Gegengewicht der krperlichen Anstrengungen und Uebungen.

Wende man also die vier bezeichneten Mittel in Verbindung
miteinander an, so wrden die Chancen der Fruchtbarkeit im
Gegensatz zu heute sich wenden und es sei statt eines Ueberschusses
eher ein Defizit in der Bevlkerungsentwicklung zu frchten, man
werde mithin die Mittel anwenden, wie die Umstnde sie erforderten.
Man sei also in der Harmonie im Stande, ein Gleichgewicht zwischen
der Menge der Lebensmittel und der Menschenzahl herbeizufhren. Der
vernnftige Mann habe nur so viel Kinder, da er ihnen das nthige
Vermgen sichern knne, ohne welches es kein Glck gebe, nur der
unvernnftige setze die Kinder zu Dutzenden in die Welt, sich
entschuldigend wie jener Schah von Persien: Gott schickt sie und
es kann nie zu viel rechtschaffene Menschen geben. Der soziale
Mensch sinke auf die Stufe der Insekten, wenn er ameisenartig
Kinder zeuge, die schlielich in Folge ihrer Ueberzahl genthigt
seien, sich gegenseitig aufzuzehren. Wenn sie dies nicht
buchstblich wie die Insekten, Fische, wilden Thiere machten, so
zehrten sie sich politisch auf, durch Rubereien, Kriege und
Perfidien aller Art in der besten der Welten. Unter der
Zivilisation werde ein Land, wie bevlkert es auch sei, nie dazu
gelangen, es wahrhaft zu kultiviren, das zeige sich an Frankreich,
dessen Boden zu einem Drittel brach liege, an Irland, das zwar
nicht das bevlkertste Land, dessen Bevlkerung aber die rmste und
verkommenste in Europa sei, trotzdem fruchtbares Land in Hlle und
Flle vorhanden sei.

So zeige sich berall, da das Gleichgewicht auf umfassender
Entwicklung und nicht auf Erstickung begrndet sein msse, da alle
Neigungen wie der Hang nach Reichthum, nach Befriedigung des
Ehrgeizes, Herrschaftsgelste, Habsucht, Gier nach Erbschaft,
Verlangen nach Befriedigung der Liebesbedrfnisse und was sonst
noch die Zivilisation Alles als Fehler und Uebel ansehe, welche die
Natur des Menschen erzeuge, ohne sie befriedigen zu knnen, in der
Harmonie eben so viel Wege der Tugend und des allgemeinen Glckes
wrden. Das genge wohl, um die sogenannten starken Geister, die
stets behaupteten, da die Bewegung und die Triebe nur Wirkungen
des Zufalls seien, die man beliebig modeln und unterdrcken knne,
und die den Glauben erweckten, als bedrfe Gott der Unterweisungen
eines Plato und Seneka, um zu wissen, wie er die Welten zu schaffen
und die Triebe in Harmonie zu leiten habe, zu verwirren.

Unzweifelhaft liegt der Idee Fourier's in Bezug auf das
Bevlkerungsgesetz eine groartige und fruchtbare Auffassung zu
Grunde. Er erklrt mit vollem Recht, da die Zivilisation, in
unserer Sprache ausgedrckt die brgerliche Gesellschaft, wie sie
berhaupt unfhig ist, die sozialen Gegenstze aufzuheben, auch
unfhig ist, die Bevlkerungsfrage zu lsen. Das zeigt sich nicht
nur an dem auch von Fourier angefhrten klassischen Beispiel, an
Irland, dessen Bevlkerung in demselben Mae rmer wird, als sie an
Zahl im Lande abnimmt, whrend die Zahl der unter den Pflug
genommenen Acker Landes und die Hupterzahl der Viehherden wchst;
wir sehen ganz Aehnliches gegenwrtig auch in Ungarn und in Ruland
sich vollziehen, wo die brgerliche Raubwirthschaft an Grund und
Boden die Massenverarmung, die steigende Verschuldung und die
Verminderung der ackerbautreibenden Bevlkerung, verbunden mit
Massenbankerotten im Gefolge hat. Und geht die Entwicklung in der
gegenwrtigen Richtung noch einige Jahrzehnte weiter, so werden die
Vereinigten Staaten, Ostindien und Neuholland dasselbe Bild uns
bieten. Die Raubwirthschaft an Grund und Boden begnstigt die
treibhausmige Entwicklung der Industrie und des Verkehrs, und so
erzeugt, wie Fourier vollkommen richtig und seiner Zeit weit
vorauseilend ausfhrte, _die Zivilisation die Armuth aus dem
Ueberflu_, und macht jedes Uebel und jedes Laster, das die
Barbarei nur auf einfache Weise ausbt, zu einem doppelseitigen,
sie geht an ihrem cercle vicieux, an ihren inneren Widersprchen
zu Grunde. Was Fourier vorausahnend in Bezug auf das
Bevlkerungsgesetz zu begrnden versuchte, hat Karl Marx positiv in
den Satz formulirt: da jede konomische Entwicklungsperiode auch
ihr besonderes, ihr eigenthmliches Bevlkerungsgesetz hat.

In der That wird Niemand, der die gesellschaftliche Entwicklung in
ihren verschiedenen Entwicklungsphasen einigermaen verfolgte --
Wildheit, Barbarei, Patriarchat, Zivilisation, und hier wieder
antiker, feudaler, brgerlicher Staat -- bestreiten knnen, da die
jeweilige Entwicklung der Eigenthumsformen, der materiellen
Lebensbedingungen der Gesellschaft, auch in jeder Periode
entsprechende Bevlkerungszustnde schaffte. So wird auch eine
sozialistische Gesellschaft mit von Grund aus vernderter
materieller Lage fr die Gesammtheit und mit ihren Vernderungen in
den Beziehungen der Geschlechter ein von der brgerlichen
Gesellschaft abweichendes Bevlkerungsgesetz fr ihre Entwicklung
haben. Der Unterschied wird hauptschlich sein, da, whrend bisher
alle Gesellschaftsordnungen sich ihre Lebensbedingungen schufen,
ihrer eignen treibenden Gesetze unbewut, aber auch die Bedingungen
ihres Untergangs unbewut erzeugten, eine sozialistische
Gesellschaft sowohl ihr Entwicklungsgesetz wie ihr
Bevlkerungsgesetz erkennt und beide bewut anwenden wird; sie wird
sich ber ihre eigene Zukunft ebensowenig wie ber den einstmaligen
Untergang des Menschengeschlechts tuschen.

       *       *       *       *       *

Nach Fourier's Auffassung ist die Welt einheitlich organisirt,
Alles verbunden und in Beziehungen zu einander. Der Schpfer dieser
Welt ist Gott, aber der eigentliche Mittelpunkt derselben ist der
Mensch. Zwischen Gott und dem Menschen bestehen die innigsten
Wechselbeziehungen, und will der Mensch das Glck, das seine
Bestimmung ist, erreichen, mu er Gott als den obersten Leiter der
Welt anerkennen. Diese Erkenntni hat man aber von Alters her zu
verhindern gesucht. Man hatte sich gewhnt, die Welt mit 35.000
Gttern zu bevlkern, statt den einen Gott anzuerkennen. Das war
eine himmlische Maskerade, unter welcher es schwierig war, die
wahren Absichten Gottes zu entschleiern. Selbst Sokrates und Cicero
beschrnkten sich darauf, sich in ihrem Jahrhundert von diesen
Gttersottisen zu isoliren und den unbekannten Gott zu
verherrlichen, ohne weitere Untersuchungen anzustellen, die dem
Geist der Zeit entgegen waren. Sokrates ward ein Opfer seiner
Bekenntnisse.

Heute, nachdem der Christianismus uns zu gesunden Ideen wieder
zurckgefhrt, zu dem Glauben an einen einzigen Gott, seien jene
Superstitionen zerstrt. Die menschliche Vernunft msse anerkennen,
da alle Erleuchtung von Gott komme, sie msse sich seinem Geist
unterwerfen, und also bleibe nur brig zu bestimmen, welch
wesentliche Charaktereigenschaften, Attribute, Ansichten und
Methoden Gott in Bezug auf die Harmonie des Weltalls habe.

Die Antwort auf die Frage Feuerbach's: Wer hat Gott geschaffen?,
Antwort: der Mensch, trifft schlagend hier bei Fourier zu, der
sich seinen Gott konstruirt, wie er ihn fr sein soziales System
braucht.

Dieser sein Gott hat fnf wesentliche Eigenschaften, die ihn zu der
ihm zugedachten Stelle befhigen. Er ist alleiniger und
vollkommener Leiter aller Bewegung im Weltall; denn, sagt Fourier,
wenn Gott, dieser oberste Leiter, der alleinige Herr des
Universums, der Schpfer und Vertheiler von und fr Alles ist, so
hat er auch alle Theile des Weltalls zu lenken und besonders die
_wichtigsten_, die sozialen Beziehungen. Also ist er der soziale
Gesetzgeber und nicht die Menschen. Letztere haben nur das soziale
Gesetz zu suchen, das Gott ihnen bestimmte. Da erhebe nun die
Philosophie ihr Geschrei und setze sich, d.h. also die menschliche
Vernunft, an die erste, und Gott an die zweite Stelle. Das bedeute,
da sie Gott von der Prrogative der Gesetzgebung in Sachen der
sozialen Ordnung ausschliee und sich an seine Stelle setze. Wem
leuchte nicht diese Anmaung ein? Eine zweite Haupteigenschaft
Gottes sei, oberster Oekonom aller Hlfsmittel zu sein. Diese
Stellung erfordere, da er die grten sozietren Vereinigungen den
kleinsten, wie der Familie und der isolirten Privatwirthschaft
vorziehe, da er ferner als Motor die Anziehung der Triebe anwende,
welche zwlf groe Ersparungen im Vergleich zu dem Regime der
Einschrnkung und des Zwangs, wie es die Zivilisation besitze,
ermgliche. Diese zwlf Ersparungen zhlt er auf. Die dritte
Haupteigenschaft Gottes bilde die distributive Gerechtigkeit. Davon
sehe man nicht einmal einen Schatten in der Zivilisation, _wo das
Elend der Vlker in demselben Mae wachse, wie die Industrie
zunehme_. Das erste Zeichen von Gerechtigkeit in der Zivilisation
solle ein dem Volk garantirtes Minimum des Lebensunterhaltes sein.
Aber statt dessen sehe man das Gegentheil. Der Handelsgeist fhre
dahin, die heie Zone mit ihren den Heimathlndern entrissenen
schwarzen Sklaven, die gemigte Zone mit weien Sklaven zu
bedecken, die man in die industriellen Bagnos (die Fabriken)
zwinge. Wo sei auch nur ein Funke von Gerechtigkeit vorhanden, wenn
trotz des Wachsthums der Industrie den Armen nicht einmal die
Mglichkeit, Arbeit zu erhalten, garantirt sei? Wo diese Zustnde
hintrieben, sehe man an England. Die distributive Gerechtigkeit,
die Gott wolle, gebe es nur in der Harmonie.

Die vierte Haupteigenschaft Gottes sei die Allgemeinheit der
Vorsehung. Sie msse sich auf alle Vlker, Wilde wie Zivilisirte,
ausdehnen. Da nun die Annahme unserer sozialen Ordnung von Wilden
und Barbaren verweigert werde, so sei dies ein Beweis, da diese
Ordnung nicht den Ansichten Gottes entspreche, welcher ein System
wolle, das die Harmonie unter allen Menschen herstelle. Jede
Ordnung aber, die auf Gewalt beruhe, widerspreche der menschlichen
Natur. Jede Klasse, die wie die Sklaven, durch das heutige System
direkt, oder wie die Arbeiter indirekt unterdrckt wrde, sei der
Sttze der Vorsehung beraubt, die auf der Erde durch die Anziehung
der Triebe in den industriellen Anwendungen allein zur Geltung
komme. Jeder Zustand, der auf der Gewalt beruhe, sei den Ansichten
Gottes entgegen, es msse also eine soziale Ordnung hergestellt
werden, vor der alle Vlker und alle Klassen sich neigten, wenn die
Vorsehung universell sein solle. Endlich, die fnfte
Haupteigenschaft Gottes sei, als Schpfer des Weltalls auch die
Einheitlichkeit des Systems zu wollen, welche die Anwendung der
Anziehung als Triebfeder fr alle sozialen Harmonien und alle
Welten voraussetze, von den Sternen bis zu den Insekten. Es sei
also das Studium der Anziehung, in dem man das gttliche, das ganze
All beherrschende Gesetz zu suchen habe. Weder Voltaire noch
Rousseau seien im Stande gewesen, dieses soziale Gesetz zu
entdecken; Voltaire habe in Gasconaden (prahlerischen Redensarten)
sich ergangen, Rousseau habe dem philosophischen Obskurantismus die
Wege gebahnt, Beide htten das Ziel verfehlt.

Fourier greift also direkt die beiden Heiligen der franzsischen
Bourgeoisie an: Voltaire, der die Macht des Klerus und der Kirche
wie kein Zweiter untergrub und erschtterte, und Rousseau, der das
sozial-philosophische Lehrgebude errichtete, dessen Theorien das
franzsische Brgerthum in der groen Revolution in die Praxis
umzusetzen versuchte und, soweit auch wirklich umsetzte, als dies
die Praxis des Lebens, d.h. die materiellen Interessen der nunmehr
in Staat und Gesellschaft zur Herrschaft gekommenen Klasse
zulieen. In der Selbsttuschung befangen, nagelte man als
Firmenschild die Devise: Freiheit, Gleichheit, Brderlichkeit an,
jene Devise, die in so grellem Kontrast zur Wirklichkeit stand und
deren unbegreiflicher Widerspruch mit den Thatsachen die Kmpfe in
der Konstituante und im Konvent hervorriefen, die
Schreckensherrschaft der Tugendhaftesten, der blindesten Verehrer
Jean Jacques Rousseau's, der Robespierre, St. Just und Genossen
gebaren und schlielich mit der Diktatur eines Napoleon Bonaparte
endeten und enden muten. Diesen Widerspruch zwischen den Theorien
und der Praxis hatte Fourier so scharf wie nur noch Einer, St.
Simon, erkannt und daher seine Angriffe und sein tzender Spott
gegen die Philosophen, die Moralisten, die Metaphysiker, die
Politiker und Oekonomen, die geistigen Trger und Lobredner, die
Ideologen des brgerlichen Systems.

Wie nun Fourier das Bedrfni empfand, sein soziales System als mit
den Absichten Gottes in Einklang stehend darzustellen, sich selbst
als den Propheten der neuen von Gott gewollten Ordnung anzusehen,
so versuchte er auch den Nachweis, da seine Theorien mit der Lehre
Jesu, den Schriften des Neuen Testaments im Einklang stnden. Nach
der Revolution war man in Frankreich wieder sehr fromm geworden,
Napoleon hatte sich schlielich mit dem Papstthum ausgeshnt und es
als Vorspann fr seine Kaiserherrlichkeit zu benutzen versucht. Der
Weizen der Kirche blhte erst recht, als nach dem Sturze
Bonaparte's die Restauration, gesttzt auf die Bajonette der
heiligen Allianz, in Frankreich ihren Einzug hielt. Es konnte also
die Berufung auf die Aussprche Christi unter keinen Umstnden
schaden, namentlich wenn man, wie Fourier, entschlossen war, die
Untersttzung fr sein soziales System zu nehmen, wo man sie fand,
und die er, wenn berhaupt, nur in den Kreisen der Groen und
Reichen finden konnte. Er war daher sehr rgerlich und sogar
berrascht -- letzteres ein Beweis dafr, da Ueberzeugung und
nicht blos Berechnung im Spiele war -- als er erfuhr, da der Papst
seine Werke gleich denen von Owen und Lamartine auf den Index
gesetzt habe. Er, der scharfsinnige Denker, konnte nicht fassen,
da der Gott, dem er huldigte, der Schtzer und Begnstiger aller
sinnlichen Triebe, dessen Kredo lautete: Mensch geniee, und je
mehr du genieest, um so besser entsprichst du dir selbst als
Mensch, deiner menschlichen Bestimmung und Gott als deinem
Schpfer, wir sagen, er konnte nicht fassen, da dieser Gott ein
ganz anderer Gott war, als jener der christlichen Askese, der die
Verachtung des Reichthums, der irdischen Gter, der fleischlichen
Gensse und Begierden, kurz die Verachtung der Welt predigte.
Fourier legte ein besonderes Gewicht darauf, wie er in seinen
Schriften nachdrcklich und wiederholt hervorhebt, in Sachen der
Wissenschaft mit Newton, in Sachen seiner sozialen Theorien mit
Christus bereinzustimmen. Indem er sich auf die Aussprche Jesu im
Neuen Testamente sttzt, bricht um so heftiger sein Zorn gegen die
Philosophen los, die, wie er voraussetzt, aus niedrigen,
egoistischen Motiven und verletzter Eitelkeit ihn bekmpfen, da
er, der Mann ohne Rang und Namen, der keine wissenschaftlichen
Schulstudien absolvirt, eine Entdeckung gemacht habe, die bestimmt
sei, das Schicksal des Menschengeschlechts und das Aussehen des
Erdballs zu verndern.

Wie er die Aussprche Jesu zu seinen Gunsten und zugleich zu
Angriffen auf seine ihm verhatesten Gegner zu verwenden sucht,
dafr mgen die folgenden Beispiele zeugen:

'Glcklich die Armen am Geist, denn das himmlische Knigreich ist
ihnen.' Kein Gleichni ist bekannter, keins weniger begriffen. Wer
sind die Armen am Geiste, die Christus hier rhmt? Es sind
Diejenigen, die sich vor dem falschen Wissen der zweifelhaften
Philosophie bewahren. Dieses falsche Wissen ist fr das Genie die
Klippe, der Weg zum Ruin, der es von dem rechten Wege, der zu allen
ntzlichen Studien fhrt, aus denen die sozietre Harmonie, das
himmlische Knigreich und die Gerechtigkeit, die Jesus zu suchen
befiehlt, hervorgehen, ablenkt. Vor dem Mibrauch unseres Geistes,
vor dem Labyrinth dieser durch ihre eigenen Autoren verurtheilten
Philosophie, die wie Voltaire zu ihrer eigenen Schmach sagen: Oh!
welch dicke Finsterni bedeckt noch die Natur! mu man uns
schtzen. Die wahre Erleuchtung bringt Jesus. Die Entdeckung des
sozietren Mechanismus und des Studiums der Anziehung ist den
geraden Geistern vorbehalten, welche die Sophismen verabscheuen.
Sagt doch Jesus (Matth. XI, 25): 'Ich preise Dich Vater und Herr
des Himmels und der Erde, da Du solches den Weisen und Klugen
verborgen hast, und hast es den Unmndigen geoffenbaret.' Die
Erkenntni ist also den einfachen Geistern bewahrt, die Philosophen
knnen sie nicht entdecken. Indem Jesus von den Armen am Geiste
spricht, will er der Unwissenheit kein Lob zollen, wie die Sptter
ihm unterschieben, er bezeugt damit nur seine Verachtung fr die
hartnckig gepredigten wissenschaftlichen Dunkelheiten.

Die soziale Welt kann das Geheimni der Bestimmungen nur erfassen,
wenn sie darauf hin ihre Untersuchungen macht, aber die Erkenntni
wird ihr vorenthalten sein, so lange sie nicht sucht. Das sagt
Jesus deutlich, indem er spricht (St. Luc. XI): 'Suchet, so werdet
ihr finden, klopfet an, so wird euch aufgethan' und (St. Luc. XII):
'Glaubt ihr, da Gott fr euch weniger als fr die Vgel unter dem
Himmel sorgt?' Was wrde das Suchen ntzen, wenn man keinen anderen
Ausgang fnde, als die Zivilisation, diesen Abgrund von Elend, der
immer dieselben Geieln, nur unter wechselnden Formen, erzeugt?
Zweifellos bleibt also eine glcklichere Gesellschaft zu entdecken
brig, wenn der Retter uns selbst zum Suchen auffordert. Aber warum
hat er nicht selbst uns ber diese aufgeklrt? Kannte er nach
seinen eigenen Worten, Vergangenheit und Zukunft, das Ganze der
Bestimmungen, indem er sagt: 'Mein Vater hat alles in meine Hnde
gegeben', konnte er uns da nicht ber unsere sozietre Bestimmung
belehren, anstatt uns zu veranlassen, die Entdeckung zu machen, die
dann durch unser blindes Vertrauen in die Philosophen so viele
Jahrhunderte verzgert wurde? Fourier, der diese Fragen stellt,
ist natrlich um die Antwort nicht verlegen, er antwortet: Da
Jesus von seinem Vater mit der religisen Offenbarung beauftragt
war, konnte er nicht noch mit der sozialen belastet werden, sie war
vielmehr ausdrcklich ausgenommen, wie er selbst in den Worten
ausspricht: 'Gebt Csar, was des Csars ist, und Gott, was Gottes
ist.' Er trennte also die Funktionen streng, je nachdem sie der
Autoritt oder der sozialen Politik zufielen. Er that also nicht,
was nicht seine Aufgabe war, aber er kannte die glckliche
Bestimmung des Menschengeschlechts, denn er sagt: 'Gott hat seinen
Sohn nicht in die Welt gesandt, da er die Welt richte, sondern da
die Welt durch ihn selig werde.' Seine Mission beschrnkte sich auf
das Wohl der Seelen und das ist der edelste Theil unserer
Bestimmung, dagegen bleibt der untergeordnete Theil, der ber das
politische Wohl der Gesellschaften, der menschlichen Vernunft
vorbehalten, und demzufolge auch die Untersuchung des sozialen
Mechanismus nach den Wnschen Gottes; ein Weg, welcher durch die
Berechnung der Anziehung entdeckt wurde.

Jesus liebt es, sich in Anspielungen auf unsere glckliche
Bestimmung zu ergehen und auf das, was uns bevorsteht; so sagt er
uns im Wesentlichen: Das Wohl der Seelen geht allem voran, was die
Krper, die weltlichen Gesellschaften betrifft, sie sind noch im
Abgrund der Ungerechtigkeit, genannt Zivilisation; lasset sie
darin; es ist eure Aufgabe, den Zankapfel unter sie zu tragen:
'Denn von nun an werden fnf in einem Hause uneins sein, drei wider
zwei und zwei wider drei. Es wird der Vater wider den Sohn und der
Sohn wider den Vater sein; die Mutter wider die Tochter und die
Tochter wider die Mutter etc.' Genthigt, auch den Ausgang aus
dieser sozialen Hlle zu verheimlichen, 'bin ich gekommen, ein
Feuer auf Erden anzuznden; was wollte ich lieber, denn es brennte
schon.' (St. Luc. XII.) Dieser Wunsch Jesu, da es schon brenne,
ist weit entfernt, ein belwollender zu sein, es spricht vielmehr
aus ihm die edle Ungeduld, das Ma der Irrthmer der Philosophie
gefllt zu sehen, jener Philosophie, die alle Uebel, die sie zu
heilen vorgiebt, verschlimmert und durch das blinde Vertrauen, das
wir in sie gesetzt, uns schmachvoll zwingt, den Ausgang aus dem
politischen Labyrinth, in das sie uns gefhrt, zu suchen. Darum
erhebt er auch mit Wrme gegen die Sophisten, die uns vom rechten
Studium abwenden wollen, seine Stimme, indem er sie verfluchend
sagt: 'Wehe euch Schriftgelehrten und Phariser, ihr Heuchler, da
ihr seid, wie die verdeckten Todtengrber, darber die Leute
laufen, und kennen sie nicht. Wehe euch Schriftgelehrten, die ihr
die Menschen mit unertrglichen Lasten beladet und rhret sie nicht
mit einem Finger an. Wehe euch, die ihr den Schlssel der
Erkenntni weggenommen habt; ihr kommt nicht hinein, und wehret
denen, so hinein wollen.' (St. Luc. XI.) Ja die Philosophen wehren
uns den Eintritt, indem sie sich bemhen, mit metaphysischen
Subtilitten das Studium des Menschen zu verbarrikadiren, das
einfachste Studium von allen, das nichts als eine von Vorurtheilen
freie Vernunft erfordert, vertrauend der Anziehung wie die Kinder.
Darum sagt auch Jesu: 'Lat die Kindlein zu mir kommen und wehret
ihnen nicht, denn ihrer ist das Reich Gottes.' Und: 'Wer das Reich
Gottes nicht empfngt wie ein Kindlein, der wird nicht
hineinkommen.'

Das grte Hinderni, da die Philosophen nicht den rechten Weg fr
ihre Studien einschlugen, sei ihr Egoismus, den sie unter der Maske
der Philanthropie versteckten, darum ruft ihnen Jesu mit Heftigkeit
zu: 'Ihr, die ihr bse seid von Jugend auf, knnt ihr sagen, da
ihr irgend etwas Gutes thatet?' Und: 'Wehe euch Schriftgelehrten
und Pharisern, ihr Heuchler, die ihr gleich seid bertnchten
Grbern, die auswendig hbsch scheinen, aber inwendig voller
Todtenbeine und Unflaths sind. Von auen scheint ihr den Menschen
fromm, aber inwendig seid ihr voller Heuchelei und Untugend.' Der
niedrigste Egoismus habe die Philosophie auch verhindert, dem Volke
das einfachste und natrlichste Recht, das Recht auf ein Minimum
des Lebensunterhalts, zuzusprechen, ein Minimum, das Christus den
Pharisern gegenber ausdrcklich in den Worten anerkannt habe:
'Habt ihr nie gelesen, was David that, da es ihm noth war, und ihn
hungerte, sammt denen, die bei ihm waren? Wie er in das Haus Gottes
ging, zur Zeit Obadja's, des Hohenpriesters, und a die Schaubrote,
die Niemand durfte essen, denn die Priester; und er gab sie auch
denen, die bei ihm waren?' _Jesus hat also damit das Recht, zu
nehmen, wo man das Nothwendige findet, geheiligt, und dieses Recht
schliet implizite die Pflicht ein, dem Volk ein Minimum zu
sichern_; so lange diese Pflicht nicht anerkannt wird, besteht fr
das Volk der soziale Vertrag nicht. Das ist das erste Gebot der
christlichen Liebe. Die Philosophie weigert sich hartnckig, dieses
Recht zu lehren, einfach, weil sie nicht wei, durch welche Mittel
sie es dem Volk verschaffen soll, das ist freilich auch unmglich,
so lange man nicht wei die Zivilisation zu einer hheren
Gesellschaftsordnung zu erheben.

Fourier sieht aber nicht blos sein System an und fr sich durch die
Aussprche Jesu als sicher in Aussicht gestellt, er findet sogar
einige seiner Haupttheorien durch sie gerechtfertigt, so die
Anerkennung der Gourmandise und die Nachsicht gegen die armen
Snderinnen, die unter der Herrschaft der Zivilisation ihrem
Liebes- und Lebenstrieb nur in der Form der Prostitution Rechnung
zu tragen vermgen. Er (Fourier) fhrt Folgendes an: Auf den
Vorwurf der Juden, die Jesu vorwerfen, gute Mahlzeiten zu lieben,
antwortete er: 'Johannes der Tufer ist gekommen und a kein Brot
und trank keinen Wein; da sagtet ihr: Er hat den Teufel. Des
Menschen Sohn ist gekommen, isset und trinket, da saget ihr: Siehe
der Mensch ist ein Fresser und Weinsufer, der Zllner und Snder
Freund.' Und er antwortet weiter: 'Die Weisheit wird gerechtfertigt
sein von allen ihren Kindern.' (St. Luc. VII.) Jesus beurtheilte
also die Weisheit als sehr vertrglich mit den Genssen. Und um dem
vorgefhrten Beispiel zu entsprechen, setzt er sich an die reich
bedeckte Tafel eines Pharisers, der ihn eingeladen hatte. Da kommt
eine Kourtisane, wscht ihm die Fe und salbt ihn mit
wohlriechender Salbe. Der Phariser hlt sich darber auf, da er
sich von einem solchen Weibe das gefallen lasse. Jesus aber
antwortete ihm: Ihr sind viele Snden vergeben, denn sie hat viel
geliebt; welchem aber wenig vergeben wird, der hat wenig geliebt.
Voll Mitleid fr das unterdrckte Geschlecht, verzeiht er der
Snderin und der Ehebrecherin Magdalena. Auch sagt er uns: Mein
Joch ist s und meine Last leicht.

Christus will also, da man weder Feind des Reichthums noch der
Vergngungen sei, er fordert nur, da man mit dem Genieen des
Guten den Glauben verbinde, weil es der Glaube ist, der uns zur
Entdeckung des sozietren Regimes, des himmlischen Knigreichs
fhrt, 'wo alle Gter im Ueberma vorhanden sein werden'. (St. Luc.
XII.) Den Reichthum tadelt er nur rcksichtlich der Laster, zu
denen er in der Zivilisation verfhrt, weshalb er sagt: Es ist
leichter, da ein Kameel durch ein Nadelhr geht, als da ein
Reicher in's Himmelreich kommt.'

Aus alledem gehe hervor, meint Fourier weiter, da man die Worte
Jesu erst dann richtig fassen knne, wenn man die Bestimmung der
Menschheit kenne, denn hierfr enthielten sie die verschleierten
Vorhersagungen. Wohl beachten mge man, was Jesus gegen die
Sophisten sage, wenn er diesen zurufe: Sehet euch vor, vor den
falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig
aber sind sie reiende Wlfe. An ihren Frchten sollt ihr sie
erkennen. Kann man Trauben lesen von den Dornen, oder Feigen von
den Disteln? (Matth. VII.) Man mte nach alledem fragen, wie es
komme, da die Kirche, die doch sehr bedeutende Mnner, wie
Bossuet, Fenelon und viele Andere gehabt habe, zu keinem Zweig des
Studiums der Anziehung gekommen sei; aber da heie es von ihr wie
im Kap. XXIII von Matth.: Sie sagen wohl, was man thun soll, aber
sie thun es nicht. Er greift dann auf's Neue die Philosophen,
namentlich Voltaire und Rousseau an, und wendet sich wiederholt
gegen Owen und seine Anhnger, jene Sektirer, die unter dem Namen
der Assoziation anti-sozietre Vereinigungen bildeten und die
Methoden, durch die allein die Uebereinstimmung der Triebe und die
Anziehung der Arbeit erzeugt werden knne, zurckwiesen. Auerdem,
was knne man von einer Sekte, wie die Owen'sche, erwarten, die
darauf ausgehe, Gott zu leugnen und ihm die Huldigung zu
verweigern? Owen habe es sorgfltig vermieden, seine Assoziation
auf der Grundlage des sozietren Regimes zu begrnden, das habe
seinen Stolz verwundet. Owen sei nur ein mittelmiger Sophist,
welcher G. Penn (den Grnder der Sekte der Quker) kopirt habe.
Darauf wendet sich Fourier gegen den Widerstand, den er mit seinen
Theorien in Paris gefunden. Es scheine, da das neunzehnte
Jahrhundert dasselbe Schauspiel bieten wolle, das die Zeitalter
eines Kolumbus und Galilei der Nachwelt geboten; allen voran gehe
Paris, in welchem der satanische Geist, der Geist des fnfzehnten
Jahrhunderts, noch heute herrsche. Paris sei das moderne Babylon
und von ihm gelte, was Jesu ber Jerusalem ausgerufen: Jerusalem!
Jerusalem! die du tdtest die Propheten und steinigst, die zu dir
gesandt wurden. Seine Gelehrten seien eine Legion von Eiferern,
die Jesu kennzeichnete, als er sagte: Wehe euch Schriftgelehrten
und Pharisern, ihr Heuchler, die ihr der Propheten Grber bauet,
und schmcket der Gerechten Grber. Und sprecht: Wren wir zu
unserer Vter Zeiten gewesen, so wollten wir nicht theilhaftig
sein, mit ihnen an der Propheten Blut. Was seien die
Unternehmungen der Zivilisirten? Nichts als Verfeinerungen der
Barbarei, indem man vermittelst der Reduktion der Lhne den Vlkern
die Eisen verniete, und durch Einschlieung der armen Klasse in die
modernen Bagnos, Manufakturen genannt, ihnen weder Wohlsein noch
Rckkehr gestatte. Diese merkantilen Bedrckungen seien durch Jesu
wie die Kirchenvter gengend gekennzeichnet. Chrisostomus erklre:
ein Kaufmann kann Gott nicht angenehm sein, und Christus habe sie
mit Ruthenhieben aus dem Tempel getrieben, ihnen zurufend: Ihr
habt mein Haus zu einer Diebshhle gemacht. Endlich sende die
Vorsehung einen Fhrer, welcher die schwachen Seiten der
merkantilen Hydra zu fassen wisse, und der, indem er das wahre und
allein heilbringende soziale System inaugurire, die Welt von dem
goldenen Kalb, dem wrdigen Ideal einer blinden Sekte, die Blinde
fhrt, befreie.

So wird also Fourier in seinen eigenen Augen zu einem von Gott
gesandten Erlser der Welt von den sozialen Uebeln, wie Christus,
seiner Lehre gem, der Erlser aus geistiger Knechtschaft war. Die
Utopisten und die Propheten rangiren in derselben Klasse, beide
glauben an die Unfehlbarkeit ihrer Lehren, d.h. also an ihre
eigene Unfehlbarkeit. Und dieser Glaube, der Berge versetzt,
macht die Ausdauer und die Hartnckigkeit begreiflich, womit sie
allen Hindernissen trotzen, allen Einwrfen begegnen, und wenn die
Umstnde es erfordern, freudig zum Mrtyrer ihrer Ueberzeugungen
werden. Indem Fourier die geistige Macht der herrschenden Klassen
auf's wuchtigste angriff, die erfahrungsgem und
selbstverstndlich sich auch mit seinem System nicht befreundet und
es bekmpft haben wrden, wenn er in seiner Kritik weniger scharf
und bitter, in seinen Angriffen mavoller und wenn er sein System
mehr mit den herrschenden Zustnden in Einklang gebracht haben
wrde, suchte er in den Aussprchen Jesu sich eine Waffe und eine
Sttze zu schaffen. Das Priesterthum war trotz Allem, was die
Revolution Uebles fr es gebracht hatte, in Frankreich noch eine
bedeutende Macht, weil die herrschenden Klassen sehr rasch
erkannten, da wenn sie seine Macht beseitigten, sie einen der
Aeste absgten, auf denen sie selber saen. Die einfache Klugheit
gebot ihnen, sich mit der Kirche zu rangiren, und wer, wie Fourier,
mit dem Bestehenden rechnete, und dies zur Basis seines Systems in
so fern nahm, als er an die Einsicht und die Hlfe der oberen
Klassen appellirte und sie in erster Linie, ja ausschlielich, zur
Inangriffnahme einer Versuchsphalanx, die dann durch ihre Resultate
unfehlbar seinem System zum Siege verhelfen wrde, aufforderte, der
mute auch dem religisen Kultus Rechnung tragen. So handelte also
Fourier vollkommen logisch. Er that, was allen sozialen Neuerer das
ganze Mittelalter hindurch auch gethan hatten. Allerdings ist er
mit Jenen nicht in Vergleich zu stellen; er ragt eben so weit ber
sie hinaus, als ein genial angelegter Geist zu Beginn des
neunzehnten Jahrhunderts ber einen fanatischen Mnch des zwlften
oder sechszehnten Jahrhunderts, dessen Hauptwissen in der Kenntni
der Bibel und den Schriften der Kirchenvter bestand, hinaus ragen
konnte. Fourier ist, neben St. Simon, der letzte der Utopisten,
dessen System sich auf die religisen Lehren der herrschenden
Kirche zu sttzen versuchte, sie wenigstens als Anhngsel benutzte.
Wohingegen alle sozialen Bewegungen des Mittelalters einen rein
religisen Charakter annahmen, und zwar so sehr, da die meisten
Geschichtsschreiber _nur_ den religisen Charakter der Bewegungen
sahen, den sozialen -- der mehr oder weniger auf einem rohen, auf
die entsprechenden Aussprche des Alten und Neuen Testaments
gesttzten Kommunismus beruhte -- aber gnzlich bersahen. Unter
dem geistigen Druck der Kirche und bei der Beschrnktheit der
Geister war im Mittelalter keine soziale Bewegung ohne ausgeprgt
religisen Charakter denkbar. Was im Mittelalter Hauptsache war,
wurde natrlich bei einem Fourier zu Beginn des neunzehnten
Jahrhunderts mehr Nebensache, es war eine Waffe und eine Sttze,
die er glaubte nicht entbehren zu knnen. So erklrt sich die sehr
gezwungene Auslegung, die er den meisten der zitirten Stellen geben
mute, wobei wir keineswegs behaupten, da er sich dieses Zwangs
bewut war. Es ist selbst fr mig begabte Kritiker, die in einer
spteren, aufgeklrteren und klarer sehenden Zeit leben, leicht,
die Mngel in den Systemen und Lehren vorangegangener bedeutender
Geister scharf zu erkennen, aber daraus zu schlieen, da das, was
sie erkannten, auch Jene leicht erkennen muten, ist falsch.
Andererseits lt sich nicht leicht nachweisen, wo bei vorhandenen
Widersprchen eines Menschen die Ueberzeugung aufhrt und die sog.
Klugheit, Rechnungstrgerei oder gar der beabsichtigte Betrug
beginnt. Der Beweis fr Letzteres wird leicht zu fhren sein, wo
offenbare, grobe und direkte Widersprche vorliegen, bei Fourier
wird man diese nicht leicht nachweisen knnen. Sein System ist ein
streng geschlossenes und gegliedertes System mit allen Vorzgen und
Schwchen. Ein System, das in seiner Geschlossenheit selbst den
Keim einer Religion enthlt, weshalb nur eine Schule, keine Partei
sich aus ihm entwickelte. Man kann eben so gut von einer
Fourier'schen Sekte sprechen, wie Fourier selbst, und stets mit
groer Geringschtzung, von einer Owen'schen oder St.
Simonistischen Sekte sprach.

       *       *       *       *        *

Glaubte Fourier durch die auszugsweise mitgetheilten Aussprche den
Beweis gefhrt zu haben, da Jesus und das Neue Testament fr seine
Theorien sprchen, so geht er nunmehr dazu ber, auch den
Gegenbeweis zu Gunsten seiner Lehre zu erbringen, d.h. er sucht
nachzuweisen, in welcher Unwissenheit sich die Modernen ber
Charakter, Eigenschaften, Gang und Ende der Zivilisation befnden,
von der sie immer noch leichtglubig genug die Vervollkommnung
hofften. Er versucht ferner nachzuweisen, welche Wege sie betreten
mten, um allmlig in die sechste Entwicklungsperiode, die des
Garantismus, zu gelangen. Da die Zivilisation berhaupt sich zu
vervollkommnen suche, zeige das unbewute Streben, ber sich selbst
hinaus zu gehen, sich zu Garantien zu erheben, von denen einige
Stckchen verwirklicht zu haben sie sich einbilde. Aber diese
Garantien, wie das Geldsystem und die Versicherungen, verdanke sie
mehr dem Zufall, dem Instinkt, aber nicht der Wissenschaft.

Es sei hier bemerkt, da Fourier zwar die Einfhrung des Geldes als
Fortschritt fr ein besseres Ausgleichungssystem ansieht, aber
auszusetzen hat, da es individuelles Geld sei, wie er es
bezeichnet, also in den Hnden des Privateigenthmers Mittel der
Ausbeutung, des Betrugs und der Unterdrckung werde. Das Geld soll
nach ihm gesellschaftliches Besitzthum sein, es wrde also in
seinem System Besitzthum der Phalanxen werden. Da das Geld seinen
Zweck nur erfllt, wenn es zwar gesellschaftlich anerkanntes
Tauschmittel fr alle Waaren, aber gleichzeitig im Privatbesitz
ist, weil es _nur_ in einer auf Privatbesitz und Waarenproduktion
beruhenden Gesellschaft einen Sinn und die Mglichkeit der Existenz
hat, entging ihm. Mit der Aufhebung der Waarenproduktion, also auch
der Privatwirthschaft und mit der Einfhrung gesellschaftlicher
Produktion fllt der Gegenpol der Waarenwirthschaft, die
Geldwirthschaft, von selbst, der Boden seiner Existenz, allgemein
anerkanntes Tauschmittel fr alle Waarenaustausche zu sein, wird
ihm entzogen. Da wo Produkt gegen Produkt, richtiger Arbeit gegen
Arbeit gesellschaftlicher Vereinigungen sich austauscht, wird der
Austausch ein einfaches Rechenexempel, das auf dem Wege der Buchung
der austauschenden Faktoren beglichen wird. Dagegen mu in einer
auf Millionen Einzelwirthschaften beruhenden Produktion, wo das
Produkt als Waare den einzigen Zweck hat, so rasch als mglich die
Hnde seines Produzenten zu verlassen, um durch Dutzende von Hnden
die verschlungensten Kanle zu durchwandern, welche die Spekulation
ihm anweist, bis es endlich in die Hnde des Bedrfers gelangt, wir
sagen, hier mu nothwendig ein gesellschaftlich anerkanntes
Aequivalent zur Ausgleichung aller dieser Manipulationen vorhanden
sein, und dieses ist das Geld, das den Doppelcharakter besitzt,
gesellschaftlich anerkanntes Werthma und Waare zu sein.

Andererseits, fhrt Fourier fort, habe die Zivilisation falsche
Methoden adoptirt, so das System der anarchischen Industrie und der
lgnerischen individuellen Konkurrenz; aber hauptschlich habe sie
den Fehlgriff begangen, die Aktiengesellschaft fr die Assoziation
anzusehen, alles Fehler, die sie weitab vom Wege der sozialen
Garantien fhrten. Es sei also nothwendig, um dieses politische
Chaos zu entwirren, eine detaillirte Analyse der Zivilisation und
ihres Charakters zu geben, eine Aufgabe, der sich bisher die
Gesellschaft und ihre wissenschaftlichen Fhrer entzogen htten.
Man glaube noch an die Vervollkommnung, _whrend die Zivilisation
bereits rapide ihrem Untergang entgegeneile_.

Wie der menschliche Krper so besen auch die Gesellschaften ihre
vier, durch bestimmte Charaktereigenschaften sich unterscheidenden
Lebensalter, die einander sich folgten. Man knne weder den
Aufschwung noch den Niedergang einer Gesellschaft beurtheilen, so
lange man nicht die sehr unterscheidenden Charaktereigenschaften zu
bezeichnen vermge, die eine bestimmte Gesellschaft besitze. Unsere
Naturwissenschaftler seien, wenn es sich um die Unterscheidung
ziemlich nutzloser Pflanzen handele, so sehr skrupuls, warum seien
dies nicht auch unsere Politiker und Oekonomisten? Warum folgten
sie nicht dieser naturwissenschaftlichen Methode, wenn es sich um
die ihnen so theure Zivilisation handele, um die von jeder der vier
Phasen adoptirten Eigenschaften zu bezeichnen? Es sei dies das
einzige Mittel, um zu erkennen, ob man noch vorwrts schreite oder
im Niedergang sich befinde.

Nach Fourier sind nun die vier Phasen der Zivilisation und die
einer jeden eigentmlichen Charaktereigenschaften folgende:

            /             1. Phase: KINDHEIT.
           |  Einfacher Keim . . . . . . . Monogamie.
           |  Zusammengesetzter Keim . . . Patriarchalische oder
           |                                 adelige Feudalitt.
           |     Angelpunkt der Periode: . Brgerliche Rechte
           |                                der Frau.
   Auf-    |  Gegengewicht . . . . . . . . Fderation der groen
steigende /                                 Vasallen.
          \   Ton oder Stimmung  . . . . . Ritterliche Illusionen.
Schwingung |
           |               2. Phase: JUGEND.
           |  Einfacher Keim . . . . . . . Stdtische Privilegien.
           |  Zusammengesetzter Keim . . . Pflege der Wissenschaften
           |                                 und Knste.
           |     Angelpunkt der Periode: . Befreiung der Arbeit.
           |  Gegengewicht . . . . . . . . Reprsentativsystem.
            \ Ton oder Stimmung  . . . . . Illusionen ber Freiheit.

                                 MITTAGSPHASE
Keim  . . . . . . . . . . Seeschiffahrtskunst, experimentale Chemie.
Charakter-
  eigenthmlichkeiten . . Enttuschungen, Staatsanleihen.

            /             3. Phase: MANNBARKEIT.
           |  Einfacher Keim . . . . . . . Handelsgeist, Fiskalismus.
           |  Zusammengesetzter Keim . . . Aktien-Gesellschaften.
           |     Angelpunkt der Periode: . Monopol der Seeherrschaft.
           |  Gegengewicht . . . . . . . . Handels-Anarchie.
   Ab-     |  Ton oder Stimmung  . . . . . Oekonomische Illusionen.
steigende /
          \               4. Phase: ALTERSSCHWCHE.
Schwingung |  Einfacher Keim . . . . . . . Leihhuser.
           |  Zusammengesetzter Keim . . . Unternehmerschaft in
           |                                 bestimmter Anzahl.
           |     Angelpunkt der Periode: . Industrielle Feudalitt.
           |  Gegengewicht . . . . . . . . Monopolwirthschaft.
           |  Ton oder Stimmung  . . . . . Illusionen ber
            \                                Assoziationen.

Man wird dem hier wiedergegebenen Tableau Scharfsinn in der
Aufstellung und Interessantheit in der Gruppirung nicht absprechen
knnen, mehrfach charakterisirt es die verschiedenen Perioden der
zivilisirten Gesellschaft sehr treffend.

Fourier bemerkt dazu erluternd: er habe diejenigen
Charaktereigenschaften nicht hervorgehoben, die allen vier Phasen
gemeinsam seien, sondern nur die, welche die eine oder andere
auszeichneten und jene, die mit der einen oder anderen gemischt
seien. So sei die zweite Phase, in der die Athener lebten, eine
unvollstndige, eine Bastardperiode, indem ihr noch Merkmale der
Periode der Barbarei anklebten und der Angelpunkt der zweiten
Phase, die Befreiung der Arbeit, ihr fehlte. In England und
Frankreich befinde sich die Zivilisation im absteigenden Ast der
dritten Phase und neige stark zur vierten, deren beide Keime sie
bereits besitze. Dieser Zustand zeige eine schmerzlich empfundene
Stagnation; das Genie fhle sich ermdet von seiner Unfruchtbarkeit
wie ein Gefangener, und arbeite sich vergeblich ab, um irgend eine
neue Idee zu erzeugen. Mangels des erfinderischen Genies zgere
aber der fiskalische Geist nicht, die Mittel zu entdecken, um die
vierte Phase zu organisiren, die zwar ein Fortschritt aber nicht
zum Guten sei. Es handele sich darum, einen Zwischenzustand zu
schaffen, der die Zivilisation in den Garantismus berleite und
diesen dem Liberalismus entgegenzustellen, diesem stationren
Geist, der sich auf das Reprsentativsystem, eine der Charaktere
der zweiten Phase, verbissen habe. Ein System, das fr eine kleine
Republik, nicht fr ein groes reiches Land wie Frankreich tauglich
sei. Umgekehrt wollten die Antiliberalen die Ungeschicklichkeit
begehen, uns in die erste Phase zurckzufhren, whrend das
wachsende Staatsschuldenwesen uns unwiderstehlich in die vierte
Phase, die Altersschwche, risse.

Wer das Tableau der Charaktereigenschaften der Zivilisation genau
prfe, werde erkennen, da der Glaube, unsere Gesellschaft befinde
sich in einem erhabenen Flug, eine Illusion sei, denn in Wahrheit
befnden wir uns auf dem Krebsgang. Es ist der Fortschritt nach
abwrts, vergleichbar dem einer Frau, die ihre weien Haare, die
sie mit sechzig Jahren besitzt, als Vervollkommnung der
Vollkommenheit ihres Haarwuchses anpreisen wollte. Darber wird
Jeder mitleidig lcheln. _Wie der menschliche Krper so
vervollkommnet sich auch die Gesellschaft nicht, wenn sie altert_.

Die Gesellschaften wie die Individuen gingen zu Grunde, wenn sie
sich dem Wucherer berlieen, _und es sei die That unseres
Jahrhunderts, von Anleihe zu Anleihe zu eilen_.

Man sage, das Gef ist durchweicht, der Stoff hat seine bleibende
Form angenommen. Das gelte auch von den fiskalischen Anleihen. Sie
blieben und jedes Ministerium mache eine neue, denn man mu essen,
wenn man an der Krippe sitzt. _Welche Partei auch immer herrsche,
die Finanz halte stets die Zgel des Gefhrtes, damit der Marsch
nicht gegen ihr Wirthschaftssystem sich richte_. Was werde also das
Ende sein, dem alle unsere mit Schulden berladenen Reiche zueilen,
wohin uns die Oekonomisten gefhrt? Der Sturz in den Abgrund. Man
knne unsere Oekonomisten und Politiker jenem Reiter vergleichen,
von dem die Sptter sagten: Er fhrt nicht das Pferd, das Pferd
fhrt ihn.

Fourier hat in diesen Auseinandersetzungen wieder einmal, seiner
Zeit vorauseilend, den wahren Charakter der Staatsanleihen sehr
richtig erkannt. Damit ein Staat von den Geldmchten beherrscht,
konomisch und finanziell ausgebeutet und geplndert werden kann,
mu man ihn zu Anleihen verleiten. Mit jeder neuen Anleihe wird ihm
der Strick fester gedreht, genau wie dem Privatmann. Die
Staatsgewalt wird Werkzeug in den Hnden der groen Finanzmchte,
die schlielich weit mehr als die Minister selbst die
Staatsangelegenheiten beherrschen und lenken, Gesetze dekretiren,
Kriege fhren oder verhindern, wie es ihrem Interesse pat. Und
damit die Staatsmaschine nach Wunsch gehe, die Regierung jeder Zeit
durch die Kontrole ihrer abhngigen Stellung bewut bleibe, damit
ferner die nthigen Einnahmequellen in Form von Steuern aller Art
zur Verzinsung und Amortisirung der Schulden vorhanden seien,
bedarf man des Reprsentativsystems, durch welches die Drahtzieher
der hohen Finanz den noch fehlenden Einflu auf die ganze
Gesetzgebung und Staatsverwaltung gewinnen und den Staat zu einer
melkenden Kuh der Geldmchte machen. Durch solche Manipulationen
ist heute die Regierung und Verwaltung Frankreichs in den Hnden
der groen Finanzmchte, die es in die Abenteuer von Tunis und
Tonkin strzten, durch Privilegien und Staatssubventionen an die
groen Eisenbahn- und Verkehrsgesellschaften das Volk berauben,
durch die Ueberlast der indirekten Steuern es brandschatzen und
plndern. Durch die gleichen Manipulationen ist Oesterreich dahin
gekommen, wo es heute steht, hat man die Trkei zu Grunde
gerichtet, Ungarn binnen zwei Jahrzehnten an den Rand des
finanziellen Untergangs gebracht, Egypten ruinirt. Wie der kleine
Bauer und der in die Klemme gerathene Grundbesitzer die
finanziellen Wohlthter bereit finden, ihnen gegen gengende
hypothekarische Sicherheiten zu guten Zinsen Geld zu borgen, oft
mehr als sie haben wollen, und nun den Hnden des Glubigers
rettungslos berantwortet sind, der die Hand auf ihre Ernten legt,
ihnen jederzeit mit Subhastationen droht, und sie zwingt, das ganze
Jahr die Frohnarbeit fr ihn, den Kapitalisten, zu verrichten, so
sind die Staatsangehrigen berschuldeter Reiche die Bienen, die
durch ihre Arbeit, mit ihrem Honig der Finanzaristokratie die
Kisten und Kasten fllen mssen. Das ist heute, wo die
Staatsschulden in fast allen Staaten in die Milliarden gewachsen
sind und weiter wachsen, eine sich Jedem leicht aufdrngende
Thatsache. Zu Fourier's Zeit stak das Staatsschuldenwesen noch in
den Kinderschuhen und es war ungleich schwerer, seinen Charakter zu
erkennen als heute.

Unter die permanenten Charaktere der Zivilisation rechnet Fourier
denjenigen, der sich schon seit alter Zeit in dem Sprichwort
ausdrckt: Die groen Diebe lt man laufen, die kleinen hngt
man. Aehnliche Charaktereigenschaften knne man noch eine Menge
anfhren. So berlasse man sich bitteren Klagen ber auffllige
Thatsachen wie die, da die Tugend und das Gute stets lcherlich
gemacht, bel behandelt und verfolgt wrden. Ohne Zweifel sei die
Indignation darber gerechtfertigt, aber wenn gegenwrtig die
Zivilisation eine Aufhufung dieser beklagenswerthen Resultate
zeige, dann klassifizire und konstatire man diese Uebel, damit man
einen Ueberblick ber das Wesen und die Frchte dieser
abscheulichen Gesellschaftsordnung erhalte.

Aber man schenke allen diesen Uebeln so wenig Aufmerksamkeit, weil
man sie mit dem gegenwrtigen Zustand unzertrennlich halte. Eine
von diesen blen permanenten Charaktereigenschaften sei auch die
Fesselung der ffentlichen Meinung, und zwar auch unter der
Herrschaft der Philosophen, die nicht wollten, da das Volk sein
ursprnglichstes Recht erkenne und das Recht auf ein
Existenzminimum fordere, was freilich nur unter dem Regime der
industriellen Anziehung garantirt werden knne. Andere Uebel
erkenne man nicht, weil sie unter falscher Flagge segelten, so die
Tyrannei des persnlichen Eigenthums. Der Grundeigenthmer erlaube
sich hundert Anordnungen ber sein Eigenthum, die mit dem
ffentlichen Wohl, dem Wohl der Masse in Widerspruch stnden, er
erlaube sich dies alles unter dem Vorwande der Freiheit. Das
komme, weil die Zivilisation von sozialen Garantien keine Ahnung
habe. Wieder ein anderes meist nicht erkanntes Uebel sei die
indirekte Verweigerung der Gerechtigkeit fr die Armen. Der Arme
knne wohl das Recht suchen, aber was ntze dieses, wenn er die
Kosten der Prozedur nicht aufbringen knne. Bei den gerechtesten
Klagen werde er von dem reichen Plnderer durch Appellation und
Gegenappellation mrbe gemacht und zum Nachgeben gezwungen. Man
gebe dem Knigsmrder einen Vertheidiger, aber nicht dem Armen,
denn er knnte zu viele Prozesse haben. Die Gesellschaft sei
berfllt mit Armen, die unter dieser Handhabung der Gerechtigkeit
litten. Aber diese Gesellschaft sei eben ein falscher Kreisschlu
(cercle vicieux), das sei ihr wesentlichster Charakter. Die
Mngel der Zivilisation lieen sich in zwlf Hauptpunkte
zusammenfassen. 1. Eine Minoritt, die Herrschenden, bewaffnet
Sklaven, die eine Majoritt unbewaffneter Sklaven im Zaum halten.
2. Mangel an Solidaritt der Massen und dadurch erzwungener
Egoismus. 3. Zweideutigkeit aller Handlungen der Gesellschaft und
ihrer sozialen Elemente. 4. Innerer Kampf des Menschen mit sich
selbst. 5. Die Unvernunft zum Prinzip erhoben. 6. In der Politik
wird die Ausnahme als Grundlage fr die Regel. 7. Das knorrigste
und hartnckigste Genie wird gebeugt und kleinmthig gemacht. 8.
Erzwungene Begeisterung fr das Schlechte. 9. Stetige
Verschlimmerung, indem man zu verbessern glaubt. 10. Vielseitiges
Unglck fr die ungeheure Mehrheit. 11. Fehlen einer
wissenschaftlichen Opposition gegen die herrschenden Theorien. 12.
Verschlechterung der Klimate. Letzteres, durch die Zerstrung der
Wlder und daraus folgendes Austrocknen der Quellen herbeigefhrt,
msse nothwendig und sicher bis gegen Ende des Jahrhunderts
klimatische Exzesse erzeugen.

Fourier geht dann dazu ber, die Natur des Handels zu errtern. Er
fragt: Woher kommt diese Bewunderung der Modernen fr den Handel,
welchen doch im Geheimen alle Klassen auer den Handeltreibenden
verabscheuen? Woher dieses stupide Vorurtheil fr die Kaufleute,
die Christus mit Ruthen aus dem Tempel trieb? Die Antwort ist: sie
besitzen viel Geld und eine Haupthandelsmacht (England) bt ber
die industrielle Welt die Tyrannei des Handels-Monopols aus. Auch
habe die politische Oekonomie die Analyse des Handels nicht zu
machen gewagt und so komme es, da die soziale Welt nicht wisse,
was eigentlich das Wesen des Handels sei. Der Handel ist die
schwache Seite der Zivilisation, der Punkt, auf dem man sie
angreifen mu. Im Geheimen wird der Handel von den Regierungen wie
von den Vlkern gehat. Nirgends sehen weder der Adel noch die
Grundeigentmer die Handeltreibenden mit gnstigen Augen an, diese
Parvens, die in Holzschuhen angekommen sind und bald mit einem
Vermgen von Millionen prunken. Der rechtschaffene Eigenthmer
begreift nicht die Mittel, durch die man sich so gut zu bereichern
vermag; welche Sorgfalt er immer der Verwaltung seines Gutes
widmet, es gelingt ihm schwer, sein Einkommen um einige Tausend
Franken zu steigern. Er wird perplex ber die groen Profite dieser
Agioteure, er mchte seinem Erstaunen, seinem Verdacht ber diese
ihm fremde Art, Vermgen zusammen zu scharren, Ausdruck geben, aber
da kommen die Oekonomisten, fallen ihm in den Arm und schleudern
ihr Anathema gegen Jeden, der es wagt, diesen groartigen Handel
und die Groartigkeit des Handels (le commerce immence et
l'immense commerce) zu verdchtigen. Welch schne Phrasen sind
nicht zu seiner Verherrlichung Mode geworden! Da spricht man mit
Pathos von der 'Ausgleichung, dem Gegengewicht, der Garantie, dem
Gleichgewicht des groartigen Handels und der Groartigkeit des
Handels, von den Freunden des Handels, von dem Wohl des Handels'.
Fr einen unglcklichen Philosophen gebe es nichts Imposanteres,
als wenn eine Kohorte von Millionren mit tiefsinnigem Aussehen zur
Brse wandelten. Man glaube die rmischen Patrizier ber dem
Schicksal Karthagos brten zu sehen. Speichellecker der Agiotage
malten die Kaufleute und Brsenmnner als eine Legion von
Halbgttern; Jeder, der sie kenne, wisse im Gegentheil, da es eine
Legion von Betrgern sei; aber ob mit Recht oder Unrecht, sie
htten allen Einflu an sich gerissen. Die Philosophen seien ihnen
zu Gunsten, selbst die Minister und der Hof beugten sich vor diesen
Geiern des Handels; alles infolge des durch die Oekonomisten
gegebenen Impulses. Die Folge davon sei, da der ganze soziale
Krper den merkantilen Rubereien vollstndig unterworfen sei, und
wie der von dem Blick der Schlange faszinirte Vogel dieser in den
Rachen fliege, so lasse sich die Gesellschaft vom Handel zu Grunde
richten.

Eine vernnftige und rechtschaffene Politik habe Mittel des
Widerstandes in Anwendung bringen und sich von Fehlgriffen
losmachen mssen, welche die Herrschaft der Welt in die Hnde einer
unproduktiven, lgnerischen und belwollenden Klasse liefere. Man
drfe die Handeltreibenden nicht mit den Manufakturisten
verwechseln.[21] Die Hauptschacherer, die Rohmaterialienhndler
snnen nur, wie sie Manufakturisten und Konsumenten plndern
knnten. Zu diesem Zwecke unterrichteten sie sich ber die
vorhandenen Vorrthe, kauften sie auf, hielten die Waaren zurck
und verteuerten sie, um so auf Fabrikant und Brger den Druck
auszuben. Die sog. Oekonomisten stellten diese Aufkufer und
Wucherer als tiefsinnige Genies hin, die doch nichts als elende
Schwtzer, abenteuerliche Spieler und tolerirte Bsewichter seien.
Den schlagendsten Beweis habe das Jahr 1826 gegeben, wo mitten in
der tiefsten Ruhe pltzlich eine Stagnation und Ueberflle an
Produkten hervorgetreten sei, als alle Journale noch unmittelbar
zuvor auf die dem Handel neuen und gnstigen Chancen hinwiesen,
welche die Befreiung beider Amerika im Gefolge haben werde. Nun,
welches sei die Ursache dieser berraschenden Krise gewesen? Es war
die Wirkung eines komplizirten Spiels zweier charakteristischer
Eigenschaften des Handels: des Zurckschlagens der Vollsaftigkeit
(refoulement plthorique) und eines Gegenschlags durch verfehlte
Spekulation.

[Funote 21: Unter den Manufakturisten sind hier sowohl die
Fabrikanten wie diejenigen Handeltreibenden verstanden, die
entweder in eigener Behausung nach dem Prinzip der Arbeitstheilung,
aber ohne Anwendung von Dampf und Maschinenkrften -- die damals
erst im Entstehen waren -- oder, wie dies heute noch in manchen
Industriezweigen auch in Deutschland geschieht, z.B. in der
Spielwaaren-, Messer-, Kleineisenwaaren-Fabrikation, der
Hausweberei, Posamentirerei, Strumpfwirkerei, der Bijouterie etc.,
auf dem Wege der Hausindustrie produziren lassen, wobei der
Kaufmann die Rohmaterialien liefert. So weit Massenerzeugung in
Betracht kam, war zu Anfang dieses Jahrhunderts in Frankreich die
Manufaktur die magebende Produktionsform. Unter den
Handeltreibenden versteht Fourier, wie der Leser bereits erkannt
haben wird, nicht allein die Kaufleute im engeren Sinn, sondern
auch alle an der Brse betheiligten Kreise, die Grund- und
Bodenwucherer etc., kurz Alle, welche ohne zu sen ernten.]

Die erstere Eigenschaft sei die periodische Wirkung blinder Habgier
der Kaufleute. Sobald irgendwo ein Absatzweg sich ffne, wrden
viermal mehr Waaren zugefhrt, als der Markt aufnehmen knne. So
sei es auch hier gewesen. Wenn man die Wilden, die Neger und die
spanische Bettelbevlkerung in Abzug bringe, zhlten die beiden
(Nord- und Sd-) Amerika kaum 20 Millionen konsumtionsfhiger
Bewohner, man habe aber fr 200 Millionen konsumtionsfhiger
Menschen Waaren zugefhrt. Daher die Stockung und der Rckschlag.
Im Jahre 1825 htten die franzsischen und englischen Hosenhndler
Waarenmassen zugefhrt, die wenigstens auf 3 bis 4 Jahre reichten,
so entstanden Massenverkufe, Stockung, Entwerthung der Stoffe,
Bankerotte der Verkufer. Das war die nothwendige Wirkung dieser
Ueberflle (plthore), verursacht durch die Unklugheiten des
Handels, der in seiner Gier nach Gewinn sich stets ber das Quantum
der absatzfhigen Produkte den grten Illusionen berlasse. Was
knne man auch von einer Kohorte eiferschtiger, durch Habgier
verblendeter Verkufer anders erwarten? Wie wollten wohl diese die
Grenzen der Aufnahmefhigkeit eines Marktes erkennen?

Gengte schon die Ueberzufuhr von Waaren, um Bankerotte und die
uerste Beunruhigung der Mrkte und Fabriken hervorzurufen, so
trat in demselben Augenblick ein anderer Umstand dazwischen, um das
Uebel zu vervielfachen. Die Baumwollenaufkufer in New-York,
Philadelphia, Baltimore, Charleston etc. hatten im Einverstndni
mit ihren Vertrauten in Liverpool, London, Amsterdam, Havre und
Paris sich aller Vorrthe bemchtigt. Aber da geschah, da Egypten
und andere Mrkte eine auerordentlich reiche Ernte hatten. Die
Hausse war nur ein kurzes Strohfeuer. Die wucherischen Geier
Amerikas wie ihre Kooperateure in Europa erstickten im Ueberflu.
Die durch die Crise plthorique verursachte Preisschleuderei
zwang die Fabriken zu feiern und brachte die Baumwollenspekulanten,
die auf Hausse gerechnet und jetzt einer tiefen Baisse sich
gegenber sahen, zum Sturz. Den verunglckten Machinationen in
Amerika folgten als Gegenschlag die Bankerotte in Europa. Das ist
der einfache Hergang der so rthselhaft erschienenen Ereignisse.
Journale und Schriften, die darber sich uerten, verfielen alle
in denselben Irrthum. Nach ihnen war nur eine Ursache vorhanden:
die Unordnung, welche durch die beiden gleichzeitig sich
vollziehenden Operationen auf dem Markt entstanden war. Niemand
gestand die wahren Ursachen offen ein, man bemhte sich vielmehr,
die beiden Parteien, die das Uebel verursacht hatten, als
unschuldig darzustellen, man gab weder zu, da die Einen durch
Zufuhr von Riesenmengen an Waaren die Mrkte lahmlegten, noch da
die Anderen durch Vorenthaltung des nthigen Rohmaterials die
Mrkte beraubten. Auf der einen Seite herrschte verrckte
Verschwendung, auf der anderen vexatorische Unterschlagung. Es gab
also in jeder Weise Exzesse und Konfusion im Mechanismus. Das ist
der Handel, das Ideal der Dummkpfe.

Wie im vorliegenden Falle zwei, erlutert Fourier weiter, so
wirkten oft drei und vier Ursachen zusammen, um Krisen zu erzeugen,
und was die verschiedenen Charaktere der Bankerotte betreffe, so
habe er eine Liste von zweiundsiebenzig verschiedenen Arten
aufgestellt. Wollte man alle Formen des Betrugs und der Bankerotte
zeichnen, man mte dicke Bcher schreiben. Von den Hauptbeln, die
der Handel gebre und die als die Triebfeder zu allem Unheil
ansehen seien, wolle er nur zwlf auffhren: Brsenspiel,
Lebensmittelwucher, Bankerott, Geldwucher, Parasitenthum, Mangel an
Solidaritt, fallendes Gehalt und fallende Lhne, Theuerung,
Verletzungen der Gesundheit,[22] willkrliche Festsetzung der
Preise, legalisirte Doppelzngigkeit im Verkehr, individuelles
Geld.

[Funote 22: Fourier hat hier hauptschlich den Baustellen- und
Huserwucher im Auge, der auf Kosten der Gesundheit und
Lebensannehmlichkeit der Stdtebewohner sich breit mache, Luft und
Licht der Bevlkerung schmlere.]

Fourier spricht dann von der Absonderung der Kapitalien, worunter
er die Konzentration auf der einen und den daraus folgenden
Kapitalmangel auf der anderen Seite versteht. Die
Kapitalkonzentration erzeuge auch den Ueberflu -- an
Bodenerzeugnissen durch den Handel --, der den Preisdruck fr die
Erzeugnisse des Bodenbesitzers hervorrufe. Die Kapitalien huften
sich nur auf Seiten der unproduktiven Klasse. Bankiers und
Kaufleute beklagten sich hufig, nicht zu wissen, was sie mit ihren
Fonds beginnen sollten, sie empfingen Geld fr 3 Prozent, wo der
Landmann es kaum fr 6 auftreiben knne. Wenn er es nominell zu 5
Prozent erhalte, koste es ihn mit allen Spesen und Lasten, die
damit verbunden seien, 16 und 17 Prozent. Der Handel, dieser
Vampyr, der das Blut aus dem industriellen Krper sauge,
konzentrire Alles in seine Taschen und zwinge die produktive
Klasse, sich dem Wucherer zu berliefern. Selbst die Jahre des
Ueberflusses wrden fr die Agrikultur eine Geiel, wie man das
1816 und 1817 gesehen habe. Das Jahr 1816 brachte Miernte und
zwang den Landmann zum Schuldenmachen, als aber 1817 eine sehr
reiche Ernte brachte, ward er gezwungen, dieselbe rasch und in
Folge dessen zum niedrigsten Preis zu verkaufen, um seine Glubiger
zu bezahlen. So zerstreue der soziale Mechanismus die kleinen
Kapitalien, um sie in den Hnden der Handeltreibenden zu
konzentriren. Der Ackerbauer seufze, gebrochen durch den
Gegenschlag, unter dem Ueberflu der Ernten, deren Werth weder bei
dem Verkauf noch bei der Konsumtion ihm gehre, weil die Konsumtion
auf umgestrzter Basis ruhe, _denn die Klasse, die produzirt,
nimmt an der Konsumtion nicht Theil_. So wrden Eigentmer wie
Bodenbebauer oft gezwungen, Geieln, wie Frost und Hagel,
herbeizuwnschen. Man habe 1828 den Schrecken gesehen, als man im
Juni in allen weinbautreibenden Lndern eine gute Ernte und damit
erdrckenden Ueberflu zu frchten hatte.[23]

[Funote 23: Diese Charakteristik knnte ebenso gut heute
geschrieben sein. Sprach doch im Herbste 1885 die knigl.
schsische Leipz. Zeitung es offen aus, da man heut zu Tage im
Zweifel sei, ob man eine gute Ernte wnschen drfe. Und doch
veranstaltet man jhrlich fr die Ernte auf allen Kanzeln Gebete
und feiert Dankfeste.]

Gengen diese Monstrositten nicht, um zu beweisen, da das
gegenwrtige System des Handels, wie der ganze Mechanismus der
Zivilisation die verkehrte Welt darstellt? Aber wie will man sich
in diesem Labyrinth zurechtfinden, so lange man die
Charaktereigenschaften dieser Gesellschaft nicht analysirt?
Schmeichler unseres Handelssystems haben wir im Ueberflu, deren
alleiniges Talent darin besteht, alle Fehler der Hydra des Handels
zu beruchern. Wenn man erst die wahre Natur dieses lgnerischen
Systems erkennt, wird man erstaunt sein, da man so lange sich von
einem System dupiren lie, das schon der Instinkt uns denunzirt,
denn alle anderen Klassen hassen den Handel.

Die Falschheit und Zweideutigkeit, wozu dieses System gekommen
ist, gengt, um den Betroffenen die Augen zu ffnen; die Betrgerei
und die Flschung aller Lebensmittel hat eine Hhe erreicht, da
man die Einfhrung des Handelsmonopols als eine Schutzmaregel
gegen _diesen_ Handel begren wrde. Eine Staatsregie wrde viel
weniger sich auf Zweideutigkeiten einlassen knnen, sie wrde zu
einem festgesetzten Preis wenigstens natrliche Produkte geben,
whrend es heute fast unmglich ist, im Handel etwas natrlich zu
erhalten.

In Paris findet man kein Zuckerbrot, das nicht mit Runkelrben
geflscht ist,[24] keine Tasse reiner Milch oder ein Glas reinen
Branntweins. Kurz Unordnung und Aergerni sind auf die Spitze
getrieben und gehen die Dinge so weiter, so bleibt nichts brig,
als das Monopol. Fourier setzt freilich hinzu, da dies durch
Entdeckung seines sozietren Systems und dessen Einfhrung unntz
werde.

[Funote 24: Fourier meint hier die Herstellung des Zuckers aus
Runkelrben, den er als ein geflschtes Produkt ansah, weil man bis
dahin nur Zucker aus Zuckerrohr gewonnen kannte. Die Einfhrung des
Kontinentalsystems durch Napoleon I. und das Verbot der Einfuhr
englischer Kolonialwaaren, hatte zur Erfindung der Zuckerbereitung
aus Runkelrben den Ansto gegeben und diese Art Zucker brgerte
sich von da ab immer mehr ein. Fourier, der offenbar die
Sigkeiten sehr liebte, sah den Rbenzucker als eine Flschung des
natrlichen Zuckers an. Wir, die wir heute fast nur aus Runkelrben
bereiteten Zucker kennen, denken darber anders. Schlielich ist
kein auf knstlichem Wege gewonnenes Lebensmittel einem sog.
Naturprodukt gegenber als Flschung zu betrachten, vorausgesetzt,
da ber die Art seiner Entstehung kein Zweifel besteht und es dem
sog. Naturprodukt, das es ersetzen soll, vllig gleichwerthig ist.
Wir werden in dieser Beziehung in Zukunft noch viele Vorurtheile
ablegen mssen. Der Verfasser.]

Fourier uert sich dann ber den Bankerott, ber die Art, wie die
ffentliche Meinung ihn zum Theil behandelt und wie der Bankerott
selbst wieder zu Tuschungen benutzt wird. Auf der Bhne werde ein
Falliment mit fnfzig Prozent als Lustspiel behandelt. Wenn aber
ein Bankier die anvertrauten Depots von Ersparnissen zahlreicher
Dienstboten veruntreue, die diese whrend zwanzig Jahren mhselig
zusammengescharrt, so sei das sicherlich keine lcherliche Sache,
sondern ein Verbrechen, das zu bestrafen sei.

Welche Verdorbenheit in der philosophischen Welt. Die Literatur
ist eine Prostituirte, die nur studirt, wie sie sich mit dem Laster
auf's Beste stellen kann; sie malt Alles in den schnsten Farben,
damit die Theaterkasse ihre gute Einnahme hat. Die Moral ist eine
in Mikredit gerathene Schwtzerin, die nicht mehr wagt, gegen
straflose Verbrechen, wie den Bankerott, zu deklamiren; sie
speichelleckert allen Klassen von Dieben. Und der Oekonomismus, der
nichts zu entdecken versteht, sucht die zu Tage liegenden Laster
als unschuldige hinzustellen, sind es doch die Laster seiner
Favoriten, der Handeltreibenden. So denkt keine Wissenschaft daran,
ihre Aufgabe, die Analyse der Uebel der Zivilisation und das Suchen
nach einem Heilmittel, zu erfllen.

Fourier fhrt, wie er Alles zu klassifiziren und zu ordnen liebt,
nicht weniger als vierundzwanzig Arten von Bankerotten auf, bei
denen die Schwchen oder die Liebhabereien der Bankerotteure die
Ursachen ihres Zusammenbruchs sind. Bei dem Einen sind zerrttete
Familienverhltnisse, eine liederliche Frau, verdorbene Kinder, bei
dem Anderen eine Maitresse, bei dem Dritten die galanten Neigungen,
bei dem Vierten Sentimentalitt, die ihn zum Geschft unbrauchbar
machen u.s.w., die Ursachen, welche die Katastrophen erzeugen. Er
knne, setzt er weiter hinzu, recht amsante Kapitel zu den Details
aller Arten von Bankerotten liefern, er treibe das Geschft seines
Vaters und sei im Waarenladen erzogen worden, er habe mit eigenen
Augen die Infamien des Handels gesehen und beschreibe ihn nicht,
wie die Moralisten vom Hrensagen, die den Handel nur in den Salons
der Agioteure kennen lernten und einen Bankerott als etwas anshen,
das man sich in guter Gesellschaft erlauben drfe. Jeder Bankerott,
namentlich wenn er einen Bankier oder Wechselagenten betreffe,
werde unter ihrer Feder zu einem beklagenswerthen Unfall, fr den
die Glubiger im Grunde dem Falliten noch verbunden seien, da er
sie in seine edlen Spekulationen verwickelt habe. Man zeige den
Glubigern den Vorgang als eine unverschuldete Fatalitt, eine
unvorhergesehene Katastrophe an, die durch das Unglck der Zeiten,
widrige Umstnde, einen beweinenswerthen Wechselfall herbeigefhrt
sei. Das sei der gewhnliche Inhalt der Briefe, mit welchen ein
Fallissement angezeigt werde.

Alsdann kommen der Notar und seine Gevatter, denen im Geheimen
ihre Provisionen fr alle Vortheile, die sie erzielen, zugesichert
sind und stellen den Falliten als so ehrenhaft, der Achtung so
wrdig hin. Da ist eine zrtliche Mutter, die sich dem Wohle ihrer
Kinder opfert, ein tugendhafter Vater, der sie in der Liebe zur
Verfassung erzieht, eine trostlose eines besseren Schicksals
wrdige Familie, die von der aufrichtigsten Liebe fr jeden ihrer
Glubiger beseelt ist. Man mte wahrhaftig ein Ungeheuer sein,
wenn man einer solchen Familie nicht helfen wollte, um sie wieder
zu erheben. Das ist sogar eine Pflicht fr jede rechtschaffene
Seele. Dazwischen interveniren einige moralische Spitzbuben, die
man bestochen hat, und die gegen Jedermann hervorheben, wie schn
es sei, in einem solchen Falle seine Gefhle walten zu lassen und
da man dem Unglck Erbarmen schulde. Diese werden durch einige
hbsche Frsprecherinnen, die sehr ntzlich sind, um die
Widerspenstigsten zu beruhigen, untersttzt. Durch alle diese
Umtriebe erschttert, kommen Dreiviertel der Glubiger sehr bewegt
und irre geleitet in die Sitzung. Der Notar schlgt ihnen einen
Nachla von 70 Prozent ihrer Forderungen vor, indem er wieder
ausmalt, wie diese tugendhafte Familie aus Sorge, die geheiligten
Pflichten der Ehre zu erfllen, sich des Letzten beraube. Ist die
Situation gnstig, so schlgt man den Glubigern weiter vor, da
sie, um ihr Gewissen zu befriedigen und um der edlen Eigenschaften
einer Familie willen, die so wrdig der Achtung und so eifrig fr
die Interessen ihrer Glubiger eingenommen ist, eine Huldigung
bringen und statt auf siebzig auf achtzig Prozent verzichten.
Einige Barbaren wollen widerstehen, aber die im Saale geschickt
vertheilten Vertrauten bernehmen das Geschft der heimlichen
Anschwrzung der Widerstrebenden, die sie als unmoralisch
bezeichnen. Dieser, tuscheln sie, besucht nie die Kirche und hat
folglich kein Erbarmen; Jener unterhlt eine Maitresse; der Dritte
ist ein Geizhals und Wucherer; der Vierte hat selbst schon einmal
fallirt und besitzt ein Herz von Stein, das fr seine unglcklichen
Mitmenschen ohne Nachsicht und Mitleid schlgt. Endlich erklrt die
so bearbeitete Mehrheit ihre Zustimmung und unterzeichnet den
Vertrag. Der Notar hlt eine salbungsvolle Rede, versichernd, da
man im Grunde ein gutes Geschft gemacht habe, denn durch die
Dazwischenkunft der Gerichte wrde nichts brig geblieben sein und
dabei habe man ein gutes Werk gethan und habe einer braven Familie
geholfen. Schlielich gehen Alle voll Bewunderung fr die Tugenden
dieser wrdigen Familie, die man als ein Muster betrachten msse,
nach Hause.

So vollziehe sich ein gefhlvoller Bankerott, bei dem die
Glubiger um drei Viertel ihrer Forderungen geprellt wurden; werde
mit fnfzig Prozent ein Fallissement arrangirt, so sei dies ein
rechtschaffener Bankerott, etwas so Alltgliches, da wer sich mit
einer so migen Brandschatzung seiner Glubiger begnge, nicht
nthig habe, auerordentliche Triebfedern und Hlfsmittel in
Bewegung zu setzen. Sei nicht Dummheit des Bankerotteurs im Spiele,
so sei ein Geschft, bei dem man nicht mehr als fnfzig Prozent
einstreichen wolle, stets sicher.

Die wahre Natur des Bankerotts kennen zu lernen, diesem htten sich
die Philosophen eben so entzogen, wie den Untersuchungen ber die
Agiotage und den Wucher, sie wrden dann auch das Wesen der freien
Konkurrenz begriffen haben. Napoleon habe Recht gehabt, zu sagen:
Man kenne nicht das eigentliche Wesen des Handels. Napoleon sei
eingeschchtert worden durch die Erfahrung, da jede Schdigung,
die eine Regierung gegen den Handel versuche, von diesem auf die
arbeitenden Klassen abgewlzt werde. Sobald der Handel bedroht
wrde, zge er die Kapitalien zurck, se er Mitrauen, hemme er
die Zirkulation. Der Handel sei das Bild des Igels, den der Hund an
keinem Punkte fassen knne. Das sei, was im Geheimen alle
Regierungen qule, was sie zwinge, sich vor dem goldenen Kalb zu
beugen. Eines Tages habe der sterreichische Minister Wallichs
(1810) gegen die Schliche der Brse in Wien auszuschlagen versucht,
indem er eine Ueberwachung des Brsenspiels einfhren wollte; er
sei von der Brse in die Pfanne gehauen worden und habe schmhlich
seinen Platz rumen mssen. Man msse also Entdeckungen machen, um
gegen diese kommerzielle Hydra kmpfen zu knnen. Schlielich sei
nichts leichter, als diesen Kolo der Lge anzugreifen; kenne man
die Batterien, die anzuwenden seien, so werde er nicht einmal
Widerstand versuchen.

Natrlich tuscht sich Fourier hier, weil er die Wirkung fr die
Ursache nimmt. Der Handel ist nur eine der Erscheinungen des
kapitalistischen Systems. Ihm an den Kragen zu wollen, ohne das
System mit der Wurzel auszuheben, ist einfach unmglich. Fourier,
der als Uebergangsstadium das Staatsmonopol fr den Handel
vorschlgt, wrde, falls der Versuch der Durchfhrung gemacht
worden wre, gefunden haben, da dies eben so unmglich ist, wie
alle Versuche von Wallichs bis zu Herrn v. Scholz und Herrn v.
Maibach, der Brse auch nur ein Haar zu krmmen. Der Kapitalismus
mag einwilligen, diesen oder jenen Industriezweig verstaatlichen zu
lassen, und er wird dies thun, wenn er dabei seine Rechnung findet,
aber nur dann: doch den Versuch der Monopolisirung eines Gebietes,
wie es der Handel ist, wrde er ebenso auf Tod und Leben bekmpfen
wie eine Verstaatlichung der gesammten Industrie, und er wrde
siegreich bleiben. Auerdem wird der Staat, der in seiner ganzen
Organisation und Gesetzgebung, und speziell in den gesetzgebenden
Faktoren, den Volksvertretungen und Ministerien, der Ausdruck der
kapitalistischen Interessen ist, dieser Staat wird nie weiter
gehen, als sein _fiskalisches Interesse_ ihn nthigt, und was immer
er verstaatlicht, wird selbst wieder nur in kapitalistischer Form
verwaltet und ausgebeutet. Fourier konnte zu seiner Zeit noch einen
gewissen ausgeprgten Gegensatz zwischen der Staatsgewalt und den
leitenden konomischen Klassen konstruiren, weil insbesondere der
alte Adel mit der emporstrebenden Bourgeoisie, den Mnnern von 1789
und ihren Nachfolgern, sich in den Haaren lag und beide Parteien
die Staatsgewalt als Schiedsrichterin anriefen. Aber hier bestand
kein Klassengegensatz, wie zwischen Kapital und Arbeit, es war nur
der Kampf um die Beute, wie wir heute noch diesen Kampf in voller
Blthe sehen, wo grundbesitzende, industrielle und handeltreibende
Bourgeoisie die Staatsgewalt und die Staatsgesetzgebung fr ihre
spezifischen Interessen auszunutzen suchen. Diese Differenzen
werden dauern, so lange es eine brgerliche Gesellschaft giebt, sie
werden immer nur quantitativer, nie qualitativer, prinzipieller
Natur sein. _Die Existenz des Staats erfordert die
Aufrechterhaltung der Klassengegenstze_; er kann sie -- und das
liegt in seinem Interesse -- zu mildern versuchen, aufzuheben
vermag er sie nicht, _weil er sich selbst damit aufheben wrde_.
Die Entstehung des Klassengegensatzes in der Gesellschaft _erzeugte
den Staat_, die Aufhebung des Klassengegensatzes machte ihn
verschwinden. Der Klassengegensatz, von seinem Entstehen an in den
Formen stetig wechselnd, aber seit dem Bestand des Staats stets
vorhanden, _ist das Gesetz der Existenz des Staates_. Wir hoben
bereits hervor, da wenn der ganze Erdboden mit Fourier'schen
Phalanxen bedeckt wre, seine Omniarchen, Csare, Auguste,
Monarchen u.s.w. eine sehr zwecklose Staffage wren, die keinen
Sinn und keine Bedeutung htte. Kriege gbe es nicht mehr -- also
ist die Armee mit Allem, was damit zusammenhngt, berflssig.
Diebe, Betrger, Verbrecher existirten auch nicht mehr -- also
wren Justiz, Polizei, Gefngnisse nicht mehr von Nthen. Die
Steuerbehrden wren, wie er selbst ausfhrte, ebenfalls nutzlos.
Die Verwaltung ihrer Angelegenheiten leitete jede Phalanx
ausschlielich; die Beziehungen der Phalanxen unter sich wren sehr
einfache, sie bezgen sich auf den gegenseitigen Austausch und die
gegenseitige Hlfeleistung bei der Herstellung groer gemeinsamer
Unternehmungen, auf die Mittheilung und Untersttzung von
Erfindungen, Verbesserungen und Entdeckungen aller Art fr das
praktische Leben, fr Wissenschaften und Knste. Das sind Dinge,
wozu schlielich eine Staatsgewalt in unserem Sinne nicht nthig
wre. Denn diese Staatsgewalt ist eine repressive und befehlende
Gewalt und nicht eine blos ausfhrende und anordnende Instanz; ihre
Hauptaufgabe besteht darin, den Gegensatz innerhalb der
Gesellschaft niederzuhalten, Ausbrche nationaler Streitigkeiten
niederschlagen und alle Diejenigen, welche, sei es individuell, sei
es korporativ, die bestehenden Staatsnormen verletzen, zur
Verantwortung zu ziehen. Fr alle diese Leistungen braucht die
Staatsgewalt die nthigen Werkzeuge und Institutionen: Armee,
Gerichte, Polizei, Gefngnisse, Steuerbehrden etc. Mit dem Zweck
fielen auch die Mittel. Monarchen, die unter dem Regime der Phalanx
regieren wollten, wrden unbekmmert um ihre Stellung und ihren
Titel, in noch viel hherem Grade die Rolle spielen, die das
bekannte drastische Wort Napoleon's den Monarchen sogenannter
konstitutioneller Musterstaaten, wie wir solche in Europa nur
wenige -- England, Italien, Belgien -- haben, anweist; ihre
Existenz wrde durch die Natur der Dinge im phalansteren System
unmglich sein.

       *       *       *       *       *

Im weiteren Verlauf seiner Kritik der Zivilisation kommt Fourier
auf diejenigen Charaktere zu sprechen, die nach dem Rckschritt
streben, denen der Hang zur rckgngigen Bewegung eingeimpft
(greffe) sei, und auf diejenigen Charaktere, die zum Niedergang
der dritten Phase treiben.

Eine Partei, welche die Mibruche der falschen Freiheit
erschreckte, halte es fr klug, auf die Gebruche und
Gepflogenheiten des zehnten Jahrhunderts, auf die Feudalitt und
den religisen Obskurantismus zurckzukommen. Aber man finde weder
ein Volk noch eine Bourgeoisie, welche sich fr das zehnte
Jahrhundert begeisterten. Der Versuch, das zehnte Jahrhundert auf
das neunzehnte, die erste Phase der Zivilisation auf die dritte zu
pfropfen, werde scheitern, Handel und Finanz seien allmchtig und
eine Partei sei verloren, welche glaube, diese beiden Mchte
beherrschen zu knnen.

Andererseits seien die Champions des erhabenen Flugs unserer
Gesellschaftsordnung, die Liberalen, auch noch eine Partei von
Rckwrtslern, die im Flittergold der Athener und der Rmer
stbernd, die alten Schwindeleien, die falschen Menschenrechte, in
Szene zu setzen suchten und auf das neunzehnte Jahrhundert
Illusionen pfropften, welche die Zivilisation zu einem Mischmasch
der zweiten und der dritten Phase machten.

Schlielich werde die Partei die Oberhand behalten, welche nach der
vierten Phase der Entwicklung vorwrts und nicht rckwrts gehe.
Wenn beide Parteien sich auszushnen und zu vereinigen vermchten,
knnte die Zivilisation in die vierte Phase aufrcken, die, wenn
sie auch nicht das eigentliche Glck bringe, doch gegen die
frheren groe Vorzge habe; sie werde die Bettelarmuth austilgen,
bestndig Arbeit dem Volke sichern, Fonds liefern, gengend, um die
ffentlichen Schulden zu decken; Wlder und Wege restauriren.

Was die dritte Phase betreffe, so sei sie eine Sackgasse, aus
welcher der menschliche Geist nicht herauszukommen wisse, er nutze
sich mit Systemen ab, die nur darauf hinaus liefen, alle Geieln
zur Herrschaft zu bringen. Diese Phase zeige das Bild des Sisyphus,
der ewig den Felsen wlzend nie zum Ziele komme. In verschiedenen
Beziehungen seien wir sogar zu Rckschritten gekommen, verursacht
durch die Chimren, welche wir uns ber das Reprsentativsystem
machten, was selbst Lobredner des Liberalismus, wie Benjamin
Constant, anerkannt htten. Solche Uebel seien: die Korruption der
Volksvertreter durch die Bestechungen; die Aufschreckung der Hfe,
die von Sinnen kmen durch die Angst, die ihnen der falsche
Liberalismus einfle; das Schutzsuchen der Hfe bei den Feinden
ihrer Unabhngigkeit aus Furcht vor dem Liberalismus, diesem
Schlimmsten, was ihnen begegnen knne; (heilige Allianz, Kongresse
von Aachen, Troppau, Laibach, Verona, Karlsbader Beschlsse, auf
diese und hnliche Vorkommnisse spielt Fourier hier an); die
Mihelligkeiten unter den verschiedenen Klassen der Brger in Folge
der Wahlkmpfe; das Wachsthum der Staatsausgaben in Folge des
Kampfes der Regierungen gegen die Vlker u.s.w.

Fourier verwahrt sich dagegen, da er ein Vertheidiger des
Absolutismus sei, wenn er die Uebel des herrschenden Systems
bloslege; er kritisire, um zu zeigen, da weder das Bestehende noch
das Vergangene das Glck der Menschen geschaffen und beweise, da
man die jetzige Phase so rasch als mglich verlassen msse. Er
nenne den Liberalismus falsch, weil er einen politischen
Rckschritt unter volksfreundlicher Maske, die Herrschaft der
Oligarchie erstrebe _und immer die seinen Versprechungen
entgegengesetzten Wirkungen erzeuge_. Die Liberalen suchten sich zu
rechtfertigen, indem sie sagten: Seht Ihr nicht, da wir ohne das
Reprsentativsystem und ohne unsere Opposition in den drckendsten
Despotismus fielen? Das gebe er zu, aber es sei nicht weniger
gewi, da, indem die Liberalen durch ihre Taktik den
Rckschrittlern vor den Kopf stieen und sie immer mehr
erbitterten, sie diese immer mehr dem Obskurantismus in die Arme
trieben. So arbeiteten die Liberalen indirekt gegen sich selbst.
Ueberdies sei sicher, da dieses sogenannte liberale System
keineswegs sehr positiv operire, _der liberale Geist sei fr alle
groen Probleme sozialer Verbesserung durchaus steril, er bringe
immer nur Debatten zur Welt, nie eine neue Idee_.

Fourier hat hier mit wenig Worten den Liberalismus schlagend
gekennzeichnet; er hat nichtsdestoweniger nach zwei Seiten Unrecht.
Er hat Unrecht, wenn er sagt, der Liberalismus schade sich selbst,
weil er durch seine Kampfweise den Monarchen und den Konservativen
vor den Kopf stoe. Das ist derselbe Vorwurf, den in unserer Zeit
die vorgeschrittenen Liberalen den Sozialisten machen. Nun kann
aber keine Partei aus ihrer Haut, sie kmpft fr die Ideen und
Interessen, die ihre Lebensbedingungen bilden; ob sie dabei einen
der Gegner, mit dem sie gewisse gleiche Ziele hat, verletzt und
einschchtert, kann nicht in Frage kommen. Jede aufstrebende
Partei, die fr ihren Sieg kmpft, ist fr die alten Parteien eine
Gefahr, weil der Sieg der neuen Partei die Verdrngung der alten
Parteien und ihre Hinauswerfung aus der innegehabten Position
bedeutet. Darber tuscht sich keine Partei, die an der Herrschaft
ist, und namentlich dann nicht, wenn ein unvershnlicher
prinzipieller Gegensatz zwischen den kmpfenden Parteien besteht.
Es ist daher thricht, dem Angreifer seine Taktik zum Vorwurf zu
machen, denn nicht um diese, sondern um seine wahren Bestrebungen
handelt es sich.

Fourier hat ferner Unrecht, wenn er glaubt, da ein Bndni des
Liberalismus seiner Zeit mit dem Konservatismus ein gnstigeres
Resultat fr den Fortschritt der Gesellschaft ergeben htte.
Deutschland, das heute hnliche Kmpfe der herrschenden Klassen
unter sich durchzumachen hat, wie das Frankreich der zwanziger und
dreiiger Jahre dieses Jahrhunderts, ist der klassische Zeuge
dafr, wohin der Liberalismus und der Fortschritt der Gesellschaft
kommt, wenn der Liberalismus sich mit dem Konservatismus verbndet.
Indessen wir wissen heute, da _alle_ wie immer gearteten
politischen Parteikmpfe nur Kmpfe um materielle Interessen sind,
und da, wo zwei Kmpfende sich gegen den dritten verbnden, sie
selbst nur einen Waffenstillstand schlieen, weil ihnen der dritte
die streitige gemeinsame Beute zu entreien droht. Es ist der alte
Kampf um das bevorzugte Dasein, den die Menschen im Gegensatz zu
den unvernnftigen Thieren fhren, indem jeder sich selbst und
alle sich gegenseitig zu belgen und zu betrgen suchen, sich
vorredend, es seien die Ideen und nur die Ideen, fr die sie
stritten und kmpften. Es ist der groe Fortschritt unserer Zeit,
da der Charakter dieser Kmpfe als Klassen- und Interessenkmpfe
immer mehr erkannt wird, und vor Allem ist es der moderne
Sozialismus, der diesen Standpunkt voll und ganz einnimmt.

Fourier fhrt fort:

Die Stehenbleibenden (immobilistes) seien eine ebenso lcherliche
Sekte als die Rckwrtsstrebenden, die soziale Bewegung weise jeden
Stillstand zurck; sie strebe zum Fortschritt, dies sei ebenso ihr
Bedrfni wie, da Wasser und Luft zirkuliren mten, um nicht zu
verderben. Jeder Stillstand korrumpire. Unsere Bestimmung sei,
vorwrts zu marschiren und so msse jede soziale Periode nach einer
hheren Entwicklung streben. So tendire die Barbarei zur
Zivilisation und diese zum Garantismus und den hheren
Entwicklungsformen. Wenn eine Gesellschaft zu lange in einer
Entwicklungsphase verharre, ermatte sie, und es entwickle sich in
ihr, wie stehendes Wasser faulig werde, die Verderbni. Wir
befnden uns seit einem Jahrhundert in der dritten Phase, aber in
dieser kurzen Spanne Zeit sei die Entwicklung, Dank den kolossalen
Fortschritten der Industrie, sehr rasch vor sich gegangen. Heute
strebe die dritte Phase ber ihre Grenzen hinaus. Wir besen zu
viel Lebensmittel fr eine auf der sozialen Stufenleiter
gleichzeitig nicht gengend emporgestiegene Gesellschaft, und
dieser Ueberflu von Lebensmitteln, im sozialen Mechanismus keine
natrliche Anwendung findend, berlaste und verderbe ihn. Daraus
resultire eine zerstrende Ghrung, es entwickle sich eine groe
Menge schdlicher Charaktere, es zeigten sich Symptome der
Erschlaffung, alles Wirkungen des Miverhltnisses, das zwischen
den industriellen Mitteln und den auf einer tieferen Stufenleiter
stehenden Massen der Bevlkerung vorhanden sei. Wir besen zu viel
Industrie fr eine zu wenig vorgeschrittene noch in der dritten
Phase zurckgehaltene Zivilisation, die aber von dem Bedrfni
gedrngt werde, sich in die vierte Phase zu erheben. Daher diese
Erscheinungen des Ueberflusses und der Verschlechterung, von denen
er die schlimmsten aufzhlen werde. Als Antwort auf die Prahlereien
von der Vollkommenheit der bestehenden Gesellschaft werde er die zu
Tage liegenden Wirkungen ihrer noch sehr neuen Verschlechterungen
zeigen.

Fourier fhrt nun ein Sndenregister der Zivilisation von
vierundzwanzig Eigenschaften auf, die den nothwendigen Verfall der
Gesellschaft zur Folge haben mten.

Erstens: Die politische Zentralisation. Die Hauptstdte wrden zu
Abgrnden, die alle Hlfsmittel verschlngen, welche die Reichen
zur Agiotage verleiteten, so da diese mehr und mehr die Agrikultur
verschmhten. Zweitens: Die Fortschritte der Fiskalitt. Es
entwickele sich ein System der Erpressung und es entstnden die
indirekten Bankerotte; man nehme die Mittel voraus und grabe der
Zukunft den Abgrund. 1788 habe Necker nicht gewut, womit er ein
jhrliches Defizit von fnfzig Millionen decken solle, heute
reichten nicht fnfzig, man brauche fnfhundert Millionen.
Drittens: Befestigung des Seehandelsmonopols. 1788 habe man noch
mit England rivalisirt und es zurckgehalten, heute herrsche es
ausschlielich, ohne da Europa an die Wiederherstellung einer
wirklichen Rivalitt denken knne. Viertens: Wachsende Angriffe auf
das Eigenthum. Gewohnheit und Beispiele machten diese durch die
Vorwnde zur Revolution immer hufiger. Diese Angriffe wrden fr
alle Parteien zur Regel. Nachdem Frankreich -- in der groen
Revolution und unter Napoleon -- konfiszirt habe, ahmten Spanien
und Portugal das Beispiel nach und das werde immer schlimmer
werden, weil es heute nur Fortschritt in der Unordnung gbe. Es sei
eine Charaktereigenschaft der Gesellschaft, die in die Barbarei
zurckgreife. Fnftens: Beseitigung der Zwischenkrperschaften;
also derjenigen Institutionen, welche durch die straffe
Zentralisation, die der Konvent schuf, beseitigt wurden:
Provinzialstnde, Parlamente, Magistrate und Korporationen. Dank
ihrem Sturze befinde man sich vor der jhrlichen Vergrerung des
Budgets um fnfhundert Millionen. Sechstens: Beraubung der Kommune
an Eigenthum und Rechten, die man vergeblich durch die
Lebensmittelsteuern (octrois), welche die Industrie schdigten,
die Bevlkerung mistimmten, zu Steuerhinterziehungen provozirten
und den ganzen legalen Handel vergifteten, zu entschdigen
versuche. Siebentens: Verdorbenheit der Rechtsprechung; man
vertheuere dem Armen das Rechtsuchen und mache es ihm unmglich,
und gleichzeitig rufe man, durch die immer grer werdende Theilung
des Eigenthums und die Hufung immer ohnmchtiger werdender
Gesetze, das Wachsthum der Prozesse hervor. Die Gesetze blieben
todte Buchstaben fr einen plndernden Lieferanten, der 76
Millionen gestohlen habe, und verurtheilten einen armen Teufel, der
einen Kohlkopf stehle, zum Tode.

Fourier theilt zum Beleg fr diesen letzteren Ausspruch den Ausgang
zweier Prozesse mit, die sich zu seiner Zeit in Pan im sdlichen
Frankreich abspielten. Ein Armeelieferant, der durch betrgerische
Lieferungen ein Vermgen von 76 Millionen ergaunerte, wurde
freigesprochen, ein armer Teufel, Namens Ellisander, der Kohl
gestohlen hatte, wurde zum Tode verurtheilt.

Achtens: Dauerlosigkeit in Institutionen, die selbst im Falle
besserer Einsicht von Unvermgen betroffen seien und durch den
Mangel gerechter Methoden in der ganzen Verwaltung der Gesellschaft
das Gegentheil von dem erzeugten, was sie bewirken sollten. Man
knne keine regelmige, auf allgemein geltenden Grundstzen
basirte Landauftheilung und Landvermessung vornehmen, weil es keine
Regel fr solche Manahmen gebe. Fourier hat hier die zu seiner
Zeit geplante allgemeine Katastrirung im Auge, die theils wegen der
groen Kosten, theils wegen des Streits ber die unterzulegenden
Grundstze von Jahrzehnt zu Jahrzehnt verschoben wurde. Neuntens:
Stetig drohende Schismen, die Brgerkriege hervorzurufen drohten.
Zehntens: Bestndige Gefahr des Ausbruchs innerer Kmpfe, die Folge
des Nhrens der Unzufriedenheit durch die Unwissenheit der sozialen
Politiker, die kein Mittel der Ausshnung und des wirklichen
sozialen Fortschritts zu entdecken vermchten. Elftens: Die
Vererbung; die Gewohnheit, die durch die besiegte Partei einmal
eingefhrten Uebel beizubehalten: Lotterien, ffentliche Spiele und
andere verhngnivolle Mittel der Fiskalitt.

Die politische Schamlosigkeit und Erniedrigung der christlichen
Mchte, die mit den Muselmnnern und Piraten ein stilles
Vertragsverhltni eingingen, wonach man den Seerubern, um sie zu
beschwichtigen, einen Tribut bezahlte und den Negerhandel
untersttzte, betrachtete Fourier als die zwlfte verhngnivolle
Charaktereigenschaft der Zivilisation. Zu seiner Zeit standen die
Dinge noch so, da die meisten europischen Mchte, Mangels der
nthigen maritimen Krfte und um den Seerubereien der
nordafrikanischen Raubstaaten Einhalt zu thun, durch Zahlung eines
jhrlichen Tributs die eigene Flagge vor Angriff zu schtzen
suchten. Einen solchen Vertrag schlo z.B. Oesterreich mit der
Trkei, als der Schutzmacht der nordafrikanischen Seeruberstaaten,
ab. Oesterreich, das 1814 mit der Annexion von Venedig auch dessen
Flotte erhielt, -- 8 Linienschiffe, 7 Fregatten etc. -- lie diese
buchstblich verfaulen und die im Bau begriffenen Fregatten
unvollendet. Der bankerotte Staat hatte keine Mittel, eine
Kriegsflotte unterhalten zu knnen. Der Sklavenhandel, durch
christliche Mchte begnstigt, blieb noch bis in unser Zeitalter
ein gewinnbringendes Geschft und eine Schmach unserer Kultur.

Dreizehntens: Fortschritt des Handelsgeistes. Steigende Macht des
Brsenspiels, das der Gesetze spotte, die Frchte der Industrie an
sich reie, die Autoritt mit den Regierungen theile und berall
die Raserei fr das Spiel verbreite. Vierzehntens: Begnstigung des
Handels trotz seiner Verschlimmerung. Marseille baue fr die
Seeruber Schiffe zur Kaperung der Schiffe der Christen, um mit den
gefangenen Christen die afrikanischen Bagnos zu fllen; Nantes
besitze Fabriken in denen die Marterwerkzeuge fr die Tortur der
Neger hergestellt und den Strafgesetzen zum Trotz ausgefhrt
wrden; andere Stdte ahmten den Englndern nach und bauten Bagnos
(Fabriken), in denen die Arbeiter sechszehn Stunden tglich
schanzen mten. Je mehr der Handel an Bsartigkeit zunehme, um so
mehr werde er begnstigt. Fnfzehntens: Industrielle Skandale:
Fortschritte in der Art der Verflschungen und der Tolerirung der
Verflschung der Lebensbedrfnisse; Zunahme der aus drckendem
Ueberflu entstehenden Krisen; unterwerthige Ueberlassung der
Ernten unmittelbar nach ihrer Einbringung gegen vorausgegangene
Lieferung anderer Bedrfnisse, also zunehmende Abhngigkeit des
Bodenbebauers vom Kapitalisten. Sechszehntens: Handel mit weien
Favoritinnen. Man lasse eine solche Gewohnheit vertragsmig selbst
solchen Mchten zu, welche sie, wie der Pascha von Egypten, bisher
nicht hatten, und widersetze sich nur diplomatischen Albernheiten.
Siebzehntes: Einbrgerung der Sitten eines Tiberius: zunehmende
Spionage, die bis in die Reihen der Soldaten reiche; geheime
Angeberei; augenscheinlicher Fortschritt in der Heuchelei, der
niedrigen Gesinnung, der dem Parteigeist innewohnenden Uebel.
Achtzehntens: Kommunistischer Jakobinismus. Die Parteien, die ihn
bekmpften, adoptirten seine Taktik und die Kunst, Verschwrungen
anzuzetteln; sie raffinirten die Verleumdung, die heute allgemein
geworden sei und nhmen dem Charakter des Modernen noch das wenige
von Noblesse, das ihm verblieben. Neunzehntens: Vandalistisch
gesinnter Adel (der Restauration), der an die Rechtsideen vor der
Revolution wieder anzuknpfen suche; er denke nur daran, die
Industrie, die ihm die Wahlstrme brachte, zu zerstren und
verfalle so wieder der Barbarei. Zwanzigstens: Literarische
Luftgefechte, die unsere Schriftsteller und Gelehrten als Banner
ihres Barbarismus aufpflanzten, wobei sie sich gegenseitig, zum
Vergngen des Publikums, dem sie den Geschmack an der Verleumdung
beigebracht, zerrissen. Sie einigten sich nur, um wirkliche
Aufklrung und ntzliche Entdeckungen zu ersticken und zu
unterdrcken. Die Wahlfreiheiten htten ein Trio von neuen Tugenden
geboren: einen vandalistisch gesinnten Adel, eine an der
Verleumdung hngende Bourgeoisie, ein voll Tadelsucht steckendes
Gelehrtenthum. Einundzwanzigstens: Auf rascheste Zerstrung
gerichtete Taktik, indem man die Kriege furchtbarer zu machen suche
und immer mehr die barbarischen Gewohnheiten annehme;
Guerillakampf, Landsturm, Bewaffnung von Frauen und Kindern.
(Erinnerungen an Spanien, Tyrol und Preuen. Der Verf.)
Zweiundzwanzigstens: Tendenz zum Tartarismus, darin bestehend, die
allgemeine Wehrpflicht und das Massenaufgebot, wie es Preuen
bereits besitze und es Ruland in hherem Mae nachzuahmen
versuche, einzufhren; ein System, das, wenn es erst in einigen
Reichen eingefhrt sei, alle brigen zwinge, aus
Sicherheitsrcksichten diese tartarische Organisation ebenfalls
anzunehmen. Dreiundzwanzigstens: Einweihung der Barbaren in die
Taktik der Zivilisirten, was ein sicheres Mittel sei, die
Rubereien der Barbaresken noch mehr herauszufordern und der Trkei
nahezulegen, diese Rubereien nachzuahmen dadurch, da sie in den
Dardanellen von den Schiffen aller schwachen Mchte einen
Passagezoll erhebe. Endlich vierundzwanzigstens: Vierfache Pest. Zu
der bereits bekannten alten des Orients komme das gelbe Fieber, der
Typhus, der bereits groe Verheerungen anrichte, und die aus
Bengalen stammende Cholera. Das sei eine neue Quadrille von vier
wachsenden Vervollkommnungen.

Wir kritisiren diese von Fourier hier vorgefhrten vierundzwanzig
Charaktereigenthmlichkeiten der Zivilisation nicht weiter, jeder
Leser wird sich klar sein, wie weit sie heute noch vorhanden oder
nicht vorhanden sind, sich steigerten oder sich schwchten; eine
Anzahl derselben waren sehr vorbergehender Natur und sind
verschwunden, andere lasten in bedenklichem Mae auch auf unserem
Zeitalter, sie sind sogar seit Fourier in ihrem Druck gewachsen.
Die Aufstellung der Liste verrth wieder den Mann der scharfen
Beobachtung und den Denker. Charakteristisch fr Fourier aber ist
die fnfundzwanzigste der zivilisirten Untugenden, die er getrennt
von den brigen hervorhebt und als die schmachvollste aller
bezeichnet: die Zulassung der Juden zu den brgerlichen Rechten.

Es gengte den Zivilisirten nicht, sagt er, die Herrschaft des
Betrugs zu sichern, man mute die Wuchernationen, die unproduktiven
Patriarchalen zu Hlfe rufen. Die jdische Nation sei nicht
zivilisirt, sie sei patriarchalisch; sie habe keinen Souvern,
erkenne auch im Geheimen keinen an und halte jeden Betrug fr
lobenswerth, wenn es sich darum handele, Diejenigen zu tuschen,
die nicht ihres Glaubens seien. Sie gebe zwar diese Prinzipien
nicht zu, aber man kenne sie gengend. Die Juden verdankten ihre
Zulassung zu den brgerlichen Rechten nur den Philosophen. Man
sieht, Fourier's Angriffe gegen die Juden, in welchen er sich noch
weiter ergeht, decken sich fast wortgetreu mit den Angriffen
unserer heutigen Antisemiten.

Fourier meint weiter, die aufgezhlten Uebel gehrten nicht
unabnderlich zum Wesen der Zivilisation, sondern seien nur
Anhngsel; sie wrde dem Einbruch dieser Uebel entgangen sein, wenn
sie ihren Marsch beschleunigt htte, wenn sie zeitig sich von der
dritten Phase in die vierte Phase erhoben, ihre Organisation auf
der sozialen Stufenleiter um so viel hher ausgebildet htte als
ihre Industrie sich steigerte; so habe sie fr die dritte Phase zu
viel und fr die vierte zu wenig Entwicklung. Die Vollsaftigkeit
(plthore) sei nur ein Zuflliges, die durch eine andere
Organisation der sozialen Ordnung eine andere und gesundere
Vertheilung erlangte. Es handele sich also darum, da wachsende
Industrie und Verbesserung der sozialen Organisation Hand in Hand
gingen, damit diese kolossale Industrie regulirt und ausgeglichen
werden knne, eine Industrie, die zu einem politischen Fleischbruch
(sarcocle politique) geworden sei und es bliebe, so lange wir in
der dritten Phase verharrten.

Hiermit habe er die Analyse der Zivilisation gegeben. Htte sich
die Wissenschaft dieser Aufgabe unterzogen, so htte sie erkannt,
welche Perioden die Zivilisation durchlaufen habe und wrde
entdeckt haben, wann man in die Bahn des Uebels oder des Guten
einlenkte. Man wrde alsdann auch konstatirt haben, da die
Zivilisation zwar die Industrie vervollkommnete, _da sie aber in
demselben Mae die Sittenzustnde verschlechtere, wie der
Fortschritt der Industrie sich entwickelte_. Darum gelte es, einen
anderen sozialen Mechanismus zu entdecken, der den Sitten
(moeurs) gem operire und aus dem Fortschritt der Industrie die
Wahrheit und die Gerechtigkeit schaffe. Anstatt zu diesem Ziel zu
streben, weigere sich die Wissenschaft, eine Aenderung zuzulassen,
behauptend: der natrliche Sinn des Wortes Zivilisation ist die
Idee des Fortschritts in der Entwicklung; es setzt ein Volk voraus,
das marschirt; es bedeutet die Vervollkommnung des brgerlichen
Lebens und der sozialen Beziehungen, die billigste Vertheilung der
Gewalt und des Glcks aller Glieder der Gesellschaft.

Einen Professor, der sich in solcher Weise auf seinem Pariser
Lehrstuhl, wo der Sophismus vor jedem Widerspruch sicher sei,
ausdrcke, solle man als Antwort in die Spiegelmanufakturen und
hnliche Werksttten fhren, damit er mit eigenen Augen die
billige Vertheilung und das Glck der Arbeiter sehen knne;
jener Arbeiter, die den Phantasien der Migen, aus denen sich das
Auditorium des Professors zusammensetze, als Vorwurf dienten. Wre
es wahr, da die Zivilisation jede Vervollkommnung, jeden
Fortschritt, jede Entwicklung begnstige, dann wren auch die
Barbaren Zivilisirte, deren Industrie in China, Japan, Persien,
Hindostan sich sehr vervollkommnet habe; aber zwischen diesen
beiden Gesellschaften werde man, wenn man sie analysire, einen
mchtigen Unterschied erkennen. Der Fortschritt drfe aber nicht
blos die Industrie betreffen, er msse auch die Sitten und den
ganzen sozialen Mechanismus der Gesellschaft umfassen, zwei
Beziehungen, welche die Zivilisation nur zu verschlechtern wisse.
So bleibe ihre Aufgabe nur, Wissenschaft, Knste, Industrie,
Studien, welche auch die Barbaren begonnen und sehr weit getrieben
htten, bis in die dritte Phase zur Anwendung zu bringen. Habe die
Zivilisation diese Aufgabe erfllt, dann bleibe ihr nichts anderes
brig, als zu verschwinden und einer anderen Gesellschaft Platz zu
machen, welche, indem sie Sitten, sozialen Mechanismus, Industrie
und Wissenschaft immer mehr vervollkommne und verfeinere, sie auf
eine Hhe bringe, deren die Zivilisation nicht zur Hlfte fhig
sei.

Indem das Jahrhundert sich abmht, fabrizirt es Konstitutionen und
Systeme im Ueberflu; es gleich dem Eichhrnchen, das in seinem
Rade springt, ohne da es vom Flecke kommt.

       *       *       *       *       *

Fourier legt nun den Plan dar, der nach seiner Meinung die
Zivilisation auf dem krzesten Wege in die hhere
Entwicklungsphase, zunchst in den Zwischenzustand zwischen
Zivilisation und Garantismus, versetzen knne. Es gelte ein
Uebergangsstadium zu schaffen, das den Handel, diese Hydra, vor der
selbst die Knige erschreckten und sich beugten, strze.

Dieses koste nur ein Dekret, und die Banken wie der Handel mit
ihren enormen Ertrgen kmen in den Besitz der Regierungen. Zwei
Wege gebe es, dies herbeizufhren, einen brsken und einen sanft
zwingenden, einen konkurrirenden und einen untergrabenden; auch
lieen sich beide Methoden vereinigen.

Er unterstelle, da es einen Knig gebe von dem festen und
rcksichtslosen Charakter eines Mahmud II. (regierte als Sultan von
1808-1839) und also den Zwang vorziehe: dieser werde die ganze
arme Klasse, die nichts besitze, vereinigen und sie in Staatsfarmen
organisiren. Man knne rechnen, da die Zahl der ganz Mittellosen
ungefhr ein Zehntel der Bevlkerung betrage und auf je vierhundert
Familien vierzig arme Familien kmen. Es bildeten also je
zweihundert Personen die Bewohner einer Staatsfarm, die ihre
nthigen Gebude, Stallungen, Vieh, Grten, Werkzeuge u.s.w.
erhielten. Diese Zahl sei gro genug, um eine zweckmige und wenig
kostspielige Verwaltung, abwechselnde Arbeiten und ein lukratives
Unternehmen zu begrnden.

Diesen Staatsfarmen htte sich in der Industrie die Institution der
fixirten Unternehmerschaft anzuschlieen. Hierunter versteht
Fourier nicht die der Zahl nach fixirte Unternehmerschaft, sondern
eine solche, die unter der Bedingung zugelassen wird, da sie eine
von Jahr zu Jahr progressiv steigende Abgabe an den Staat leistet,
eine Maregel, die zwei Wirkungen haben soll; erstens: dem Staat
eine hohe Einnahme zu bringen; zweitens: den Unbemittelten die
Unternehmerschaft unmglich zu machen, oder sie zur Aufgabe
derselben zu nthigen. Die so freigesetzte Bevlkerung solle in die
Staatsfarmen gedrngt werden, die einkommende Steuer aber neben der
Deckung der Staatsausgaben zur Deckung der Staatsschulden verwendet
werden. Fourier setzt voraus, da diese Einnahmen allmlig sehr
hoch werden und einen erheblichen Theil des Unternehmergewinns
absorbiren wrden. Sicher ist von allen utopistischen Vorschlgen
Fourier's dieser Vorschlag der utopischste.

Indem die Farmen immer zahlreicher wrden und immer vorzglichere
Produkte lieferten, auch industrielle, wrden sie durch die Gte
ihrer Waaren, wie die Reellitt der Preise die private Konkurrenz
immer mehr in's Gedrnge bringen und einen Unternehmer nach dem
andern zur Geschftsaufgabe zwingen. Damit dehnten sich die Farmen
immer mehr aus, die Kapitalisten lieen ihnen ihre Kapitalien
zuflieen, ein Eigenthmer nach dem andern trete ihnen durch
Verkauf oder durch Pacht seinen Grund und Boden ab und sie wrden
schlielich selbst Mitglieder der Farmen. Dieser Aufsaugungsproze
fhre dann zur Bildung der Phalanxen.

Man sieht, dieser Vorschlag hat eine starke Aehnlichkeit mit dem
von Lassalle vorgeschlagenen Uebergangsstadium, nur da Lassalle
mit der Industrie beginnen wollte, Fourier das Hauptgewicht auf die
Ackerbaugenossenschaft legt.

Wir haben keine Veranlassung, diesen Vorschlag ausfhrlicher zu
kritisiren; er ist ebenso wenig durchfhrbar, wie die Grndung der
Phalanxen durch die Mitwirkung der Reichen. Die Herrscher und die
Klassen mten noch geboren werden, die im Besitz der Macht und
aller Gensse freiwillig aus rein philanthropischen Grnden, um der
Masse der Unbemittelten und Armen zu helfen, ihre eigene bevorzugte
Stellung opferten. Wer in der Macht sitzt, sitzt im Recht und ihm
leuchtet nicht ein, da seine Stellung eine ungerechte sein knne.
Ein Vorschlag, wie der Fourier'sche, kommt einer Zumuthung zum
Selbstmord gleich; diesen begeht nicht einmal der Einzelne
freiwillig, wie viel weniger eine Klasse, die sich im Besitz der
Herrschaftsmittel und im Glauben an ihr Recht befindet. --

Fourier ergeht sich weiter in Auseinandersetzungen und
Spekulationen ber Einrichtungen und Zustnde der
Entwicklungsperioden, welche der Zivilisation vorausgegangen sind,
um an der Hand derselben nachzuweisen, da weitere Entwicklungen
ber die Zivilisation hinaus folgen wrden. Nicht nur seien Thiere
und Pflanzen um so mehr der Degeneration verfallen, je nher sie
unserer Zeitperiode rckten, sondern auch der Mensch. Der
ursprngliche Mensch, der im Zustand des Edenismus
durchschnittliche 73 pariser Zoll gro gewesen -- woher er
diese genauen Maangaben besitzt, verschweigt er --, aber heute auf
durchschnittlich 63 pariser Zoll zurckgekommen sei, werde in der
Harmonie sich wieder zur Hhe von 73-84 pariser Zoll entwickeln.
Alle dem Menschen ntzliche Thiere und Pflanzen wrden sich in
demselben Verhltni vervollkommnen und veredeln. In der Barbarei
sei der Angelpunkt des Systems, im Kontrast mit dem in der
Zivilisation, die Einfachheit der Handlung, in der Zivilisation
nehme jede Handlung den Charakter der Doppelseitigkeit an. Ein
Beispiel mge dies beweisen.

Der Pascha eines barbarischen Reichs verlangt Abgaben, einfach,
weil es ihm gefllt, zu brandschatzen und zu plndern, es fllt ihm
nicht im Traum ein, erst in den Verfassungen der Griechen oder
Rmer nach den Theorien ber die Rechte und Pflichten der
Staatsangehrigen zu forschen: er begngt sich, die Steuer zu
verlangen bei Gefahr fr die Besteuerten, im Nichtzahlungsfalle den
Kopf zu verlieren. Fr den Pascha giebt es also, um zum Zweck zu
gelangen, nur ein Mittel, die Gewalt; dies ist eine einfache
Handlung. Der zivilisirte Monarch benutzt fr denselben Zweck
verschiedene Mittel. Zunchst hat er Polizisten und Soldaten zur
Sttze der Verfassung. Aber man setzt dieser Hlfe das
philosophische Handwerkszeug von moralischen Subtilitten ber das
Glck, Abgaben zum Wohl des Handels und der Verfassung zahlen zu
drfen, hinzu. Tugendhafte Finanziers bernehmen, damit wir unsere
unverjhrbaren Rechte genieen knnen, bereitwillig die
Ueberwachung der Verwendung dieser Steuern. Der Frst, der sie
fordert, erscheint dabei als zrtlicher Vater, nur darauf bedacht,
seine Unterthanen zu bereichern; er empfngt die Steuern nur, um
den unsterblichen Volksvertretern zu gehorchen, die ihm dieselben
bewilligten; in Wahrheit ist es das Volk selbst, das die Steuern zu
bezahlen _wnscht_. Darauf erklrt der Landmann zwar, da er seine
Vertreter nicht gesandt habe, damit sie die Steuern vermehrten,
aber man antwortet ihm: er msse die Schnheiten der Verfassung
studiren, die ihn lehre, da die Wrde freier Mnner darin bestehe,
zu bezahlen oder -- in's Gefngni zu wandern.

Hier sei also, erlutert Fourier, Doppelseitigkeit der Handlung
vorhanden, man bringe zwei sich gegenberstehende Mittel in
Anwendung, die Moral und die Gewalt, die Barbarei begnge sich mit
der Gewalt. Jedenfalls hat Fourier mit seiner Beweisfhrung die
Lacher auf seiner Seite.

In die metaphysischen Spekulationen, die Fourier ber den Plan
Gottes und die Gesammtheit der Bestimmungen anstellt, wollen wir
ihm nicht folgen; ebensowenig in seine Spekulationen ber die
Unsterblichkeit der Seele und die Wanderungen, welche die Seele von
Planet zu Planet, nach dem System immer grerer Vervollkommnung,
vornehme. Heiterkeit erregend ist, wie er ausfhrt, warum die
Menschen ber das zuknftige Leben nichts Bestimmtes wissen. Er
sagt: Erstaunen wir nicht ber die Unkenntni, welche ber unsere
Unsterblichkeit herrscht, noch ber die Unzulnglichkeit unseres
Wissens ber das, was uns nach unserem Tode erwartet. Whrend des
gegenwrtigen bedenklichen Zustandes unserer Gesellschaft darf Gott
die Menschen keine wissenschaftliche Kenntni von ihrem knftigen
Leben erlangen lassen. Erlangte man sie, smmtliche Arme der
Zivilisation wrden Selbstmord ben, um dieses knftige Glck so
rasch als mglich zu genieen; aber die Reichen, die zurckblieben,
htten weder die Fhigkeit, noch die Neigung, die Armen in ihren
undankbaren Beschftigungen zu ersetzen. Die Wirkung wrde also
sein, da durch das Verschwinden Derer, welche jetzt diese Lasten
tragen, die Industrie der Zivilisirten zu Grunde ginge und der
Globus im Zustand bestndiger Verwilderung bliebe. Dies wrde die
sichere Folge von der Ueberzeugung der Unsterblichkeit und ihrer
Herrlichkeit sein. Originell ist diese Begrndung auf alle Flle.

Der Kuriositt und fr manchen Leser wohl auch des Interesses
halber wollen wir hier ferner einige der Analogien erwhnen, die
Fourier zwischen den verschiedenen Pflanzen und Thieren und den
verschiedenen Menschencharakteren und ihren sozialen Beziehungen
nachzuweisen sich bemht. Diese Analogien erfllen nach ihm das
ganze Universum, wobei er sich auf die Worte Schellings -- eines
der sonst von ihm so gehaten metaphysischen Philosophen -- immer
wieder bezieht: Die menschliche Seele ist das Modell des Weltalls,
es widerspiegelt sich die Idee des Ganzen in jedem Theil. Nach
Fourier ist also die groe Feldrbe, die nur auf dem Tisch des
Unbemittelten und unwissenden Landmannes erscheint, auch dessen
Spiegelbild; im Thierreich der Esel. Die Steckrbe entspricht dem
gebildeten Farmer, die kleine runde Rbe dem opulenten Mann. Die
Carotte ist das Bild des verfeinerten, gerne experimentirenden
Agronomen. Der Sellerie mit seinem herb-suerlichen Geschmack
entspricht den Beziehungen lndlicher Liebender. Die Runkelrbe ist
das Bild des zur Arbeit gezwungenen Sklaven; wie jene durch die
gewaltsame Auspressung ihres Saftes Zucker geben mu, so entspricht
ihr Saft dem ausgepreten Blut des Arbeiters, das Gold wird.
Dagegen gleicht das Zuckerrohr mit seiner angenehmen Se dem Bilde
der sozietren Einheit in der Industrie. Die Kartoffel mit ihren
zahlreichen beieinander liegenden Knollen ist ein Gleichni fr die
Gruppen und Serien der Triebe. Ferner ist die Rose das Sinnbild der
Scham, die Mistel das des Schmarotzers, die Tulpe das der Justiz,
der Hahnenfu das der Etikette, die Hortensie das der Koketterie,
der Hund das der Freundschaft, das Pferd das des Soldaten, die
Viper das der Verleumdung. Es sind also Thiere und Pflanzen bald
das Spiegelbild der Triebe des Menschen und seiner
Charaktereigenschaften, bald seiner sozialen Beziehungen. So wird
die Ehe in den verschiedenen Klassen durch die verschiedenen Arten
der Schwertlilie analogisirt. Die flatterhafte Schwertlilie (iris
perpillon) reprsentirt die Ehe junger Liebenden; die jeder
Annehmlichkeit beraubte Mauer-Schwertlilie entspricht der Ehe armer
Drfler; die blaue Schwertlilie der Ehe des behbigen Brgers; die
gelb- und azurgestreifte Schwertlilie der Ehe reicher Liebender;
die riesige graue Schwertlilie, die mit ihrer mit Schwarz
durchschossenen Blume einer groen Trauerblume hnlich sieht,
entspricht der frstlichen Ehe, wie berhaupt der Ehe aus Ehrgeiz
oder Politik. Die Blume zeigt an, da diese Ehen meist ohne Liebe,
oft ohne da man sich zuvor kennen gelernt, geschlossen werden und
ihres eigentlichen Reizes und der wahren Natur des Menschen, die
nach Liebe drstet, entbehren. Schlielich bedauert Fourier
lebhaft, da er zu wenig die Naturgeschichte studirt habe, um diese
Analogien, die eine der interessantesten Studien darbten, nach
allen Richtungen verfolgen zu knnen, und befrwortet, da man im
sozietren Zustand diesem Studium besondere Bercksichtigung
schenke, weil es fr Sinne und Gemth seine groen Annehmlichkeiten
und Reize habe.

       *        *        *        *        *

Wir glauben im Vorstehenden die Hauptgedanken aus den Theorien
Fourier's so wiedergegeben zu haben, als dies bei dem zugemessenen
Raum mglich war; da uns dabei manche schne Stelle in seinen
Ausfhrungen entgangen ist, wie wir andere wegen Mangel an Raum
bergehen muten, ist bei dem betrchtlichen Umfang seiner Werke
natrlich. Es ist andererseits keine leichte Aufgabe, sich in der
Menge des Materials und in dem oft krausen Stil und abrupten
Gedankengang zurechtzufinden. Und doch bietet das Studium seiner
Werke einen groen Genu; sie zeigen eine erstaunliche Flle
origineller Gedanken und Ideen, die zu einem erheblichen Theil auch
fr die heutige Zeit, wie fr die zuknftige Entwicklung der
Gesellschaft von groer Fruchtbarkeit sind. Sein Studium der
menschlichen Triebe und die daraus hervorgehenden Schlsse sind
eine Arbeit, wie sie unseres Wissens nicht zum zweiten Male
existirt. Die Art, wie er die menschlichen Triebe fr eine neue
Gesellschaftsorganisation zu verwenden beabsichtigte, ist so tief
gedacht und erfat, da die Zukunft in der Richtung der von ihm
erfaten Gedanken nur weiter zu wandeln und aufzubauen braucht.
Groartig ist sein System der Kindererziehung, das einem Pdagogen
von Fach eine Flle neuer Gedanken und Anregungen geben wird und
das zugleich Zeugni ablegt von der erstaunlichen, in's kleinste
Detail gehenden Beobachtung, mit der Fourier, wie Alles, was ihm
begegnete, so auch das Leben der Kinderwelt studirte. Das ist um so
merkwrdiger, als er sein Leben unverheiratet beschlo und keine
Kinder besa. Merkwrdig ist auch, da dieser Mann, der einsam
durch's Leben ging, ganz seinen Studien ergeben, der Liebe jenen
Tempel baute, den sie in seinen Werken findet. Seine intimsten
Freunde und Schler haben keine Ausschweifungen an ihm beobachtet.
Das ist nicht berflssig zu bemerken in Anbetracht der Angriffe,
welchen gerade die Abschnitte ber die Liebe in seinen Werken
ausgesetzt waren.

Wir haben seinen Ideen ber Kindererziehung nur einen
verhltnismig kleinen Raum widmen knnen, sie nehmen aber einen
ziemlich betrchtlichen in seinen Werken ein und umfassen eine
Menge interessanter Details, die wir bergehen muten, die aber
neben der denkenden Beobachtung, die Fourier den Kindern widmete,
auch die tiefe Liebe athmen, die er zu diesen die Zukunft der
Gesellschaft reprsentirenden Wesen besa.

Wer sich mit all den berhrten Fragen eingehender befassen will,
dem rathen wir, die Werke Fourier's zu studiren. Er wird neben
vielem Schrullenhaften und Vielem, was uns heute lcherlich
erscheint, weil wir mittlerweile fast dreiviertelhundert Jahre
lter wurden und eine ungeheure Flle von Wissen, Entdeckungen und
Erfahrungen aufgespeichert haben, die Fourier und seinem Zeitalter
fremd und unbekannt waren, auch viele heute und noch fr eine
erhebliche Zukunft hinaus sehr werthvolle Gedanken, Anregungen und
Ideen kennen lernen. Und selbst das Schrullenhafte und Lcherliche
in seinen Werken ist stets in so origineller Weise gedacht, da man
es mit Interesse liest, als ein Denkmal, das zeigt, wie in einem
genialen Geiste, der nicht lange vor unserm Zeitalter lebte und
Menschen und Dinge grndlich kannte, sich die Zukunft der
Menschheit und der Welt widerspiegelte. Wer Goethe's Wilhelm
Meisters Lehr- und Wanderjahre und Wahrheit und Dichtung gelesen
hat und erwgt, da Fourier und Goethe gleichzeitig lebten und
wenige Jahre von einander getrennt starben, wird in den Phantasien
Beider ber menschliches Glck manches Verwandte finden. Der
Fourier'sche Utopismus hlt dem Goethe'schen, wie er namentlich in
den Wanderjahren hervortritt, voll die Waage; Fourier bertrifft
Goethe an realer Menschenkenntni, an Kenntni der Lebenslage der
Masse und in Bezug auf die Naturgeschichte der Gesellschaft.

Wir lieen in der vorliegenden Arbeit gnzlich unbercksichtigt,
und muten und konnten dies auch, Fourier's sehr polemisch
abgefate Abhandlungen gegen die Philosophen, die er so grndlich
hate und, wie es immer geschieht, wenn der Ha vorzugsweise die
Feder fhrt, auch schwrzer malte, als sie es verdienten. Man halte
fest, da es die Politiker, die Oekonomisten, die Moralisten und
Metaphysiker waren, denen er unter dem Namen der Philosophen zu
Leibe ging. Man beachte ferner, da seine Feindseligkeit wider sie
daher kam, da er, der die Wahrhaftigkeit ber Alles liebte, fand,
da ihre groen Worte und schnen Ideen, mit welchen sie den
Menschen das Heil, die Rettung aus allem Elend und das Glck
versprachen, im Widerspruch mit ihren Thaten und im grellsten
Widerspruch mit dem wahren, so eben erst neugeschaffenen Zustand
der Dinge standen. Wer wie Fourier all die groen, schnen und
glnzenden Gedanken, welche die Werke Rousseau's und der
Enzyklopdisten, die Reden der Wortfhrer der verschiedenen
politischen Parteien, der Konstitutionellen, wie der Sieys und
Mirabeau, der Girondisten, der Dantonisten, der Robespierrianer
u.s.w. enthielten, kennen gelernt hatte; wer gesehen, wie dem rothen
der weie Schrecken folgte, dann die Bourgeoisie das Heft in die
Hand nahm und, raubgierig und schamlos wie immer, allen ihren
groen schnen Worten und erhabenen Phrasen zum Trotz, nur daran
dachte, das Volk zu unterdrcken und es um die Frchte seiner
Arbeit zu bringen; wie dann statt des verheienen Glcks das
Massenelend sich einstellte, sich sichtbar vermehrte; wir sagen,
wer das Alles vom Standpunkt Fourier's gesehen und erlebte und
dabei glaubte, sich ber die Natur der Dinge und der Menschen nicht
zu tuschen, dessen Herz durfte mit Ha und Zorn erfllt werden.
Aber er besa in hohem Grade auch die Waffen des Witzes und des
beienden Spottes, womit er seine Angriffe wrzte, und dies
erbitterte besonders seine Gegner und veranlate sie lange Zeit,
und die berwiegende Zahl derselben stets, die bekannte
Todschweigungstaktik gegen ihn zu beobachten. Einen Mann von
Fourier's Charakter erbitterte dies noch mehr.

Sein System war nicht fr das Verstndni der Massen berechnet,
wenn auch fr die Massen geschaffen; er suchte die Zustimmung und
Mitwirkung der Groen und Reichen, und diese Kreise konnten, wenn
berhaupt, nur gewonnen werden, wenn namentlich die vornehmeren
Journale sich seinen Ideen und seinen Werken freundlich
gegenberstellten. Aber die Schriftsteller dieser Kreise muten
sich wiederum, abgesehen von dem Inhalt seiner Gedanken, durch
seine Kritik am meisten getroffen und verletzt fhlen. Es gehrte
der kindliche Glaube eines Fourier dazu, da die Gegner seine
Kritik nicht als eine persnliche, sondern als rein sachliche
auffassen sollten, das hie in der That ihrer Natur zu viel
zumuthen und der Macht seiner Grnde zu sehr vertrauen. Aber
abgesehen von dieser Art seiner Polemik wrden die herrschenden
Klassen schon aus den mehrfach hervorgehobenen, im Wesen der
Klassenherrschaft und des Klassengegensatzes liegenden Grnden,
sich zu keiner freundlicheren Behandlung herbeigelassen haben. Sie
behandelten ihn, und von ihrem Standpunkt aus mit Recht, als
Narren. Wie kann man auch dem Wolf zumuthen, ein Lamm zu werden?
Oder verlangen, von den Disteln Trauben zu lesen?

Diese ewigen Abweisungen forderten dann auf's Neue seinen Zorn
heraus, schrften seinen Witz und Spott, die er an den zahlreichen
Blen bte, die das System und seine Vertheidiger ihm boten.
Friedrich Engels, sicher ein berufener Beurtheiler, spricht in
seiner Schrift Herrn Eugen Dhring's Umwlzung der Wissenschaft
aus, da wenn selbst die Fourier'schen Systemausfhrungen keinen
Werth besen, eine Ansicht, die Engels nicht hat, Fourier durch
die Form seiner Kritiken zu den grten Satirikern aller Zeiten
gehre.

Wie die Philosophen, als Vertreter und Lobredner der brgerlichen
Gesellschaft, ihn mihandelten, so empfing er auch die Angriffe und
Verurtheilung seitens der Kirche. Wir wiesen schon mehrfach im
Obigen darauf hin, wie wenig Fourier's Auffassung von Gott und der
Stellung des Menschen zu Gott den kirchlichen Ansichten behagen
konnte. Setzte der Papst seine Schriften auf den Index, so machten
es sich katholische Organe seiner Zeit, wie Gazette de France und
L'Univers zum Geschft, ihn als einen Menschen anzugreifen,
welcher den menschlichen Leidenschaften die Zgel wolle schieen
lassen, der mit unerhrter Frechheit die Lehren der Moral antaste,
die heiligsten und intimsten Beziehungen der Geschlechter in der
Familie und Ehe verspotte und untergrabe und durch alles dies und
seine subversiven religisen Lehren, die im Grunde rein
atheistische seien, die Gesellschaft, die Religion und die Moral
umzustrzen versuche.

So wenig das Fourier zugeben wollte und so heftig er sich
insbesondere gegen den Vorwurf des Atheismus wehrte, den er, wie
wir sahen, besonders Owen zum Vorwurf machte, im Grunde hatten die
Vertreter der kirchlichen Ordnung und Autoritt Recht. Es sind doch
neben bereits Zitirtem sehr ketzerische Ansichten, die er in einer
lngeren Abhandlung: Ueber den freien Willen lehrt, und ber die
Beziehungen zwischen Gott und Mensch, Ansichten, die geeignet sind,
die Vertreter der geoffenbarten Religion gegen ihn auf's Hchste
aufzubringen.

Fourier's Ansicht ber den freien Willen lautet kurz zusammengefat
also:

Die Theologie wie die Philosophie lehren eine falsche Lehre ber
den freien Willen. Nach der Philosophie soll die Vernunft allein
herrschen und soll die Vernunft die menschlichen Handlungen
bestimmen; fr sie ist also der freie Wille absolut. Der zur
Vernunft gekommene Mensch ist Herr seiner selbst, er wird handeln,
wie die Vernunft ihm gebietet, ohne Rcksicht auf die Gesetze
seiner Natur und den Willen Gottes.

Umgekehrt behaupten die Theologen, da der Wille Gottes allein
entscheidet, da er Alles thut, Alles lenkt und der Mensch sich
seinem Willen zu fgen hat; Gott gegenber ist der Mensch macht-
und willenlos.

Beides ist falsch. Gott und der Mensch sind zwar entgegengesetzt,
sie sind Extreme, aber Extreme, die sich berhren und die in
Gemeinschaft mit einander handeln mssen, um sich gegenseitig zu
befriedigen. Gott will, da der Mensch ihm hilft, gewissermaen
sein Assozi sei. Um aber diese Hlfe leisten zu knnen, mu der
Mensch die Naturgesetze und die Gesetze der Anziehung studiren.
Sobald er diese begriffen hat, ist er in der Lage, mit Gott
gemeinsam zu operiren. Das Gefhl, das Beide verbindet, soll
Freundschaft sein, nicht Nichtachtung, wie die Philosophen lehren,
und nicht blinde, demthige Unterwerfung, wie die Theologen
predigen. In dem einen wie in dem anderen Falle kann weder Gott
noch der Mensch glcklich sein und knnen sie ihren Zweck nicht
erreichen.

Wir lassen uns auf keine Kritik dieser Fourier'schen Philosophie
weiter ein, der Leser wird wissen, wie er sie zu beurtheilen hat,
unmglich konnte aber die Kirche mit ihr sich zufrieden geben.

Als Fourier starb, war sein Anhang gering; die Aussicht, sein
System, an dem er mit dem Feuer eines Fanatikers und eines Neuerers
hing, wie er von Tag zu Tag whrend Jahrzehnten gehofft,
verwirklicht zu sehen, war gleich Null. Vielleicht dmmerte ihm
auch die Ueberzeugung, da die Entwicklung der Zivilisation doch
auf wesentlich anderem Wege zum Ziele komme, als er sich
vorgestellt, und alle diese Enttuschungen verbitterten ihm seinen
Lebensabend. Am 10. Oktober 1837 fanden ihn seine Wirthin und seine
Jnger, nachdem er schon lngere Zeit vorher gekrnkelt, frh
Morgens todt vor seinem Bette liegen. Einer der grten
Menschenfreunde hatte fr immer die Augen geschlossen.

Die Fourier'sche Schule hat keine magebende Bedeutung und keinen
entscheidenden Einflu auf die Geschicke Frankreichs erlangt. Wohl
besa sie eine nicht kleine Anzahl von Anhngern, die sich meist
aus den gebildeten Kreisen, vornehmlich aus den Kreisen der
Studirenden, der Knstler, der Techniker und selbst der Militrs
rekrutirten, welche die Fourier'schen Ideen mit Geist und Geschick
schriftstellerisch vertraten, aber eine Partei, die in den
politisch-sozialen Kmpfen des modernen Frankreich eine
hervorragende Rolle spielte, wurde der Fourierismus nie. Die
zahlreichen Schriftsteller, welche der Schule infolge ihres
Hauptrekrutirungsfeldes fr ihre Anhnger, aus den ideologisch
angelegten Kpfen der jungen Bourgeoisie erwuchsen, schufen auch
eine verhltnimig reiche Literatur, aber die Zahl der Schriften
stand in starkem Miverhltni zu ihrem Einflu auf die Massen.

Auch der Umstand, da mehrere ihrer Hauptwortfhrer, so Victor
Considerant, nach Fourier's Tode das eigentliche Haupt der Schule,
und der erst im Februar 1887 verstorbene Cantagrel lange Jahre
Volksvertreter in Frankreich waren, hat das allmlige Erlschen des
Fourierismus nicht verhindern knnen. In seinem Bestreben auf
Ausshnung der Klassengegenstze durch freiwilliges Entgegenkommen
der Besitzenden mute der Fourierismus immer mehr zu einer reinen
Humanittsduselei verflachen, oder er wurde, wie im Phalanstre zu
Guise, als Deckmantel mibraucht, um unter sozialistischer Flagge
grobrgerliche Ausbeutung zu betreiben. Nothwendigerweise mssen
alle sozialistischen Experimente, die innerhalb der brgerlichen
Welt versucht werden und naturgem auf die Ausshnung sich
gegenseitig ausschlieender Gegenstze gerichtet sind, zu Grunde
gehen. Wo solche Experimente sich lngere Zeit halten, wie in
einzelnen kommunistisch organisirten kleinen Gemeinwesen in den
Vereinigten Staaten, vermgen sie dies nur durch fast vollkommene
Isolirung von der brigen Welt und nur unter einer
Wirthschaftsweise, die ihre Anhnger zu spartanischer Einfachheit
zwingt und ihnen patriarchalische Verhltnisse aufnthigt.

Das ist keine Kulturentwicklung, wie sie die Menschheit erstrebt.
Diese verlangt freie ungehinderte Entfaltung aller menschlichen
Anlagen und Fhigkeiten und vollen Genu an allen
Kulturerrungenschaften, was nur durch steigende Vermehrung der
Kulturmittel auf hchster technischer und wissenschaftlicher
Stufenleiter zu erreichen ist. Das Alles vermag ein kleines,
isolirtes, in seinen Krften und Mitteln beschrnktes Gemeinwesen,
mag es noch so kunstvoll organisirt sein, nicht zu schaffen. Es
wird gestrt durch jeden fremden Einflu, der von auen auf es
einwirkt, und diese Einwirkung wird um so mehr vorhanden sein, je
lebhafter die Beziehungen sind, die das Einzelne zum Ganzen fr
nothwendig erachtet. Entweder heit es also mit dem Ganzen gehen
und sich mit ihm entwickeln, oder isolirt bleiben und verknchern,
ein Drittes giebt es nicht.

In der brgerlichen Welt sind nur brgerlich handelnde Menschen
denkbar, der Einzelne steht zum Ganzen in der Rolle eines Zhnchen
an einem ungeheuren Triebwerk, dessen viele Dutzende von Rdern mit
ihren Tausenden von Zhnen und Zhnchen in gesetzmiger Ordnung
ineinandergreifen. Die Wirkung des Einzelnen liegt in der Wirkung
auf das Ganze und umgekehrt in der Wirkung des Ganzen auf den
Einzelnen. Beides ergnzt, beides bedingt sich.

Wer als Einzelner dem Ganzen widerstrebt, seinen Sonderweg glaubt
gehen zu knnen; wer meint, den sozialen Mechanismus, in den Alle
gebannt sind, willkrlich durchbrechen zu knnen, wer whnt, sein
besonderes soziales Himmelreich begrnden zu knnen, der wird,
durch die harten Thatsachen rasch eines andern belehrt, seine
Ohnmacht und Unfhigkeit einsehen. Daher ist alle sozialistische
Experimentirerei mitten in der brgerlichen Welt, gehe sie nun von
einem Einzelnen aus, der sich einbildet, als brgerlicher
Unternehmer sozialistisch produziren und distributiren zu knnen,
oder von einer kleinen Gesammtheit, die dasselbe fr sich und unter
sich versucht: Utopisterei, Phantasterei. Ein jeder solcher Versuch
ist ein Zeichen geistiger Unreife, der nur die Wirkung haben kann,
Enttuschungen hervorzurufen, die Ideen bei unklaren Kpfen zu
diskreditiren und den Gegnern die gewnschte Waffe gegen die von
ihnen gefrchteten Bestrebungen zu liefern.

Der groe Fortschritt unseres Zeitalters ist, da die Utopisten
ausgestorben oder im Aussterben begriffen sind. In der Masse finden
sie nie Boden, sie finden ihn heute weniger als je. Auch der
einfachste Arbeiter fhlt, da sich _knstlich_ nichts schaffen
lt, da das, was werden soll, sich _entwickeln_ mu und zwar mit
dem Ganzen durch das Ganze, nicht getrennt und isolirt von ihm.

Es handelt sich darum, der Entwicklung freie Bahn zu schaffen,
alles Alte, Abgestorbene zu beseitigen, dem Absterbenden das Ende
zu erleichtern, und zu diesem Zweck die kritische Sonde berall
eintreiben, wo Uebelstnde sich zeigen. Indem man die Kritik
anwendet, mu man den Ursachen nachspren, die die Uebel erzeugten.
Aus der Erkenntni der Ursachen ergeben sich die Heilmittel von
selbst.

In der Kritik war nun Fourier Meister, aber was seine Kritik zu
falschen Schlssen fhrte, waren die falschen Voraussetzungen, die
er machte. Die vorhandenen Uebel erkannte er vortrefflich und
schilderte sie groartig, aber in der Untersuchung der _Ursachen_,
die diese Uebel erzeugten, ging er von Auffassungen ber das Wesen
der Gesellschaft aus, die ihn nothwendig zu falschen Ergebnissen
fhren muten. Wer wie er die Ansicht vertrat -- und sie theilte
sein Zeitalter --, da der Entwicklungsgang, den die Menschheit
genommen, nicht die gesetzmige Wirkung der Existenz- und
Produktionsbedingungen sei, unter denen sie sich seit Jahrtausenden
gebildet und fortentwickelt hatte, sondern von rein zuflligen und
willkrlichen Umstnden abhngig, von dem Dichten und Denken dieses
oder jenes Mannes, von dieser oder jener Handlung mchtiger
Personen, wer also nicht Gesetzmigkeit, sondern Zufall und
Willkr annahm, mute auch glauben, da Zufall und Willkr die
Zustnde ndern knne. Fr Fourier war der Wille des Menschen nicht
durch die Umstnde bestimmt, die sein Gesellschaftsinteresse
beherrschten, fr ihn war der Wille des Menschen eine selbstndige
Macht, die von den sozialen Verhltnissen nicht beherrscht wurde,
sondern diese willkrlich erzeugte. Er erkannte nicht den
Klassencharakter der Gesellschaft, fr ihn war jede Meinung nur
eine individuelle Meinung, die sich durch sogenannte allgemeine
Vernunftgrnde zu Gunsten einer Idee, die das allgemeine Glck
bezweckte, gewinnen lie. Darum wandte er sich auch hauptschlich
an Diejenigen, die ihrer sozialen Stellung nach zu allerletzt ein
Interesse, richtiger gar kein Interesse hatten, den bestehenden
Zustand zu ndern. Fourier steckte also, ohne es zu wissen, selbst
tief noch in den Ideen der brgerlichen Philosophen, die er sonst
so sehr bekmpfte und die auch alle von der Ansicht ausgingen, es
bedrfe nur der Erkenntni einer Idee des Guten, Gerechten,
Vernnftigen, um diese Idee zur Geltung und Herrschaft zu
bringen. Fourier verspottete die Philosophen, da sie bestndig
Ideen verherrlichten und als Grundstze in die Gesetze eingefhrt
htten, die mit der Thatschlichkeit der Dinge im Widerspruch
blieben. Schlielich predigte er aber selbst Ideen, die an der
Hartnckigkeit der Thatsachen scheiterten.

Fourier's groes Verdienst besteht darin, da, wenn er auch nicht
erkannte, _warum_ und _wodurch_ die brgerliche Gesellschaft so
war, wie sie war, er sich ber ihren Charakter nicht tuschen lie,
da er ihre Hohlheit und ihre Widersprche erkannte und ihr
schonungslos die Maske vom Angesicht ri. Niemand vor ihm hat wie
er die brgerliche Gesellschaft in ihrem heuchlerischen und
zweideutigen Charakter, der sich, wie er mit Recht hervorhebt,
allen ihren Kundgebungen und Handlungen ausprgt, erkannt und
Niemand nach ihm hat sie schrfer kritisirt. Hierin hat er
Unbertroffenes geleistet.

Ebenso hat er nach einer anderen Seite hin, und zwar durch seine
Kritik der menschlichen Triebe und Leidenschaften, eine tiefe und
groherzige Auffassung der menschlichen Natur gezeigt, die ihn als
einen Meister der Beobachtung erscheinen lt. Seine Auffassung der
menschlichen Triebe, die im schrfsten Widerspruch mit jener der
Theologen und Moralphilosophen stand und steht, da alle Triebe
natrlich und darum ntzlich und vernnftig, zum menschlichen
Glcke nothwendig seien, und es nur der soziale Zustand der
Gesellschaft sei, der sie unterdrcke oder flsche, und daher diese
Triebe sowohl fr das Individuum, wie fr die Gesellschaft
schdlich erscheinen liee, mute den herrschenden Klassen als arge
Ketzerei, als der Anfang zur Auflsung aller bisher fr unantastbar
geltenden gesellschaftlichen Bande erscheinen. In dieser seiner
Auffassung der menschlichen Triebe ist Fourier der eigentliche
Revolutionr. Wer diesen Sensualismus theilt, wird logisch und mit
Nothwendigkeit ein soziales System bekmpfen und verwerfen mssen,
das der menschlichen Natur nur Zwang bereitet, zur Flschung,
Verkmmerung und Unterdrckung der menschlichen Triebe fhrt und
dadurch das wahre Wesen der menschlichen Natur aufhebt. Man kann
sich daher wohl vorstellen, welch grimmigen Widerspruch diese Ideen
bei den Lobrednern einer Gesellschaft finden muten, die eben erst
nach den schwersten und blutigsten Kmpfen in der groen Revolution
sich konstituirt hatte, die von dem Bewutsein durchdrungen war,
die beste aller Welten zu sein. Kaum zum Leben und zur Geltung
gekommen, kaum sich im Glanze ihrer Jugendherrlichkeit sonnend,
tritt ihr in Fourier ein Kritiker von der grten Unerbittlichkeit,
Schrfe und Rcksichtslosigkeit gegenber und enthllt alle ihre
Blen. Diese Gesellschaft, die eben erst die alte feudale
Gesellschaft gestrzt, nachdem sie dieselbe vorher durch die Waffen
der Kritik schon moralisch vernichtet hatte, erfhrt, kaum zur
Macht gekommen, an ihrem eignen Leib dasselbe. Eben erst der
Babeuf'schen Verschwrung durch Anwendung brutaler Gewalt Herr
geworden, ersteht ihr in dem jungen Fourier ein neuer Gegner, der
sie mit den aus ihrem eigenen Arsenal entnommenen Waffen bekmpft.
Doch es war nur ein Einzelner, der zunchst keinen Anhang hinter
sich hatte, der auch weit entfernt war, mit denselben Mitteln, mit
denen das Brgerthum die Gewalt an sich gerissen hatte, die
Befreiung der Unterdrckten zu erstreben. So waren die
Todtschweigepraxis oder der Spott gengende Waffen, mit dem neuen
Gegner fertig zu werden. Tausend Andere an Fourier's Stelle wrden
in diesem vollstndig hoffnungslos erscheinenden Kampfe, wo er, der
mittel- und namenlose Kommis, einer Welt mchtiger Gegner
gegenberstand, den Muth haben sinken lassen. Fourier that das
nicht. Mnner, die unumstlich an die Richtigkeit und
Gerechtigkeit des von ihnen Gewollten glauben, werden Fanatiker,
die sich durch nichts erschttern lassen. Zu ihnen gehrte Fourier.
Die bittersten Erfahrungen, die schwersten und schmerzlichsten
Angriffe, Spott und Hohn, mit denen man ihn bergo, machten ihn
nicht irre. Mit wahrhaft eiserner Ausdauer und Energie suchte er
sein System auszubauen und zu propagiren, bis es ihm endlich nach
unsglichen Anstrengungen gelang, wenigstens einen kleinen Kreis
ergebener Anhnger um sich zu sammeln, die, was ihnen an Zahl
abging, durch Muth, Begeisterung und Ausdauer ersetzten.

Konnte nun auch der Fourierismus seiner ganzen inneren Anlage nach
keinen Einflu auf die Massen erlangen und keine groe
Parteibewegung in's Leben rufen, und verlor er in demselben Mae an
Boden, wie die Klassengegenstze sich entwickelten und der
Klassenkampf emporloderte, so sind seine Ideen fr den Fortschritt
der sozialen Bewegung nicht verloren gegangen. Fourier'sche
Gedanken werden bei einer knftigen Neugestaltung der
gesellschaftlichen Zustnde, wenn auch in anderer Form als ihr
Urheber meinte, ihre Auferstehung feiern, whrend seine Kritik der
brgerlichen Gesellschaft heute von Millionen getheilt wird, die
nie eine Zeile seiner Werke zu Gesicht bekamen. Darin zeigt sich
die wahre Bedeutung eines Menschen, da Ideen, wegen deren er
verfolgt, verlstert und verhhnt wurde, deren Triumph er nie
erlebte, nach seinem Tode weiter wirken, immer mehr Ausbreitung
erlangen und schlielich, gereinigt von den Schlacken, die ihnen
anhafteten, Gemeingut einer spteren Zeit werden. Dieses Zeugni
mu man Fourier und seinem Wirken ausstellen; und wenn es heute
noch Sozialisten giebt, die sich durch das Fremdartige vieler
seiner Ideen abschrecken lassen und darber das Gold, das in seinen
Werken steckt, bersehen, so beweisen sie damit nur ihre
Oberflchlichkeit und ihre Unfhigkeit zu objektivem Urtheil.
Fourier war eine genial angelegte Natur, mit dem wrmsten Herzen
fr die Menschheit; sein Name wird erst zu Ehren kommen, wenn das
Andenken an Andere, die heute noch der groe Haufe auf den Schild
hebt, lngst verblat ist.

Die Schule Fourier's besitzt heute nur noch eine kleine Anzahl
versprengter, meist den besitzenden Klassen angehriger Anhnger in
Frankreich, die mit Hartnckigkeit dem Traum ihrer Jugend
nachhngen. Das ist Alles, was von ihr brig blieb. Der
Fourierismus ist todt, aber der Sozialismus lebt. Die neuen
sozialen Ideen, wie sie insbesondere durch den modernen
wissenschaftlichen Sozialismus, den man nach seinen Begrndern auch
den deutschen wissenschaftlichen Sozialismus nennen darf, vertreten
werden, haben in Frankreich, in dem durch die Utopisten wie Fourier
wohl vorbereiteten Boden, immer mehr Wurzel gefat. Die alten
Schulen und Sekten sind zersprengt oder in voller Auflsung
begriffen, und in einer kurzen Spanne Zeit wird der Strom der
sozialen Bewegung auch in Frankreich in einem einzigen breiten
Bette flieen und die Bewegung immer mehr zur Erfllung ihrer
Mission befhigen.

Ein Denkmal der Erinnerung setzte dem vielverkannten Fourier der
Dichter Berangr, der den Todten unter dem Schimpfwort, das ihn im
Leben verfolgte, der Narr, besingt, nur da er das Gedicht allen
Narren widmet, die gleich Fourier darnach strebten, der
Menschheit neue Bahnen zu erffnen.

Das Gedicht, das wir hier in der Ursprache und dann in der
Uebersetzung eines poetisch veranlagten Freundes folgen lassen,
lautet:

                      Les fous

        Vieux soldats de plomb que nous sommes,
        Au cordeau nous alignant tous,
        Si des rangs sortent quelques hommes,
        Nous crions tous: A bas les fous!
        On les perscute, on les tue,
        Sauf, aprs un lent examen,
        A leur dresser une statue
        Pour la gloire du genre humain.

        Fourier nous dit: Sors de la fange,
        Peuble en proie aux dceptions,
        Travaille, group par phalange,
        Dans un cercle d'attractions;
        La terre, aprs tant de dsastres,
        Forme avec le ciel un hymen,
        Et la loi, qui rgit les astres,
        Donne la paix au genre humain.

        Qui dcouvrit un nouveau monde?
        Un fou qu'on raillait en tout lieu;
        Sur la croix que son sang inonde,
        Un fou qui meurt nous lque un Dieu.
        Si demain, oubliant d'clore,
        Le jour manquait, eh bien! Demain
        Quelque fou trouverait encore
        Un flambeau pour le genre humain.

       *       *       *       *       *

                 Die Narren

        Wir lassen richten, drillen uns und kneten,
        Soldaten nur, die des Kommandos harren;
        Kommt's Einem bei, aus Reih' und Glied zu treten,
        Es schreit die Menge: Nieder mit dem Narren!
        Er wird gehetzt, verleumdet und vernichtet,
        Bis man zuletzt, als wrde etwas Rechtes
        Damit gethan, ein Denkmal ihm errichtet,
        Zu Ehr' und Ruhm des menschlichen Geschlechtes.

        Dem Volk ruft Fourier zu: Im Schlamme heute,
        Entwinde dich dem Truge deiner Feinde
        Und schaare dich, da Keiner aus dich beute,
        Zur brderlichen, schaffenden Gemeinde.
        Der Zwist verstummt, des Hasses Brand erkaltet,
        Willkr und Herrschsucht weichen scheu dem Rechte,
        Und das Gesetz, das ber Sternen waltet,
        Bringt Frieden auch dem menschlichen Geschlechte.

        Wer hat den Weg zur neuen Welt gefunden?
        Ein Narr, verfallen afterweisem Spotte.
        Am Kreuz erliegend seinen Ngelwunden,
        Wird uns ein Narr, der elend stirbt, zum Gotte.
        Versnk' die Sonne in des Dunkels Schlnden,
        Da uns das morgen keinen Morgen brchte,
        So wrde morgen eine Fackel znden
        Irgend ein Narr dem menschlichen Geschlechte.

       *       *       *       *       *

Zum Schlusse werfen wir noch einen Blick auf die Ausbreitung,
welche die Fourier'schen Ideen ber die Grenzen Frankreichs und
speziell auch in Deutschland gefunden hatten. Bei der Bedeutung,
die Frankreich seit der groen Revolution fr alle
vorwrtsstrebenden Geister in der ganzen Kulturwelt erlangte,
muten auch die Erscheinungen in der sozialen Bewegung, die
namentlich nach der Restauration mit der Entwicklung der
konomischen Verhltnisse immer mehr in den Vordergrund trat,
lebhafte Beachtung finden. Der Kapitalismus begann in allen Lndern
Europas immer mehr Wurzel zu schlagen und sein Produktionssystem
auszubreiten. Damit kamen selbst fr den oberflchlichen Beobachter
eine Reihe von Erscheinungen zu Tage, welche die Selbstzufriedenen
beunruhigten, die Vertreter und Anhnger der kleinbrgerlichen
Wirthschaftsform aber in grte Aufregung versetzten. Man sah
vielfach schwrzer in die Zukunft, als es durch den Gang der Dinge
sich rechtfertigte. Der pessimistischen Schwarzseherei der Einen
stand die optimistische Schnfrberei der Anderen gegenber.
Zwischen diesen beiden Lagern stand eine kleine Zahl von kritischen
aber ideal angelegten Geistern, welche weder dem Kreuzige der
einen Seite, noch dem Hosianna der anderen Seite zustimmen
konnten; sie sahen, da das alte konomische System verrottet,
unhaltbar und unmglich geworden war, aber sie konnten auch vor den
Uebeln, die das neue in seinem Gefolge fhrte, nicht die Augen
verschlieen. Diese bemchtigten sich jetzt mit Gier der neuen
sozialen Ideen, die in dem konomisch und politisch
vorgeschritteneren Frankreich das Tageslicht erblickten und dort
die ideal angelegten Geister ergriffen hatten. In der Schweiz, in
England, in den Vereinigten Staaten fanden die in Frankreich
auftauchenden utopistischen Ideen fr Grndung einer auf
friedlicher Verstndigung aller Klassen der Gesellschaft basirten
neuen Gesellschaftsordnung begeisterte Anhnger und die bezglichen
Schriften Uebersetzer und Dolmetscher. Fr die praktische
Verwirklichung dieser Ideen waren aber ebenso wenig wie in
Frankreich in diesen Lndern aus schon angefhrten Grnden die
Massen zu gewinnen.

Deutschland, dessen geistige Vertreter damals alle Vorgnge in
Frankreich aufmerksam verfolgten und aus seiner Literatur
zahlreiche Anregungen zu hnlichem Vorgehen schpften, ward so
ebenfalls im Beginn seiner grobrgerlichen Entwicklung mit einer
sozialistischen Literatur bedacht. Whrend Karl Marx und Friedrich
Engels, der Eine mehr theoretisch, der Andere mehr praktisch, ihre
konomischen Studien begannen und die ersten Bausteine zu dem
Lehrgebude des auf rein materialistischer Grundlage beruhenden
wissenschaftlichen Sozialismus, wie er heute die Geister
beherrscht, herbeischafften, begngten sich Andere, die Lehren und
Ideen der franzsischen Utopisten und Sozialisten, mit
deutsch-philosophischem Geist durchtrnkt, in die deutsche Sprache
zu bertragen. Das geschah insbesondere dem Begrnder der
sozietren Schule, Fourier, und dem kleinbrgerlichen Sozialisten
Proudhon. Neben verschiedenen kleineren Schriften, die in Zrich in
den vierziger und fnfziger Jahren hauptschlich auf Veranlassung
Karl Brkli's, eines alten Schlers von Fourier, herauskamen,
liegen mehrere grere Bearbeitungen des Fourier'schen Systems in
deutscher Sprache von A. L. Churoa, Michael ***** und Franz
Stromeyer vor.[25] Ferner erschien 1845 in Kolmar eine im
Fourier'schen Geiste gehaltene Schrift, betitelt: Die Welt, wie
sie ist und wie sie sein soll, aus dem Franzsischen von Math.
Briancourt. Karl Scholl lie 1855 in Zrich eine Schrift
erscheinen, betitelt: Viktor Considerant ber die Erlsung der
Menschheit in ihrem wahren Sinn. Auch erschienen in demselben
Jahre in Zrich eine Anzahl Schriften, in welchen fr die
Auswanderung nach Texas zur Grndung von Phalanstren im
Fourier'schen Sinne Propaganda gemacht wurde. Diese Versuche sind
klglich milungen.

[Funote 25: Die Titel dieser Schriften sind: Der Sozialismus in
seiner Anwendung auf Kredit und Handel von Franz Coignet, Zrich
1851; Bank- und Handelsreform von F. Coignet, aus dem Franzsischen
von Karl Brkli, Zrich 1855; Solidaritt, kurzgefate
Darstellung der Lehre Karl Fourier's von Hipolyte Renaude, deutsch
bearbeitet von Kaspar Br und Karl Brkli, Zrich 1855; Kritische
Darstellung der Sozialtheorie Fourier's von A. L. Churoa,
Braunschweig 1840; Organisation der Arbeit von Franz Stromeyer,
Bellevue bei Konstanz 1844; Abbruch und Neubau oder Jetztzeit
und Zukunft von Michael *****, Stuttgart 1846.]

Interessant fr die Geschichtsauffassung, welche die Schler nach
den Lehren ihres Meisters theilten, ist die Darlegung, die seitens
eines Deutschen in dem Buche: Abbruch und Neubau oder Jetztzeit
und Zukunft von Michael ***** gegeben wird. Der Verfasser
erlutert dort die Fourier'sche Geschichts-Entwicklungstabelle, die
wir auf Seite 240 und 241 dieser Schrift anfhrten und bei dem
Interesse, das diese Erluterung nach unserer Auffassung verdient,
geben wir sie ausfhrlich wieder. Es heit da:

Der Adels-Feudalismus herrscht in der Kindheit der Zivilisation;
die Sklaverei hat der Leibeigenschaft Platz gemacht; die Frau ist
aus dem Gynceum (Frauengemach) oder Harem herausgetreten und hat
ihre brgerlichen Rechte erlangt _Mit der Verleihung der
brgerlichen Rechte an die Frau ist die Gesellschaft aus dem
Zustand der Barbarei in die Zivilisation bergegangen_.

Diese Vernderung im Zustande einer Hlfte des Menschengeschlechts
giebt den Sitten eine ganz neue Frbung, indem sie dieselben
verfeinert und im hohen Grade das Gedeihen der Knste und
Wissenschaften, der Dichtkunst und der Musik begnstigt.

In der Periode der Barbarei ist die Herrschaft des Oberhauptes der
Gesellschaft eine unumschrnkte; in der ersten Phase der
Zivilisation ist sie bereits getheilt, indem die Verbndung
(Fderation) der groen Vasallen der kniglichen Gewalt Schranken
setzt.

Nach und nach werden die arbeitenden, dem Betriebe der Gewerbe,
Knste und Wissenschaften obliegenden Leibeigenen mchtig: Die
_Gemeinden_ erlangen Rechte und Privilegien; Munizipien, freie
Stdte erstehen. Sie erstehen aber nicht kraft eines willkrlichen
Befreiungs-Ediktes; sie erstehen nicht, weil es dem Staatsoberhaupt
beliebt hat, sie in's Leben zu rufen. Sie erstehen, weil sie sich
bereits selbst emanzipirt haben, weil die schon erlangte Macht sie
faktisch frei gemacht hat. Kommen solche Edikte vor der Zeit, so
ist es gerade, als wren sie nicht da, und der Feudalismus bleibt
zum deutlichen Beweise, _da Verfassungen bloe Chroniken
vollendeter Thatsachen sind_, da sie die Geschichte der
Fortschritte einer Nation schreiben, wenn ich mich so ausdrcken
darf, nicht aber nothwendig sie hervorrufen.

Mit der steigenden Aufklrung der frheren Leibeigenen, mit ihrem
steigenden Reichthume, mit ihrem fortschreitenden Kunst- und
Gewerbefleie wchst auch ihre Macht in demselben Mae, in welchem
das Feudal-Element geschwcht wird.

Die alten Leibeigenen sind Brger und Volk geworden. Brger und
Volk verbnden sich miteinander gegen den Feudalismus, und der Sieg
ist ihnen gewi.

In diesem Stadium ihrer Entwicklung ist die Gesellschaft von
steten Strmen und Umwlzungen bedroht. Die Zhigkeit des
Feudal-Elements kann das volksthmliche Element zu Gewaltthaten
treiben, gegen welche die der Barbarei verschwinden. Die Kritik
liegt mit den alten religisen Anschauungen im Kampfe; die
Philosophie stellt die Bedingungen des neuen Staats gegenber dem
alten auf.

Mit der politischen Befreiung, mit der Entfesselung der Gewerbe
und des Ackerbaues spielt das _Reprsentativ-System_ der Gewalt
gegenber dieselbe Rolle, die frher die groen Vasallen gespielt
hatten.

Der Brger braucht nun den Schutz des Ritters nicht lnger: schon
hat er ihn in der Person Don Quixote's moralisch getdtet. Der
Brger hat aber auch die Gleichheit vor dem Gesetz verkndet, und
so folgen die _Freiheits-Illusionen_ auf die Illusionen des
Ritterthums. Die Freiheit ist noch nicht da, weil sie in der
Verfassung steht; sie bleibt auf dem Papier, weil die Bedingungen,
unter welchen sie wirklich in's Leben treten kann, noch nicht
erfllt sind.

Unterdessen hat die Zivilisation ihren Hhepunkt erreicht, sie hat
die Schifffahrt, berhaupt erleichterte Verbindungswege, Eisenbahnen,
Kanle u.s.w., sowie die Experimental-Chemie in's Leben gerufen,
und nun kann sie, wenn ihr die Wissenschaft zu Hlfe kommt, zu
einer hheren Periode aufsteigen, die wir, mit Fourier,
_Garantismus_ nennen wollen, da sie die Verwirklichung eines
Systems von Garantien wre, wovon die jetzige Gesellschaft einige
bemerkenswerthe Keime aufzuweisen hat.

Der Verfasser bezeichnet als solche mit Fourier: Die wissenschaftliche
Einheit, die Quarantnen, das Assekuranzsystem, die Sparkassen etc.

Mit der Experimental-Chemie tritt die groe Industrie in's Leben;
die kleine Industrie geht in der groen auf. Neue Verfahrungsarten
verdrngen die alten, eine ganz neue industrielle Welt ist im
Werden; Fabriken mit Hunderten und Tausenden von Arbeitern schieen
wie Pilze aus dem Boden hervor und versetzen den in altherkmmlicher
Weise betriebenen Gewerben den Todessto.

Aber die Erfindung neuer Verfahrungsarten, sowie die Steigerung
der Produktion gengen nicht: die Zivilisation hat auch den Beruf,
diese Verfahrungsarten berall hin zu verbreiten und so die
Mglichkeit der Erreichung einer hheren gesellschaftlichen Stufe
anzubahnen. Daher die Erfindung der Schifffahrt, der Eisenbahnen,
des Dampfbootes, kurz die Vervollkommnung der Verbindungsmittel
berhaupt.

Indessen hat die Zivilisation -- als Entwicklungsphase der
Menschheit betrachtet -- in Folge eines inneren, in ihrem Wesen
begrndeten Zwiespalts die groe Industrie nicht in's Leben zu
rufen vermocht, ohne zu gleicher Zeit allgemeine Gebrechen zu
erzeugen, die unter dem Titel _Entwaldungen und Fiskalanleihen_
aufgefhrt und eine nothwendige Folge der beiden vorangehenden
Phasen sind. In der That fllt auch der Boden im Ganzen genommen
immer mehr einer anarchischen Kultur anheim, je grer der
Zwiespalt der Privatinteressen und des allgemeinen Interesses wird.
Die Entwaldung der Anhhen, welche die Ausmergelung der Berge und
die Entblung der Abhnge mit sich fhrt, ist der hchste Ausdruck
des Uebelstandes, da diese Entwaldungen zur unausbleiblichen Folge
haben, da in der Vertheilung der Wasser nach und nach eine
gnzliche Vernderung eintritt. Werden die Entwaldungen bis zum
Ueberma ausgedehnt, so wird am Ende selbst das Klima ernstlich
Noth leiden: die schroffsten Uebergnge werden nichts
Ungewhnliches sein; heute eine afrikanische Hitze, morgen eine
sibirische Klte. Die Wissenschaft hat in der Person ihrer
wrdigsten Vertreter angefangen, auf die blen klimatischen Folgen
der planlosen Entwaldungen hinzudeuten. Zum deutlichen Beweise,
_da die Atmosphre fr den Menschen ein wahres Ackerfeld ist, das
er durch den Anbau entweder verbessern oder verschlechtern kann_.

Die Fiskalanleihen sind ein anderes Gebrechen der auf ihrem
Hhepunkte angekommenen Zivilisation. Die Befreiung der Vlker hat
gewaltige Kriege nach sich gezogen; das Feudal-Element hat seine
letzten Krfte zusammengerafft, um das neue volksthmliche Element
zu erdrcken. Daher der lstige Kriegsfu, daher der fast ebenso
lstige Friedensfu. Die edelsten Krfte der Nation werden in
soldatischen Spielen vergeudet. Eine Menge anderer unproduktiver
Ausgaben vergrern das Uebel fortwhrend, bis endlich das
thurmartige Kartenhaus des Staatsschuldenwesens zusammenstrzt.

Der Verfasser setzt nun weiter auseinander, wie die Charaktere des
Hhepunktes der Zivilisation im Keime sowohl die Ursachen ihres
Verfalles, als die Mittel zur Ersteigung einer hheren Stufe
enthielten. Die Entwaldungen enthielten den Keim zum materiellen
Verfall durch die damit verbundene Verschlechterung des Klimas; die
Fiskalanleihen enthielten den Keim des politischen Verfalls, indem
sie die Ausbildung des _industriellen Feudalismus_ mchtig
frderten. Ebenso knnten die neugeschaffenen Verbindungswege in
den Hnden von Aktiengesellschaften die Rolle einer Saugpumpe
spielen, wie die Schifffahrtskunde das den Angelpunkt der dritten
Phase bildende Seemonopol in's Leben rufen knne. Endlich gab die
Chemie dem Betruge die Mittel an die Hand, alle Arten von Produkten
zu flschen, und der lgnerische Handel gewann so eine Ausdehnung,
welche die ernstlichsten Besorgnisse einflen mute.

Zwar knne die nun beginnende absteigende Periode ein natrlicher
Schritt des Fortschritts werden, aber dieser Weg sei eine Reihe von
Klippen und Schndlichkeiten. Unterliege die Zivilisation auf ihrem
Wege den ihr gegenbertretenden Einflssen, so falle sie in eine
niedere Periode zurck, um den alten Kampf von Neuem zu beginnen.
Glcklicherweise sei das Leben der Menschheit ein vielfaches; falle
eine Zivilisation, so sei bei den vielen Nationen und mancherlei
Gesellschaften immer die Hoffnung da, da eine derselben das Erbe
der fallenden Gesellschaft bernehme.

Der zweite Theil der Periode, ihre absteigende Bewegung, sei dem
ersten umgekehrt analog (verwandt), wie die Morgendmmerung und
Abenddmmerung, die Kindheit und das Greisenalter der Menschen, der
Anfang und das Ende jeder Bewegung sich einander analog seien, ohne
identisch zu sein. Nach diesem aus der allgemeinen Formel der
Bewegung abgeleiteten Grundsatze liee sich erwarten, da die
Zivilisation mit einem Feudalismus enden werde, wie sie mit einem
Feudalismus begonnen habe. Diese Voraussetzung erhalte durch die
vor unseren Augen vor sich gehenden Thatsachen den Charakter einer
mathematischen Wahrheit.

Der steigende Reichthum des Brgerthums hat den Adels-Feudalismus
getdtet: Pergamente und Wappen haben aufgehrt, die Herrschaft zu
verleihen, und das Geld ist an ihre Stelle getreten. Wege zum
Reichthum sind Industrie, Handel und Beamtenstellen. Der
herrschende Geist wird demnach der _kaufmnnische_ und
_fiskalische_ sein. Er ist in der Tabelle als einfacher Keim der
dritten Phase bezeichnet, weil er einen neuen Feudalismus, nmlich
den industriellen, den wir auch Handels- oder Geldfeudalismus
nennen knnen, im Keim enthlt. Von nun an mu sich Alles dem neuen
Prinzipe unterordnen. Die Parias der dritten und vierten Phase der
Zivilisation werden daher auch nicht die Leibeigenen der ersten
Phase, sondern die untersten Schichten der Gesellschaft bildenden
Proletarier sein. Der Hunger und das Elend werden sie faktisch
denjenigen berantworten, welche, Herren des Kapitals, auch die
Werkzeuge der Arbeit in Hnden haben.

Die groe Industrie mit ihren Kapitalien, Maschinen und
Spekulationen macht die kleine, mit migen Geldmitteln betriebene,
unmglich. Der groe Handel unterdrckt den kleinen, und diese
Bewegung gestaltet sich immer groartiger, je mehr das Kapital
durch glckliche Spekulationen oder durch Grndung von
Aktiengesellschaften sich konzentrirt. In demselben Mae, wie das
Kapital sich konzentrirt, wchst auch der Pauperismus und das
Proletariat, und da die groen Kapitalien sich am liebsten in den
groen Stdten ansiedeln, so wird zuerst da die Fabrikation in
grerem Mastabe betrieben. Allmlig sammeln sich da Heere von
Arbeitern, die von einem Tag zum andern leben und somit viel
schlimmer daran sind als die Leibeigenen der ersten Periode. _Diese
Arbeiter-Heere sind fr die Zivilisation das Schwert des Damokles_.
Die dritte Phase wird mindestens ebenso sehr von inneren Kmpfen
und Brgerkriegen bedroht als die zweite. Nur sind die nun
ausbrechenden Revolutionen nicht lnger _politischer_, sondern
_sozialer_ Natur; die Insurrektion nimmt einen industriellen
Charakter an.

Der Handelsgeist und der mchtige Hebel der Kapitalien-Konzentration,
welche den groen Kapitalisten das Monopol der Industrie nach und
nach in die Hnde spielt, sind die Elemente des See-Monopols oder
Grohandels-Monopols, wodurch der Geist und die Bestrebungen der
ganzen Phase angedeutet werden. Die Politik tritt in die Dienste
des Monopols und erhlt so eine ganz eigentmliche Frbung, bis sie
endlich nur noch das kaufmnnische Element vertritt. Diplomatie,
Kriege, Kammern, Wissenschaft, Kunst, Alles wirft in unendlich
verschiedenen Schattirungen den im Prisma des Merkantilismus
gebrochenen Zeitgeist zurck. _Alles ist kuflich_; der Durst nach
Gold hat die edlen Regungen erstickt, und der Egoismus zeigt sich
in seiner ganzen Scheulichkeit.

Der Grundsatz der freien Konkurrenz, das laisser faire laisser
passer, erzeugt zugleich den _anarchischen Handel_, der unter dem
Titel Gegengewicht in der Tabelle aufgefhrt ist. Da die groen
Handelsoperationen von dem groen Kapital monopolisirt sind, so
bleibt dem kleinen Kapital nur noch der Kleinhandel. In Folge des
herrschenden merkantilischen Geistes wirft er sich auch auf
denselben mit einer wahren Wuth -- ein Verhltni, das sich in der
groen Menge schmarotzerischer Zwischenhndler und Mkler am Besten
zu erkennen giebt. Je heftiger der Konkurrenzkrieg dieser
Zwischenhndler entbrennt, um so groartiger gestalten sich die
Betrgereien und Flschungen jeder Art, wodurch die Gesellschaft
systematisch gebrandschatzt wird. Dieser Anarchie allein aber
verdankt der Kleinhandel seine Erhaltung; denn nur sie bildet noch
einen Damm gegen die verheerende Macht des Kapitals. Sie ist also
ein natrliches Gegengewicht des groen Kapitals. Von dem Tage an,
wo das groe Kapital an den Hauptpltzen groe Niederlagen fr den
Detailverkauf grndet, wie dies schon jetzt mancher Orten
geschieht, von diesem Tage an mu der kleine und mittlere Handel
das Gewehr strecken. Von dem Tage an wird aber auch die Anarchie im
Handel und Wandel aufhren, und die Regelung des Handels wird immer
leichter werden, je deutlicher die Charaktere des industriellen
Feudalismus hervortreten.

Wie liee sich der Ton der dritten Phase besser bezeichnen, als
mit dem Ausdruck _konomische Illusionen_? Die politische
Oekonomie, ein Erzeugni des merkantilen Geistes, verhlt sich zu
der dritten Phase wie die Poesie der Ritterzeit zu der ersten, wie
die philosophische Ideologie und die liberale Dialektik zur
zweiten. Das Ritterthum hat der Liberalismus unter dem Namen des
Donquixotismus zu Grabe getragen, und nun ist der Oekonomismus auf
dem Wege, den Liberalismus durch die _Politik der materiellen
Interessen_ zu tdten, eine Politik, die den reinen, uneigenntzigen
Liberalismus bereits in einem ziemlich lcherlichen Lichte
erscheinen lt.

Der industrielle Feudalismus wre eine vollendete Thatsache, sobald
das groe Kapital nicht allein die Fabrikation und den Handel,
sondern auch den Grund und Boden an sich gerissen haben wrde.

Nun aber wird die steigende Handels-Anarchie mit ihren zahllosen
Betrgereien, Bankerotten und Flschungen nicht allein zur Folge
haben, da die Lage des kleinen Gewerbs- und Handelsmannes immer
kritischer wird, sondern es wird sie auch die ffentliche Stimmung
nachgerade so energisch verdammen, da das groe Kapital darin eine
Ermunterung finden wird, nun auch den Kleinhandel zu absorbiren.
Und so wird sich dann dieser gewaltsam rckwirkende Geist politisch
dadurch bethtigen, da er _Meisterschaften in bestimmter Anzahl_
und privilegirte Krperschaften in's Leben ruft.

Die _Leihhuser_ oder _Leihkassen_ fr Landwirthe haben zum Zweck,
dem bedrngten Ackerbau zu Hlfe zu kommen. Whrend die Kapitalien
der Spekulation und den Banken zustrmen, leidet der Ackerbau an
solchen Noth, so da er dem Wucher in die Hnde fllt. Schlechte
Ernten, eine schlechte Bewirthschaftung des zerstckelten
Grundbesitzes und hnliche Ursachen werden das Uebrige thun, bis
endlich ein groer Theil des Grund und Bodens den Leihkassen
anheimfllt. So wird der in Atome zerfallene Grundbesitz sich
wieder zusammenfgen; der kleine Besitz wird vom groen
verschlungen werden, wie die Handwerker von den Fabriken, wie das
kleine Kapital von dem groen.

Whrend alles dies vor sich geht, befindet sich die Gesellschaft
in einer wahrhaft frchterlichen Lage. Nichts als Krisen und
Revolutionen. Der Ackerbau wie die Fabrikindustrie ist nur noch ein
unermeliches industrielles Zuchthaus, ein ungeheures Lager; die
frhere _individuelle_ Leibeigenschaft ist eine _kollektive_
geworden. Die neuen Leibeigenen werden von Zeit zu Zeit aus ihren
Bagnos strmen und ein Spartakus wird sie fhren.

Der neue Adel aber, der Geldadel, wird neben der Regierungsgewalt
eine eigene Gewalt bilden und so fr die vierte Phase das sein, was
der Feudaladel fr die erste war. Und gleichwie die nationale
Einheit erst dann begrndet werden konnte, als das monarchische
Element stark genug geworden war, um das Feudalelement zu zgeln
und zu leiten, ebenso wird auch hier die Gesellschaft nicht eher
zum Garantismus sich erheben, als bis die Regierung das
industrielle Element zu lenken wissen wird.

Uebrigens keine Burgen, die zerstrt, keine hochmtigen Vasallen,
die gekpft oder gemeuchelt werden mten. Die Aufgabe der
Regierung wird darin bestehen, da sie die Rolle einer Vermittlerin
zwischen den einander feindselig gegenberstehenden Interessen
bernimmt, da sie den Waarenaustausch regulirt, die Einheit der
Mae, Gewichte u.s.w. herstellt, mit einem Wort, da sie in
smmtlichen industriellen und kommerziellen Verhltnissen die
nthig gewordenen Garantien herstellt. Dann aber ist die
Zivilisation, wie sie in der Tabelle geschildert worden, schon
berholt.

Als Ton der vierten Phase endlich erscheinen in der Tabelle die
_Assoziations-Illusionen_. Wir sagen Illusionen, weil die
Assoziation nur die Kapitalien assoziirt, um ihre Absorptionskraft
zu vermehren, blos das hliche Zerrbild der _wahren_ Assoziation
ist, die Kapital, Arbeit und Talent assoziirt.

Fassen wir nun das Gesagte zusammen, so finden wir, da die
aufsteigende und absteigende Bewegung der Periode der Zivilisation
sich zueinander verhalten, wie die beiden Hlften des Menschenlebens,
d.h. da sie in Beziehung auf den Hhepunkt oder die Mittelstufe
miteinander symmetrisch sind;

da die Zivilisation mit einem Feudalismus beginnt und endigt;

da die Arbeit der beiden Phasen der aufsteigenden Bewegung eine
Verminderung der _persnlichen_ oder _direkten_ Dienstbarkeit zur
Folge hat, whrend in der Phase der absteigenden Bewegung die
_kollektive_ oder _indirekte_ Dienstbarkeit sich befestigt;

da die Revolutionen der beiden ersten Phasen politischer Natur
sind, whrend die der beiden letzten einen _sozialen_ oder
industriellen Charakter annehmen;

da das Wesen der von der Zivilisation aufgestellten Gleichgewichte
ein unsttes soziales Gleichgewicht begrndet;

da die Illusionen der aufsteigenden Bewegung etwas Ritterliches,
Edles haben, whrend denen der absteigenden Bewegung nichts als der
gemeinste Materialismus zu Grunde liegt; endlich

da, whrend der Fortschritt in den beiden ersten Phasen sich nach
den Entdeckungen auf dem Gebiete der Wissenschaft und Kunst, nach
der Vervollkommnung der technischen Vefahrungsarten bemessen lt,
der Mastab fr den Fortschritt in der absteigenden Bewegung, die
Auffindung derjenigen Institutionen ist, welche die Zivilisation
ihrem natrlichen Tode zufhren und so der Gesellschaft die
Ersteigung einer hheren Bildungsstufe mglich machen.

Dies die Auffassung von der historischen Entwicklung und dem
Untergang der Zivilisation, wie sie im Fourier'schen Geiste unser
deutscher Autor darlegt. Bei ihm tritt in schrferem Mae als bei
Fourier das Gesetzmige in der Entwicklung, unbeeinflut von dem
Wirken der einzelnen Person, in den Vordergrund. Wir haben es,
scheint's, mit einem Schler der Hegel'schen Schule zu thun, der
die Lehre von den Gegenstzen in der Gesellschaft dialektisch
auffat und behandelt. Fragt man nun nach der praktischen Wirkung
dieser Anhnger Fourier's in Deutschland und ihrer Bedeutung fr
die Bewegung, so wei Niemand davon zu melden. Die sozialistischen
und kommunistischen Ideen, die meist sehr verschwommen im tollen
Jahr in den verschiedensten Gegenden Deutschlands unter der
vorgeschritteneren Arbeiterwelt in die Erscheinung traten, lassen
nirgends Fourieristische Auffassungen erkennen. So weit Marx und
Engels nichts die Arbeiterklasse in den Bewegungsjahren
beeinfluten, waren es wesentlich die Ideen Weitling's, die Anklang
fanden. Die Mehrzahl der Arbeiter, die sich an der Bewegung
betheiligten, war von den unklarsten sozialen und politischen Ideen
beherrscht. Woher sollte die Einsicht in die Arbeiterklasse kommen,
wenn die hher stehende Klasse, das Brgerthum, in allen ihren
ffentlichen Handlungen die kompleteste Unreife und Unerfahrenheit
an den Tag legte. Bot doch auch die damals viel weiter
vorgeschrittene franzsische Arbeiterklasse ein keineswegs
erfreuliches kaleidoskopisches Bild; sie war zersplittert in
Schulen und Sekten, die sich gegenseitig bekmpften. Es war daher
auch kein Wunder, da diese in Deutschland eben erst aufkeimende
soziale Bewegung durch die Reaktion der fnfziger Jahre bis auf die
Erinnerung ausgetilgt wurde.

Die dann im Laufe der fnfziger Jahre in Deutschland sich
vollziehende kapitalistische Entwicklung schuf allmlig auch eine
Arbeiterklasse, die besser als ihre Vorgngerin aus den vierziger
Jahren fr ihren Befreiungskampf ausgerstet war. Und nun zeigten
sich auch die Vortheile der besseren Schulung und geistigen
Durchbildung, mit welcher die deutsche Arbeiterklasse der
Arbeiterklasse anderer Lnder voraus war. Sie erfate mit scharfem
Verstndni die Theorien und Grundanschauungen ihrer groen Lehrer;
der eigentliche Schulstreit, der die franzsischen Arbeiter
Jahrzehnte lang zerklftete, blieb ihr erspart, und so wuchs die
Bewegung, begnstigt durch die politische und soziale Umgestaltung
Deutschlands, so, da sie heute als die vorgeschrittenste in allen
Kulturstaaten betrachtet werden darf. Keinem Personenkultus
huldigend, nimmt sie dankbar die guten Lehren an, welche die groen
Vorkmpfer und Bahnbrecher der sozialistischen Ideen in irgend
einem Lande der Welt hinterlieen.

Die moderne soziale Bewegung ist wie die ganze moderne Kulturbewegung
eine eminent kosmopolitische. Zunchst innerhalb des nationalen
Rahmens und der gezogenen Sprachgrenzen wirkend, tragen die
zahllosen Verkehrsmittel, die Sprachstudien, Reisen und Auswanderung,
Literatur, Gteraustausch etc. in frher ungeahntem Mastab dazu
bei, den Ideenaustausch zu frdern, den Nationalitten- und
Racenha zu ertdten, die Interessensolidaritt immer inniger zu
verknpfen. Die Entstehung einer Weltsprache, die Fourier
befrwortete, rckt ihrer Verwirklichung, wenn auch anders als er
gedacht, immer nher, und die Zeit wird auch nicht mehr fern sein,
wo aus der Interessen- und Ideengemeinsamkeit der ganzen Kulturwelt
eine neue soziale Organisation entsteht, die weder nach Landes-
noch nach Sprachgrenzen fragt und den Brger zum Menschen macht.

       *       *       *       *       *




Skizze eines Phalanx-Gebudes (Phlanstre)

[Abbildung]

Wie das Kreuz der Typus der mittelalterlichen Dome und Kirchen ist,
so ist die Serie der Typus des Wohn- und Arbeitsgebudes einer
Phalanx, d.h. ein Zentrum mit zwei mittleren oder Haupt-Flgeln und
zwei uersten oder Neben-Flgeln. Die jeweilige Architektur ist
immer nur das uere Abbild der sozialen Verhltnisse, und ein
Kenner wird immer an der Architektur auf die Gesellschaftsform
einer Zeitepoche schlieen knnen. -- _Die Gemeinwirthschaft_, in
welcher Form immer, bedingt natrlich auch ganz andere
Gebulichkeiten, als die _Privatwirthschaft_. -- Das Zentrum soll
diejenigen Rumlichkeiten enthalten, wo die ca. 2000 Personen
mehrmals des Tages verkehren, wie Speisesle, Versammlungslokale,
Bureaux, Bazare, Bibliotheken etc.; die zwei Hauptflgel, welche
perpendikulr vom Zentrum abzweigen und so den Zentralplatz der
Phalanx bilden, sowie die zwei uersten Flgel, welche nach links
und rechts abbiegen und an der Hauptstrae liegen, wrden die
verschiedenen Werksttten, die geruschvollsten am uersten Ende,
enthalten. Die Wohnrume wrden die oberen Stockwerke des
Gesammtgebudes in Anspruch nehmen. -- Gegenber der Phalanx, dem
Zentralplatz und der Hauptstrae entlang, kmen die Oekonomie- und
Maschinengebude, Stlle etc., welche man hier nicht sieht, zu
liegen. -- Das Phalanxgebude ist ca. 2000 Fu oder 600 Meter lang
vom uersten linken zum uersten rechten Flgelende gemessen. Um
eine allzugroe Ausdehnung zu vermeiden, ist die Reihe der Gebude
doppelt und parallel laufend mit dazwischen liegenden Hofgrten. --
Eine breite, gedeckte Galerie verbindet im Innern, gegen die
Hofseite hin, alle Theile des Gebudes und fungirt als Hauptarterie
der Zirkulation.





End of the Project Gutenberg EBook of Charles Fourier, by August Bebel

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*** START: FULL LICENSE ***

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
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paragraph 1.C below.  There are a lot of things you can do with Project
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works.  See paragraph 1.E below.

1.C.  The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
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Gutenberg-tm electronic works.  Nearly all the individual works in the
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individual work is in the public domain in the United States and you are
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the laws of your country in addition to the terms of this agreement
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law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
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with this agreement, and any volunteers associated with the production,
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that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
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works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


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editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
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